WOZ Nr. 36/2009 vom 03.09.2009

Die kühnen Ideen von Gandhis vielen Töchtern

Sie ist eine Gewerkschaft und ein Kooperativenverband, sie hat eine Bank, eine Versicherung, eine Akademie aufgebaut: Sewa, die Assoziation selbstständiger Frauen, gewinnt in Indien immer mehr Einfluss.

Von Joseph Keve, Ahmedabad

«Sie hatten Glück, Sie sind zur Präsidentin gewählt worden», sagte die Besucherin und fügte hinzu: «Mir blieb das versagt.» Die Angesprochene war Ramila Rohit, eine scheue Landarbeiterin, die vor kurzem zur Präsidentin der Self Employed Women’s Association (Sewa) gewählt worden war; die Sewa ist mit rund einer Million Mitglieder eine der grössten basisnahen Organisationen in Indien. Und die, die das sagte, war US-Aussenministerin Hillary Clinton, die es sich während ihrer Fünftagereise durch Indien im Juli nicht hatte nehmen lassen, eine Sewa-Einrichtung in Bombay zu besuchen. «Frau Clinton ist seit über einem Jahrzehnt eine Freundin und Unterstützerin», erläuterte Sewa-Gründerin Ela Bhatt einem der vielen ReporterInnen, die Clintons Stippvisite in Hansiba, einem neu eröffneten Verkaufsladen für traditionelle Handwerkserzeugnisse, begleitet hatten.

In Ahmedabad (Bundesstaat Gujarat) – abseits der Medienöffentlichkeit und fern aller Aussenministerinnen – finden die einfachen Sewa-Mitglieder weniger Zuspruch. «Diese Verkäuferinnen sind eine Plage», knurrt der Verkehrspolizist Ganpat Patel und fuchtelt mit seinem Stock. «Sie blockieren mit ihren Handwagen den Verkehr. Bloss weil sie in einer Gewerkschaft sind, benehmen sie sich, als würde ihnen der Platz gehören.» Man müsste sie samt und sonders wegweisen, sagt er noch. Doch damit kommt er bei einer 68-Jährigen schlecht an: «Was schreist du hier rum? Bist du vielleicht wichtiger, nur weil du eine Uniform trägst? Versuch uns doch rauszuwerfen! Das haben schon Mächtigere als du probiert.» Und dann, an die Umstehenden gewandt, sagt Laxmiben Teta: «Der Kerl weiss doch nichts über die Geschichte dieses Viertels. Wir waren vor den Strassen, dem Verkehr und Leuten wie dem da.» Schon ihre Mutter und ihre Grossmutter hätten in Manek Chowd, einem Quartier inmitten der Neunmillionenstadt Ahmedabad, Gemüse verkauft.

Aha-Erlebnisse

Laxmiben Teta hat erlebt, wie sich das ehemalige Brachland durch den Markt entwickelte. Den Gemüseverkäuferinnen von Manek Chowd folgten Getreide-, Gewürz- und TuchhändlerInnen, Geschäfte und Häuser entstanden, Juweliere liessen sich nieder, immer mehr Kundschaft strömte herbei, das Verkehrsaufkommen explodierte. Und jetzt betrachtet die Polizei die Frauen, von denen die Entwicklung des Viertels ausging, als Verkehrshindernis. Die Stadtverwaltung behandelt sie als Eindringlinge und verhängt immer wieder Bussen. Und die StadtplanerInnen würden auf dem Territorium, das die Frauen beanspruchen, gern Einkaufszentren, Hochhäuser und Luxuswohnungen errichten. Also nahm Laxmiben Teta vor langer Zeit Kontakt mit Sewa auf und erzählte den Frauen dort von den Problemen der Strassenverkäuferinnen von Manek Chowd. Kurz darauf begann die Organisierung.

