Nr. 07/2010 vom 18.02.2010

Kühle Köpfe, bitte

Erst wollten alle voller Pathos den Weltuntergang verhindern, nun wird die gesamte Klimaforschung infrage gestellt. Den Klimawandel lässt das kalt.

Von Bettina Dyttrich

Die Zeiten sind gut für «Klimaskeptiker». Für alle, die schon immer wussten, dass die Klimaerwärmung nur ein «manipulativ verlogenes Riesentheater» (so ein Leser im TA-Onlineforum) ist. Nicht nur das kalte Wetter kommt ihnen zugute: Das wichtigste wissenschaftliche Gremium zur Klimaerwärmung, das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), steht seit Wochen heftig in der Kritik.

Schon seltsam: Der letzte IPCC-Klimabericht von 2007 wurde vor der Veröffentlichung von VertreterInnen fast aller Staaten der Welt begutachtet und abgeschwächt. Mehrere Passagen hinterliessen deshalb «einen schalen Beigeschmack», schrieb der «Spiegel» damals. Und nun gilt der gleiche Bericht plötzlich als übertriebenes «Katastrophenszenario» («Zeit Online»).

Verschwörungstheorien entlarvt

Der Grund: eine unseriös recherchierte Zahl. Sie könnte den Vorsitzenden des IPCC, den Inder Rajendra Pachauri, seinen Posten kosten. Im Klimabericht stand, dass 2035 ein grosser Teil der Himalajagletscher geschmolzen sein werde. Das kann nicht stimmen – doch statt den Fehler zuzugeben, schimpfte Pachauri erst mal über die WissenschaftlerInnen, die darauf hinwiesen. Grund zur Freude hatten die «Klimaskeptiker» schon Ende 2009: Vor dem Klimagipfel in Kopenhagen machten Hacker den E-Mail-Verkehr der Klimaforschungsabteilung (CRU) der University of East Anglia in Norwich öffentlich. Darin fand sich vieles, was sich als Beweis für eine wissenschaftliche Verschwörung auslegen liess.

Der britische «Guardian» hat den Mail-Verkehr in einer aufwendigen Recherche untersucht und die Verschwörungstheorie als Mythos entlarvt. Doch dahinter steckt eine Geschichte, die für das IPCC fast noch unangenehmer ist als die Sache mit den Himalajagletschern: Eine Arbeit zum Temperaturanstieg in China, von CRU-Direktor Phil Jones und dem US-Wissenschaftler Wei-Chyung Wang 1990 veröffentlicht, steht offenbar auf sehr wackligen Füssen. Ein Teil der Originaldaten soll verschwunden sein, der Standort vieler Messstationen sei unklar. Auch diese Daten flossen in die Ausarbeitung des IPCC-Berichts von 2007 ein.

Was ist also passiert? Dass in einem über 3000-seitigen Bericht Fehler vorkommen, soll nun als Beweis für die Unzulänglichkeit nicht nur des Berichts, sondern der ganzen Klimaforschung gelten. Nach dieser Logik könnte die ETH zumachen: Auch sie hat schon Forschungsberichte mit falschen Daten veröffentlicht, wie letztes Jahr bekannt wurde. Wer glaubt, Forschung müsse zu hundert Prozent fehlerfrei sein, hat ein seltsames Bild von Wissenschaft – und von WissenschaftlerInnen. Und genau hier liegt ein Teil des Problems. Rajendra Pachauri wurde wie Al Gore als Lichtgestalt, als Weltretter aufgebaut. Gemeinsam erhielten die beiden (Pachauri stellvertretend für das ganze IPCC) 2007 den Friedensnobelpreis.

Der seltsame Glamour, der das Thema in den letzten Jahren umgab – all die medienträchtigen Reisen nach Grönland, all die TV-Sendungen mit ihrer pathetischen Musik, der ganze Weltuntergangsnervenkitzel – schlägt jetzt zurück. Die Lichtgestalt Pachauri entpuppt sich plötzlich als gewöhnlicher Mensch mit finanziellen und Karriereinteressen, der erst noch ungeschickt kommuniziert.

Der Schaden ist angerichtet. «Zeit Online»-Redaktor Jürgen Krönig freut sich bereits: «Auch Europas Politiker dürften dankbar die Chance ergreifen, Abschied von einer Klimapolitik nehmen zu können, die Unmögliches verlangt und die Bürger gegen sie aufbringt.» Also weiter wie bisher, als gäbe es neben dem Klima nicht noch diverse weitere Probleme, von Peak Oil bis zu den radioaktiven Abfällen. Das kommt auch vielen GewerkschafterInnen ganz gelegen. Ihre Versprechen beruhen wie eh und je auf wachsendem Wohlstand. Wenn der Kuchen grösser wird, sind die Verteilungskämpfe weniger heftig, glauben viele noch immer – obwohl das seit Jahren nicht mehr stimmt.

Kindische Botschaften

Was jetzt nottäte, wäre eine nüchterne Diskussion. Damit ist nicht gemeint, den Blödsinn der VerschwörungstheoretikerInnen zu glauben. Sondern die Klimaerwärmung als Realität anzuerkennen und trotzdem über Handlungsmöglichkeiten nachzudenken. Ohne Glamour und ohne kindische Botschaften wie «Du kannst die Welt retten, wenn du den Geschirrspüler besser füllst». Wer jede kleinste Verhaltensänderung an ein Heilsversprechen knüpft, verkauft besorgte ZeitgenossInnen für dumm.

Harald Welzer, der mit «Klimakriege» eines der klügsten – und beängstigendsten – Bücher über mögliche Klimafolgen geschrieben hat, schlägt als Leitlinie eine «Kritik jeder Einschränkung der Überlebensbedingungen anderer» vor. Das heisst: Für unser Handeln soll ausschlaggebend sein, dass es nicht das Überleben anderer Menschen irgendwo auf der Welt gefährdet. Diese Leitlinie kommt in Zeiten des Klimawandels der Definition von «links» wahrscheinlich ziemlich nahe.

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