Nr. 15/2009 vom 09.04.2009

Auf Sand gebaut

Das höchste Gebäude der Welt, das grösste Shoppingcenter, selbst eine Skipiste haben sich die Scheichs in den Vereinigten Arabischen Emiraten bauen lassen. Ein Autor im Land der Superlative.

Von Franz Hohler

Die Wüste ist allgegenwärtig in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Sie beginnt gleich neben der Autobahn, sie beginnt gleich hinter den Hochhäusern, sie beginnt gleich hinter den Einfamilienhaussiedlungen mit Gartenplatz und Swimmingpool.

Wie, frage ich mich, wird ein Gebäude wie der Burj Dubai, mit über 800 Metern der höchste Turm der Welt, in diesem Boden verankert, sodass er auch bei Sandstürmen nicht ins Wanken kommt? Die Antwort gibt mir ein Schweizer Ingenieur: «Swissboring.» Wir sind also schon da. Trotzdem möchte ich nicht in einem Büro auf 500 Metern Höhe arbeiten.

Die Bautätigkeit zwischen Dubai und Abu Dhabi ist erstaunlich, mehr als das, sie ist ungeheuerlich. «We add 70 km Coastline» verspricht ein riesiges Plakat auf der Wand einer Baustelle, und ein zweites doppelt nach: «Twice the Size of Hongkong». Diese Vergleiche sind wichtig. Man will verglichen werden hier, denn die Vergleiche zeigen: Man ist ganz oben auf den Weltcharts. Als ich das gebuchte Hotel in Dubai anrufe und frage, wo genau es sich denn befinde, sagt mir die Rezeptionistin, gleich hinter der Dubai Mall. Sie wundert sich, dass mir das nichts sagt, denn «it’s the biggest shopping center of the world».

Verschneite Berglandschaft

Das Hotel mit dem vielsagenden Namen Atlantis, auf der künstlich ins Meer gebauten Insel mit dem Grundriss eines Palmenbaums, sei das teuerste Hotel der Welt, das Feuerwerk zur Eröffnung im letzten Jahr habe viermal so viel gekostet wie das Feuerwerk zur Eröffnung der Olympischen Spiele in Peking. Im Soussol des Hotels stehe ich vor dem grössten Aquarium, das ich je gesehen habe. Am Grund ist eine versunkene Stadt nachgebaut, durch welche Schwärme von Fischen ziehen, Rochen schwingen langsam ihre Flügelflossen, und gelassen zieht ein Haifisch seine Runden, von zwei langen, schmalen Seehechten wie von Bodyguards eskortiert. Die Skyline von Dubai, welche derjenigen von Chicago oder New York gleicht, ist allerdings in den Meeresruinen nicht zu erkennen, so weit geht die Metapher nicht.

Als Tourist ist man gewohnt, immer zuerst das Alte gezeigt zu bekommen. Hier ist das eigentlich Sehenswerte das Neue.

Was ist das für ein rätselhafter Riesentubus, der schräg aus der Mall of the Emirates in den Himmel ragt? Ein Gang ins Einkaufszentrum macht klar: Hier werden die Alpen nachgestellt, kurz «Ski Dubai». Eine Piste mit künstlichem Schnee, daneben ein Sessellift mit vierplätzigen Sitzen, eine Schlittelbahn, die einer Bobbahn nachempfunden ist, künstliche Tännchen, mit Schnee bedeckt, auch die Talstation des Sessellifts manierlich verschneit, Skifahrer flitzen die Piste hinunter und verhüllte Frauen mit ihren Kindern die Schlittelbahn, man kann alle Ausrüstungsgegenstände mieten, man kann sogar Stunden nehmen, und das Publikum kann bei Kaffee und Kuchen durch die Scheiben dieses Gebirgsaquariums zuschauen, in dem die Temperatur konstant auf minus vier Grad gehalten wird. Dem ist hinzuzufügen, dass es in den Emiraten im Sommer bis zu fünfzig Grad warm wird. Das Zuschauerlokal trägt übrigens den Namen Café St. Moritz. Da sind wir wieder, zusammen mit Nestlé, Hugo Boss, Louis Vuitton, Starbucks, McDonald’s und dem Rest der Welt.

Roger Federer, angereist für das Tennisturnier Dubai, kann wegen Rückenschmerzen nicht spielen, macht aber im Hotel Royal Mirage eine Präsentation von Jura-Haushaltsmaschinen.

Der Lebensmittelgrossverteiler, der es wirklich geschafft hat, ist Carrefour. In seinen gigantischen Läden sind die Produkte auch auf Regalen gestapelt, die für die Kundschaft gar nicht mehr erreichbar sind, eine dreistöckige Coca-Cola-Bastion unter der Decke erinnert an Andy Warhol, ihre Botschaft: Hier gibt es alles im Überfluss. Vor der Kasse, an welcher ich meinen Arabisch-Dictionnaire und die Volksmusikkassetten bezahle, schaut mich die gesamte Ricola-Kollektion an. Ich nehme ein Päckchen mit Holundergeschmack.

Ich kann mir nicht recht vorstellen, wer in all den Hochhäusern, Villen und Beachresorts wohnt, wer in all den Büros arbeitet, die sich hier unablässig vermehren, wer all die Hotelsuiten der Superklasse, vom Hilton an aufwärts, bevölkert.

Die Einheimischen machen nur etwa fünfzehn Prozent der Bevölkerung aus.

Und für diese fünfzehn Prozent arbeiten Hunderttausende von Philippinos, Indern, Pakistanern und Arabern aus anderen Ländern. Sie wohnen in Labour Camps, wohlgetrennt von der wohlhabenden Einwohnerschaft. Der katholische Bischof in Abu Dhabi etwa (ein Thurgauer) darf dort keine Messe lesen. Manchmal sieht man im Vorbeifahren dreissig, vierzig Bauarbeiter in blauen Overalls auf einen Bus warten oder im Schatten dich gedrängt nebeneinander ihre Pause verbringen. Ihre Rechte sind, wie Amnesty International rügt, ungenügend, ihre Löhne sind tief, aber für die meisten ist es wohl mehr, als sie zu Hause verdienen würden. Die Western-Union- und Money-Express-Schalter für Geldüberweisungen ins Ausland sind in den ganzen Emiraten nicht zu übersehen. Gut bezahlt seien die Bauarbeiter in 600 Metern Höhe über dem Boden, höre ich, einem, der eine besonders heikle Arbeit fertiggebracht habe, habe man als Prämie sogar eine Wohnung im Burj-Dubai-Turm geschenkt.

Ein bisschen bekannt kommt mir diese Situation vor. Kürzlich konnte ich die Neat-Baustelle in Sedrun besuchen. Gebaut wird der neue Gotthardeisenbahntunnel, wie der alte seinerzeit auch, hauptsächlich von Ausländern.

Im Beduinenmantel

Und wie bei uns wohnen auch hier viele Reiche aus allen Teilen der Welt. Im Moment allerdings hat mit der Finanzkrise ein schleichender Exodus angefangen. Manche verlassen das Land und lassen ihren geleasten Wagen einfach am Flughafen stehen, ohne sich abzumelden. Man erzählt mir, dass die Autofirmen in letzter Zeit in den Parkings etwa 3000 geleaste Wagen einsammeln mussten, deren Besitzer auf Nimmerwiedersehen verschwunden sind.

Der Anlass meiner Reise: Mein Kinderbuch «Der Urwaldschreibtisch» wurde auf Arabisch übersetzt, es gab eine Buchpräsentation und Lesungen im Goethe-Institut Abu Dhabis und in den Deutschen Schulen von Abu Dhabi und Schardschah, bei denen ich aus meinem Gesamtwerk vorlas. In einer Schule für Behinderte habe ich den «Urwaldschreibtisch» auf Englisch erzählt, in «basic english», wie ich ermahnt wurde.

Am Ende der Goethe-Institut-Lesung in Abu Dhabi - wir waren schon zur Diskussion übergegangen - ging die Tür auf, ein Mann im Beduinenmantel trat ein und setzte sich ins Publikum. Drei Minuten später öffnete sich die Tür nochmals, und zwei weitere Wüstensöhne erschienen und setzten sich auf die letzten zwei freien Plätze in der vordersten Reihe.

Sie waren, sagten sie mir später am Abend, aus Al Ain angereist, einer Oasenstadt an der Grenze zu Oman. Alle hatten ein Jahr in Deutschland verbracht, um Deutsch zu lernen, und sie hätten am Büchertisch gern den «Urwaldschreibtisch» auf Arabisch gekauft, der aber erst am Tag danach ausgeliefert wurde. Da ich nachher mit meiner Frau eine Reise nach Oman anhängen wollte, versprach ich ihnen, die Bücher nach Al Ain zu bringen.

Zu Besuch in Al Ain

Es wurden zwei denkwürdige Tage. Die drei verbrachten den Freitagabend und den ganzen Samstag nur damit, uns in der Stadt und der Umgebung herumzuführen, sie fuhren uns auf den höchsten Berg Abu Dhabis, den Dschebel Hafeet, der sich hinter der Stadt erhebt, sie zeigten uns bei der Talfahrt die Stelle, an welcher der Wagen auch im Leerlauf stehen bleibt, weil dort der Berg magnetisch ist, sie bestanden darauf, mir ein Beduinenkopftuch zu kaufen, sie luden uns in Restaurants ein, in denen man auf dem Boden sitzt und mit den Händen isst, ich lernte, wie man Reis mit den Fingern zu einem Ball knetet, dann den Daumen darunterschiebt und den Ball in den Mund schiebt, das heisst, ich lernte es nicht wirklich, dafür waren die Reisabfälle an meinem Platz zu beträchtlich.

