Nr. 03/2010 vom 21.01.2010

Moloch Teheran

Von Paul L. Walser

«Die unverhohlene Sexualität, die unterschwellig den persischen Alltag durchzieht und die zugleich bei der geringsten Abweichung jäh eine verbotene Bedeutung erhält, enthüllt in jedem abgeschiedenen Winkel ihre bedrohliche Fratze.»

Aus dem Inneren eines Ungeheuers wird da berichtet. Das Ungeheuer ist ein Labyrinth und heisst Teheran. Der iranische Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan, Jahrgang 1956, scheut vor drastischen Bildern nicht zurück. Er holt sie sich aus dem modernen Teheraner Alltag, in dem die Revolutionswächter den Ton angeben. Die genau benannten Strassen und Viertel der riesigen Stadt und ihre dunklen Hintergründe werden bis in kleinste Detail beschrieben.

Cheheltans Roman ist die Tragödie von Schahrsad, einer noch ganz jungen Frau, auf die es zwei skrupellose Männer abgesehen haben. Beide kennen sich in der gespenstischen Gefängnisstadt Evin im Norden Teherans bestens aus, als erbarmungslose Schergen und Gewaltvollzieher. Eine grauenhafte Welt: «Jeder, der eines Tages Probleme hätte bereiten können, sollte so früh wie möglich beseitigt werden.» Der Autor mutet mit seinen Folterszenen   bei denen vor allem Frauen die Opfer sind – der LeserInnenschaft einiges zu.

Eine trostlose Stadt ist dieses Teheran, voller Gerüche, verdächtiger Geräusche und Todesschatten. Die schwierige Rolle der iranischen Frau wird nicht verharmlost, im Gegenteil. Die rohe Übermacht des Mannes, wie sie hier geschildert wird, wirkt unglaublich. Vorurteile gegen den Islam werden dadurch nicht abgebaut, obwohl der Autor wohl keine Religionskritik im Sinn hatte. Erfunden hat er diese Tragödie nicht. Erstaunlich, dass er mit Frau und Sohn immer noch in Teheran wohnt. Die Publikation von «Teheran Revolutionsstrasse» war im persischen Original nicht möglich; der Roman ist deshalb erstmals in der deutschen Fassung herausgekommen. Cheheltan hat nun im Rahmen eines Stipendiums des Deutschen Akademischen Austauschdienstes für ein Jahr Gastrecht in Berlin bekommen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Moloch Teheran aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr