Nr. 49/2009 vom 03.12.2009

So brutal könnte es gehen

Ein deutscher Vorschlag zeigt, wie der globale Klimawandel gerade noch zu bewältigen wäre. Es wird auf jeden Fall verdammt eng.

Von Marcel Hänggi

Es war einer der seltenen Momente für einen Journalisten, der sich mit Klimapolitik befasst, in dem Euphorie aufflammte: Wow – so wäre es möglich! Im Sommer hat der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen der deutschen Bundesregierung (WBGU) mit einem Sondergutachten publik gemacht, wie der Klimawandel begrenzt werden könnte. Das Gutachten ist von grosser Klarheit – von «brutaler Klarheit», wie es ein WBGU-Mitglied an der Pressekonferenz nannte. Brutal, weil der Vorschlag wenig Raum lässt, die enorme Herausforderung kleinzureden.

Per Frühjahr 2009 waren alle Staaten weltweit aufgefordert, ihre Gebote auf den Tisch zu legen: Um wie viel gedenken sie ihre Treibhausgasemissionen zu senken? Viele haben ihre Angebote erst dieser Tage präsentiert, kurz vor der entscheidenden Klimakonferenz in Kopenhagen – unter ihnen die USA und China. Noch zögerlicher sind die industrialisierten Staaten mit Angeboten, wie viel sie an einen Lastenausgleich für die ärmeren Länder zu zahlen bereit sind, damit diese die Umstellung auf einen klimaverträglichen Entwicklungspfad und die Anpassung an unvermeidliche Klimaschäden bewältigen können.

Das alles gleicht einem Pokerspiel – mit zwei grossen Nachteilen: Erstens kann, wer zu früh zu viel bietet, nur verlieren, was einem Verhandlungsfortschritt nicht zuträglich ist. Zweitens mag am Ende zwar ein Abkommen zustande kommen; dass aber die Summe aller angebotenen Reduktionen ausreichend sein wird, ist nicht zu erwarten.

Schluss mit Pokern

Statt davon auszugehen, was die einzelnen Staaten zu leisten bereit sind, geht der WBGU nun davon aus, was nötig wäre, um die Krise zu meistern. Er spricht von einem «Budget» an CO2, das noch aufgebraucht werden darf – danach muss Schluss sein mit dem Verbrennen von Öl, Kohle und Gas. Und statt einzeln ausgehandelten Reduktionszielen schlägt er einen Schlüssel vor, anhand dessen sich dieses Budget auf alle Staaten verteilen liesse. So viel vorweg: So dringend eine radikale Neuorientierung wäre, so chancenlos ist sie – man stellt nicht einen schwerfälligen Verhandlungszug in wenigen Wochen mal schnell auf neue Schienen. Ähnliche Vorschläge gab es bereits in der Vergangenheit. Sie haben sich nicht durchgesetzt. Das weiss auch der WBGU: «Wir sehen unseren Vorschlag als Kompass», sagt dessen Sprecher Benno Pilardeaux gegenüber der WOZ. «Falls die Kopenhagener Verhandlungen scheitern sollten – was wir nicht hoffen –, könnte unser Vorschlag als Alternative dienen.»

Ein Kompass kann der Budgetansatz dank seiner Klarheit durchaus sein, und dafür lohnt sich ein näherer Blick darauf. Auch wenn von der anfänglichen Begeisterung über solche Klarheit wenig übrig bleibt, weil vor allem das eine klar wird: Es ist schon verdammt eng.

Wie es gehen soll

Der WBGU-Vorschlag basiert auf wenigen Elementen:

Das Ziel, wonach das Klima sich im globalen Durchschnitt um nicht mehr als zwei Grad erwärmen darf, wird verbindlich festgeschrieben.

Um dieses Ziel mit einer Wahrscheinlichkeit von zwei Dritteln zu erreichen, dürfen nach heutigem Erkenntnisstand noch 750 Milliarden Tonnen CO2 aus der Verbrennung fossiler Energieträger in die Atmosphäre gelangen.

Das Budget von 750 Milliarden Tonnen wird den Staaten proportional zur Bevölkerungsgrösse zugeteilt.

Die Staaten dürfen mit ihren Anteilen am globalen Budget handeln.

Gleichzeitig legen sie überprüfbare «Dekarbonisierungsfahrpläne» vor. Eine «Weltklimabank» prüft, ob sie diese einhalten.

Für CO2-Emissionen aus Landnutzung und Entwaldung sowie für die weiteren Treibhausgase werden je eigene Regelungen getroffen.

Das vorgeschlagene Programm ist ehrgeizig. Dennoch ist das Ziel wenig komfortabel: Schon eine Erwärmung um zwei Grad ist längst nicht mehr «ungefährlich» (vgl. Text «Zwei Grad Celsius» weiter unten), und es besteht ein Risiko von einem Drittel, dass diese Erwärmung überschritten wird. Wer hätte gerne seine Altersvorsorge bei einer Versicherungsgesellschaft, die mit einer Wahrscheinlichkeit von zwei zu eins pleite ist, bevor man pensioniert wird? WBGU-Fachleute sind sich allerdings einig: Ein noch ambitionierteres Ziel und eine bessere Sicherheitsmarge sind ausser Reichweite.

