Nr. 20/2009 vom 14.05.2009

Wo seid ihr alle?

Am Montag haben sich Tamedia und JournalistInnenverbände auf den Begriff «Massenentlassung» geeinigt. Nach WOZ-Redaktionsschluss soll entschieden werden: über die Zukunft des «Bunds», über den Abbau beim «Tagi». Im Medienzirkus glauben viele an News und Rendite, aber kaum einer noch an Journalismus.

Von Daniel Ryser

Peer Steinbrück ist momentan nicht sonderlich beliebt im Land. Erstaunlich beliebt hingegen, zumindest in den Branchenmagazinen, ist Tamedia-CEO Martin Kall. Immerhin ist der offenbar sehr freundliche deutsche Mann einer welschen Frau dabei, die einst beste Schweizer Tageszeitung zu zerstören. Dieser Tage vollendet er sein Werk. Vielleicht sind die genauen Zahlen bereits bekannt, wenn diese WOZ erscheint. Am Mittwoch soll laut gut unterrichteten Quellen der Tamedia-Verwaltungsrat in dieser Sache getagt haben. Klar ist: Am Montag haben sich JournalistInnenverbände, Personalkommission und Tamedia auf jeden Fall schon einmal auf den Begriff «Massenentlassung» geeinigt. 50 bis 75 «Tages-Anzeiger»-Stellen werden abgebaut. Das ist ein Drittel der insgesamt 230 Vollzeitstellen, verteilt auf 250 Personen.

Dies, obwohl Tamedia 2008 einen Gewinn von 105 Millionen Franken erzielte. Während die Gewinne, die der «Tages-Anzeiger» früher machte, für sinnlose Projekte wie «TV3» verpulvert oder dafür eingesetzt wurden, sich andere einzuverleiben («TeleZüri», «Radio 24», «20 Minuten» und zuletzt Edipresse in Lausanne für 226 Millionen), muss nun alles auf eigenen Beinen stehen: Keine Quersubventionierungen. Das eigene Flaggschiff wird ausgemergelt, wobei intern noch niemand die Antwort auf die Frage geben konnte, wo der Grund für den Sinkflug liegt: Ist es die Krise? Die Struktur der Zeitung? Beides?

Schöne, neue Produkte

Und was wird, nebenbei, eigentlich aus dem Tamedia-Projekt «News»? Das Blatt, das nie ein journalistisches Projekt war, sondern einzig lanciert wurde, um «.ch» die Luft zu nehmen. «.ch» ist vor einer Woche erstickt. Die sechzig MitarbeiterInnen sind dabei, die Redaktion zu räumen und haben eine Facebook-Gruppe gegründet, um einen neuen Investor zu finden. Wozu braucht es «News» jetzt noch?

Da haben die Alten uns Jungen eine schöne neue Medienlandschaft hinterlassen. Sie wollten Geld machen statt Zeitung. Die Zahlen waren gut, und das Internet war noch nicht relevant. In anderen Branchen wäre das Fazit klar: Die Köpfe müssen weg! Die Branche war nicht innovativ, sie war faul, träge, bequem und womöglich arrogant, und jetzt kommt der Kahlschlag.

Die Zeche bezahlen wie so oft jene, die den Schaden nicht angerichtet haben. Die Verantwortlichen werden befördert und sitzen auf Podien an Verlegerkongressen, wo sie ergebnislos darüber reden, wie es weiterzugehen hat. Dass die Tageszeitungen im Werbemarkt keine Zukunft haben, wird dabei als naturgegeben angesehen. Statt inhaltlich innovativ zu sein, haben die Manager in den Chefetagen immer wieder schöne, neue Produkte erfunden, um Inserate verkaufen zu können. Die Information als Ware.

Die BWL-Logik dominiert

Selbstbewusste JournalistInnen? Nicht mehr viele übrig. Das Gefühl, dass es uns braucht? Da muss man schon nach Deutschland gehen, um einen Chefredaktor zu treffen, bei dem diese Worte nicht blosse PR-Floskeln sind. Etwa Giovanni di Lorenzo. Dessen «Zeit» definiert sich durch lange, informative Artikel und ist so erfolgreich wie noch nie. Und di Lorenzo sagte kürzlich in einem Interview: «Als ich hier vor fünf Jahren begonnen habe, hörten viele bereits das Totenglöcklein läuten, und man spekulierte über ein baldiges Ende. Ich bin der festen Überzeugung, dass gerade die Verweigerung von Moden und Mätzchen die Stärke unserer Zeitung ausmacht. Eine Heerschar von JournalistInnen hat im Laufe der letzten Jahrzehnte daran gearbeitet, der ‹Zeit› eine grosse Glaubwürdigkeit zu verschaffen, auf die wir heute zählen können.» Auch wir wollen uns an dieser Stelle nicht klein machen: Während etwa das «St. Galler Tagblatt» im vergangenen Jahr 4000 Abonnements verlor, hat die WOZ zugelegt.

«Die Leute im Verlag hassen Intellektuelle», sagte kürzlich ein Redaktor des «Tages-Anzeigers». Es klang nicht wie eine Ansage, es klang wie eine Kapitulation. Dabei ist die in den Redaktionen seit einem Jahrzehnt dominierende Logik der Betriebswirtschaftslehre (BWL) - die in den USA nun diverse Zeitungen ruiniert hat - letztlich ein Beschiss an den LeserInnen: Die Vorgabe, die Information sei das Ziel, ist verlogen. Langsam beschleicht einen ja selbst manchmal das Gefühl, dass die eigene Aufgabe einzig und allein noch im Erledigen der notwendigen Übel des Redaktionsalltags bestehen könnte: News rauszuhauen, PR-Mitteilungen abzutippen und die Polizeimeldung zu redigieren.

Doch das, pardon, können auch Sekundarschüler erledigen. Die wären auch billiger als ein erfahrener, unterforderter Redaktor, der zudem frustriert ist, weil er nicht mehr schreiben kann, was ist, weil das einerseits ein Sauaufwand ist (man muss raus aus dem Haus und womöglich unbequeme Fragen stellen) und andererseits häufig nur die Leute (und Inserenten) verärgert. Und der redaktionelle «Newsroom», der es jetzt richten soll, klingt zwar schön modern und beweglich. Doch er entspricht genau dem Trend, den gedruckten Zeitungen noch mehr Relevanz zu nehmen.

Denn für News brauche ich heute nicht einmal mehr «20 Minuten», dafür habe ich tagi.ch, spiegel.de, cnn.com, sueddeutsche.de, perlentaucher.de, NZZonline. Und Hunderte Blogs, Foren und andere Seiten. Hintergrund, Analyse - das wird im Netz schon schwieriger. Lange Artikel am Bildschirm zu lesen, ist sowieso nicht meine Sache. Aber diese langen Artikel will ich lesen! Und zwar auf Papier, am liebsten am Frühstückstisch während meinen drei Morgenkaffees. Oder abends. Am Wochenende. Ich bin permanent beschäftigt, und trotzdem merke ich gerade, dass ich ständig genügend Zeit für die Lektüre langer, guter Artikel habe. Woher also das Gerücht, dazu hätten die Leute plötzlich keine Zeit mehr, kein Bedürfnis mehr? Ist dem so? Oder ist Qualitätsjournalismus einfach nicht (mehr) so rentabel? Sich der Frage der Relevanz offenbar völlig verweigernd, streichen Tageszeitungen schon mal ihre «Themen»- und «Hintergrund»-Seiten zusammen, während sie gleichzeitig behaupten, nur wer besser, relevanter, hintergründiger werde, könne überleben. Stattdessen wird einfach alles billiger, dafür auch irrelevanter, schlechter. Denn wer mit weniger Mitteln besser werden will, muss einiges umstellen. Ein «Newsroom» allein hilft da gar nichts.

Wie kann also eine Tamedia dazu kommen, in den fetten Jahren keine Rückstellungen zu machen, um das eigene Flagschiff «Tages-Anzeiger» durch Jahre der Krise zu bringen? Um einen Umbau mit Würde zu vollziehen? Mit langem Atem? Es ist traurig mit anzusehen, wie sich ein Blatt und mit ihm gestandene Redaktorinnen und Redaktoren, zu dem und zu denen man als angehender Journalist einst bewundernd hinaufblickte, sich widerstandslos von einem BWL-Manager zur Sau machen lassen.

Die Entlassungswelle

Wo will man also als junger Reporter heute eigentlich noch hin, wenn man die Sache von der Pike auf gelernt hat - zuerst auf einer Lokalredaktion, dann auf einer grösseren Redaktion, dann zum Beispiel auf der WOZ -, und an Folgendes glaubt: dass dies, was derzeit in der Medienlandschaft passiert, dramatisch ist? Nicht bloss für die betroffenen, entlassenen JournalistInnen, sondern auch für den demokratischen Diskurs im Land. Es geht ja im Journalismus nicht bloss darum, dass eine Neuigkeit bekannt wird (dafür braucht es heute keine Zeitung mehr), sondern wie gewichtet, kommentiert, analysiert wird. Das hat letztlich Auswirkungen auf die Demokratie, die Gesellschaft. Verdammt - halten mich meine jungen Exkollegen vom Diplomkurs an der Schweizer Journalistenschule, von denen die meisten heute in der PR-Branche arbeiten, für komplett bescheuert, wenn ich so was vertrete? Nicht, dass sich viele von ihnen nicht auch etwa an wilden Technopartys in besetzten Häusern herumtreiben würden; aber wer tut das heute nicht? Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Sind Journalismus und Shareholder-Value überhaupt vereinbar?

BaZ? Entlassungen. AZ Media? Entlassungen. «St. Galler Tagblatt»? 90-Punkte-Sparkatalog. NZZ? Gewinneinbruch um 50 Prozent. «Neue Luzerner Zeitung»? Entlassungen. Ringier? Entlassungen. «Bund»? BZ? Über die Zukunft der beiden Berner Blätter hat der Tamedia-Verwaltungsrat womöglich ebenfalls diesen Mittwoch entschieden. Werden «Bund» und BZ eins? Wird der «Bund» auch «Tagi»? Für beide Fälle ist vorgesorgt, zumindest für Martin A. Senn, den stellvertretenden Chefredaktor der «NZZ am Sonntag». Während andere entlassen werden, wurde er eingestellt. Senn leitet die neue, gemeinsame Bundeshausredaktion von «Tages-Anzeiger» und «Bund». Die Anstellung Senns geschah unter der Annahme, dass in Bern «Bund» und «Tages-Anzeiger» zusammengelegt werden. Die Redaktion weiss noch von nichts.

Bei solchen vorgezogenen Entscheidungen kommt ein ungutes Gefühl auf, wenn es darum geht, folgende Frage zu beantworten: Welcher der beiden neuen Ko-Chefredaktoren des «Tagis» ist in den Augen des Verwaltungsrates der eigentliche Chef? Der renommierte Journalist Res Strehle, der noch vor zwanzig Jahren die Redaktion auf Biegen oder Brechen verteidigt hätte? Oder eben doch Markus Eisenhut, der Medienmanager, der die «Berner Zeitung» innert kurzer Zeit zum unleserlichen Schrottblatt zusammengespart hat? Dass Roger Köppel bei der «Weltwoche» im Rahmen der Krise offenbar heftige Existenzängste gepackt haben, wirkt da schon beinahe sympathisch. Im Gegensatz zu Eisenhut war der sparsame Köppel immerhin mal ein wirklich guter Journalist. Fast möchte man rufen: Halte durch, Roger, gute Zeiten kommen auch für Neoliberale wieder!

Im Buch «WOZ - Die Kapitalerhöhung» von 2003 hat der ehemalige «Tages-Anzeiger»-Chefredaktor Roger de Weck geschrieben: «Die Kunst ist es heute ja, Journalismus zu machen trotz der Medien.» Hier die versuchte Annäherung an die Wahrheit, dort die Information als Ware. Die Suche nach der Wirklichkeit gegen deren blosse Inszenierung; Bewegung gegen Status quo, Kritik gegen Affirmation. Oder: Die ehemals beste Schweizer Tageszeitung gegen den Shareholder-Value. «Die Gesetze des guten Journalismus und die des Medienbetriebs driften auseinander. Der Journalismus ist neugierig; der Medienbetrieb ist kalt», schrieb de Weck. Es gibt also auch ältere Semester, die die Sache klar und deutlich sehen. Und für den Journalismus einstehen. Nur, wo seid ihr alle?

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