Nr. 41/2009 vom 08.10.2009

In zwei Stunden um die Welt

In Bremerhaven kann man durch die Klimazonen der Erde reisen, ohne dafür ins Flugzeug zu steigen, und lernt dabei einiges über den Klimawandel – und das eigene Klimaverhalten.

Von Mirco Lomoth

Frühmorgens auf der Bywaldalp. Feuer knistert unter einem Kupferkessel, Werner Infanger rührt frische Kuhmilch, Enkel Matthias legt Holzscheite nach. Zu warm darf die Milch nicht sein. Sie dickt langsam ein, wird mit der Käseharfe zu Bruch geschnitten, im Järb läuft die Molke ab. Übrig bleibt eine weisse Masse, die gesalzen im Erdkeller zum Käse reift. So wie jeden Sommer halt, aber an der Nordsee wirkt das exotisch.

Es sind Filmszenen im neuen Erlebnismuseum Klimahaus 8° Ost in Bremerhaven. BesucherInnen reisen hier einmal um den Globus, entlang dem achten Längengrad immer gen Süden bis zur Antarktis und zurück in den Norden über die Korallenriffe Samoas und die Tundra Alaskas. Neun Stationen auf rund 40 000 Kilometern – im Klimahaus legt man sie in zwei, drei Stunden zu Fuss zurück.

Das Klimahaus liegt in der neuen touristischen Mitte Bremerhavens, im Dreieck zwischen Deutschem Schifffahrtsmuseum, Zoo am Meer und Deutschem Auswandererhaus. Nach dem Rückgang der Hafenwirtschaft wurde das Areal um den Alten und den Neuen Hafen konsequent touristisch ausgebaut und auf den Kunstnamen «Havenwelten» getauft. Erst im letzten Jahr eröffnete hier das Viersternhotel Sail City, das für seine Ähnlichkeit mit dem segelförmigen Burj al Arab in Dubai City bekannt wurde, sowie das Einkaufszentrum Mediterraneo.

Und jetzt zieht auch noch das Klima ein, bekommt ein eigenes Haus. Es ist die neue Hauptattraktion in Bremerhaven, das nächste grosse Ding an der Küste. «Das Klimahaus ist inhaltlich und auch durch seine Grösse etwas ganz Neues für Bremerhaven», sagt Jochem Schöttler, der Leiter von Bremerhaven Touristik. Aussen musste es eine organische Bauform sein mit einer Fassade aus 4700 unterschiedlich geformten Glasscheiben. Für Bremerhaven ist der touristische Umbau damit abgeschlossen und die Stadt ein gutes Stück näher ans Wasser gerückt – und an das Ziel, sich als wichtigste Stadt an der Nordsee zu etablieren. Um die 600 000 BesucherInnen sollen pro Jahr kommen und sich interaktiv unterhalten lassen.

«Die Resonanz ist schon jetzt überwältigend, auch im Ausland», sagt Schöttler. Die Bremerhavener Attraktion tritt ja auch nicht gerade bescheiden auf. Die 11 500 Quadratmeter Ausstellungsfläche sind an einem Tag kaum zu bewältigen, geschweige denn zu verarbeiten. Man hofft jetzt sogar, zu einem «Schmelzpunkt» der Klimaforschung und des öffentlichen Interesses zu werden, man will Klimakongresse herholen, Seminare anbieten, mitschwimmen im Sog der wissenschaftlichen und moralischen Debatten.

Die Steine lösen sich

Haben die BesucherInnen eben noch ein Matjesbrötchen mit ordentlich Zwiebeln am Fischimbiss in der Innenstadt gegessen, stehen sie kurz darauf schon in den Urner Alpen, am Uri-Rotstock-Massiv, rund 750 Kilometer südlich von Bremerhaven, auf dem gleichen Längengrad. Besser gesagt, sie stehen vor einer originalgetreuen Kulisse – einem acht Meter hohen Gletscher aus glasfaserverstärktem Kunststoff. Aus dem Eis ragen Steine, der Gletscher schmilzt, die Steine lösen sich – auch das eine Abbildung der Realität.

In einem Nebenraum erfahren wir, warum das zu einem ernsten Problem für die BergbäuerInnen wird: In den letzten 150 Jahren ist die Temperatur in den Schweizer Alpen um ein Grad angestiegen, die Gletscherflächen sind in dieser Zeit von 1800 auf nunmehr 1300 Quadratmeter zurückgegangen, der Blüemlisalpfirn in der Nähe der Bywaldalp wird von Jahr zu Jahr kleiner, und in fünfzig Jahren wird wohl nicht mehr als ein Geröllfeld übrig sein – vorausgesetzt die Schneegrenze in den Alpen steigt bis dahin tatsächlich um 200 Meter, wie es die WissenschaftlerInnen voraussagen. Unten in Isenthal haben die BewohnerInnen schon jetzt mit Steinschlägen zu kämpfen, viele Strassen in der Region waren im letzten Jahr unpassierbar, man versucht mit Stützbauwerken, Aufforstung und Steinschlagnetzen gegen die Symptome anzugehen.

Bunte Fische im armtiefen Wasser

Mit wenigen Schritten durch eine Gletscherhöhle verlassen die BesucherInnen die Schweiz und ihre Probleme. Die Wände sind vereist, die Raumtemperatur ein paar Grad unter Null, die Kälte kriecht einem den Rücken hinauf. Kurz darauf steigen wir in eine Gondel und kommen nach Sardinien, wo uns heisser Sciroccowind ins Gesicht weht. Die Reise durch die Klimazonen der Erde wird im Klimahaus zu einem sinnlichen Erlebnis: In einem Moment befindet man sich mitten im nächtlichen Regenwald von Kamerun, hört Vögel und Affen lärmen, spürt Blätter auf der Haut. Und kurz darauf betritt man eine feuchtheisse Flusslandschaft, eine Holzbrücke, stösst auf Mangroven, bunte Fische im armtiefen Wasser. WissenschaftlerInnen haben sie eigens im Moko-Fluss in Kamerun eingefangen und hertransportiert (und dabei laut Pressemitteilung die internationalen Artenschutzabkommen respektiert).

Im Nebenraum ein Baumstumpf mit einer Motorsäge, Thema Abholzung. Gefilmte Dorfszenen, die Leute diskutieren über Naturschutz und die Chancen des Tourismus. 200 Stunden Filmmaterial haben der Bremer Architekt Axel Werner und der amerikanisch-israelische Filmemacher Ben Zion Goldbergh von einer monatelangen Reise auf dem achten Längengrad mitgebracht und zusammengeschnitten zu Szenen, Geschichten und Interviews, die davon erzählen, wie Menschen in den unterschiedlichen Klimazonen leben. Man begegnet alaskischen RobbenjägerInnen und lernt das Leben der Tuareg in der trockenen Sahelzone kennen. Ein Raum, 200 Quadratmeter Wüste, vor Ort kartografiert und in Bremerhaven nachgebaut. Unter den Füssen der Wüstensand, Berbermusik tönt aus den Lautsprechern, die Hitze brennt auf der Haut, 38 Grad Raumtemperatur. In der Antarktis dann nichts als Eis, weisse Endlosigkeit, sechs Grad unter null.

Am Strand von Satitoa steht eine überwachsene Kirchenruine, die Leute haben das Dorf verlassen und sind ins Landesinnere von Samoa gezogen, weil der Meeresspiegel steigt. Man taucht hier ein in die Südsee, geht durch ein Saumriff vor der Küste Samoas. 380 Kubikmeter Aquarien, eine tropische Unterwasserwelt mit Zebramuränen und Kugelfischen. Doch die ersten Anzeichen von Korallensterben sind zu erkennen. Der «weisse Tod» kommt mit steigenden Wassertemperaturen.

Die Ausstellung konfrontiert die BesucherInnen an vielen Stellen mit den Auswirkungen des Klimawandels. «Man kann das Thema ‹Klimawandel› nicht behandeln, ohne die Folgen für Mensch und Natur zu zeigen», sagt Susanne Nawrath, Wissenschaftliche Leiterin des Klimahauses und Mitautorin des aktuellen Berichts des Weltklimarats.

Die Erlebnisreise um den Globus ist dabei nur einer von vier Ausstellungsteilen im Klimahaus. Im zweiten Teil «Elemente» veranschaulichen mehr als hundert interaktive Exponate, wie das Klima physikalisch funktioniert und Klimaphänomene entstehen. «Perspektiven» erklärt den Wandel des Klimas von der Vergangenheit bis in die Zukunft. Aus dem Jahr 2050 melden sich die ProtagonistInnen der Dokumentarfilmszenen noch einmal fiktiv zu Wort und berichten von den Auswirkungen des Klimawandels, die sie bis dahin erlebt haben. Zum Beispiel in der Schweiz. Werner Infangers Sohn erklärt dem Enkel, warum sie damals das Leben auf der Alp aufgeben und Isenthal verlassen mussten. Die Steinschläge seien von Jahr zu Jahr heftiger geworden. Einige der besten Zuchtkühe seien erschlagen worden, das Leben auf der Alp immer mehr Gefahren ausgesetzt. Drahtnetze, Aufforstung, Sprengungen hätten nichts genützt. «Es wurde immer schlimmer», spricht die Stimme aus der Zukunft. Die Zufahrtsstrasse wurde verschüttet, TouristInnen blieben aus, im Winter gab es nur noch Regen statt Schnee, und dann, irgendwann vor dem Jahr 2050 – der Gletscher über dem Dorf war fast abgeschmolzen – kam die grosse Katastrophe: Ein gewaltiger Murgang aus Schlamm und Steinen. Evakuation aller DorfbewohnerInnen. «Das hiess ein neues Leben aufbauen.»

Oder im Niger. Mariam, die im Dokumentarfilm noch ein junges Mädchen ist, schildert, wie mit den Jahren die Brunnen austrockneten und die NomadInnen immer weiter umherstreifen mussten, um Nahrung für ihre Tiere zu finden. Sie erzählt von Kämpfen um knappe Ressourcen und vom Flüchtlingslager der Uno, in das sie 2045 umsiedeln mussten.

Grundlage für all diese Prognosen sind die Aussagen des Weltklimarats zu den Auswirkungen des Klimawandels. Wenn in Zukunft neue Erkenntnisse veröffentlicht werden, soll auch die Ausstellung aktualisiert werden. «Die Präsentationen werden laufend auf dem neuesten Stand gehalten», sagt Susanne Nawrath. Das in Bremerhaven ansässige Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung und andere Forschungseinrichtungen, wie etwa das Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg, beraten die AusstellungsmacherInnen.

400 Gramm CO2 pro BesucherIn

In den nächsten Wochen wird der vierte Ausstellungsteil, «Chancen», eröffnet. Hier sollen sich BesucherInnen mit dem eigenen Klimaverhalten beschäftigen und Tipps an die Hand bekommen. Internationale Klimaschutzabkommen werden erklärt, besondere Energiefresser im Haushalt entlarvt, und es wird vorgerechnet, wie viele Treibhausgase ein Fernflug verursacht. «Wir wollen zeigen, dass man schon mit kleinen Massnahmen viel erreichen kann und Klimaschutz häufig nur eine Frage des Nachdenkens ist», sagt Susanne Nawrath. Die Bremer Klimaschutzagentur Energiekonsens hat für die Ausstellung eigens einen Klimarechner entworfen, mit dem alle BesucherInnen ein persönliches CO2-Konto anlegen und dieses hinterher über ein Profil im Internet weiterpflegen können. Wenn es nach den Vorstellungen der OrganisatorInnen geht, sind die BesucherInnen ohnehin schon mit der Bahn angereist. «Wir wollen die Leute sensibilisieren, aber ohne erhobenen Zeigefinger, sie müssen selbst draufkommen», sagt Pressesprecher Wolfgang Heumer. Und tatsächlich, man verlässt die Ausstellung mit dem Gefühl im Bauch, dass sich etwas verändert auf dieser Welt und man selbst dabei eine Rolle spielt. Falls man das nicht schon vorher wusste.

«Wenn jemand im Urlaub zusätzlich zum Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven auch noch das Klimahaus besucht, hinterlässt das sicherlich Spuren, die zu mehr Offenheit gegenüber Klimafragen im Alltag führen können», sagt Patrick Hofstetter, Klimaexperte des WWF Schweiz. «Es ist erfreulich, dass man den Besuchern auch Gedankenanstösse zum eigenen Verhalten mitgeben will, da spüren wir bei den Menschen im Moment einen sehr hohen Aufklärungsbedarf.» Die BetreiberInnen des Klimahauses setzen selbst auf intelligente Gebäudetechnik, um trotz des hohen Energieverbrauchs für Multimedia und Klimasimulationen eine vertretbare Klimabilanz präsentieren zu können. So wird überschüssige Raumhitze über einen Wasserkreislauf in den Betondecken abgeleitet, Energiepfähle im Boden sorgen für Wärme im Winter und Kühlung im Sommer, Solarzellen auf dem Dach produzieren Strom für einen Ausstellungsteil, der Rest wird aus Wind- und Wasserkraftanlagen zugeführt. Die CO2-Bilanz liegt laut Betreiber so bei 400 Gramm pro BesucherIn. Nicht viel für eine Reise um den Erdball, die im wirklichen Leben per Flugzeug vierzehn Tonnen CO2 verursachen würde.

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