Um die zwei Grad Erwärmung nicht zu überschreiten, dürfen laut WBGU weltweit noch 750 Milliarden Tonnen CO2 aus der Verbrennung fossiler Energieträger ausgestossen werden – sofern auch der Ausstoss anderer Treibhausgase wie Methan radikal verringert wird. Wie soll dieses «Budget» möglichst gerecht verteilt werden? Die Debatte darüber, wer wie viel zu leisten hat, ist wohl nicht abschliessend zu entscheiden. Soll jeder Staat – oder zumindest jeder Industriestaat – seine Emissionen ähnlich stark reduzieren müssen? Das würde allen eine ähnlich hohe Anstrengung abverlangen, hiesse aber, dass Staaten, die bisher mehr Treibhausgase produzierten als andere, dies auch in Zukunft tun dürften. Sollen also jene Staaten am wenigsten Emissionsrechte erhalten, die in der Vergangenheit am meisten Treibhausgase ausgestossen haben? Das wiederum hiesse, die Menschen für das Verhalten ihrer Vorfahren, die nichts vom Treibhauseffekt wussten, zu bestrafen (vgl. Text «Lediglich halbieren reicht» weiter unten).

Einer gerechten Lösung am nächsten komme es, meint der WBGU, wenn jeder Mensch dasselbe Recht habe, die Atmosphäre zu belasten. Deshalb soll das Budget den Staaten proportional zu ihrer EinwohnerInnenzahl zugeteilt werden. Für eine gerechte Verteilung innerhalb der Staaten wären diese selbst zuständig. Zu einem Pro-Kopf-Verteilschlüssel haben sich – rhetorisch – bereits wichtige PolitikerInnen bekannt: Bundeskanzlerin Angela Merkel etwa oder der indische Premierminister Manmohan Singh. Hier liesse sich also zumindest theoretisch anknüpfen.

Mit dem ihnen zugeteilten Budget dürfen die Staaten untereinander Handel treiben. Emissionshandelssysteme bestehen bereits heute: Das Kioto-Protokoll hat eines zwischen Staaten installiert, der EU-Emissionshandel eines zwischen Unternehmen. Diese Emissionshandelssysteme haben schwere Konstruktionsfehler: Sie bedingen riesige, korruptionsanfällige Bürokratien und belohnen bisherige Grossverschmutzer, indem sie ihnen gratis besonders viele Emissionsrechte zuteilen. Die Idee des Emissionshandels ist deshalb unter Umweltbewegten in Verruf geraten. Doch das Problem ist nicht die Idee an sich, sondern deren Umsetzung.

Verwirklicht man den Emissionshandel so, wie es der WBGU vorschlägt, verliert er seine Nachteile – sein grösster Vorzug kommt zum Tragen. Auch mit bestem Willen schafft es nämlich weder ein Nordamerikaner noch eine Europäerin, ab sofort nur noch so viele Emissionen auszustossen wie eine Afrikanerin, ein Inder. Nur dank dem Handel lässt sich die Pro-Kopf-Verteilung überhaupt realisieren. Und: Indem die grossen VerschmutzerInnen den Ländern, die bereits heute wenig CO2 ausstossen, Emissionsrechte abkaufen müssten, wäre auch für einen Lastenausgleich gesorgt.

«Oh Shit!»

Dass für andere Treibhausgase eine eigene Lösung gesucht wird, ist sinnvoll. Einerseits kann man nur mit etwas wirklich handeln, das man auch messen kann. Verlässliche Energiestatistiken vorausgesetzt, lassen sich die CO2-Emissionen aus der Verbrennung von Energieträgern gut berechnen. Dagegen können etwa die Emissionen von Stickstoff oder Methan aus der Landwirtschaft oder von CO2 aus der Abholzung nur grob geschätzt werden. Andererseits gibt es für Nicht-CO2-Treibhausgase einfachere Lösungen: Synthetische Treibhausgase etwa liessen sich schlicht und einfach verbieten – so, wie das Montreal-Protokoll FCKW-Gase verboten hat (vgl. Text «Von Montreal bis Kopenhagen» weiter unten).

Wie schnell einzelne Staaten ihre Budgets aufbrauchen, ist für das Klima sekundär. Damit der Ausstieg aus der Kohlenstoffwirtschaft aber bewältigt werden kann, müssten die globalen Emissionen spätestens 2015 zu sinken beginnen, meint der WBGU. Würde die Trendumkehr erst 2020 erreicht, müssten die Emissionen danach jedes Jahr weltweit um neun Prozent sinken – und das dürfte kaum mehr möglich sein. Bis 2050 sollte die Wirtschaft dann vollständig «dekarbonisiert» sein.

Nun kommt das dicke Ende: In den vierzig Jahren bis 2050 stünden jedem Erdbewohner noch 2,7 Tonnen CO2-Emissionen pro Jahr zu – vorausgesetzt, man ignoriert das Bevölkerungswachstum. Das entspricht den heutigen Emissionen Kubas oder Botswanas. Fährt die Welt dagegen fort, so viel CO2 wie heute zu produzieren – das gegenwärtige Wachstum der Emissionen wiederum ignoriert –, so würde das Budget noch 25 Jahre reichen. Anders ausgedrückt könnten die USA mit ihrem Budget noch ganze 6 Jahre auskommen, die Schweiz 18 und China 24 – während Burkina Faso noch 2900 Jahre so weitermachen könnte wie bisher.

Der Vizevorsitzende des WBGU, Dirk Messner, nannte diese Zahlen die «Oh-Shit-Tabelle». Aber alles andere läuft auf eine Katastrophe hinaus.

Der Greenhouse-Development-Rights-Ansatz

Lediglich halbieren reicht

Die Schweiz versteckt sich im Klimapoker hinter der EU und bietet eine Reduktion ihrer Treibhausgasemissionen um zwanzig Prozent gegenüber 1990 an. Lediglich die Hälfte davon sind tatsächliche Reduktionen – der Rest soll durch «Kompensationen» im Ausland erreicht werden. Falls genügend andere Staaten mitziehen, will die Schweiz – wie auch die EU – ihr Gebot auf dreissig Prozent erhöhen. Der Dachverband der Schweizer Wirtschaft, Economiesuisse, will nur zu einer Reduktion um zwanzig Prozent Hand bieten. Die Klimainitiative fordert «mindestens dreissig Prozent» allein im Inland. Und die Umweltverbände verlangen minus vierzig Prozent im Inland.

66 Millionen Tonnen weniger

Im September haben nun die Hilfswerke Fastenopfer und Brot für alle eine ganz andere Zahl präsentiert: Wolle die Schweiz von den erforderlichen Anstrengungen einen fairen Anteil übernehmen, müsste sie ihre CO2-Emissionen um 66 Millionen Tonnen senken – 130 Prozent dessen, was die Schweiz überhaupt ausstösst. Vierzig Prozent müssten im Inland reduziert werden, neunzig Prozent im Ausland kompensiert.

Woher diese Zahlen? Die Hilfswerke folgen dem Ansatz der Greenhouse Development Rights (GDR), der von der deutschen Heinrich-Böll-Stiftung vertreten wird, die den Grünen nahesteht. Dieser stellt einen Schlüssel zur Verfügung, wie die Lasten des Klimaschutzes gerecht zu verteilen wären. Die Schweiz hat bisher wie alle Industrieländer überproportional zum Klimawandel beigetragen; ausserdem hat sie als reiches Land überdurchschnittliche Fähigkeiten, dem Klimawandel zu begegnen.

Gemäss GDR-Ansatz müsste die Schweiz – deren Anteil an der Weltbevölkerung 0,11 Prozent beträgt und die 0,4 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet – 0,37 Prozent der globalen Reduktionsleistung übernehmen. Das entspricht der oben genannten Reduktionsleistung von 66 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr. Das ist gewiss ein radikaler Ansatz. Auch kann man sich über Sinn und Unsinn der Anrechnung einer historischen «Klimaschuld» streiten: Auf wie lange Zeit sollen Menschen für das Verhalten ihrer Vorfahren zur Verantwortung gezogen werden können? Wären etwa auch die Abholzung der Wälder Mitteleuropas in der frühen Neuzeit oder der Wälder des Mittelmeerraums in der Antike Bestandteil einer Klimaschuld? Doch ganz so radikal, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag, ist die Rechnung nicht, wenn man eine weitere Studie in Betracht zieht, die die Ökonomen Peter Hertwich und Glen Peters im Juni publiziert haben.

Plötzlich an fünfter Stelle

Die offiziellen Emissionszahlen der Schweiz entsprechen nämlich nicht dem hiesigen Konsumverhalten. Es gibt hier kaum emissionsintensive Industrien. Aber die Schweiz importiert viele der entsprechenden Produkte. Rechnet man Emissionen, die bei ihrer Herstellung entstehen – die «grauen» Emissionen – dem Verbraucherland an, ergibt sich ein anderes Bild: Während die Schweiz nach offiziellen Zahlen die tiefsten Pro-Kopf-Werte der OECD-Staaten ausweist, steht sie nun an fünfter Stelle – ungefähr gleichauf mit Kanada. So gerechnet verursacht die Schweiz jährlich 132 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr – das sind 18,4 Tonnen pro Person –, statt wie offiziell ausgewiesen 51 Millionen Tonnen.

132 Millionen Tonnen: Das ist just das Doppelte dessen, was die Schweiz laut GDR bis 2020 zur globalen Reduktionsleistung beitragen müsste. Wir müssten unseren Ausstoss mithin «lediglich» halbieren.

Marcel Hänggi


Studie der Hilfswerke
GDR-Ansatz
Studie von Hertwich/Peters
www.en.cop15.dk

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