Nr. 31/2010 vom 05.08.2010

Wasser bis zur Hüfte

Die Republik Kiribati, ein Inselstaat im Südpazifik, versinkt als eines der ersten Länder im Meer. Die Einheimischen wissen nicht, was sie dagegen tun können. Sie fühlen sich von der Welt im Stich gelassen.

Von Carsten Stormer

Baranite Kirata sitzt in seinem Fischerboot und fährt hinaus aufs Meer. Er nimmt eine Nylonschnur aus einem Werkzeugkasten, befühlt den Haken mit der Kuppe seines Zeigefingers und wirft die Angel in den Ozean. Mal sehen, ob ein Fisch anbeisst. «Früher haben wir hier sehr einfach gelebt», sagt er und wickelt sich zum Schutz gegen die Sonne ein Tuch um den Kopf. «Unsere Gemeinde war glücklich, ohne Telefon und Fernsehen, nur das Meer und die Fischer.» Früher – das ist nur wenige Jahre her.

Heute wird die Moderne importiert, aus China, Indonesien, Fidschi oder Australien: Benzin für die Autos, Wellblechdächer, Konservendosen, Batterien, Plastiktüten, Schokoriegel, Computer und Fensterscheiben. Der Müll landet an den Stränden Kiribatis, rostet vor sich hin oder treibt im Meer, weil es keine Müllabfuhr gibt. Am Horizont fischen koreanische Fangflotten den Ozean leer. Es beginnt zu regnen. Es beisst doch kein Fisch an. Baranite Kirata verzieht das Gesicht.

Es ist Sonntag, glatt liegt das Meer wie ein Teppich. Vorn am Strand dösen einige BewohnerInnen von Tarawa, dem Hauptatoll von Kiribati, bei 35 Grad in Hängematten unter Kokospalmen vor sich hin, trinken Kava, das Gebräu einer Pfefferwurzel, oder zupfen auf ihren Gitarren und singen mikronesische Lieder. Baranite Kirata ist 56 Jahre alt, Pastor der protestantischen Kirche Kiribatis (KPC) und so etwas wie der Klimaschutzbeauftragte seiner Gemeinde. Er drosselt den Motor, steht auf und zeigt aufs Meer hinaus. Eine Sandbank hebt sich aus dem Wasser, darauf buhlen Möwen und Krebse um Nahrung.

Eine Sandbank?

«Nein, das war mal eine Insel!», sagt Baranite Kirata und fischt mit der Hand nach einer Krabbe. Als er ein Kind war, nahmen ihn seine Eltern hierher zum Picknick mit. Viketawa nennen die Einheimischen die Insel, Land unterm Mondschein. Heute gibt es fast nur noch Land unter. Nur bei Ebbe lugt der Sand noch ein paar Zentimeter aus dem Wasser. «Das hat viele Zweifler überzeugt, dass Kiribati ein Problem hat», sagt Baranite Kirata. Und was hilft diese Erkenntnis?

Versalzenes Trinkwasser

«Bitakini Kanoan te Bong» nennen die Menschen auf Kiribati dieses Problem – übersetzt heisst das: Wechsel des täglichen Wetters oder einfach Klimawandel. Wenn sich nicht bald etwas ändert, wird es die Republik Kiribati in 25 Jahren nicht mehr geben. Verschwunden von der Landkarte, überspült vom Meer, weil in anderen Teilen Menschen die Umwelt verschmutzen und ihren bisherigen wirtschaftlichen Fortschritt nicht aufgeben wollen – in China, den USA, in Europa, in Australien.

112 000 Kiribatis wohnen auf 32 Atollen, die 811 Quadratkilometer umfassen. Die Menschen leben hauptsächlich vom Fischfang und von der Seefahrt. Das Bruttoinlandsprodukt liegt bei unter 700 Dollar pro Kopf und Jahr. Es ist ein armes Land, und weil die höchste Stelle des Landes nur zwei Meter über dem Meeresspiegel liegt, wird Kiribati eines der ersten Länder sein, die das Meer verschluckt. Der Treibhauseffekt lässt die Ozeane steigen. Jedes Jahr ein bisschen mehr, unaufhaltsam. Oft so langsam, dass es selbst die Einheimischen kaum merken. Nur die, die in der Nähe des Strandes wohnen, wundern sich, warum das Trinkwasser plötzlich versalzen ist oder die Brandung immer mehr von ihrem Besitz frisst. Auf Tuvalu, Fidschi, Samoa oder den Malediven ist es ähnlich. Langsam verschwinden diese Länder im Ozean. Die BewohnerInnen sind hilflos, weil niemand so recht weiss, wie man sich dagegen schützen kann – und der Rest der Welt bislang einfach zusieht.

Baranite Kirata hat es eilig. Ein Sturm zieht auf. In seiner Nussschale will er da nicht auf dem Meer bleiben. Und an Land wartet noch ein alter Freund auf ihn. Wieder am Ufer angekommen, steigt der Pastor in einen rostigen blauen Lieferwagen, dessen Motor sich immer wieder verschluckt. In seinem Dienstfahrzeug rattert er die Küstenstrasse entlang, die Tarawa von Norden nach Süden verbindet, dreissig Kilometer geradeaus, links und rechts der Südpazifik. Am Strassenrand rosten Autowracks vor sich hin, Frauen bieten den Fang des Tages und Bananen an, Kinder tollen im Ozean herum. Die Brandung schlägt gegen verwitterte Seemauern.

Pilotprojekte laufen an

Der steigende Meeresspiegel sei nicht das einzige Problem, sagt Baranite Kirata und wischt sich Schweiss von der Stirn. «Das Wetter spielt verrückt!» Immer mehr und heftigere Tropenstürme jagen über Kiribati hinweg, gefolgt von ungewöhnlich langen Dürreperioden. «Das hat es früher nicht gegeben, nicht in diesem Ausmass.» Die Folgen: Die Riffe, der natürliche Schutz gegen die Gewalt des Meeres, sterben, Salzwasser wird ins Landesinnere gepumpt, das Trinkwasser versalzt. Schon heute ist Wasser ein so knappes Gut, dass jeder Haushalt nur wenige Stunden täglich mit Frischwasser versorgt wird. Schlimmer noch: Die Jugend, die FacharbeiterInnen und die Studierten verlassen die Inseln, weil sie keine Zukunft für sich sehen. Das geistige Kapital wandert ab, nach Australien, Neuseeland. Irgendwann wird der Rest folgen – als Klimaflüchtlinge.

Auf einer Vollversammlung der Pazifischen Kirchenkonferenz (PCC) berichtete Pfarrer Kirata im September 2007 über die lokalen Auswirkungen der weltweiten Klimaveränderungen – so nachdrücklich, dass die Kirchenoberhäupter der Region beschlossen, den Klimawandel zu einem Schwerpunkt ihrer Arbeit zu machen. Im April 2009 wandten sie sich in einem eindringlichen Appell an die Staatsoberhäupter der Welt. In der «Moana-Deklaration» forderten die Kirchenoberen nicht nur, den Opfern des Klimawandels Schutz und Zuflucht zu gewähren, sondern auch, Massnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels zu ergreifen. Weil die betroffenen Menschen nicht warten können, bis die Politik endlich handelt, hat PCC darüber hinaus gemeinsam mit der Hilfs-organisation Brot für die Welt ein Pilotprojekt ins Leben gerufen. Ziel ist es, die Menschen im Pazifik über die Folgen der Klimaveränderungen aufzuklären und gemeinsam mit ihnen Anpassungs- und Schutzmassnahmen zu entwickeln.

«Direkt in die Pfannen»

«Es wird nicht leicht, Kiribati zumindest eine Zeit lang vor dem ansteigenden Meer zu schützen», befürchtet Baranite Kirata. Der Bau von Dämmen könnte helfen oder Wellenbrecher, draussen an den Riffen. Auch künstliche Riffe aus Schiffswracks oder Beton. Oder das Pflanzen von Mangroven, damit deren Wurzelgeflechte die Ufer zusammenhalten. Es sind Massnahmen, die kostspielig sind. «Aber was bleibt einem übrig», fragt der Pfarrer, «wenn einem das Wasser buchstäblich bis zum Hals steht?»

Während der Fahrt erzählt der Pfarrer, dass im letzten November ungewöhnlich heftige Winde über die Insel peitschten, das Meer bis zu seinem Haus drückte und den Fischteich vor dem Haus überflutete. «Meine Fische schwammen direkt in die Pfannen und Töpfe meiner Nachbarn», sagt er und kichert.

Nach einstündiger Autofahrt auf Kiribatis einziger Strasse hält Baranite Kirata im Dorf Temaiku an der Südspitze Tarawas, dort, wo die Insel besonders stark vom Klimawandel betroffen ist. Es ist Ebbe. Abgestorbene Riffe ragen wie in einer bizarren Mondlandschaft aus dem Wasser, abgeknickte Kokospalmen liegen im Schlick, und ein einzelner Mann schleppt Gesteinsbrocken über den Strand zu seiner Hütte aus Treibgut. Kiareti Muller ist 66 Jahre alt, ein dünner Mann mit nacktem Oberkörper und tiefen Falten im Gesicht. Als er Baranite Kirata sieht, lässt er den Brocken fallen und blickt verlegen zu Boden. Denn das, was er hier treibt, ist illegal, von der Regierung verboten. Es beschleunigt den Verfall der Insel: Kiareti Muller bricht aus den Riffen Korallen, die er entweder für wenig Geld an Nachbarn verkauft oder mit denen er seine Seemauer ausbessert, die regelmässig von den Wellen zerstört wird. «Dies ist meine einzige Einkommensquelle», sagt er. Und irgendwie müsse er sein Haus ja vor dem Meer schützen. «Etwas anderes als Korallen kann ich mir nicht leisten!»

Das Meer komme jetzt schon bei Springflut und Vollmond bis an die Haustür, sagt Kiareti Muller und nimmt Baranite Kirata an die Hand. Er will ihm etwas zeigen. Vor einem Loch im Boden, wenige Meter neben seiner Hütte, unter einem Pandanusbaum, bleibt er stehen. Dies war einmal der Familienbrunnen. Heute ist er versalzen. Mullers Frau muss jetzt mehrmals am Tag eine halbe Stunde zum nächsten Brunnen gehen, um geniessbares Wasser zu holen.

So wie den Mullers ergeht es auch dem Tischler Faavae Papua, dessen Haus an der Ostseite Tarawas direkt am Wasser liegt. Die Seemauer schützt sein Grundstück nur noch selten bei Flut. Diese Erfahrung machen auch die Totengräber von Bairiki, die mitansehen müssen, wie die Brandung immer öfter Gräber ins Meer schwemmt.

Besuch in Bonriki

Wir fahren weiter, vorbei am Flughafen, der bei Sturmflut unter Wasser steht und wo jetzt Ziegen neben der Landebahn grasen und Kinder auf dem Rollfeld Fussball spielen, biegen links ab, verlassen die geteerte Hauptstrasse, passieren das Landwirtschaftsministerium, fahren über eine Brücke, die US-amerikanische Soldaten gebaut haben, und halten schliesslich in Bonriki, einem Dorf im Osten Tarawas. Kabiri Kokia schiebt einen dicken Bauch vor sich her und begrüsst den Pfarrer mit einer herzhaften Umarmung. Man kennt sich, ist gemeinsam zur Schule gegangen. Mehr als fünf Meter seines Grundstücks hat das Meer dem 56-jährigen Hünen in den vergangenen drei bis vier Jahren gestohlen. Jedes Jahr komme das Wasser ein bisschen näher, erzählt er und bietet seinen Gästen frische Kokosnüsse an. Er zeigt auf sein Grundstück. Dort, wo jetzt nur noch eine zerbrochene Kloschüssel liegt, stand vor einem Jahr ein weiteres Wohnhaus – das Meer hat es fortgerissen. Kabiri Kokia lüpft seinen Wickelrock und schlendert ein paar Meter ins seichte Wasser. «Hier hatten wir eine Terrasse, auf der wir abends mit Freunden Fische gegrillt haben.» Verschwunden. Eine Meermauer könnte seinen Besitz schützen, aber die kann er sich nicht leisten. «Wie soll ich denn all den Zement, die Sandsäcke und den Mörtel bezahlen?», fragt er.

Mehrere Stunden reden die beiden alten Freunde über die Vergangenheit und über eine ungewisse Zukunft, trinken dabei viel Kava. Dann macht sich der Pastor auf den Rückweg. «Hoffentlich ist es noch nicht zu spät, um unsere Heimat zu retten», sagt er. Es müsse jetzt endlich gehandelt werden. «Das schulden wir unseren Enkelkindern. Aber ohne fremde Hilfe kann Kiribati das nicht schaffen», sagt er und blickt aufs Meer. Er sieht nicht glücklich aus.

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