Nr. 01/2010 vom 07.01.2010

Leben bedeutet Grenzen überschreiten

Die Ikone des Westschweizer Feminismus ist mit ihren 71 Jahren noch immer für eine Überraschung gut. Das Buch «Borderline – à un compagnon disparu» schildert ihre langjährige Beziehung zu einem psychisch kranken Gefährten.

Von Helen Brügger

Ihr Name steht für Selbstbestimmung, Emanzipation und Feminismus. Anne-Catherine Menétrey, geboren 1938, hat sich über vierzig Jahre als linksgrüne Politikerin eingesetzt. Zunächst war sie Aktivistin und Grossrätin der Partei der Arbeit, dann Mitinitiantin der Demokratischen Alternative im Kanton Waadt, schliesslich acht Jahre lang Nationalrätin der Grünen Partei. Vor zwei Jahren hat sie die Parlamentsarbeit Jüngeren überlassen – jetzt gibt sie Einblick in ihr Privatleben. Sie erzählt die Geschichte ihrer Liebe zu einem Mann, der psychisch krank war, auf Messers Schneide lebte: «Borderline – à un compagnon disparu» (Borderline – an einen verschwundenen Gefährten) erzählt die Geschichte einer Beziehung, die auch Episoden von häuslicher Gewalt kannte.

Die mutige Beichte der ehemaligen Parlamentarierin stösst nicht überall auf Zustimmung. Sie habe auch lange gezögert, ihr Privatleben auszubreiten: «Als öffentliche Person steht eine Frau unter fast unerträglich grossem Druck, den Normen der politischen Korrektheit zu genügen.» Auch die Neuenburger Stadträtin Valérie Garbani habe erlebt, dass eine Frau ihr Privatleben nicht ungestraft öffentlich machen dürfe. Dennoch ist Menétrey sicher, dass es richtig war, das Buch zu publizieren: «Ich habe viele Reaktionen von Frauen erhalten, die mir danken und sagen, sie hätten Ähnliches erlebt.»

Die kritische Linke

Anne-Catherine Menétrey hat versucht, sich in ihrem Leben an der Solidarität zu orientieren, und sie hat ihr Engagement in der Politik, als Psychologin und als Frau oft teuer bezahlt. So galt sie in den sechziger und siebziger Jahren als Hoffnungsträgerin der Waadtländer Partei der Arbeit, hatte aber aus politischen Gründen Schwierigkeiten, eine Stelle als Gymnasiallehrerin zu bekommen. Als selbstständig denkende Genossin geriet sie in Konflikt mit den Parteiinstanzen, die mit den neuen sozialen Bewegungen wie dem Feminismus und der Ökobewegung nicht zurechtkamen. Als Antistalinistin kritisierte sie den Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan und entschied sich 1980, aus der Partei auszutreten. Im gleichen Jahr musste sie eine dreifache Lebenskrise meistern: den Verlust des Parteiumfelds, die Scheidung von ihrem ersten Mann und eine berufliche Neuorientierung.

Sie hängte die Politik an den Nagel, verdiente ihr Leben mit Nationalfondsstudien im Medienbereich und als Aushilfe in einem Bergrestaurant; schliesslich fand sie eine Arbeit in der Suchtprävention. 1983 gründete sie zusammen mit dem Schriftsteller Gaston Cherpillod die Alternative démocratique im Kanton Waadt, ein erster Versuch, linksgrüne Gruppen zu sammeln. 1997 war sie bei der Gründung der Grünen Partei dabei, 1999 wurde sie in den Nationalrat gewählt, 2003 wiedergewählt. Nach ihrem eigenen Kopf handelte sie auch als geachtete Parlamentarierin, als ihr «die Politik», die sie vom «Politischen» unterscheidet, immer fragwürdiger erschien: «Parlamentspolitik verkommt immer mehr zur reinen Suche nach mehrheitsfähigen Positionen, und zwar schon vor der Debatte über Inhalte und Positionen», bedauert sie. So blieben die wirklichen Probleme aussen vor, und die ParlamentarierInnen könnten ihre eigentliche Aufgabe, nämlich Fragen aus der Zivilgesellschaft in die Politik zu tragen, nicht mehr wahrnehmen. Sie sei mit Begeisterung Parlamentarierin gewesen, habe es aber immer als eine hohe Anforderung empfunden: «Es ist schwierig, in der Politik gerecht zu bleiben.»

Die solidarische Partnerin

Ein weiterer Grund zum Rücktritt als Nationalrätin war ihr Bedürfnis nach mehr freier Zeit, um zu reisen und zu schreiben. Das Buch über die 25-jährige Beziehung zu ihrem zweiten Lebensgefährten habe sie nicht verfasst, um sich selbst von einer bedrückenden Erfahrung zu befreien, sondern weil sie Zeugnis ablegen wollte: «Nicht vom hohen Ross der Psychologin aus, sondern als direkt Betroffene.»

Nicht einmal als Mitglied einer Parlamentskommission, die sich mit der Problematik häuslicher Gewalt beschäftigte, wagte Menétrey über das zu sprechen, was sie selber erlebt hatte, über die komplexe Reaktion auf die Erfahrung von Gewalt durch den Partner, über die sie im Buch schreibt: «‹Nie mehr!›, ist das Erste, was man sich selber schwört. Dann, fast unmerklich, schleicht sich das Schuldgefühl ein.» Das Gefühl, nicht genügend offen, verständnisvoll, entgegenkommend gewesen zu sein und es das nächste Mal besser machen zu wollen.

Auch von ihren Bekannten und Freundinnen ahnte kaum jemand, wie komplex das Verhältnis zu ihrem Partner war, den sie als sensibel, einnehmend und grausam, anziehend und unerreichbar beschreibt. Spannend ist der dreifache Blick, den Menétrey auf ihre Beziehung wirft: Als Psychologin beschreibt sie die Symptome der psychischen Störung ihres Lebenspartners, als Linke erkennt sie die Grenzen des klassischen medizinischen Herangehens an die Krankheit, als Betroffene empört sie sich über die gut gemeinten Fragen von Bekannten, weshalb sie ihn nicht einfach verlasse. «Die kalte Vorstellung, dich zu verlassen, verletzte mein elementarstes Empfinden von Nächstenliebe und Solidarität», schreibt sie. Und bis heute ist Menétrey überzeugt: «Wenn mein Partner krebskrank gewesen wäre, hätte mir niemand diese Frage gestellt!» Aus eigener Erfahrung kennt sie die soziale Kälte, die psychisch Kranken entgegenschlägt. Sie hat erlebt, wie verheerend es sich auf das Selbstbewusstsein der Betroffenen auswirkt, wenn Invalidenrenten gekürzt, wenn mit Schlagworten wie «Scheininvalide» oder «Simulanten» Politik gemacht wird.

Die Ko-Abhängige

Wir treffen uns im Bahnhofbuffet Lausanne – der passende Ort für eine Frau, die nicht stillsteht, die immer noch auf Reisen ist. Eine befreundete Psychologin habe ihr Buch als Geschichte einer grossen Liebe bezeichnet, erzählt Anne-Catherine Menétrey. Doch sie sei nicht sicher, ob das stimme: «Es ist eher die Geschichte eines Engagements. Und einer grossen Herausforderung, die ich nicht ablehnen wollte und konnte.» Sie habe das Buch geschrieben, um andern Menschen zu helfen, die Ähnliches erlebten und ebenso hilflos seien, wie sie es war. Menschen, die in ihrer Beziehung erleiden, was die Psychologie als Ko-Abhängigkeit bezeichnet: den Versuch, einen kranken oder süchtigen Menschen zu retten, bis zur völligen Erschöpfung und Selbstverleugnung. Mit grosser Sensibilität beschreibt Menétrey die Krankheit ihres Partners: Borderline, Depression, Alkoholismus. Und analysiert, wie sie sich in eine Spirale von Komplizität und Schuldgefühlen hineinziehen liess, bis zum Suizid des Geliebten, «in diesem Keller, in diesem friedlichen bürgerlichen Quartier, wo sich alle unsere Hoffnungen zerschlagen haben».

Die Krankheit Borderline ist eine Persönlichkeitsstörung, die sich durch paradoxes, instabiles Verhalten in zwischenmenschlichen Beziehungen und ein gestörtes Verhältnis zu sich selbst äussere. «Doch was heisst krank, was gesund?», fragt Menétrey. Eine psychische Krankheit könne trotz allen Leidens eine sehr bereichernde Erfahrung sein. Genauso steht sie zu ihrem eigenen Leiden, der inzwischen überwundenen Ko-Abhängigkeit, als deren Ursache sie die Frauenrolle sieht. Selbst wenn sich Frauen bewusst vom traditionellen Frauenbild lösten, bleibe das Selbstverständnis bestehen, dass sie für das Wohl ihres Partners zuständig und verantwortlich seien, wenn es diesem schlecht gehe.

Sicher ist, dass Menétrey mit ihrem subtilen und spannenden Buch, wie so oft in ihrem Leben, Grenzen überschreitet. Der Vergleich zu einer anderen Feministin drängt sich auf: Wie Simone de Beauvoir ihr privates und intimes Leben mit Jean-Paul Sartre zum Anlass nahm, über die gesellschaftliche Rollenverteilung nachzudenken und zu ihrer Überwindung beizutragen, zeigt Anne-Catherine Menétrey den Weg aus der Ko-Abhängigkeit auf. Sie habe zeigen wollen, dass eine Beziehung mehr sei als ein praktisches Arrangement zwischen zwei Menschen, nämlich ein gegenseitiges Engagement. «Gesund werden heisst, die Ko-Abhängigkeit durch eine gegenseitige Abhängigkeit zu ersetzen, jene Abhängigkeit, die die Grundlage der Solidarität bildet.»

Die Schriftstellerin

Schon einmal hatte Anne-Catherine Menétrey mit einem Buch Furore gemacht. Im Jahr 2003 legte sie das Buch «Hussein Hariri, un pirate de l’air repenti» (Hussein Hariri, reuiger Flugzeugentführer) vor. Darin verarbeitete sie die Bekenntnisse des in der Schweiz inhaftierten Flugzeugentführers Hussein Hariri zu einem in der Ich-Person geschriebenen Text. Der junge Libanese erklärt, wie er im Juli 1987, damals zwanzigjährig, mitten im libanesisch-israelischen Krieg auf die Idee gekommen sei, ein Flugzeug zu entführen. Sein Ziel war, politische Gefangene aus israelischen Gefängnissen zu befreien, wo er selbst einige Monate verbracht hatte. Das Flugzeug musste in Genf zwischenlanden, Hariri erschoss eine Geisel, wurde verhaftet und zu lebenslanger Haft verurteilt. 1999, im gleichen Jahr, als Menétrey in den Nationalrat gewählt wurde, verfasste er ein Begnadigungsgesuch an die Eidgenössischen Räte. Menétrey nahm Kontakt mit ihm auf, aus der Begegnung entstand die Idee, seine Geschichte zu publizieren.

Nach fünfzehn Jahren Haft, kurz vor dem Erscheinen des Buchs, gelang Hariri ein Fluchtversuch. Er wurde nach wenigen Monaten wieder verhaftet, an die Schweiz ausgeliefert und 2004 definitiv entlassen – eine Untersuchung der Bundesanwaltschaft, ob Hariri im Gefängnis weitere Terroraktionen geplant habe, war inzwischen eingestellt worden. In der Hysterie nach den Attentaten vom 11. September 2001 führte die Publikation des Buchs jedoch ausgerechnet im Wahljahr 2003 «zu den grössten Schwierigkeiten, die ich je erlebt habe», erinnert sich Menétrey. Sie wurde in den Medien als Komplizin bezeichnet und zum Rücktritt aufgefordert – und trotzdem als Nationalrätin wiedergewählt. Sie ist überzeugt, dass Hariri kein Gewalttäter war, dass man seine verzweifelte Aktion im Kontext des Kriegs verstehen müsse, auch wenn man diese verurteile. «Ich bin Pazifistin, verabscheue Gewalt und bin erschreckt vom Gewaltpotenzial, das in jedem Individuum vorhanden ist», erklärt sie. «Ich bin aber auch überzeugt, dass man Gewalt entschärfen und überwinden kann, wenn man ihre Ursachen versteht.»

Als roter Faden durch ihr Leben führt die Leidenschaft, zu schreiben. Gerne würde sie sich auch, wie in ihrem ersten Buch «La Halte de midi», nochmals in die Fiktion wagen; doch sie hat Zweifel, ob sie das schafft. «Und ich habe nicht genügend Zeit vor mir, um es zu versuchen.» Trotzdem arbeitet sie bereits an einer nächsten Publikation. Das Thema? «Weder Fiktion noch Autobiografie, sondern Politik.»

 

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