Nr. 51/2009 vom 17.12.2009

6000 Jahre ging es gut

Fast dreissig Millionen Menschen leben im Nildelta. Die wirtschaftlich bedeutende Region ist von den Veränderungen der klimatischen Bedingungen gleich mehrfach bedroht.

Von Karim El-Gawhary, Alexandria

Weit draussen auf einer Landzunge schüttet ein kleiner, orangefarbener Bagger ein wenig Erdreich auf. Der ägyptische Deichingenieur Muhammad al-Zourbi beobachtet die Szene von einem Deich aus, der die Küstenstadt Rosetta schützt. Rosetta liegt rund fünfzig Kilometer östlich der ägyptischen Hafenstadt Alexandria, und al-Zourbi erzählt, dass hier zu Napoleons Zeiten der berühmte Stein von Rosetta gefunden worden ist. Dank dieses Steins, auf dem sich sowohl pharaonische als auch altgriechische Hieroglyphen befinden, konnte die Hieroglyphenschrift erstmals entziffert werden – ein Durchbruch in der Ägyptologie.

Heute hat al-Zourbi mit ganz anderen Durchbrüchen zu kämpfen. Der grösste Teil der Küste hier ist durch Deiche geschützt. Aufgehäufte Betonquader sollen das Eindringen des Meeres in das Nildelta verhindern. Al-Zourbi schaut aufs Meer hinaus. «Hier befanden sich früher die Sommerresidenzen der Stadt. Seit den achtziger Jahren hat sich aber das Meer zwei Kilometer ins Land gefressen. Immer wenn sich die Küste verlagert hat, haben wir neue Residenzen gebaut. Dann verschwanden auch die wieder im Wasser, und wir mussten erneut bauen. Wie man sieht», führt er fort, «haben wir die Idee der Sommerresidenzen inzwischen aufgegeben.» Tatsächlich deutet heute nichts mehr auf eine Bungalowsiedlung von einst hin. Das Meer hat sie vollkommen verschluckt.

Sieben Millimeter pro Jahr

Diese Stelle, an der das Wasser des Nils ins Mittelmeer fliesst, hat fast etwas Mystisches – für TouristInnen ein attraktiver Ort. Aber bauen will hier an der Küste niemand mehr.

Vier Autostunden weiter südlich, in Kairo, fasst Ägyptens prominentester Umweltexperte Mustafa Tulba die sich anbahnende Katastrophe zusammen: «Der Meeresspiegel steigt jährlich um fünf Millimeter. Gleichzeitig senkt sich das Delta. Bei Alexandria um 1,5 Millimeter jährlich, in Port Said beim Eingang des Suezkanals gar um 2,75 Millimeter», rechnet der frühere Geschäftsführer des UN-Umweltprogramms (UNEP) vor. Beides zusammen – das Steigen des Meeresspiegels und das Absinken des Deltabodens – lässt dies zu einer Differenz pro Jahr von 7 Millimetern anwachsen, von 70 Zentimetern in einem Jahrhundert. «Wenn es bei dieser Rate bleibt», sagt Tulba, «aber wahrscheinlich wird es noch schneller gehen.»

Das Nildelta ist nicht irgendeine entlegene Wüstengegend. Hier lebt jeder Dritte der achtzig Millionen ÄgypterInnen. Das Gebiet, in dem die beiden Arme des Nils in Richtung Mittelmeer auseinanderlaufen, gilt auch als der Brotkorb des Landes. Und vierzig Prozent der ägyptischen Industrie hat sich im Delta in Küstennähe angesiedelt.

Muhammad Raey, Professor für Umweltphysik an der Universität von Alexandria, schätzt, dass in diesem Jahrhundert mindestens zehn bis fünfzehn Prozent der Fläche des Nildeltas von einer Überschwemmung bedroht sind. «Wir erwarten, dass fünf bis sechs Millionen Menschen direkt davon betroffen sind. Fischer und Bauern im Norddelta, die Wohn- und Industriegebiete direkt an der Küste. Die werden evakuiert werden müssen.» Pessimistischere Schätzungen gehen gar davon aus, dass vierzig Prozent des Deltas überflutet werden könnten.

Besonders betroffen ist das Gebiet um Abukir, das inzwischen durch Zersiedlung zu einem Vorort Alexandrias geworden ist. Einst haben hier – in einer der grössten Seeschlachten der Geschichte – die Engländer die Flotte Napoleons versenkt. Noch zeugt eine alte, von Wind und Salz zerfressene französische Festung von dieser Ära. Daneben befinden sich mehrere Blocks von Hochhäusern, gebaut in einer Zeit, als man sich noch nicht über den Meeresspiegelanstieg Gedanken machte. Inzwischen schlagen die Wellen des Meeres fast an die Haustüren.