Sie besuchten mit uns ein Training für Kamelrennen. Neben der schnurgeraden, sandigen, abgezäunten Rennstrecke, auf welche die Kamele geschickt werden, fahren die Kamelhalter auf ebenso schnurgeraden Asphaltpisten nebenher, beobachten ihre Tiere, feuern sie an, filmen sie, und wenn es in die Schlussphase geht, lassen sie mit ihrer Fernsteuerung den kleinen Roboter auf ihrem Rücken seine Peitsche auf das Kamel klatschen. Bis vor kurzem wurden die Kamele von Buben geritten, die man auf den Tieren festband; das ist heute verboten, nicht zuletzt auf Druck von Menschenrechtsorganisationen, und ein Schweizer Ingenieur entwickelte einen Roboterjockey, der nun allgemeine Verwendung findet. Die Prämien für Siegerkamele liegen in Millionenhöhe, in Millionenhöhe liegen folglich auch die Preise für gute Rennkamele.

Einer unserer drei Gastgeber ist mit einem Kamelzüchter befreundet, der uns seine Tiere zeigt, die alle speziell zusammengestelltes Futter bekommen, viel Milch ist darunter, wie der Abfallhaufen voller Tetrapackungen zeigt, frisches Grünfutter und auch eine Dattelpaste. Meine Frage, von wem denn diese Rennen gesponsert werden (Carrefour? Nestlé? Bank of the Emirates?), erhält eine einfache Antwort: vom Scheich. Der Landesvater ist der Ansicht, die Kamele sollen, obwohl ihrer ursprünglichen Funktion als Lasttiere weitgehend enthoben, nicht aus dem Bild des Landes verschwinden, deshalb fördert er diese Rennen.

Ein generöser Herrscher

Und nicht nur das: Bildung und Gesundheitswesen sind für seine Untertanen gratis, und wer ein Haus kauft, bekommt vom Scheich ein Viertel des Kaufpreises geschenkt. Den Rest kann er zu einem minimalen Zins als Hypothek aufnehmen. Und Steuern muss man keine bezahlen. Kein Wunder, ist der Scheich beliebt und die Monarchie nicht infrage gestellt. Allerdings habe er kürzlich mit der Aufforderung, die Frauen sollten vermehrt beruflich arbeiten, für Aufruhr in vielen Familien gesorgt.

In den Emiraten gibt es keine offiziellen Bekleidungsvorschriften für Frauen. Aber viele von ihnen gehen verschleiert durch die Einkaufszentren, an Schaufenstern mit frecher Unterwäsche vorbei. Ob seine Frau auch verschleiert nach draussen gehe, frage ich einen unserer Freunde. Natürlich, sagt er. Warum, frage ich, und er antwortet mit einem Sprichwort: Der wahre Schmuck ist der verborgene.

An einem See, der von einer heissen Quelle gespiesen wird, finden wir zu unserer Überraschung ein Schweizer Wort: Die Bungalows, die darum herum gebaut wurden und die man mieten oder kaufen kann, werden als «Chalets» angepriesen.

Ob es denn genügend Wasser gebe in der Oase, frage ich, für all die neuen Häuser und Hotels und Shoppingcenter, die auch hier hochgezogen werden. Trinkwasser ja, aber das Wasser für Spülen, Waschen, Bewässern kommt über eine Pipeline aus einer grossen Meerentsalzungsanlage aus Fudschaira, etwa 170 Kilometer entfernt. Bewässerungsschläuche ziehen sich wie eine schwarze Sicherheitslinie entlang der ganzen Autobahn und tränken die Palmen, die alle paar Meter Schatten und Anmut verbreiten.

Die Epoche des Machbaren ist hier noch in Blüte. Auf einer Insel vor Abu Dhabi soll ein Kulturzentrum entstehen, eine Dépendance des Guggenheim-Museums ist geplant, ebenso eine des Louvre, ein Opern- und Konzerthaus mit 2500 Plätzen und ein grosses Nationalmuseum, alles an einer Küste, die heute vor allem von Schildkröten bewohnt ist. Im Emirate Palace Hotel, einem prunkvollen Gebäude aus 1001 Nacht, sind die Projekte zu besichtigen, vier Architekten von Weltformat haben die Ausschreibungen gewonnen, darunter Jean Nouvel und die Irakerin Zaha Hadid. Der Name der Insel: Saadiyat Island, Insel des Glücks.

Jetzt schlagen die Wellen der Weltfinanzkrise allerdings auch an die Glücksküsten der Golfstaaten, und ob das ganze Projekt wirklich realisiert wird, ist etwas ungewiss geworden.

Gut für die Schildkröten. Den Sand kümmerts wenig. Er wird seinen Platz behaupten.

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