Nr. 47/2009 vom 19.11.2009

Auf dem Holzweg

Papierkonzerne machen Menschen und Tieren auf Sumatra die Lebensgrundlage streitig – und sie verursachen enorme Treibhausgasemissionen. Ist Gegensteuer noch möglich? Ein Augenschein vor Ort.

Von Michael Lenz, Sumatra

Eine endlose Lkw-Kolonne rollt über die staubigen Pisten der Plantage des Papierkonzerns Asia Pulp & Paper (APP), eines der grössten Papierproduzenten der Welt. Ein Laster nach dem anderen transportiert den in zwei Meter lange Stücke zersägten Regenwald der indonesischen Provinz Jambi auf Sumatra ab. Auf einer 75 Kilometer langen Privatpiste, die nur an wenigen Stellen öffentliche Strassen kreuzt, fahren die Holztransporter verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit zu ihrem Ziel, der Papierfabrik Lontar Papyrus, einem Unternehmen der APP-Gruppe. KritikerInnen werfen APP illegale Abholzungen in Indonesien, Kambodscha und China vor.

Der Papierkonzern ist unersättlich. Auf 700 000 Hektaren, der Hälfte der wirtschaftlichen Produktionsfläche in Jambi, hat APP bereits alten Regenwald durch Monokulturen ersetzt. Wo einst ein mit grosser Artenvielfalt gesegneter Dschungel stand, erstrecken sich heute Monokulturen aus Ölpalmen sowie Eukalyptus und Acacia. Diese beiden Holzarten sind bei den Papierproduzenten besonders beliebt, weil sie rasch wachsen und innert kurzer Zeit für die Produktion gefällt werden können.

Bitte nicht filmen!

Anfang November hat Greenpeace in Jambi eine Tour zum Orang-Utan-Auswilderungszentrum der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF) organisiert. Mit von der Partie waren auch Prominente wie Melanie Laurent, Star des aktuellen Tarantino-Films «Inglorious Basterds», und ein Kamerateam. Das Auswilderungszentrum verschafft Jungtieren wieder Zugang zu den letzten verbliebenen Refugien für Orang-Utans auf Sumatra: Es liegt am Rande des Nationalparks Bukit Tigapuluh, der samt den umliegenden Wäldern der letzte verbliebene Rest des Tieflandregenwalds auf Sumatra ist. «Neunzig Prozent der Regenwälder Sumatras sind bereits abgeholzt worden», sagt Didy Wurjanto. Bis vor kurzem war Wurjanto Leiter der Forstbehörde in Jambi – und ein so engagierter Umweltschützer, dass ihn die Provinzbehörde zum Leiter des Amtes für Tourismus und Kultur wegbeförderte.

Der Weg zu den Orang-Utans führt durch eine grosse Eukalyptusplantage von APP. «Lasst eure Kameras nicht sehen. Hier sind überall Aufpasser, die Filmen und Fotografieren nicht zulassen», warnt ein lokaler Begleiter. Er lässt offen, was passieren könnte, sollten die Aufpasser eine Kamera entdecken. Aber die Eindringlichkeit seiner Mahnung lässt keinen Zweifel daran, dass es nichts Gutes wäre.

Fast am Ende der 35 Kilometer langen APP-Plantagenpiste trifft der Konvoi auf eine Familie der ethnischen Gruppe Orang Rimba. Sie lebt am Waldrand unter einer blauen Plastikplane, die zwischen zwei Bäumen aufgespannt ist. Allen Warnungen zum Trotz hält der Wagen. Die Kameraleute springen heraus, um die Menschen zu filmen – doch die wehren ab. Über einen Dolmetscher lässt einer die Eindringlinge wissen, dass er und seine Familie nicht gefilmt werden wollen. Widerwillig fügt sich das TV-Team.

Streit um Lebensgrundlage

Die Orang Rimba haben allen Grund, Menschen von ausserhalb ihres Walds mit grosser Vorsicht zu begegnen. Der Wald war ihr Eigentum und ihre Heimat. Jetzt müssen sie erleben, wie er abgeholzt und abtransportiert wird. Mit dem Wald verschwinden Tiere und Pflanzen – und damit ihre Lebensgrundlage. Nach Angaben der indonesischen Umweltorganisation Warsi haben sie gerade erst mit dem Ackerbau begonnen – eine Konsequenz aus dem Verlust ihrer Wälder. Denn im schrumpfenden Waldgebiet konkurrieren die Orang Rimba mit anderen ethnischen Gruppen um die immer knapper werdenden Ressourcen.

«Vor ein paar Jahren kam es fast zu einem Krieg zwischen den Orang Rimba und den Talang Mamak», sagt Peter Pratje, Leiter der Orang-Utan-Auswilderungsstation. In Jambi ist tatsächlich ein Krieg ausgebrochen – zwischen Mensch und Tier. Auf der Suche nach Nahrung kommen Elefanten und Tiger immer häufiger in die Nähe menschlicher Siedlungen. Im März hat ein Tiger zwei BewohnerInnen getötet. Vor wenigen Monaten trampelte eine Elefantenherde in einem Dorf mehrere Häuser nieder. Ein Mensch ist dabei ums Leben gekommen. Um sich und ihre Felder zu schützen, haben die DorfbewohnerInnen dann fünf Elefanten vergiftet.

Auch auf die 150 000 Hektaren des Waldgebiets mit der Orang-Utan-Station am Rande des ähnlich grossen Bukit-Tigapuluh-Nationalparks hat APP ein Auge geworfen. Vielleicht war das Forstministerium beeindruckt vom Echo der internationalen Medienkampagne verschiedener Umweltorganisationen gegen die Umwandlung und Freigabe des Waldes zur kommerziellen Nutzung – auf jeden Fall habe es, so Didy Wurjanto, der APP die rote Karte gezeigt. Allerdings ist die Entscheidung noch nicht offiziell bekannt gegeben worden.

Peter Pratje, der bisher 108 Orang-Utans erfolgreich ausgewildert hat, ist skeptisch. «Das wäre das erste Mal, dass eine Konzession zur Konvertierung von Regenwald in Plantagenwald abgelehnt wird , um Orang-Utans zu schützen.» Lange ist es her, dass Sumatra eines der grossen Habitate dieser Tiere war. Die Abholzung hat deren Lebensraum fast völlig vernichtet. Heute leben nur noch etwa 6000 Orang-Utans in dem bisschen, das von den Wäldern übrig ist.

Pratje ist sicher, dass der APP-Konzern nicht aufgeben wird. Deshalb will er mit nichtstaatlichen Organisationen die Bevölkerung, die Provinzregierung und die indonesische Regierung davon überzeugen, dass es nachhaltige wirtschaftliche Alternativen zur Holzindustrie gibt. Die UmweltschützerInnen haben Pläne zur Dorfentwicklung erarbeitet. Projekte zur Unterstützung der indigenen Gruppen wie der Orang Rimba und der Talang Mamak sind bereits angelaufen. Mit Wurjanto, der auch in seiner neuen Funktion als Tourismuschef dem Umwelt- und Naturschutz Priorität einräumt, entwickelt Pratje Konzepte für einen Ökotourismus in Jambi.

Wer hat Definitionsmacht?

Ob nachhaltige Alternativen umgesetzt werden können, hängt auch von den Resultaten der Klimakonferenz in Kopenhagen ab. Wer finanziert die Milliarden, die es den Entwicklungsländern ermöglichen sollen, ihre Ökonomien und Gesellschaften an die Folgen des Klimawandels anzupassen?

Zu diesen Anpassungsmassnahmen zählt auch der Erhalt der letzten verbliebenen Regenwälder, die als Kohlenstoffsenken eine immense Bedeutung haben. Um die Rahmenbedingungen der Idee einer Reduktion von Emissionen aus Entwaldung und der Schädigung von Wäldern (REDD) wird in den Vorverhandlungen zurzeit zäh gerungen. Einer der wesentlichen Knackpunkte ist die Frage: Was zählt als Wald – und vor allem, was zählt als Klimasenke, also als CO2-Speicher? Nur ursprünglicher Wald oder auch Plantagen, wie es die Industrie fordert? Für Pratje ist die Antwort klar: «Pro Hektare ist das Potenzial zur CO2-Senke in einem natürlichen Waldökosystem zehnmal so hoch wie in einem kommerziellen Wald. Dazu kommt, dass Plantagen im Rotationsverfahren abgeholzt werden und somit wieder CO2 freigesetzt wird.»

Zwei Wochen vor Beginn der Klimakonferenz ist noch immer offen, ob es in Kopenhagen zu einem verbindlichen internationalen Klimavertrag kommen wird. Aber selbst wenn, weiss niemand so genau, wie sich REDD und all die anderen theoretisch durchdachten Systeme zur Klimarettung praktisch umsetzen lassen. Um das herauszufinden, wagt die australische Regierung den Schritt in die Praxis: Sie will mit 200 Millionen australischen Dollar Pilotprojekte auf Kalimantan (Borneo) und vielleicht eben auch in Jambi finanzieren.

Die «Dschungelschule»

Auf den letzten zwölf Kilometern zur Orang-Utan-Auswilderungsstation offenbart sich die wilde Schönheit des Urwalds. Die Fahrt durch den dichten Dschungel, in dem Elefanten, Tapire, Malaienbären und die letzten Sumatratiger leben, ist abenteuerlich. Immer wieder kommen die Jeeps auf dem vom Monsunregen aufgeweichten Forstweg ins Schlingern. Zwei Baumstämme, die als «Brücke» über einen Bach führen, sind so glitschig und morsch, dass sogar der Prominententross aussteigen muss. Wagen und Passagiere sind über und über mit gelblichem Schlamm bespritzt, als sie nach einer Stunde endlich die Auswilderungsstation erreichen.

Pratje und seine Mitarbeiter holen Pinki, Violett und Onki zum «Unterricht» aus dem riesigen Käfig und lassen sie in der «Dschungelschule» im dichten Grün des letzten Tieflandregenwalds von Sumatra toben. Vor der Auswilderung müssen die Affen, die als Haustiere oder Spasstiere auf den Märkten Sumatras in Gefangenschaft gross geworden sind, alles für das Leben in der Natur lernen. Sogar das Klettern. Pratje weiss: «Am Anfang stürzen sie oft ab, weil sie in Gefangenschaft nicht einzuschätzen gelernt haben, ob ein Ast stark genug ist, ihr Gewicht zu tragen.»

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