WOZ Nr. 21/2009 vom 20.05.2009

Kim

Von Martina Süess

Mit «Kim» schuf Rudyard Kipling 1901 nicht nur den ersten Spionageroman, sondern auch den ersten professionellen Spion. Als Strassenjunge schlägt sich der Titelheld, Waise irischer Eltern, durchs Leben, seine Haut ist von der Sonne so dunkel, dass er sich nach Lust und Laune in einen Hindu oder ein buddhistisches Strassenkind verwandeln kann, und als ein tibetanischer Mönch auftaucht, wird er kurzerhand dessen Schüler. Während er mit dem alten Mann durch Indien reist, erledigt er nebenher heimlich Aufträge für einen afghanischen Pferdehändler, der als Spion für die britische Kolonialmacht arbeitet. Kims Talent wird von den Engländern entdeckt, sie bilden ihn zum Agenten aus. Neben dem spielerischen Verkleiden und Verstellen ist es vor allem die Kunst der präzisen Wahrnehmung, die er erlernen muss. Das Training dazu ist bis heute als «Kim-Spiel» bekannt: Der Spieler muss sich die Anordnung von Gegenständen einprägen, und die Veränderungen, die vorgenommen werden, während er die Augen schliesst, erkennen.

Spiel und Spass stehen ganz im Dienst des «Great Game»: Der Konflikt zwischen Grossbritannien und Russland im Norden des Landes lässt einen Krieg erwarten, es gilt, das Gelände möglichst unauffällig zu kartografieren. Während der Roman die russischen Späher als Equipe ortsunkundiger Geografen vorführt, die mit schwerfälligen Geräten durch die Berge trampeln und an ihrer Ignoranz gegenüber den Einheimischen scheitern, verkörpert Kim den idealen Agenten: ein Eingeborener, der sich überall zurechtfindet und durch seine Abenteuerlust und Spielfreude hilft, die britische Herrschaft in Zentralasien zu sichern. Das folkloristisch anmutende Jugendbuch entpuppt sich als «Meisterwerk des Imperialismus» (Edward Said) und wurde zur Vorlage für die Rekrutierung von Spionen für den britischen Geheimdienst. Trotzdem oder gerade deshalb: lesenswert!