WOZ Nr. 16/2009 vom 16.04.2009

«Je jünger, desto besser»

Von 2010 an erwartet Marokko jedes Jahr zehn Millionen TouristInnen. Viele von ihnen suchen in Marrakesch oder Agadir den schnellen, billigen Sex.

Von Alfred Hackensberger

In einem luxuriösen Appartement in Marrakesch tanzen nackte Mädchen bis in den frühen Morgen. Danach wälzen sie sich zum Amüsement ihrer Kunden über den Fussboden, auf dem Geldscheine ausgestreut sind. Was an den verschwitzten Körpern der Frauen hängen bleibt, ist ihr Lohn für die Nacht, die nun erst richtig beginnt. «Dann kommt der Sex, oft Gruppensex», sagt Fatima, eine 21-jährige Prostituierte, die sich zusammen mit ihrer Freundin Naima auf Kunden aus den arabischen Ländern am Golf spezialisiert hat. «Das ist zwar manchmal wie Sklaverei, dafür zahlen sie aber wesentlich besser als andere Ausländer.»

Seit gut zwei Jahren machen die beiden Mädchen diesen «Job». Täglich von neun Uhr abends bis frühmorgens um fünf, sechs Tage die Woche. Nur am Sonntag haben sie frei. Die Stadt dürfen sie nicht verlassen, ihre «Arbeitsvermittler» bestehen darauf, da sich jederzeit ein Kunde melden kann.

«Wie Sklavinnen», sagt Naima, «aber dafür habe ich mir schon eine kleine Wohnung gekauft. Das hätte ich sonst nie im Leben geschafft.»

Die Besucher aus Saudi-Arabien, Kuwait oder den Arabischen Emiraten sind allerdings nicht nur für ihr Interesse an jungen Frauen bekannt. «Ob hier in Marokko, im Libanon oder Ägypten», meinte ein Zigarettenverkäufer in Marrakesch, «jeder weiss doch, dass sie auch hinter Männern her sind. Je jünger, desto besser.» Mit diesen Vorlieben sind die Touristen aus den Golfstaaten in der ehemaligen marokkanischen Königsstadt genau richtig. Marrakesch ist heute, neben dem Atlantikbadeort Agadir im Süden des Landes, ein Zentrum des internationalen Sextourismus.

Erotische Männergesellschaft

Am Platz Dschemaa el Fna mit seinen Magiern, Akrobaten und exotischen Tieren, aber auch in Restaurants und Bars, die von Touristen besucht werden, trifft man neben weiblichen immer auch männliche Prostituierte.

Einer von ihnen ist Anas, ein Sechzehnjähriger aus einem der Vororte der Stadt. Jeden Abend streift er über den Dschemaa el Fna auf der Suche nach ausländischer Kundschaft. «Das funktioniert ganz gut», sagt er. «Kunden gibt es mehr als genug.» Meistens erkenne er die interessierten Männer auf den ersten Blick. «Schon was sie anhaben, wie sie sich bewegen. Sie sind alleine unterwegs und ihre Augen suchen Kontakt.» Je nach «Service» bekommt Anas zwischen 100 und 500 Dirham (16 bis 80 Franken). «Wenn ich Glück habe, will man mich für ein, zwei Tage. Dann gibts natürlich mehr.»

Marrakesch ist zu einem beliebten Reiseziel von Homosexuellen geworden, obwohl Homosexualität in Marokko per Gesetz verboten ist. Zum einen «wegen der erotischen Atmosphäre einer Männergesellschaft», wie Stefan aus Deutschland meint. «Niemanden stört es, wenn Männer auf offener Strasse Händchen halten oder sich auf die Wange küssen.» Zum anderen wegen des billigen Sex, der überall leicht zu haben sei. «Vielen Marokkanern macht das auch Spass», versichert der 45-jährige Deutsche. «Sie sind verheiratet, haben Kinder, aber gleichzeitig einen Freund.»

Viele der Ausländer, die in Marrakesch ein altes Haus gekauft und renoviert haben - bevorzugt ein Riad, ein Haus mit Innenhof, in der Altstadt -, sind homosexuell und stammen aus Spanien, Frankreich, Britannien und den USA. In exotisch-orientalischer Atmosphäre hält man Cocktailpartys und Diners. Dabei bewirten die marokkanischen Hausangestellten schon mal in knappen Lederkostümen oder anderen Fantasieuniformen die Gäste. Längst hat sich um homosexuelle Touristen eine eigene Sexindustrie gebildet. Viele junge Männer kommen, wie der sechzehnjährige Anas, aus heruntergekommenen Vierteln oder aus verarmten Dörfern auf dem Land. Alle wollen leichtes Geld in Marrakesch machen, um gut zu leben und ihre Familien zu ernähren.

