Nr. 18/2009 vom 30.04.2009

Es ist auch dein Programm!

Es ist eine verblüffende Form des Wirtschaftens: Menschen, die sich persönlich nicht kennen, schreiben zusammen brillante Computersoftware, ohne damit Geld zu verdienen.

Von Susan Boos

Nicht, dass sie verrückt wären, aber sie benutzen Wörter, die aus einem anderen Kosmos stammen: GNU, GPL, Debian, Linux, Ubuntu. Und sie tun etwas, das alle gängigen ökonomischen Theorien aushebelt: Sie bauen Superdinge, sie tun es gemeinsam, sie tun es gratis und sie sind glücklich dabei.

Die Superdinge nennen sich Open-Source-Software. Übersetzt heisst das so viel wie «offene Programme» und sagt Menschen, die ihrem Computer so viel Zuneigung entgegenbringen wie ihrer Waschmaschine, nicht gerade viel.

Zweimal im Jahr treffen sich die Schweizer Open-Source-Menschen an der OpenExpo, im Frühling in Bern, im Herbst in Winterthur. Hannes Gassert und Matthias Stürmer gehören zu den Organisatoren des Events, zwei junge Männer um die dreissig. Gassert, der Jungunternehmer, im schwarzen Anzug mit schwarzem Hemd, Stürmer, der ETH-Doktorand, im braunen Anzug, mit orangem Hemd und Krawatte.

Sie beide gehören /ch/open an, einem Verein, der vor 25 Jahren gegründet wurde und es möglich machte, dass Private in der Schweiz das Internet nutzen konnten, bevor die Allgemeinheit wusste, was das Internet ist.

«Ich missioniere gern», sagt Stürmer und lacht. Informatik habe ihn schon immer interessiert, aber auch Entwicklungszusammenarbeit, er sei noch beim evangelischen Projekt «Stopp Armut 2015» engagiert, aber das tue jetzt nichts zur Sache.

«Wie lässt sich mit Informatik die Welt verbessern?», fragt er und meint es ernst. Open Source habe grosse volkswirtschaftliche Vorteile für die Entwicklungsländer - und für die Schweiz.

Aussterbende Programme

Stürmer versucht zu erklären, worum es geht: Open Source ist das Gegenteil von Microsoft. Von Microsoft bekommt man beispielsweise ein Programm und zahlt im Gegenzug Lizenzgebühren, damit man es nutzen darf.

Leute wie Bill Gates verdienen deswegen unverschämt viel Geld, das ist unschön, aber nicht das grösste Problem. Schlimmer ist, dass niemand weiss, was man für das Geld genau bekommt. Die Leute zahlen für ein Werkzeug, mit dem sie zwar nette Dinge machen können, mit Microsoft Office zum Beispiel Briefe schreiben oder Rechentabellen erstellen. Das Werkzeug steckt im Computer, doch die Bauanleitung fehlt, der sogenannte Source Code oder Quelltext (vgl. «Der Quellcode» weiter unten). Er ist streng geheim, ausser den Microsoft-Leuten darf keiner wissen, was in ihm steckt. Er könnte nebenbei die BenutzerInnen ausspionieren, Viren reinlassen oder auch nur dumme Fehler enthalten.

Wer sich mit Programmieren auskennt, kann diese Baupläne lesen. Die fehlenden Quellcodes seien das Problem, sagt Stürmer: «Falls die Firma, die das Programm geschrieben hat, bankrottgeht, hat man danach keine Möglichkeit mehr, an den Quellcode heranzukommen.» Und so können Programme aussterben. Die Leute haben aber noch unzählige Dateien mithilfe dieser Programmen archiviert, Daten, die sie irgendwann vielleicht wieder brauchen, doch dann lassen sie sich nicht mehr öffnen: «Ohne Quellcode ist es unmöglich, Programme zu rekonstruieren. Solche Dateien sind dann für immer verloren», sagt Stürmer.

Das geht schneller, als man denkt, weil Microsoft alle paar Monate neue Programmversionen auf den Markt wirft, die die alten überschreiben. «Wenn man mit diesen Programmen arbeitet und nicht riskieren will, dass man Daten verliert, gibt es nur eines: Man muss die alten Dateien regelmässig öffnen und im neuen Format neu abspeichern.» Das gelte nicht nur für Microsoft-Produkte, sondern auch für Produkte anderer Firmen, etwa das populäre Photoshop der Firma Adobe. Die Hege und Pflege von unfreier Software bringt also viel Arbeit mit sich.

Open Source ist menschenfreundlicher, weil die Baupläne dieser Programme zugänglich sind. Sie können nie verloren gehen, weil sie sich dank Quellcode immer nachbauen lassen. Und jeder kann daran herumbasteln.

Weitergeben obligatorisch

Es sind Programme, die allen gehören. Und deshalb sind sie gratis - das ist lateinisch und heisst «um den blossen Dank».

Geld verdienen lässt sich trotzdem damit. Hannes Gassert, der Jungunternehmer, erklärt, wie das läuft: «Eine Firma oder eine Verwaltung möchte Open Source verwenden. Nun braucht sie aber spezifische Anpassungen oder Ergänzungen - die Firma bestellt sie bei einem Open-Source-Spezialisten. Der programmiert die gewünschten Anpassungen und wird für die Dienstleistung bezahlt. Man zahlt also für die geleistete Arbeit und nicht mehr eine Lizenzgebühr.»

Das funktioniert bestens: Gasserts Firma, die Liip AG, beschäftigt über vierzig Angestellte, zählt die Nationalbank, die Swisscom, die SBB und den Rückversicherer Swiss Re zu ihren KundInnen. Gassert sagt: «Wenn wir für alles zahlen müssten, was andere vorher entwickelt haben, könnten wir nicht existieren.»

Dann spricht er von den vier Freiheiten, der Lebensphilosophie der Open-Source-Gemeinschaft: Man darf die Software für jeden Zweck nutzen, verändern, kopieren, weitergeben.

Die Open-Sourcler haben einen neuen Begriff geschaffen: das Copyleft - das zwingt, Wissen weiterzugeben. Dafür wurde eine eigene, rechtlich verbindliche Lizenz kreiert, die GNU General Public License (GPL), die alle, die ein frei zugängliches Programm benutzen und weiterentwickeln, dazu verpflichtet, die Weiterentwicklung der Allgemeinheit wieder zur Verfügung zu stellen.

Kollektives Schaffen

Ein umwerfendes Beispiel, was kollektive Klugheit leisten kann, heisst Linux. Tausende schaffen an einer Software, die vermutlich besser ist als alles, was die Welt vorher gesehen hat. Linux ist ein Betriebssystem, vergleichbar mit Microsofts Windows oder dem Apple-Betriebssystem, aber effizienter. Linux ist das System, mit dem Supercomputer laufen, zum Beispiel die von Google. Rund fünfzig Prozent aller Internetserver auf der Welt verwenden Linux oder ein vergleichbares Programm. Linux könnte auch all die Büro- und Heimcomputer antreiben, wenn die Welt nicht so Microsoft-hörig wäre - aber dazu später mehr.

Die Geschichte von Linux beginnt 1991 in den langen Winternächten von Helsinki. Linus Torvalds studiert Physik und Mathematik und tut, was zu jener Zeit viele Studenten tun: Er schreibt ein Computerprogramm. Was ihn von den anderen unterscheidet: Er ist selbstbewusst genug, sein kluges, aber noch äusserst bescheidenes Programm über das Internet zugänglich zu machen - was dazu führt, dass seine Freunde und Bekannten beginnen mitzudenken. Das Programm verbreitet sich in Windeseile, nicht weil es so genial, sondern weil es offen ist und alle Computerfreaks einlädt, mitzudenken. Sie finden Fehler, liefern Lösungen für die Fehlerbehebung und schreiben neu, was ihnen nötig erscheint. Das hat sich bis heute nicht geändert. Tausende stricken vergnügt und zu einem grossen Teil gratis an diesem intellektuellen Weltwunder mit.

Eric S. Raymond, ein leicht durchgeknallter, waffenliebender, aber gescheiter US-amerikanischer Programmierer, hat schon Ende der neunziger Jahre versucht, das Phänomen Linux zu fassen. Er wollte begreifen, weshalb das Linux-System funktioniert, wo es doch keine Hierarchien und nicht einmal etwas zu verdienen gab. Er lancierte ein ähnliches Projekt, denn er wollte ausprobieren, ob auch er das unorganisierte kollektive Wissen der Computerfreaks nutzen könne, um ein Mailprogramm zu schreiben.

Seine Erkenntnisse hielt er in einem bemerkenswerten Artikel fest: «Die Kathedrale und der Basar» (Link: www.catb.org/~esr/writings/cathedral-bazaar/cathedral-bazaar/). Er sei ursprünglich davon ausgegangen, dass es ein kleines Team von Hohen Priestern brauche, die in totaler Abgeschiedenheit arbeiteten, um ein geniales Programm zu schreiben - das war sein «Kathedralenmodell». Demnach hätte die Linux-Gemeinschaft, dieser «grosse, wild durcheinanderplappernde Basar, gar nicht funktionieren» können. Trotzdem funktionierte der Basar, und «die Welt löste sich nicht in Konfusion» auf, wie Raymond erstaunt konstatierte.

Sein Mailprogramm gedieh genauso gut wie Linux - und Raymond fasste zusammen, weshalb das so war. Hier einige seiner Erkenntnisse:

Lass Menschen das tun, was sie tun möchten.

Wer eine gute, aber unausgegorene Idee hat, soll sie schnell freigeben und danach gut zuhören, was die Mitentwickler sagen.

Die einen erkennen die Probleme, die anderen lösen sie.

Um eine geniale Lösung zu finden, braucht es kein Genie, sondern nur ausreichend Leute, die sich dem Problem widmen - einer findet immer die perfekte Lösung.

Das Zweitbeste nach einer eigenen guten Idee ist das Erkennen guter Ideen anderer; manchmal ist es sogar das Bessere.

Linus Torvalds war kein besonders genialer Entwickler, aber er positionierte sich genial: als Schrankenwärter eines Projekts, dessen Entwicklung vorwiegend durch andere getrieben wird. Das Brillante an Linux ist deshalb nicht Linux, sondern die Form, wie es entstanden ist und weiterlebt. Kein Unternehmen, egal wie viel Geld es reinsteckt, wird jemals so viele engagierte Menschen bezahlen können, um eine solche Software zu erschaffen.

Wo sind die Frauen?

Wie macht man Marketing für etwas, das gratis ist? Microsoft steckt Millionen ins Marketing. Auf fast jedem Computer, der heute verkauft wird, steckt schon Microsoft drin. Alle kennen Microsoft.

Aber niemand schaltet Inserate, um Programme anzupreisen, mit denen niemand Geld verdienen will. Wie zum Beispiel OpenOffice.

Das Programm kann, was Microsoft Office kann, oder vermutlich mehr. Erst kürzlich wurde eine neue, verbesserte OpenOffice-Version freigeschaltet. An der OpenExpo sitzen auch drei Leute von OpenOffice.org an einem der runden Tische, an denen sich die verschiedenen Vereine mit ihren Projekten präsentierten. Sie seien hier, um Fragen zu beantworten, aber bis jetzt habe niemand was von ihnen gewollt, sagen sie. Rafael Bircher ist ein lustiger, schräger Kerl, der die neuen Versionen vor der Freigabe getestet hat. Eine anstrengende, stundenlange Arbeit. «Hierarchien gibt es keine», sagt Bircher. Am Ende seien es die Projektleader, die entscheiden würden, wann eine Version in die Welt hinausdürfe. Die Projektleader würden von der Community gewählt - wer gut ist, bekommt das Amt.

Am Tischchen sitzt auch René Hermann. Er sei zuständig für die PR, sagt er. Er ist extra aus Deutschland angereist. Geld hätten sie keines, alle arbeiteten ehrenamtlich. Zwanzig Tage im Jahr ist er unterwegs, um für OpenOffice zu werben. Er mache das, «um der Community etwas zurückzugeben», weil er viel von ihr profitiert habe. Ein Satz, den man oft hört, wenn man die Open-Source-Leute fragt, warum sie die ganzen Mühen auf sich nehmen.

Die Community ist männlich. Doch einige wenige Frauen gibt es. Die OpenOffice-Projektleitung in Deutschland liegt bei einer Frau, Jacqueline Rahemipour. Sie war nicht in Bern, mailte aber später, sie mache mit, um mitzugestalten: «Wer sich aktiv einbringt, kann die Richtung von OpenOffice.org mitbestimmen - dafür muss man auch nicht Entwickler sein. Und an Open Source ganz allgemein gefällt mir die Offenheit, wie die Projekte mit Informationen umgehen. Die Prozesse sind transparent und für jeden einsehbar. Es erklärt sich häufig von selbst, warum eine Entscheidung genau so getroffen wurde und nicht anders.»

Betreffend Frauenmangel schreibt sie: Klar gebe es im IT-Bereich nur wenige Frauen, aber gerade beim OpenOffice.org-Projekt seien die wenigen aktiven Frauen sehr wichtig. «Mir scheint, wenn sich eine Frau für eine solche Sache engagiert, dann tut sie es sehr nachhaltig und überlegt es sich nicht kurzfristig wieder anders.»

Das Programm als Spion

Theo Schmidt ist Ingenieur und kämpft seit Jahren für den Durchbruch von Open-Source-Software. Er präsidiert den Verein Wilhelm Tux, der sich zum Ziel gesetzt hat, freie Software in die Verwaltung und in die Schulen zu tragen. Ein bisschen wirkt er erschöpft, wenn er sagt: «Irgendetwas machen wir falsch.» Er hat es in seiner Wohngemeinde Steffisburg versucht und auch in Städten wie Thun oder Bern. Man beisse auf Granit: «Für die Leute aus der Verwaltung müssen Menschen wie ich wie eine Bedrohung wirken.» Die IT-Verantwortlichen und die PolitikerInnen seien zeitlich überlastet und wollten sich nicht mit dem Thema auseinandersetzen. Microsoft kennen sie, und deshalb glauben sie, auf der sicheren Seite zu sein - obwohl es mehr kostet und zeitweise versagt. Die Verwaltung will nichts von Linux wissen, weil sie keine Fachleute dafür hat. Und die IT-Verantwortlichen stellen immer wieder ‹Microsoft-Leute› ein, die nichts von Linux wissen wollen. Microsoft mache gute Werbung und viel Werbung, wie übrigens auch Apple, die bezüglich Offenheit nicht besser seien. Zudem investierten die Verkäufer von proprietärer Software - wie man die «unfreien» Programme auch nennt - sehr viel Geld in die Oberfläche, damit all das, was auf dem Bildschirm erscheint, möglichst schmuck aussieht: «Was daruntersteckt, interessiert weniger.» Ob ihr Computer sicher sei, kümmere die Leute kaum. Microsoft-Programme könnten die BenutzerInnen ausspionieren. Millionen von ungesicherten Computern stünden rum, aber das kümmere niemanden: «Cyber-Kriminelle haben da leichtes Spiel.» Bei Open-Source-Software wäre dies nicht möglich, sagt Schmidt, weil das von den NutzerInnen rasch entdeckt und korrigiert würde. Und so, wie die Linux-Server konfiguriert sind, «können sich Viren nicht verbreiten».

Den Leuten die gewohnten Programme wegzunehmen, ist ein harter Job. Kurt Bader wagte es. Er ist der Informatikverantwortliche des Kantons Solothurn. Vor acht Jahren entschied der Kanton, auf offene Software umzusteigen. Rund die Hälfte der kantonalen Angestellten arbeitet bereits damit, bis Ende 2010 sollen möglichst alle ihre tägliche Arbeit damit verrichten. Bader musste einiges über sich ergehen lassen. Für alle Probleme musste Linux herhalten, auch für solche, die nichts mit Informatik zu tun haben: «Im Extremfall ist die Umstellung auf Linux sogar schuld, wenn jemand beim Bäcker seinen Gipfel nicht bekommt», sagt er und klingt erstaunlich vergnügt.

Am schwierigsten sei es, die zu überzeugen, die seit zehn Jahren mit denselben Microsoft-Programmen gearbeitet hätten. Jetzt fänden sie zum Beispiel in OpenOffice etwas nicht am selben Ort wie im Word - worin sie sofort einen Beweis sähen, wie untauglich die neue Software sei. «Microsoft-Benutzer wissen gar nicht, was bei diesen Programmen alles nicht oder schlecht funktioniert. Sie sind sich einfach gewohnt, dass es so funktioniert, wie es funktioniert.»

Proprietäre Programme seien oft nicht nachhaltig, sagt Bader: Ständig werde man gezwungen, auf neue Produkte zu wechseln, «obwohl man das vielleicht gar nicht möchte. Doch macht man nicht mit, erhält man keinen Support mehr.»

Ein Kanton für alle

Der Kanton Solothurn hat die Strategie, Software, die er selber finanziert hat, den anderen Kantonen gratis zur Verfügung zu stellen. Die Behörden hoffen, auf diesem Weg die interkantonale Zusammenarbeit zu stärken, Gelder optimal einzusetzen und künftig gemeinsam gute Software zu entwickeln: «Dadurch sollen», sagt Bader, «OpenSource-Produkte vom Benutzer für den Benutzer entstehen.»

Bis anhin hat sich die Umstellung gelohnt: In den letzten fünf Jahren konnten laut Bader zehn Prozent der Informatikkosten eingespart werden.

Und dann sagt Kurt Bader noch, was auch Schmidt erwähnte: Mit Open Source kann unterbunden werden, dass man ausspioniert wird. Dies ist vor allem in sensiblen Bereichen - wie bei Polizei, Strafvollzug, Justiz - von besonderer Bedeutung. Noch arbeitet die Polizei im Kanton Solothurn, wie vermutlich die meisten Polizeien in diesem Land, mit Microsoft. Das Bundesgericht hingegen verwendet schon freie Software, und diverse Kantone wie Waadt, Genf oder Thurgau interessieren sich dafür, die niederländische Regierung ist schon umgestiegen, die Stadt München auch.

 

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