Nr. 10/2010 vom 11.03.2010

Ist das ein gesittetes Land?

Pino Esposito zeigt in seiner filmischen Reflexion ein Süditalien, das sich vom Ort der Emigration zu einem Ort der Immigration gewandelt hat. Der Solothurner Schriftsteller Franco Supino, Sohn eines Einwanderers aus Kampanien, hat sich den Film angesehen.

Von Franco Supino

Montag, 1. März 2010, gegen Mittag: Eine unerhört warme Sonne scheint über den malerisch in einem Südhang angelegten Friedhof von Grenchen und begleitet die 100 oder 200 Gäste nach der Trauermesse von der Abdankungshalle zum offenen Grab. Was für eine traumhafte Alpensicht von diesem viel zu gross konzipierten Friedhof! Was für eine klare Luft, nach dem bitterkalten und dann trüben Februar! Was für ein schöner, trauriger Tag!

Viele der Anwesenden sind wie der Verstorbene vor fünfzig oder mehr Jahren aus dem Süden Italiens in die Schweiz ausgewandert, haben hier als HilfsarbeiterInnen auf dem Bau und in der Industrie gearbeitet. Die meisten werden sich wie der Verstorbene dafür entscheiden, in der Schweiz begraben zu werden. Sie haben, als AusländerInnen, eine neue Heimat gefunden.

Nichts ausser Sehnsucht

Man kann als Ausländer in der Schweiz zu Hause sein. Ohne dass man zum Beispiel die lokale Sprache mehr als leidlich beherrscht. Die Italienerinnen und Italiener an dieser Feier beweisen es. Nicht mal tot wollen sie in jenes Land zurückkehren, das sie seinerzeit abgetrieben hat wie ein unerwünschtes Kind. Das ihnen nichts gegeben hat. Kein Elternhaus (viele Väter mussten wie der Vater des Verstorbenen in Abessinien für Mussolini Kolonialkrieg führen). Keine Ausbildung (der Verstorbene durfte gerade mal ein Jahr zur Schule, dann musste er als Taglöhner in den Wäldern im Hinterland Neapels Brennholz sammeln). Ja, nicht einmal zu essen hatten sie, sodass sie – nachdem sie Ende der fünfziger Jahre in die auch arme Schweiz gezogen waren – froh waren, sich nach einem arbeitsreichen Tag wenigstens satt ins Bett legen zu können.

Nichts hat ihnen Süditalien gegeben, ausser einer verführerischen Sehnsucht. Die hier anwesenden Italienerinnen und Italiener haben sie verwunden. Sie kehrten nicht zurück, und sie kehren nicht zurück. Sie erwarten nichts mehr von Süditalien.

In ihre frühere Heimat immigrieren nun Marokkanerinnen, Moldawier, Ghanaerinnen. Von diesen neuen BewohnerInnen Süditaliens handelt der Dokumentarfilm «Il nuovo Sud dell´Italia» des Zürcher Theater- und Filmemachers Pino Esposito. Esposito, der aus Kalabrien stammt und seit 1994 in Zürich lebt, zeichnet ein niederschmetterndes Bild einer Region – in die niemand, wirklich niemand, der nicht grösste Not leidet, hinziehen mag. Diese neuen BewohnerInnen Süditaliens sind in letzter Zeit in die Schlagzeilen gekommen: die FeldarbeiterInnen aus Schwarzafrika zum Beispiel, die in der Kleinstadt Rosarno in der Provinz Reggio Calabria während der Mandarinen- und Orangenernte in einer verlassenen Papierfabrik ohne Strom und Wasser in Kartonhütten hausen. Als Anfang Januar zwei von ihnen aus einem Auto angeschossen werden, kommt es zu heftigen Protesten und schliesslich zu Zusammenstössen zwischen ImmigrantInnen und Einheimischen. Pino Esposito ist da und filmt.

Sein Film beginnt aber vorher: Mit Schwarz-Weiss-Bildern von Antonio Murgeri, der den Schiffsfriedhof von Lampedusa fotografisch festgehalten hat. Die Bilder zeigen die Wracks jener Schiffe, mit denen Zehntausende von Flüchtlingen in den letzten zehn Jahren von Libyen nach Italien kamen. Schätzungsweise 7000 Menschen verloren dabei ihr Leben. Nun kommen keine Flüchtlinge mehr: Silvio Berlusconi hat mit Muammar al-Gaddafi ein dubioses Abkommen geschlossen. Fünf Milliarden Euro – offiziell Reparationszahlungen für die in der Kolonialzeit 1911–1941 begangenen Gräuel der Italiener – bekommt Gaddafi dafür, dass er keine Schiffe mehr Richtung Lampedusa aufbrechen lässt. Die wüste Reaktion von Italiens Aussenminister Franco Frattini auf die Schweizer Visa-Blockade gegen 181 Libyer gibt uns eine Idee davon, was es für das zivilisierte Europa bedeutet, wenn Gaddafi und Berlusconi Freunde sind.

Obwohl keine Schiffe mehr mit Flüchtlingen nach Italien kommen, hält die Zuwanderung der sogenannten illegalen Flüchtlinge nach Süditalien an. Wir fragen uns mit Esposito: Wie kann das sein? Die Antwort ist einfach, und sie ist erschreckend. Die SchwarzafrikanerInnen stammen aus dem Norden. Es sind Vertriebene aus jenen von der Lega Nord regierten Kommunen zum Beispiel, die in öffentlichen Parks Sitzbänke abmontieren lassen und sie mit Stacheldrähten einzäunen, damit die «Illegalen» dort nicht übernachten. Wo Bürgerwehren nachts durch die Innenstädte patrouillieren und Jagd auf obdachlose EmigrantInnen machen. Im Süden schert sich niemand um sie. Saisonal werden sie als TaglöhnerInnen angestellt: Tomatenernte in Kampanien im Juli, Traubenernte in Apulien im August, Zitronen-, Orangen- und Mandarinenernte im November und Dezember in Kalabrien und auf Sizilien. Dazwischen Haselnussernte im September, Kastanienernte im Oktober.

Von Europa abgeschnitten

Die TaglöhnerInnen stellen sich frühmorgens an der Strasse auf und werden von den Landbesitzern in Camions abgeholt. Für zehn Stunden kriegen sie 25 Euro. Abends werden sie wieder am Menschenumschlagplatz abgeladen. Wo und wie sie untergebracht sind, interessiert niemanden.

Angefangen hat die neue Immigration in den neunziger Jahren. Als ich für Recherchen zu meinem Roman «Ciao amore, ciao» zu jener Zeit in den Bergen zwischen Cosenza und Catanzaro unterwegs war, staunte ich, wie viele MarokkanerInnen in diesen abgelegenen Gegenden lebten. Sie wurden hier gebraucht, denn die zunehmende Entvölkerung liess ganze Landstriche veröden. Nicht nur gut gebildete SüditalienerInnen, alle, die können, ziehen – noch heute – weg. Früher schickten die Emigrierten Gelder nach Hause, oder sie zogen mit Geldern aus Renten und Pensionskassen nach Süditalien zurück. Aber diejenigen, die wegmussten, kommen immer seltener zurück.

Der Geldfluss der MigrantInnen versiegt langsam, aber stetig. Der Süden Italiens ist ohnehin wirtschaftlich hoffnungslos von Europa abgeschnitten. Die sogenannte Globalisierung hat ihn weiter marginalisiert. Stahlwerke wurden geschlossen, weil die starke Industrie Norditaliens kostengünstiger in Böhmen einkauft. Kein legaler Wirtschaftssektor ermöglicht eine effektive Wertschöpfung. Nur mit Subventionen kommt man über die Runden. Es gibt keine Rohstoffe und keine Energiequellen. Die Infrastruktur ist hoffnungslos veraltet. Südlich von Rom wurde im ganzen 20. Jahrhundert kein Meter Eisenbahnschiene verlegt.

Der Traum vom Norden

Anders als die EmigrantInnen ab den fünfziger Jahren im Norden Europas, in der Schweiz etwa, werden die EmigrantInnen im heutigen Süditalien nicht gebraucht, um die Nachfrage nach Arbeitskraft einer boomenden Wirtschaft abzudecken. Die EmigrantInnen werden gebraucht, um eine marode Wirtschaft vor dem Kollaps zu bewahren. Angeblich nur dank der rücksichtslosen Ausbeutung dieser Menschen kann die süditalienische Agrarwirtschaft andere Standortnachteile wie fehlende Infrastruktur und zerstückelte, abgelegene Anbauflächen wettmachen. Deshalb setzt sich niemand, auch kein Linker und auch kein Gewerkschafter für die Rechte dieser ArbeiterInnen ein. Würden sie das tun, so das unfassbare, alle lähmende Credo, würden die Landbesitzer ruiniert.

Viele MigrantInnen, die in Pino Espositos Film zu Wort kommen, fragen sich, mehr verblüfft als entsetzt, wo sie hier gestrandet sind. Ist das ein gesittetes Land? Ist das Italien?

Espositos Film ist still und laut, verzweifelt und fröhlich, wütend und versöhnlich. Er zeigt abfallübersäte Strände, auf dem sich streunende Hunde tummeln. Ein Hund verschlingt eine verweste Taube. In der nächsten Einstellung sieht man einen überfahrenen Hund auf der Autobahn.

Ein Emigrant beklagt, dass sie wie Tiere behandelt würden. «Schiesst auf Vögel, wenn ihr schiessen wollt, nicht auf uns.» Er verlangt, dass die sie aufnehmende Gesellschaft eine minimale Infrastruktur zur Verfügung stellt. «Kann man von uns verlangen, dass wir in Kartonschachteln leben?»

Andere rühmen Gastfreundschaft, menschliche Wärme und Nächstenliebe, die sie erfahren. Man sieht Freiwillige, die sich engagieren. Eine 85-jährige ehemalige Primarlehrerin, genannt Mamma Africa, unterhält ein privat finanziertes Hilfsnetzwerk. Sie weint, als sie vom Nigerianer erzählt, der sich, weil er kein Geld nach Hause schicken konnte, erhängt hat.

Ein anderes Hilfswerk unterstützt die rumänischen Prostituierten entlang der Hauptstrasse 106 zwischen Crotone und Taranto.

Ein lokaler Journalist fragt sich, warum die Solidarität mit den EmigrantInnen im armen Süden so viel grösser ist als im wesentlich reicheren Norden. Vielleicht weil sie im Süden weniger zu verlieren haben?

Esposito hat einen klugen Film gedreht. Er hat nicht eine These mit Aussagen ausgestattet. Der Film bleibt widersprüchlich: Ob man sich als Ausländer beklagt oder nicht, spielt keine Rolle. Es gibt keine Schuldigen.

Am Schluss sind wir in Neapel, Ausgangs- und Angelpunkt der meisten dieser WanderarbeiterInnen. Antonio Murgeri zeigt seine Bilder der neuen EmigrantInnen. Wir sehen elendige Unterkünfte, in denen augenscheinlich lebensfrohe Menschen leben. Sie leben so wie unsere Eltern vor fünfzig Jahren. Der Kreis schliesst sich. Auch diese neuen BewohnerInnen Süditaliens werden versuchen, dem Elend zu entfliehen. Sie werden versuchen, wie alle Armen, die in Süditalien leben, wegzukommen: Richtung Norden.

Schuld ist niemand

Funktionierende Institutionen sind nichts Selbstverständliches, auch bei uns nicht. Zu spüren bekommen es immer die Schwächsten.

Wie kann man an Schmerzen im rechten Oberschenkel sterben? Einen Monat lang, den kalten Februar 2010, war Vater wegen dieser Schmerzen nicht mehr auf den Beinen. Er, der nie im Spital war, ausser als er als Zwanzigjähriger an seiner ersten Stelle als Knecht im Solothurner Wasseramt vom Traktor fiel.

Als er zu mir sagte, mir geht es wirklich schlecht, es muss mir jemand helfen, dachte ich wie die Ärzte: Geduld. An Schmerzen im Oberschenkel stirbt man nicht.

Alle haben nicht auf ihn gehört oder ihn zumindest nicht verstanden. Denn man stirbt an Schmerzen im Oberschenkel, wenn sich durch die Herumhockerei ein Blutgerinnsel bildet und die Thrombose in die Lunge gerät. Und kein Arzt auf die Idee kommt, Blutverdünnungsmittel zu verabreichen. Erst eine Viertelstunde vor seinem Tod haben die Ärzte die Diagnose und pumpen ihn derart mit Verdünnungsmitteln voll, dass er noch zwei Tage später in der Aufbahrungshalle aus der Nase blutet.

Ich werde mir nicht verzeihen können, dass ich nicht insistiert habe. Dass ich nicht beim klaren Verdacht, dass er nicht ernst genommen wird, Alarm geschlagen habe. Dass ich so ein richtiger Linker bin, der die Institutionen trotz eines offensichtlich leidenden und verlassenen Menschen verteidigt.

Niemand ist Schuld an der unterlassenen Hilfestellung, niemand hat diese Situation gewollt, niemand ist dafür verantwortlich, wenn etwas nicht klappt. In Solothurn nicht, in Süditalien nicht.

Gehen Sie ins Kino, und schauen Sie sich Pino Espositos Film an. Möglicherweise wird es Ihnen ergehen wir mir: Der Film geht uns mehr an, als wir wahrhaben können.

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