Armut sei der entscheidende Faktor, der Jugendliche und Kinder zur Prostitution bringe, schreibt die Nichtregierungsorganisation Cocasse (Koalition gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern).

Sex mit Kindern und Jugendlichen (Jugendschutz gilt in Marokko bis zum Alter von achtzehn Jahren) hat in Marrakesch ungeahnte Dimensionen angenommen. Zur Bekämpfung der Pädophilie bildete die marokkanische Polizei eine Extraeinheit, die bereits mehrfach Ausländer verhaftete. Darunter war etwa ein Franzose, der im Besitz von 17 000 Fotos und 140 000 Videoaufzeichnungen auf seinem Computer war, die er an pornografische Websites verschickte.

Billigflug nach Marokko

«Die Situation ist ausser Kontrolle», sagte Najia Adib, die Präsidentin von Touche pas à mes enfants. «Vermittler haben eine Preisliste, aus der hervorgeht, was ein Zehnjähriger kostet, was ein Zwölfjähriger. Je jünger, je teurer, da Junge bei den Sextouristen am Gefragtesten sind.» Erschreckend sei zudem, dass viele der missbrauchten Kinder und Jugendlichen erzählten, sie würden es aus Vergnügen tun. «Ich bekomme 500 Dirham (etwa 80 Franken), ohne Touristen ist das nicht möglich», habe die Präsidentin immer wieder in Gesprächen gehört.

Sextourismus ist die Schattenseite einer Entwicklung, die Marrakesch binnen weniger Jahre zur Touristenmetropole machte, mit rund zwei Millionen BesucherInnen jährlich. Ein Preis, den auch andere internationale Ferienziele, etwa in Asien oder der Karibik, bezahlen mussten.

Khalid Semmouni, Koordinator von Cocasse und Präsident des Zentrums für Menschenrechte, sieht eine Verbindung zwischen Sextourismus, Globalisierung und der Öffnung von Grenzen. «Was den Menschen lange exotisch erschien, ist immer leichter und schneller zu haben.» Das Problem Pädophilie existiere auch in anderen arabischen Staaten, erklärt Semmouni, «aber in Marokko ist es schwerwiegender, da das Land wegen seiner geografischen Lage für den Westen offener ist».

Seitdem Marokko 2006 den Luftraum für internationale Fluggesellschaften frei gab, kann man mit Billigfliegern, wie Easy Jet oder Rynair, jederzeit aus Europa auch nur für einen Kurztrip anreisen. Von Spanien aus dauert es mit der Schnellfähre nur etwa 35 Minuten, bis man die vierzehn Kilometer breite Meerenge von Gibraltar überquert hat und in Tanger ankommt.

Tanger träumt von früher

Tanger, die marokkanische Hafenstadt an der Nordspitze des Landes, könnte das nächste Opfer des internationalen Sextourismus werden. Bis 2013 will man dort die Zahl der Hotelgäste auf 1,2 Millionen im Jahr verdreifachen, sagt Rachid Ihdeme, Tangers Tourismusdirektor. «Heute haben wir 6200 Hotelbetten, in fünf Jahren brauchen wir 23 000.» Etwa siebzig neue Hotels sind in der Stadt und in der näheren Umgebung entlang der Atlantik- und der Mittelmeerküste geplant. «Das gibt mindestens 10 000 neue Arbeitsplätze», meint Ihdeme.

Im Hafen sollen bald Kreuzfahrtschiffe anlegen und private Jachten vor Anker liegen. Man will an die legendäre Tage der Internationalen Zone (1923-1956) anknüpfen. Damals stand Tanger unter internationaler Verwaltung, christliche, jüdische und muslimische EinwohnerInnen lebten friedlich zusammen, es war ein goldenes Zeitalter, Tanger ein Eldorado für Schmuggler, Millionärinnen, Bankiers und Künstlerinnen aus westlichen Ländern. Zu den bekanntesten zählten beispielsweise die US-amerikanischen Autoren Paul Bowles, Truman Capote oder William S. Burroughs, Maler wie Francis Bacon oder auch die Millionärin Barbara Hutton und der Verleger Malcolm Forbes.

«Es wird sich nicht vermeiden lassen», sagt Rachid Ihdeme, «dass mit der neuen touristischen Entwicklung auch Probleme kommen.» Um sich darauf vorzubereiten, kooperiert man mit der Frauenorganisation Amna. «Wir machen zusammen eine Aufklärungskampagne», erzählt Mariam Naciri, die bei Amna Koordinatorin für den Schutz von Kindern ist. «Dabei werden die Hotels miteinbezogen, was eminent wichtig ist, da dort Missbrauchsfälle stattfinden können.» Aufklärung sei die beste Vorsorge, denn in vielen Fällen könne man Missbrauch stoppen, bevor er stattfindet.

Die Zukunft hat allerdings schon begonnen. Auf der Dachterrasse des Hauses von Baron Francisco Corcuera, einem argentinischen Maler, hat man einen guten Ausblick über Tanger. «Dort ist die ehemalige Villa von Yves Saint Laurent, der ja leider verstorben ist», sagt der Baron und zeigt mit dem Finger auf einen kleinen blauen Punkt im Häusermeer. «Hier vorne das Haus eines deutschen Fotografen, und das da hinten gehört einem französischen Schriftsteller. Die guten Häuser, von denen man einen fabelhaften Blick auf die Meerenge von Gibraltar hat, sind alle weg», erklärt er. Die Immobilien seien heute unerschwinglich «wegen all der Ausländer, von denen neunzig Prozent homosexuell sind». Die meisten davon gerieten in dieselbe Falle, meint er mit einem spöttischen Grinsen. «Sie haben einen Freund, der plötzlich heiratet und Kinder bekommt. Und dann bezahlen sie für die ganze Familie, was bis ans Lebensende gehen kann.»

Europa, Geld, teure Handys

Solche Geschichten gehören in Tanger zum guten Ton. «Natürlich ist das Doppelmoral», sagt Steve aus New York. «Offiziell ist Homosexualität verboten und gesellschaftlich verpönt. Aber alle leben sie», fügt er hinzu. An jeder Strassenecke, in jedem Café und jeder Bar könne man angesprochen werden. Sex für Geld sei keinerlei Problem, wobei man jedoch auch einen richtigen Freund finden könne, mit dem man Jahre zusammen bleibe. «Aber den musst du doch auch in irgendeiner Form bezahlen», wirft Roberto, Steves spanischer Freund, ein. «Manche kaufen ihrem Lover ein Taxi samt Lizenz oder lassen ihm die schlechten Zähne flicken, andere zahlen das Schulgeld der Kinder, denn die meisten sind ja verheiratet.» Was für Marokkaner ganz normal sei, meint Steve. «Eine Frau und fünf Kinder haben und dazu einen europäischen Freund, so ist das hier.»

Es gebe auch andere Geschichten, die immer häufiger vor Gericht verhandelt würden, berichtet Mariam Naciri. Zuletzt die von zwei französischen Staatsbürgern, beide Ende fünfzig, die im Cinema de Paris und bei McDonald’s männlichen Jugendlichen sexuelle Angebote machten. «Es ist immer dieselbe Masche», sagt Naciri. «Man verspricht den jungen Männern, sie nach Europa zu bringen, gibt ihnen Geld oder teure Handys.» Gleichzeitig erkläre man ihnen, wie normal solche sexuellen Beziehungen in Europa seien. «Manipulation, so ist das eben. Je mehr Touristen, desto mehr Probleme.» Aus einer Verurteilung der beiden Franzosen wurde allerdings nichts. Man hatte ihnen die Pässe nicht abgenommen, und die beiden sind untergetaucht.

Es gibt wohl nur wenige Sextouristen, die so dumm sind (oder den Kick brauchen), Jugendliche an einem öffentlichen Ort anzusprechen. Delikate Wünsche lassen sich in Tanger auch organisiert erfüllen. «Alles ist zu haben», sagt Mustafa, der täglich im Café de Paris im Zentrum der Stadt sitzt und dort seine Männer kennenlernt. «Ich muss nur kurz telefonieren. Wenn es etwas sehr Spezielles ist, kann es etwas dauern, aber sonst geht es fix. Sie müssen mir nur sagen, welche Präferenzen sie haben.»