«Frauen holen das Wasser, sie sammeln Brennholz, sie putzen das Haus und waschen die Wäsche. All das ist Frauenarbeit, für die es nie Anerkennung gibt. Die Frauen kochen, und sie essen zuletzt, bei der Landarbeit schuften sie so viel wie der Mann und müssen noch nach den Tieren schauen. Auf dem Bau arbeiten sie wie die Männer zwölf Stunden und verdienen doch nur die Hälfte.» Die 35-jährige Hausfrau und Arbeiterin Dakshaben* beschreibt diese Verhältnisse, die auch die ihren sind, auf einem Sewa-Workshop über Arbeitsrechte und Frauen im Dorf Vasa, 65 Kilometer von Ahmedabad entfernt. Und dann sagt sie, am Ende ihrer Ausführungen: «Sewa hat mir geholfen zu verstehen, dass die Gesetze auf meiner Seite sind. Und meine Schwestern sind wie ich zum Kampf bereit.»

Laxmiben Teta und Dakshaben sind beide entschlossen, den ihnen zustehenden Platz und Freiraum in einer Gesellschaft zu erkämpfen, die von den Männern dominiert wird, überaus konservativ ist und grundsätzlich davon ausgeht, dass Frauen in die Küche gehören und die Armen sich gefälligst unten einzureihen haben. Und noch eine Gemeinsamkeit haben sie: Beide fanden ihr Aha-Erlebnis in der Sewa.

Der gewerkschaftliche Ansatz

Sewa, Indiens Assoziation selbstständiger Frauen, war im Dezember 1971 in der Wirtschaftsmetropole Ahmedabad als Arbeiterinnenverband von Karrenzieherinnen und Kopflastträgerinnen gegründet worden. 1972 liess sich der Zusammenschluss als Gewerkschaft registrieren. Bald rekrutierte und organisierte die Assoziation auch Frauen in anderen Bereichen und weitete ihren Aktionsraum auf das Land und über den Bundesstaat Gujarat aus: Während sich die Organisation anfangs auf städtische Selbstständige konzentrierte, leben und arbeiten mittlerweile über sechzig Prozent ihrer Mitglieder in den Dörfern und Weilern acht indischer Bundesstaaten.

Eigenständigkeit und Vollbeschäftigung stehen im Mittelpunkt. «Mit Vollbeschäftigung meinen wir Arbeitssicherheit, Einkommenssicherheit, Lebensmittelsicherheit und soziale Sicherheit», erläutert Pratibha Pandya, Sewa-Verwaltungsdirektorin und Mitglied des siebenköpfigen Leitungsteams. «Unter Eigenständigkeit verstehen wir, dass Frauen in jeder Hinsicht, individuell und kollektiv, autonom agieren und entscheiden sollten.» Nur eine Mobilisierung der Frauen, von ihnen selbst kollektiv vorangetrieben, könne ihre Lage auf Dauer verbessern.

Je nach den Verhältnissen, sagt Pandya im Sewa-Hauptquartier in Ahmedabad, nehme diese Mobilisierung verschiedene Formen an. Manchmal seien Berufsverbände die richtige Antwort, die für bessere Arbeitsmöglichkeiten und damit höhere Einkünfte streiten. In anderen Bereichen böten Sozialvereine, die sich um Krankenversicherung und Kinderbetreuung kümmern, eine bessere Lösung. Auch Produktions- und Vermarktungskooperativen spielen eine entscheidende Rolle. Und all diese Ansätze sind vom gewerkschaftlichen Grundgedanken geprägt: die Konkurrenz unter Produzentinnen auszuschalten und gemeinsam eine bessere Zukunft zu suchen.

Eine verwirrende Vielfalt von Organisationsformen vielleicht, aber eine, die den indischen Lebens- und Arbeitsverhältnissen entspricht. «Die Zusammenschlüsse können auf Dorfebene beschränkt sein, im Distrikt agieren oder auf bundesstaatlicher oder nationaler Ebene mobilisieren», sagt die 45-jährige Soziologin Pandya – wichtig sei nur, das sie von Frauen initiiert, gemanagt, kontrolliert würden – und zwar autonom und unabhängig.

«Sewa befindet sich im Spagat, wir sind eine Gewerkschaft und eine Kooperative zugleich», erläutert die 76-jährige Ela Bhatt, die die Idee zur Gründung von Sewa hatte. «Die Gewerkschaft mobilisiert und organisiert die Frauen rund um Arbeitsthemen, danach bilden die Frauen oft Genossenschaften, um als Selbstständige besser überleben zu können. Auch die Sparvereine sind genossenschaftliche Unternehmen.» Mittlerweile, so die vielfach ausgezeichnete Aktivistin, die früher als Anwältin arbeitete, hätten sich hundert Kooperativen unter dem Sewa-Dach zusammengeschlossen.

Alle Sewa-Gliederungen gehören den an ihnen beteiligten Frauen: Sie zahlen einen Jahresbeitrag von fünf Rupien (umgerechnet zehn Rappen), sie besitzen die Anteile, sie treffen die Entscheidungen, sie wählen aus ihren Reihen die Verantwortlichen, die ihnen rechenschaftspflichtig sind. Die Struktur ähnelt der anderer Gewerkschaften: Die Frauen sind in Branchen organisiert und bestimmen ihre Delegierten, die den Branchenrat bilden. Parallel dazu treffen sich monatlich ebenfalls gewählte Branchenkomitees, die die aktuellen Probleme debattieren. Alle drei Jahre wählen die Branchenräte das 25-köpfige Exekutivkomitee.

Das Exekutivkomitee, das nur in aussergewöhnlichen Fällen externe Hauptamtliche einstellt, vertritt selbstständige Arbeiterinnen aus den drei Bereichen Heimarbeit, Strassenverkauf, Produktion und Dienstleistung (Baugewerbe, Landwirtschaft, Transport, Wäscherei, Hausarbeit). Ausserdem beaufsichtigt das Komitee eine eigene Bank, eine eigenes Sozialversicherungssystem und eine eigene Akademie.

Bidis und Räucherstäbchen

In der Sewa-Hochburg Gujarat haben sich knapp 100 000 Heimarbeiterinnen der Organisation angeschlossen. Eine von ihnen ist Mehrunnisaben. Die Vierzigjährige rollt Bidis, jene eher rustikalen Zigaretten, bei denen Tabak oder andere Kräuter in ein Tendublatt gewickelt und mit einem Faden zusammengebunden werden. «Seit drei Generationen rollen wir Bidis», erzählt Mehrunnisaben, die in einem Slum beim Hauptbahnhof von Ahmedabad lebt und arbeitet.

«Auch die Kinder müssen in ihrer Freizeit mithelfen. Ich weiss, dass die Arbeit gesundheitsschädigend ist» – bei der Herstellung fällt viel Tabakstaub an, der zu Lungenkrankheiten führen kann –, «aber wir haben keine andere Möglichkeit zum Lebensunterhalt, seit mein Mann 2002 bei den antimuslimischen Pogromen getötet wurde.» Aber immerhin, ergänzt sie, hätten die 20 000 Bidi-Rollerinnen, die in Sewa organisiert sind, ein höheres Entgelt durchsetzen und einen Sozialfonds für Bidi-Arbeiterinnen gründen können.

In der Sektion Heimarbeit sind auch die Herstellerinnen von Räucherstäbchen vertreten, die parfümierte Paste um Bambusstöckchen rollen, dann trocknen und in bunte Tüten packen. Diesen Bereich hatte Sewa 1981 zu organisieren begonnen; inzwischen zählt die Sektion im Grossraum von Ahmedabad über 10 000 Mitglieder. Obwohl die Zahl der unorganisierten Räucherstäbchenproduzentinnen gross ist (Schätzungen zufolge sind es knapp 60 000), ist es Sewa gelungen, einen branchenbezogenen Mindestlohn und ein Minimum an Sozialversicherung zu erkämpfen. «Wir haben es mit der Androhung von Arbeitsverweigerung und durch Verhandlungen geschafft, das Einkommen um ein Drittel zu erhöhen», sagt die vierzigjährige Slumbewohnerin Mumtaz Patel. Die nichtorganisierten Heimarbeiterinnen hätten durch die Verhandlungen gewonnen: Für sie gilt inzwischen der gesetzliche Mindestlohn.

Lumpenkleider und Stickerei

Einen Schritt weiter in der Selbstorganisation sind die Konfektionsschneiderinnen und die Stickerinnen. Ahmedabad ist das indische Zentrum für Lumpenrecycling: Viele Frauen, zumeist Musliminnen, kaufen Tuchfetzen auf, säubern sie und nähen Puppen, Kinderkleider, Futterale, Teppiche und Bettdecken aus den Abfällen der Textilproduktion. Lange Zeit bestimmten jedoch nicht sie das Geschäft, sondern die Zwischenhändler. Um den Frauen eine Zukunft zu bieten, müsse man diesen Handel ausschalten – zu diesem Schluss kam eine Untersuchung, die von Mitgliedern der Sewa-Akademie Mitte der achtziger Jahre vorgenommen worden war.

Sie fanden heraus, dass die überwiegende Mehrheit der Lumpennäherinnen nicht einmal 500 Rupien im Monat umsetzt (nach heutigem Umrechnungskurs etwa zehn Franken) und nach Abzug der Maschinen-, Material- und Stromkosten weniger als 300 Rupien verdient. Ausserdem, so die Studie, litten neunzig Prozent der Befragten unter Fussschmerzen, geschwollenen Beinen, steifen Rücken und Schlaflosigkeit. Daraufhin lancierte Sewa eine politische Kampagne – mit Erfolg. 1988 legte die damalige Regierung des Bundesstaats Gujarat einen Mindestlohn für die Näherinnen fest.

Einen Erlass durchzusetzen und ihn auch zur Geltung zu bringen, sind in Indien aber zweierlei: Die Gewerkschaft musste Hunderte Prozesse führen; manche gewann sie, andere verlor sie. Und so entschied sich die Organisation für eine andere Strategie: Sie unterstützte die Bildung einer Kooperative, die mit einem kleinen Laden begann, aus dem ein ansehnliches Verkaufszentrum wurde, das inzwischen mehr bietet als zusammengenähte Lumpen. Denn viele Sewa-Mitglieder in diesem Sektor schneidern mittlerweile auch, sie bügeln und verpacken; sie produzieren Konfektionsware, die immer mehr nachgefragt wird, sauber gefertige Kleidung. Ein gut ausgebildetes Team von jungen Sewa-Aktivistinnen wartet regelmässig ihre Maschinen und informiert über neue Modetrends.

Die Näherinnen folgten damit dem Beispiel der Stickerinnen. Vor allem im Norden des Bundesstaats, in der Wüstenregion von Banaskantha, hat Sticken eine lange Tradition; in jedem Dorf entwickelten Frauen über Generationen hinweg eigene Muster und Ornamente – meist für den Eigenbedarf, denn leben konnten sie davon nicht. Das Problem war, dass ihnen die kunstfertig bestickten Jacken, Schals oder Kissenbezüge oft nicht lange gehörten. Umiaben aus dem Dorf Vauva erinnert sich gut, wie sie während einer der langen Dürreperioden ihre besten Stickereien für hundert Rupien (rund zwei Franken) verkaufen musste, um über die Runden zu kommen. Und so gründete Sewa 1989 eine kleine Genossenschaft: Vier skeptische Frauen erhielten den Auftrag, zwölf Kurtas – lockere, kragenlose Hemden – herzustellen. Inzwischen arbeiten 20 000 Stickerinnen für Sewa-Kooperativen. Ihnen schlossen sich Frauen mit anderen Fertigkeiten an: Bäuerinnen, Kautschuksammlerinnen, Landarbeiterinnen. 40 000 von ihnen sind mittlerweile in 91 Sewa-Gruppen organisiert.

«Dann gehe ich zu seinem Boss ...»

Sie tauschten sich aus, gewannen neue Erkenntnisse, führten Qualitätskontrollen ein. Sie lernten, mit Zeit und Terminen umzugehen, Geschäfte zu führen und entwickelten ein Selbstbewusstsein, das sie auch an die Machbarkeit anderer Projekte glauben liess. So bauten die Dorfgemeinschaften dieses trockenen Distrikts unter Federführung der Frauen Wassertanks, Dorfteiche und Regenauffangsysteme. «Jetzt, da wir auf eigenen Beinen stehen, kann uns niemand so schnell mehr etwas vormachen», sagt Gauriben, die die Wasserprojekte mit angeschoben hat. «Wenn mich heute ein Regierungsbeamter ignoriert, gehe ich schnurstracks zu seinem Boss; hört der mir ebenfalls nicht zu, werde ich bei dessen Chef vorstellig. Manchmal dauert es eine Weile, aber ich finde immer einen, der sich mit meinen Anliegen auseinandersetzen muss.»

Um die gemeinsam produzierten Waren zu vermarkten, haben die Sewa-Frauen von Nordgujarat 2006 das Sewa Trade Facilitation Centre gegründet – eine Art Handelsabteilung, die die Erzeugnisse der Handwerkerinnen unter dem Markennamen Hansiba vertreibt. Es war das neue Hansiba-Geschäft in Ahmedabad, das Clinton vor zwei Monaten besuchte.

Weniger auffällig, aber genauso engagiert agieren die Sewa-Mitglieder im Produktions- und Dienstleistungsbereich. Die Bauarbeiterinnen, Kopflastträgerinnen, Haushaltshilfen, Wäscherinnen; Fabrikarbeiterinnen und Altstoffsammlerinnen bilden mit rund 400 000 Mitgliedern die grösste Sewa-Sektion und haben eine Reihe von Kooperativen gegründet. Und auch sie profitieren von den Einrichtungen der Assoziation.

Von der Sewa-Bank zum Beispiel. Die war entstanden, als Ende 1973 eine Altkleiderhändlerin in Ahmedabad eine simple Frage gestellt hatte: «Wenn uns die Banken keine Kredite gewähren – warum gründen wir dann nicht selber eine?» Sechs Monate später, 6287 Frauen hatten da schon über 70 000 Rupien für das Projekt gesammelt, gründete Sewa die Frauen-Coop-Bank. Heute hat die Genossenschaftsbank über 60 000 Besitzerinnen und ein Betriebskapital von über einer Milliarde Rupien (etwa 22 Millionen Franken). Sie ist eine Art Sparverein, vergibt Kleinkredite (98 Prozent davon werden pünktlich zurückgezahlt), unterstützt die Entwicklung der Kooperativen und dient zuweilen auch als Pfandhaus. Shakiben, eine 54 Jahre alte Ladenbesitzerin, hat vor kurzem ein paar Schmuckstücke zur Sewa-Bank gebracht, weil sie ihr Geschäft ausweiten will. «Andere Banken verlangen höhere Zinsen, stecken mehr Gebühren ein, und man muss länger warten», sagt sie. «Dies aber ist meine Bank, sie gehört auch mir.»

Doch wie sieht es mit der sozialen Sicherheit aus, einer der Grundideen der Bewegung, von denen Sewa-Verwaltungsdirektorin Pratibha Pandya sprach? Auch da hat sich viel getan: Seit 1992 betreibt die Kooperativengewerkschaft eine Assekuranz, die die Anlagen (Gebäude und Maschinen) der Genossenschaften versichert, Sewa-Mitglieder für einen kleinen Jahresbeitrag (Fr. 2.70) im Krankheits- und Todesfall unterstützt und auch eine Lebensversicherung anbietet. Über 200 000 Frauen nutzen diese Versicherung.

Antwort auf die Globalisierung?

Mehrere Zehntausend Frauen haben in den letzten Jahren zudem die Sewa-Akademie besucht, die auf den Dörfern und in den Städten Kurse anbietet: Wie formuliere ich eine Eingabe? Wie gründe ich eine neue Initiative? Wie arbeite ich mit einem Computer? Videoworkshops, politische Weiterbildung für Aktivistinnen, Kurse zur Gewerkschaftsarbeit – all dies hat die Academy in ihrem Programm; zudem unternimmt sie eigene Studien (wie die über die Lumpennäherinnen). Der Unterricht zur Selbsthilfe, Selbstorganisation und Mobilisierung war nicht vergebens: Im Dezember 2008 verabschiedete das indische Parlament aufgrund vieler (auch von Sewa-Mitgliedern initiierten) Petitionen, Kundgebungen und Kampagnen ein Gesetz, das die Regierung verpflichtet, ein Sozialversicherungssystem für die ArbeiterInnen des informellen Sektors einzuführen. Passiert ist seither nicht viel, aber der Druck von unten hält an.

Mit ihrem Verständnis von politischer und gewerkschaftlicher Mobilisierung sind die Sewa-Mitglieder anderen Organisationen – auch in den industrialisierten Gesellschaften – ein Stück weit voraus. Bis vor ein paar Jahren waren Massenproduktion und industrielle Grosseinheiten die Regel. Die Globalisierung, die Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse, die Diversifizierung von Produktpaletten haben diesen Trend gekippt: In Ahmedabad und Bombay zum Beispiel gibt es keine grossen Textilfabriken mehr; ihre Arbeit erledigen kleine, hoch spezialisierte Unternehmen. Sie konzentrieren sich auf einzelne Fertigungsschritte: Sie spinnen, weben, färben, drucken und stützen sich dabei auf noch kleinere Zulieferbetriebe und eine Armee von HeimarbeiterInnen, zumeist Frauen.

Diese Entwicklung hat enorme Folgen für die ProduzentInnen: Vorbei die Zeit, in der sich ganze Belegschaften in Gewerkschaften organisieren und ihre Interessen allein mit traditionellen Arbeitskampfmassnahmen durchsetzen konnten. Inzwischen wächst die Zahl der selbstständig Erwerbstätigen – auch in den Industriestaaten. Selbst wo noch Grossbetriebe bestehen, werden immer mehr Tätigkeiten ausgegliedert, die Zahl der prekären Arbeitsverhältnisse nimmt zu, immer mehr Lohnabhängige schlagen sich als vereinzelte VerkäuferInnen ihrer Arbeitskraft durch – wie die Stickerin in Nordgujarat, wie die Karrenzieherin von Ahmedabad. Überall entsteht eine neue Klasse von armen, gesellschaftlich diskriminierten Selbstständigen, die auf eigene Rechnung und auf eigenes Risiko arbeiten und wirtschaften müssen.

Sewa, diese merkwürdige Mischung aus Gewerkschaft, Kooperativenverbund und Selbstermächtigungsorganisation hat diese Veränderungen vielleicht früher erkannt als andere. Jedenfalls hat sie schon früher zu handeln begonnen.

Aber setzt sie auch die richtigen Akzente? Die Ungerechtigkeit hat drei Gesichter, schrieb einst Ela Bhatt: das des Ausbeuters, das eines politischen Systems, das die Ausbeutung unterstützt, und das einer Justiz, die den PolitikerInnen den Rücken frei hält. Den ersten Gegner haben Gandhis Töchter in Sewa dank ihrer Zähigkeit, ihres Einfallsreichtums, ihrer Visionen und ihrer Erfolge zumindest teilweise ausschalten können. Die anderen können sie nicht alleine erledigen.