WOZ Nr. 14/2010 vom 08.04.2010

In der Ignoranzfabrik

Wir leben in der Wissensgesellschaft. Was aber, wenn dieses vermeintliche Wissen letztlich dazu dient, Unwissen zu schüren im Dienst der Marktwirtschaft?

Von Eduard Kaeser

Dass zwischen Wissenschaft und Industrie enge Allianzen bestehen, gehört zu den Gemeinplätzen unserer Tage, im Besonderen zur Imagepolitur des «Standorts» Schweiz. Wissenschaft produziert Wissen, die Industrie produziert Güter auf der Basis dieses Wissens. Allenthalben ist vom «Produktionsfaktor», vom «Rohstoff» Wissen die Rede: das Mantra der Wissensgesellschaft. Der Zeitgeist hätschelt seinen Sonnyboy, den Wissenschaftler-Unternehmer. Der Cocktail aus «reinen» und industriellen Erkenntnisinteressen ist ein beliebtes Getränk. Die Grenzen zwischen Laboratorium und Alltag sind in der New Economy sehr durchlässig geworden – ja, man ist versucht zu sagen, unser Alltag, bis in die Intimzonen konsumatorisch beherrscht, verwandle sich zusehends in ein einziges grosses Laboratorium.

In einem solchen Kontext gewinnt nun nicht bloss die Wissensproduktion, sondern auch die Produktion von Nichtwissen zunehmend an Bedeutung. Mit Ignoranz kann man wirtschaften. Firmen nehmen wissenschaftliche Forschung in ihre Dienste – nicht nur um neue «wissensbasierte» Produkte herzustellen, sondern vermehrt, um diese Produkte «gut» aussehen zu lassen. Vor allem dann, wenn sie mit Gesundheitsrisiken verbunden sind. Die Bereitschaft von grossen Konzernen und Wirtschaftsverbänden, Forschungsresultate firmenkonform zu gestalten, wächst direkt proportional zum kritischen öffentlichen Bewusstsein. Gegen KonsumentInnen- und Umweltschutzorganisationen werden dann Anwaltspraxen, Public-Relations-Agenturen und Beratungsfirmen mobilisiert, die die prekären Produkte dadurch verteidigen, dass sie den wissenschaftlichen Konsens mit Gegenexpertisen unterminieren. «Ungewissheitsmanagement» heisst das heute in betriebsökonomischem Newspeak. Weniger geschönt: aus Ungewissheit wirtschaftlichen Nutzen ziehen.

«Unser Produkt ist der Zweifel»

Man kennt diese Praxis des industriegesponserten Skeptizismus seit über einem halben Jahrhundert aus der Tabakindustrie. Gegen den wissenschaftlichen Konsens lancierte sie eine Kampagne nach der anderen mit dem Ziel, Zweifel zu streuen im Sold der Industrie. Grundtenor: Der wissenschaftliche Konsens ist konstruiert. Schwer zu denken gibt der Slogan aus einem internen Memorandum des Zigarettenherstellers Brown & Williamson: «Unser Produkt ist der Zweifel, denn er ist das beste Mittel, den ‹Stand der Erkenntnisse› anzufechten, der gemäss öffentlicher Meinung existiert.»

Es gibt zahlreiche Taktiken der Ungewissheitsproduktion. Eine heisst: Ablenken! So führte ein «Tobacco and Health Report» in den 1960er Jahren die Ursachen für Lungenkrebs auf die Vogelhaltung (Milben im Gefieder), auf Infektion durch seltene Pilze, auf Erbanlagen, Viren, städtische Luftverschmutzung und vieles mehr zurück – nur nicht auf Tabak. Als die Datenlage sich aber zugunsten eines Zusammenhangs von Rauchen und Krebs erhärtete, wechselte man die Taktik. Nun wurde versucht, die Eindeutigkeit der Forschungsresultate in Zweifel zu ziehen. Ein beliebtes Standardargument lautete schon damals, dass die epidemiologischen Studien über die Gefährdung durch Rauchen ja «blosse Statistik» seien und keine eindeutigen Belege für einen Kausalzusammenhang lieferten.

Damit verband sich eine andere bewährte Taktik, die «Filibuster-Forschung». Filibustieren bedeutet endloses Reden im Parlament, um Abstimmungen zu verhindern und Zeit zu schinden. Den Tabakherstellern war natürlich daran gelegen, die Frage nach der Gesundheitsgefährdung mit «mehr Forschung» offen zu halten, um damit offizielle Massnahmen als nicht gerechtfertigt erscheinen zu lassen. Gegebenenfalls könnte man sogar als Ritter lauterer wissenschaftlicher Skepsis gegen die Abschliesstendenzen «dogmatischer» Forschung auftreten. Schliesslich ist Krebs eine komplexe Krankheit mit mehr als einer Ursache. War man es den armen Opfern dieser Geissel der Menschheit nicht schuldig, die Frage nach ihren Ursachen gewissenhaft zu beantworten? Man stand dann vor allem in Schadenersatzprozessen gut da, weil man in perfekter Doppelzüngigkeit behaupten konnte, trotz der unsicheren Beweislage (an deren Forterhalt man fleissig arbeitete) doch viel für die Forschung getan zu haben.

Die wichtigsten Schlachten in den «Krebskriegen», wie sie der US-Historiker Robert Proctor nennt, mögen geschlagen sein. Aber die Taktiken und Argumente der Tabakhändler bleiben virulent. Man kann sie neuerdings in der Klimaforschung, in der Pharma- und Nahrungsmittelindustrie wiederentdecken. Nach dem englischen Publizisten George Monbiot haben wir es mit einer regelrechten «Industrie der Ableugner» zu tun. Wohlgemerkt: Wir reden nicht über Fälschung, Einschüchterung, Bestechung (das gab und gibt es natürlich auch). Wir reden darüber, dass man im Namen des wissenschaftlichen Geistes Ungewissheit schürt, Scheindebatten vom Zaun bricht und eine Vielfalt der Standpunkte inszeniert, die im Grunde nicht existiert.

Spätestens hier melden sich mindestens zwei Einwände. Erstens: Auf die meisten brennenden Fragen unserer Zeit – Klima, Umwelt, Energieversorgung, Ernährung, Gesundheit, Bevölkerungswachstum – gibt es keine eindeutigen wissenschaftlichen Antworten. Und zweitens gehören Ungewissheit und damit Kontroversen zu den Wesensmerkmalen des wissenschaftlichen Geistes. WissenschaftlerInnen sind ExpertInnen des Zweifelns, sie haben sich die Skepsis als Ethos selbst auferlegt. Forschung, lehrte uns Karl Popper, kommt voran, indem sie Falschheit überwindet. Aber sie führt nie zu absoluter Wahrheit, bestenfalls zu einem robusten, aber hinterfragbaren Konsens. Wissenschaft wäre eigentlich mit «Zweifelschaft» besser gekennzeichnet. Insoweit sind beide Einwände berechtigt.

Aber das Problem ist nicht die selbst auferlegte Ungewissheit der Wissenschaft, sondern die bewusste Herstellung von Ungewissheit im Namen von Wissenschaft. Dass gute Forschung Zeit braucht, ist die eine Sache. Eine andere Sache ist es, wenn RepräsentantInnen der Industrie «mehr Forschung» rufen in einer Situation der Ungewissheit, die sie zum Teil selbst erzeugen. Sie setzen Zweifel und Ungewissheit im Grunde nicht als Erkenntnis-, sondern als Verkaufsmittel ein, und im Namen der Objektivität entwürdigen sie diese. Man müsste eigentlich eine eigene Kategorie für sie einführen: die der IgnoranzproduzentInnen.

Firmenpflicht und Wahrheitspflicht

Ignoranzproduktion ist ein Symptom der Monopolmacht globaler Konzerne. Mit ihr wächst auch ihre wissenspolitische Macht: die Neigung und die Verlockung also, im Zweifel für die Firma zu entscheiden – mehr noch: Zweifel im Namen und zugunsten der Firma zu erzeugen, gegen die KonsumentInnen ihrer Produkte. Auch Wissen wird zunehmend zu einem ökonomischen Gut: Wir sind von einem Konzept des Wissens beherrscht, das es von innen her zersetzt. Der Homo oeconomicus etabliert sich auch hier: Wissen als Portfolio, das den «Wissenden» auf dem Markt positioniert. Das kann zu einem Konflikt führen zwischen der Pflicht, die Firmen ihren ForscherInnen auferlegen, und der eigentlichen Pflicht nach der Wahrheitssuche. Die Machtstellung einiger Firmen verleitet wohl nicht wenige ForscherInnen dazu, die beiden Pflichten gar nicht mehr zu unterscheiden: Firmenpflicht und Wahrheitspflicht werden identisch.

Damit aber wäre das Ende der althergebrachten Wissenschaft besiegelt. Weil Wissen entsprechende Erkenntnistugenden einfordert – und nicht bloss «Kompetenzen» und «Ressourcen» für «Best Practice». Eine Kardinaltugend lautet: Misstraue allen, die sagen, zu jeder Meinung gebe es eine ebenso begründete Gegenmeinung; Fakten seien lediglich Konstrukte von ExpertInnen, geronnene Meinungen letztlich. Es mag zutreffen, dass Uneindeutigkeit und Ungewissheit als normales Risiko heutigen Denkens und Handelns in Kauf genommen werden müssen – das hat sich vom Ozonloch über das Waldsterben bis zur Finanzkrise gezeigt. Umso nachdrücklicher macht sich geltend: Wissen ist ein Ethos – ein Instrument der Wahrheits-, und nicht der merkantilen Vorteilssuche. Man mag das als traditionalistisch belächeln. Aber wer das tut, sollte sich einmal Rechenschaft darüber geben, dass die ganze Tradition der wissenschaftlichen Erkenntnis – der Stolz des «Westens» – mit diesem Ethos steht und fällt. Die Reduktion des Wissens auf ein Wirtschaftsgut setzt exakt das aufs Spiel, worauf wir bauen. Universitäten sollten sich daher als Pflegestätten dieses Ethos wiederentdecken, statt es erodieren zu lassen.

Heimlich in die Barbarei

Das Szenario erscheint vielleicht alarmistisch. Aber es präsentiert uns die Rückseite eines Zeitalters, das sich als «wissend» und «informiert» feiert. Robert Proctor sieht in dieser Rückseite bereits ein neues kulturwissenschaftliches Forschungsfeld Kontur annehmen. «Agnotologie» nennt er es – Studium der kulturell und industriell gemachten Ignoranz. Das wird ein Forschungsfeld der Zukunft sein. Denn der Umgang mit solcher Ignoranz erscheint umso nötiger, als «agnotologische» Nebenwirkungen einen wichtigen Aspekt der Risikoabschätzung darstellen. Vermehrt müssen wir heute entscheiden und handeln ohne sicheres wissenschaftliches Netz. Zudem könnte eine «agnotologische» Besinnung die übergrossen Erwartungen, die heute von neuen Disziplinen geweckt werden – etwa von der Stammzellenforschung oder der Nanotechnologie – auf ein Normalmass zurückstutzen.

Nicht zuletzt aber behält Agnotologie im Bewusstsein, dass das Nichtwissen mit dem Wissen wächst. Einer der philosophischen Pioniere der Informationstechnologie, Gottfried Wilhelm Leibniz, hat uns gewarnt: Trotz der «wunderbaren Veränderungen» der Wissenschaften, schrieb er 1680, vermehre sich die Zahl der Dispute und die Zufriedenheit mit Scheinargumenten, und es sei deshalb zu befürchten, «dass die Menschen nach nutzloser Vergeudung des Wissensdranges (...) der Wissenschaften überdrüssig werden und durch eine unheilvolle Verzweiflung in die Barbarei zurückfallen». Steuert die Wissensgesellschaft heimlich diesen Kurs?