Nr. 26/2009 vom 25.06.2009

Kein Ort für Demokraten?

Was unterscheidet italienische von deutschen Ultras? Werden Fanszenen durch ihre innere Struktur zwangsläufig zu rechten Subkulturen? Ein neu erschienenes Buch sucht nach Antworten.

Von Pascal Claude

Sind organisierte, fanatische Fussballfans - sogenannte Ultras - per se faschistoid, oder handelt es sich bei ihnen vielmehr um eine Subkultur, die es zu respektieren gilt, weil sie einen entscheidenden Faktor im Kampf gegen Rechtsextremismus im Fussball darstellt? Der Politikwissenschaftler Jonas Gabler beantwortet in seiner Diplomarbeit beide Teilfragen überraschend mit Ja. Obwohl es Gabler nicht gelingt, diesen Widerspruch schlüssig aufzulösen, leistet er mit «Ultrakulturen und Rechtsextremismus - Fussballfans in Deutschland und Italien» einen differenzierten Beitrag zur Debatte um radikalisierte Fussballanhänger.

Die Anfänge der Ultrakultur liegen im Italien der sechziger Jahre, wo das Publikum in den Fankurven spontanen Applaus und Jubelschrei allmählich mit Fahnen, Transparenten und Megafonen ergänzte - Formen der Unterstützung, welche aus der ausserparlamentarischen Politik stammten. Ein Grossteil der Kurven war entsprechend links geprägt, wovon heute noch Namen von Fangruppierungen zeugen, wie etwa jener der Brigate Rossonere der AC Milan.

Mit dem gesellschaftlichen fand im Verlauf der Jahrzehnte auch ein Wandel in der Fankultur statt. Italienische Ultraszenen gelten heute mit wenigen Ausnahmen als rechts. So zitiert Gabler ein Mitglied der Ultras von Hellas Verona, einem der prominentesten Beispiele rechtsextremer Subkultur im italienischen Fussball: «Ultra sein heisst rechts sein. Eine Ultragruppe ist auf jeden Fall faschistisch. Die Kurve ist kein Ort für Demokraten. Die Kurve ist ein Ort, an dem Führer anerkannt werden. Sie ist militärisch organisiert, und die Ultras sind die Soldaten.»

Wo Gegner Gegner bleiben

Diese Soldaten des Fussballs bekämpfen ihre Gegner (und die Polizei) nicht mehr nur mit Gesängen und im Stadion, die lokalpatriotischen Machtspiele haben sich längst vom Ereignis Fussball gelöst. Das ist der Moment, in dem ein kontrolliertes, weil zeitlich und räumlich begrenztes Freund-Feind-Schema ins Faschistoide kippt, wo Gegner über die Stadionmauern hinaus Gegner bleiben, auch wenn sie dasselbe bürgerliche Leben führen, denselben Beruf ausüben, dieselbe Partei wählen, in derselben Stadt wohnen. Die Herabwürdigung und Entmenschlichung aller Andersfarbigen über den Spieltag hinaus hat rechtsextreme Züge. Nicht nur in Italien.

Dem Ursprungsland der Ultrakultur stellt Gabler die Fanszene Deutschlands gegenüber, die in den vergangenen fünfzehn Jahren ebenfalls eine starke Veränderung erfahren hat. In den Stadien der Bundesliga bilden heute ebenfalls Ultragruppierungen den Kern praktisch aller Fanszenen. Von ihren italienischen Vorbildern haben sie jedoch nur die reiche Palette an Ausdrucksformen übernommen, nicht die politische Konnotation. Im Gegenteil: Mit den Ultras, welche die Kutten- und Hooliganszene weitgehend abgelöst haben, sind rechtsextreme Äusserungen in deutschen Stadien deutlich zurückgegangen; Ultras wie in Bremen, Mainz, München oder auf St. Pauli definieren sich klar antirassistisch und beweisen zivilgesellschaftliches Engagement. Dass deutsche Ultras immer noch pauschal als Gefahr für die Sicherheit und als Feinde des Fussballs gelten, führt Gabler auf einen undifferenzierten Vergleich mit den Verhältnissen in Italien zurück.

«Gefährlich, stark, überlegen»

Es gelte, so Gablers Anliegen, Ultras in Deutschland als wichtige und vor allem authentische Fankultur zu begreifen, die sich vom dumpfen Rassismus der achtziger Jahre verabschiedet hat. Gleichzeitig muss er eingestehen, dass das Fanmodell der Ultras in Teilen mit jenem rechter Ideologien korrespondiert: mit der gewünschten Selbstwahrnehmung «als gefährlich, stark und überlegen», mit der Suche «nach einer irreversiblen Zugehörigkeit zu einer übergeordneten Gemeinschaft und klaren Hierarchien». Gabler warnt deshalb vor den Konsequenzen, die eine systematische Bekämpfung der Ultrakultur alleine wegen Pyro- und gelegentlichen Gewaltdelikten mit sich bringen kann: «Unverhältnismässige und pauschale Repression könnten zu einer Radikalisierung und zu einer Abkopplung von der Gesellschaft führen.» Es bestehe die Gefahr, dass sich «eine rechtsextreme ultraorientierte Fankultur entwickelt, da durchaus Anknüpfungspunkte zwischen der Ultrakultur und dem Rechtsextremismus (...) zu finden sind.»

Gablers Versuch einer Differenzierung durch Gegenüberstellung ist wichtig, der fachliche Hintergrund zweifelsfrei vorhanden. Das Fazit von «Ultrakulturen und Rechtsextremismus» verrät jedoch, dass er seiner eigenen Überzeugung nicht recht traut: Wenn den antirassistischen Ultras Sorge getragen werden soll, weil aus ihnen sonst Rechtsextreme werden könnten, liegt das Problem nicht nur bei Pauschalisierung und Repression. Dann ist es - wie der Mann aus Verona sagt - kulturimmanent.

 

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