Unmittelbar neben Abukir befindet sich eine der grössten Schwachstellen der ägyptischen Küste, ein zu Zeiten des Herrschers Muhammad Ali Anfang des 19. Jahrhunderts gebauter Deich. «Ein Durchbruch hier könnte verheerende Folgen haben», meint Umweltprofessor Raey. Ein Blick vom Meer über den Deich macht schnell deutlich, warum. Dahinter befindet sich ein Palmenhain, aber nur die Palmspitzen schauen hervor. Denn dieses Gebiet liegt unter dem Meeresspiegel. Auch wenn ein Teil des alten Deichs inzwischen mit Betonblöcken verstärkt worden ist, bleibt die Sorge der UmweltexpertInnen, dass es hier zu einem Durchbruch kommen könnte. Dann würde das höher gelegene Alexandria zu einer von hinten umspülten Insel.

In Alexandrias Behörde für Küstenschutz gibt sich deren stellvertretender Leiter, Omran Frihi, betont gelassen. Den Pessimismus der UmweltexpertInnen hält er für übertrieben. «Nicht die ganze Küste des Deltas ist gefährdet. Es gibt viele sichere Stellen mit natürlichem Schutz und solche, die wir bereits künstlich abgesichert haben», meint er und zeigt Küstenkarten, die er auf seinem Laptop gespeichert hat: Rot schraffiert sind die durch Baumassnahmen, Dämme und Deiche gesicherten Gebiete. Grün die natürlich geschützten oder höher gelegenen Küstenstreifen. Gut ein Viertel ist blau schraffiert: die gefährdeten Zonen. Auf diese Stellen müsse man alle Bemühungen konzentrieren.

Doch hinter den Deichen lauert noch ein anderes Problem. «Der Salzgehalt des Grundwassers im Delta ist heute viel höher als vor zwanzig oder dreissig Jahren», berichtet Umweltexperte Tulba. Das Salzwasser des Meeres mischt sich im Landesinneren immer mehr mit dem Grundwasser. Das und die höheren Temperaturen verringern die Ernteerträge. «Um dem zu begegnen, müssen wir salz- und hitzeresistente Pflanzenarten einführen», schildert Tulba einen möglichen Ausweg aus der Misere. Gut vierzig Prozent der landwirtschaftlichen Produktion des Landes wird im Nildelta angebaut. Die Überschwemmungen und eine Versalzung der Böden werden damit für Ägypten zu einer Frage der Nahrungsmittelsicherheit.

Noch kein koordiniertes Programm

Und das ist noch nicht alles. Es gibt eine grosse Unbekannte. «Ägypten ist ein Geschenk des Nils», wusste schon der antike Historiker Herodot. Der Strom spendet dem Land 95 Prozent seines Wassers. Es existieren bis heute widersprüchliche Modelle, die versuchen, den Einfluss des Klimawandels auf Afrikas grössten Strom vorherzusagen. «Ein paar wenige Klimamodelle gehen davon aus, dass es an den Nilquellen mehr regnen und das Wasser um bis zu einem Drittel zunehmen wird. Aber die meisten Modelle sagen voraus, dass das Wasser des Nils durch den Klimawandel zurückgehen wird – um bis zu siebzig Prozent», sagt Tulba.

Schon jetzt, sagt Umweltprofessor Raey, lebten die Menschen mit 700 Kubikmeter unter der Wasserarmutsgrenze von tausend Kubikmeter pro Jahr und Person. Nur noch einen Drittel des heutigen Wassers zu haben, wäre das Ende des Landes: sechstausend Jahre, nachdem die alten Ägypter an den Ufern des Nils eines der ersten Staatswesen der Menschheit errichteten.

«Es gibt noch keine endgültige Gewissheit dazu, was die Zukunft des Nilwassers angeht», gibt Raey zu. Aber diese Ungewissheit könne doch nicht bedeuten, dass man heute die Arme verschränke und einfach nur zusehe: «Im Gegenteil. Es muss uns motivieren, nach Lösungen zu suchen und mehr zu erfahren.» Er wundere sich darüber, wie wenig Interesse und Bewusstsein es in Ägypten für dieses Problemfeld gebe. Zwar hat die Regierung ein Komitee gegründet, um die Auswirkungen des Klimawandels zu studieren, bisher gebe es aber keine koordinierten Programme, die darauf ausgerichtet sind, das Problem einzudämmen, erläutert Raey die Lage. «Wir müssen durch die öffentliche Meinung Druck auf die Regierung ausüben. Denn die schläft bisher und will sich nicht mit Problemen der Zukunft auseinandersetzen. Sie ist zu sehr mit den Problemen von heute beschäftigt», klagt auch Umweltexperte Mustafa Tulba.

Ägypten steht vor einer Katastrophe, schlussfolgert Raey, aber nur apokalyptisch will er die Situation nicht sehen: «Anders als bei einem Erdbeben sind wir im Fall des Klimawandels frühzeitig gewarnt. Nur wenn wir diese Frühwarnzeit nicht nutzen, haben wir verloren.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text 6000 Jahre ging es gut aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr