Nr. 13/2010 vom 01.04.2010

Fünfzehn kleine Romane

Mit über vierzigjähriger Verspätung erscheint jetzt der Erstling von Alice Munro auf Deutsch. Im einem kleinen Zürcher Verlag – und das ist nicht das einzig Erstaunliche an diesem Erzählband.

Von Rea Brändle

Die kanadische Schriftstellerin Alice Munro ist auch im deutschsprachigen Raum schon lange kein Geheimtipp mehr. Ihre neuesten Erzählbände werden jeweils sehr bald übersetzt; in den achtziger Jahren tat dies Klett Cotta, später der S.-Fischer-Verlag.

Mit diesem Wechsel muss es zusammenhängen, dass irgendwann die Übersicht verloren ging. Sie jedenfalls sei verblüfft gewesen, sagt die Verlegerin Sabine Dörlemann, dass Munros früheste Erzählbände – «Dance of the Happy Shades» von 1968 und «Something I’ve Been Meaning to Tell You» aus dem Jahr 1974 – nie auf Deutsch erhältlich waren. Und noch erstaunlicher ist, wie reibungslos der S.-Fischer-Verlag ihr die Rechte für die beiden Werke überliess und obendrein behilflich war, mit Heidi Zerning die verdiente Munro-Übersetzerin zu verpflichten; dabei wurde ausgemacht, dass die zwei deutschen Ausgaben später als Fischer-Taschenbücher erscheinen.

Ein Glücksfall für ihren Verlag, sagt Sabine Dörlemann, Anglistin und Übersetzerin von der Ausbildung her. Sie hatte einige Zeit bei Gerd Haffmans und Egon Ammann editorische Erfahrungen gesammelt, ehe sie vor sieben Jahren in Zürich ihren eigenen Verlag gründete. Mit der berühmten Kanadierin wird dieses Unternehmen, ein Dreipersonenbetrieb, jetzt auch einem breiteren Publikum zum Begriff werden. Zudem passen die frühen Bücher der bald achtzigjährigen Munro ausgezeichnet ins Programm des Dörlemann-Verlags, der sich von Anfang an auf Entdeckungen im Bereich der modernen Klassik spezialisiert hat. So soll mit der Zeit eine Backlist entstehen, ein ständig verfügbares Sortiment, von Belletristik ebenso wie von Sachbüchern.

Die Wertschätzung gegenüber Munros Frühwerken ist unübersehbar; es ist ein schönes Buch geworden, mit angenehmem Satzspiegel, Lesebändchen, gutem Papier; speziell sind die changierenden Leinenbuchdeckel, auf denen auch die Übersetzerin genannt wird.

Eine eigene Tonalität

Man lasse sich nicht vom Titel beirren. Und denke nicht, dass der «Tanz der seligen Geister» irgendwie hätte versteckt werden müssen wie zahlreiche Erstlinge, die höchstens noch von literaturhistorischem Interesse sind.

Anders die fünfzehn Erzählungen im «Tanz der seligen Geister». Da steckt schon nahezu alles drin, was Alice Munro einzigartig und bei ihrem internationalen Publikum so beliebt macht: von den Themen her, vor allem aber in ihrer Tonalität. Einem festen Auftreten von weiblichen Ich-Erzählerinnen oft, die sich mit Alltagsdingen herumschlagen und dabei wie von selbst auf fragiles Gelände geraten: ungute Gefühle, genierliche Erinnerungen, intuitives Begreifen, autistische Anflüge, Angst vor den stummen Verschwörungen der Gleichgesinnten, Anwandlungen einer kaum erklärlichen Scham. Zwar wirkt der Erstling als Sammlung weniger kohärent als die späteren Werke, doch sind die Figuren bereits unverkennbar. Sie sind geerdet und zugleich ungemein verletzlich, und immer behalten sie ihren verwunderten Blick auf die Normalität.

Auch die Schauplätze sind bei Munro oft die gleichen: die Silberfuchsfarm in der Nähe des Huronsees in Ontario, wo die Autorin aufgewachsen ist, Schulfeste und Tanzabende in der Kleinstadt, ländlich improvisierte Krankenzimmer, Anwesen von Verwahrlosten, eine Siedlung kaum fertiger Einfamilienhäuschen und dazu eine spannende Art des Erzählens; die einzelnen Texte, jeweils rund zwanzig Seiten lang, haben das Zeug zu kleinen Romanen, ein Verfahren, das Munro im Lauf ihres Lebens wie keine andere Zeitgenossin perfektioniert hat.

Unverkennbar also, dass Alice Munro bereits jahrlang geschrieben hatte, ehe sie ihr erstes Buch publizierte. Doch es waren wohl nicht allein die ästhetischen Ansprüche, die sie zum Abwarten veranlassten. Man stelle sich vor: Sie war fast vierzig, hatte als Einzige der Familie die Universität besucht, nach abgebrochenem Studium dann den Buchhändler James Munro geheiratet, war mit ihm aus der Gegend von Ontario an die Westküste gezogen, wo sie neben ihrem Schreiben im Laden half und sich um ihre Töchter kümmerte. Das war 1968, ein Arbeitszimmer ausserhalb des eigenen Haushalts galt als Ungeheuerlichkeit und lieferte eine Frau den grotesken Fantasien der Vermieter aus (wie in der Erzählung «Das Büro» nachzulesen ist). Das «moderne Leben» hatte etwas unsäglich Braves, hingegen brauchte es viel Mut, über die eigene Familie und den vorgefundenen Alltag zu schreiben. Genau das aber war es, was Alice Munro von Anfang an vorschwebte: «Ich mag es, Menschen zu beobachten, über Jahre, aber ohne Kontinuität. Als würde ich ab und zu ein paar Schnappschüsse machen.»

Um ein solches Vorhaben realisieren zu können, brauchte es Distanz. Drei Jahre nach Erscheinen ihres Erstlings übrigens, die Töchter waren mittlerweile fast erwachsen, liess Munro sich scheiden und zog in den Osten Kanadas zurück. Nichts mehr konnte sie am Schreiben hindern.

Nostalgie und Verkalkung

So gross die Versuchung auch sein mag: Auf rein Autobiografisches können und sollten diese Erzählungen nicht reduziert werden. Dazu sind sie zu vielschichtig, kunstvoll verwoben, ungemein dicht.

Die Titelgeschichte übrigens, der «Tanz der seligen Geister», ist wörtlich gemeint. Auch wenn der Text nichts Esoterisches enthält, erzählt wird vom Abstieg einer älteren Musiklehrerin. Miss Marsalles, so heisst sie, hat Generationen von unbegabten SchülerInnen das Klavierspielen beigebracht und Jahr für Jahr ihre pädagogischen Bemühungen mit einem Festchen gekrönt, auch wenn sie dies Mal für Mal mehr Anstrengung kostet. Dabei wird der äussere Rahmen immer dürftiger, das Buffet kleiner, die Geschenke werden verstaubter, die Lehrerin realitätsfremder. Die Zahl der SchülerInnen wird weiterhin schwinden, weil die meisten Mütter ihre Kinder nur noch aus Mitleid mit Miss Marsalles und ein bisschen wohl auch aus Nostalgie in die Klavierstunden schicken. So wird das Festchen zu einer vermurksten Angelegenheit, allen ists nur noch peinlich. Doch selbst dies scheint Miss Marsalles nicht zu merken, sie blüht sichtlich auf, als gegen Ende der Vorstellung ein Trüppchen von geistig Behinderten eintrifft. Sie kommen aus einer anderen Schule, wo Miss Marsalles neuerdings unterrichtet. Niemand traut sich hinzusehen, man hofft die Sache möglichst bald hinter sich zu bringen, bis plötzlich ein glockenreines Klavierspiel den Anwesenden Tränen in die Augen treibt.

Ein Glück, sagt man sich, dass es Autorinnen gibt, die so viel vom Leben verstehen.

 

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Fünfzehn kleine Romane aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr