WOZ Nr. 49/2009 vom 03.12.2009

Alle Krisen sind eine

AktivistInnen aus dem globalen Süden haben in Genf gegen die Konferenz der Welthandelsorganisation (WTO) protestiert. Nun gehts weiter nach Kopenhagen.

Von Bettina Dyttrich

Es ist Sonntag. Im Gemeinschaftszentrum des Genfer Quartiers Plainpalais hat sich eine bunte Gesellschaft versammelt. Inder mit farbigen Halstüchern sind in eine lebhafte Debatte vertieft. Eine Maorifrau mit traditionellen Gesichtstätowierungen arbeitet am Laptop. Hinter dem Haus kochen junge FranzösInnen Suppe in einem Waschkessel. Und zwischen den Tischen fährt ein Junge mit dem Spielzeugtraktor herum; dessen Anhänger ist voller Flugblätter für die Anti-WTO-Demo vom Vortag.

«Als im Juni diese WTO-Konferenz angekündigt wurde, war ich schon mit der Mobilisierung an die Klimakonferenz von Kopenhagen beschäftigt», erzählt Olivier de Marcellus. Der 66-jährige Genfer ist seit Jahrzehnten aktiv: gegen Atomkraft, gegen Kriege, für globale Solidarität. «Bald wurde klar, dass viele Organisationen aus dem Süden an beiden Konferenzen protestieren wollten. Warum nicht die Anlässe verbinden und die Zeit dazwischen nutzen?»

So haben de Marcellus und seine GenossInnen innert weniger Monate die «Handel-macht-Klima-Karawane» organisiert. Nach Protesten gegen die WTO in Genf reisen rund sechzig AktivistInnen aus Ländern des Südens zwischen dem 3. und dem 8. Dezember auf zwei Routen nach Kopenhagen. Dabei machen sie in verschiedenen Städten Frankreichs und Deutschlands Halt, um über ihre Anliegen zu informieren. «Das Klima ist überall ein Thema», sagt de Marcellus. «Aber wir verknüpfen es mit dem Protest gegen Freihandel und der Frage nach globaler Gerechtigkeit.»

Mehr Taifune, weniger Reis

Heute ist im Gemeinschaftszentrum von Plainpalais Debattieren angesagt: Krise, Welthandel, Klima, Landwirtschaft. Etwas viel auf einmal? Ja, aber es geht nicht anders. Denn eines wird im Gespräch mit den AktivistInnen klar: Die Wirtschafts-, die Klima- und die Ernährungskrise lassen sich nicht mehr trennen. Sie verstärken sich gegenseitig.

So erzählt etwa Amparo Miciano von der philippinischen Landfrauenkoalition, die am Vortag an der Demo eine Rede gehalten hat: «Die Liberalisierung nach den Rezepten der WTO hat uns nur ein paar schlechte Jobs in Callcentern gebracht. Bäuerinnen und Fischer können nicht mit den billigen Lebensmittelimporten konkurrieren. Früher ernährten sich die Philippinen selbst, heute sind wir eines der wichtigsten Reisimportländer.» Die Krise habe die Armut vergrössert. Dazu kam im September der schlimmste Taifun seit Jahren: «Wir sind Taifune gewohnt. Aber mit der Klimaerwärmung werden sie heftiger. Die Überschwemmungen diesen Herbst haben Felder zerstört;  das wird die Reisknappheit verschlimmern.»

Die philippinische Regierung von Gloria Macapagal Arroyo folge dem Liberalisierungsdogma mit religiösem Eifer, aber vernachlässige die Bevölkerung. «Auf einem Teil der überschwemmten Gebiete hätten nie Häuser gebaut werden dürfen, das Risiko war bekannt. Und wegen der schlechten Abfallentsorgung waren viele Abflusskanäle mit Müll verstopft.»

Für Miciano ist klar: «Wir brauchen eine erdfreundliche Entwicklung. Wir können die Natur nicht behandeln, als ob sie unerschöpflich wäre.» Subramaniam Kannaiyan, Koordinator für Bauernbewegungen in Südindien, kann Ähnliches berichten. «Für die Multis sind Importzölle eine Barriere, für uns sind sie ein Schutz. Die EU will ihre Milchprodukte nach Indien verkaufen.» Das werde Indiens Milchbauern ruinieren: «Bei uns sind die meisten Höfe kleiner als eine Hektare und halten eine oder zwei Kühe. Siebzig Prozent unserer Bevölkerung sind von der Landwirtschaft abhängig, nicht nur vier wie bei euch.»

Kannaiyan spricht ruhig und freundlich, obwohl er wütend ist. «Die Bauern verlangten einen fairen Preis für ihren Zucker – stattdessen wurde Zucker aus Brasilien importiert.» Und das Klima verändere sich, der Monsun werde unregelmässiger, zuerst bleibe der Regen aus, dann komme zu viel auf einmal. «Das Saatgut vom Agrokonzern Monsanto, das den Bauern aufgezwungen wurde, ist nicht an diese Schwankungen angepasst. Viele Bauern bringen sich um.»

Sind Maori Menschen?

Am Nachmittag sitzen Menschen aus der halben Welt im Kreis und debattieren. Eine Ecuadorianerin erzählt vom Kampf gegen die Ölindustrie, die dabei ist, einen der vielfältigsten Wälder des Amazonas zu zerstören. «Wir fordern, dass das Öl im Boden bleibt und Ecuador dafür eine Entschädigung bekommt. Das wäre ein erster Schritt für ein anderes Wirtschaftsmodell.» Wichtig sei aber, dass die Entschädigung nicht als Kompensation für Emissionen des Nordens diene, sonst sei sie nutzlos. Welch absurde Folgen der Emissionshandel haben kann, erklärt ein älterer Mann aus Paraguay: Dort wollen Grossgrundbesitzer für den Anbau von Gentechsoja mit Klimaschutzgeldern entschädigt werden, weil sie das Land ohne Pflug bearbeiten und damit ein bisschen Emissionen einsparen.

Die Maorifrau hält eine wütende Rede: «Wenn wir die Emissionen nicht halbieren, werden die Kulturen des Pazifiks untergehen. Ich bin eine Zynikerin und vermute, dass die Westler uns gar nicht als Menschen betrachten. Und ich mache mir grosse Sorgen, denn Klimaflüchtlinge haben keinen Status, keine Rechte.» Sie glaube nicht an Emissionshandel – «bullshit!» –, ihre Hoffnung seien Leute, die direkte Aktionen organisieren. «Ich reise zum Gipfel, um so viel Schande über die neuseeländische Regierung zu bringen wie möglich.»

Dass erneuerbare Energien nicht immer sozialverträglich sind, zeigt eine Frau aus dem mexikanischen Bundesstaat Oaxaca. Multinationale Firmen bauen dort Windparks und hauen dabei die Bevölkerung übers Ohr. «Die Firmenvertreter erzählen den Einheimischen, die oft gar nicht Spanisch können, die Regierung habe die Windmühlen verordnet. Sie zerstören die Felder und zahlen lächerliche Preise für die Pacht des Landes.» «Braucht es ein Konzept der Technologiesouveränität nach dem Vorbild der Ernährungssouveränität?», fragt daraufhin ein Deutscher.

Ein US-Amerikaner plädiert für eine andere linke Politik: «Wir dürfen nicht glauben, dass die Änderungen von den Regierungen kommen. Die Forderung nach dem keynesianischen Wohlfahrtsstaat bringt nichts mehr. Die kollektive Kontrolle über die Produktion war einmal ein wichtiges linkes Konzept. Das müssen wir weiterentwickeln, auch in Anbetracht der Wirtschaftskrise.» Es sei wichtig, mit den ArbeiterInnen der klimaschädlichen Industrien zusammenzuarbeiten und Ideen für eine andere Produktion zu entwickeln.

«Aber diese Leute gehen selten an Veranstaltungen zum Klima. Oder ist jemand hier, der in der Autoindustrie arbeitet?» Ein Franzose meldet sich. «Ja, früher. Jetzt bin ich arbeitslos.»