Nr. 33/2010 vom 19.08.2010

Zeit der Katastrophen

Ist das nun schon der Klimawandel? Selbst wenn die Antwort Nein lauten sollte: Einen Vorgeschmack darauf geben uns die Unwetter in Russland und Pakistan auf jeden Fall.

Von Marcel Hänggi

Manche Katastrophe hat auch ihr Gutes. 1987 war das bis anhin heisseste je gemessene Jahr; Hitzewellen suchten die USA heim. 1988 tötete Hurrikan Gilbert in der Karibik über 300 Menschen. Die Serie ungewöhnlicher Wetterereignisse gab dem Kampf gegen den Klimawandel einen Schub. Die Uno etablierte den Weltklimarat, und im US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf machten beide Kandidaten den Klimawandel zum Thema.

Was wir diesen Sommer erleben, stellt die Wetterunbilden von 1987/88 bei weitem in den Schatten. Von einer «nie gesehenen Folge extremer Wetterereignisse» spricht die Meteorologische Weltorganisation in Genf. Die Überschwemmungen in Pakistan stellen, gemessen an der Zahl der Hilfsbedürftigen (20 Millionen Obdachlose), die grösste Katastrophe in der Geschichte der Vereinten Nationen dar. In Russland war es diesen Sommer mit bis zu 38 Grad in Moskau (normal wären 23) so heiss wie nie in den letzten tausend Jahren, sagt der Wetterdienst Roshydromet. Die Unwetter in Nordchina mit 1700 Toten oder Vermissten und 12 Millionen Obdachlosen gehen daneben schon fast vergessen, und dass im Niger wegen Dürre 7 Millionen Menschen vom Hunger bedroht sind, ist beispielsweise dem grössten Schweizer Online-Medienportal nicht einmal eine Meldung wert.

Daran, dass der Klimawandel seit dem Scheitern des Gipfels in Kopenhagen weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden ist, haben die jüngsten Wetterereignisse aber nichts ändern können. Ein neues Treffen zur Vorbereitung des nächsten Klimagipfels in Mexiko ist Anfang August ohne substanzielle Fortschritte zu Ende gegangen.

Mittlerweile – das war 1988 noch nicht der Fall – sind die Erdöllobby und konservative Thinktanks mit ihrer Desinformationskampagne in Stellung gegangen. Um ihnen keine Munition zu bieten, will sich denn auch kaum jemand mit klaren Aussagen exponieren. Pakistan und Russland – eine Folge des Klimawandels? Stellt man die Frage einem Meteorologen oder einer Klimatologin, lautet die Antwort – mit Nuancen – immer etwa gleich: Was wir beobachten, passt zu den Vorhersagen, aber für den Einzelfall wissen wir zu wenig, um einen Zusammenhang zu belegen.

Die Hitze in Russland und die Überschwemmungen in Pakistan, möglicherweise auch die Hochwasser in Nordchina und Mitteleuropa, gehen auf eine Wetterlage zurück, die an sich normal ist, die aber abnormales Ausmass angenommen hat. Dass der Klimawandel die Ursache dafür ist, kann niemand beweisen, doch es ist wahrscheinlich. In einer Debatte, in der jene Leute, die den Klimawandel verleugnen, mit dem Argument «Das gab es immer schon» punkten, ist diese Botschaft nicht leicht zu vermitteln.

Man kann eine Botschaft natürlich auch nicht verstehen wollen. Man kann nach den extremsten Extremen sagen: Das beweist gar nichts. Aber selbst wenn die jüngsten Ereignisse nichts mit dem Klimawandel zu tun hätten, könnte man aus ihnen lernen, wie Natur und Menschen auf die zu erwartenden Veränderungen reagieren. Beides macht wenig Mut:

Die Natur verstärkt den von den Menschen ausgelösten Klimawandel. Extreme Hitze wie in Russland wird mit dem Klimawandel häufiger. Sie zieht Brände nach sich, die wieder Treibhausgase freisetzen – ein nicht zu kontrollierender Teufelskreis.

Die Menschen werden nicht immer hilfsbereiter, je mehr Hilfe nötig ist, im Gegenteil. Auf die Solidarität der Reichen (die den Klimawandel mit ihrem Lebensstil verantworten) werden die Armen (die sich am wenigsten gegen die Folgen wehren können) kaum zählen dürfen, wenn es denn einmal «richtig» losgeht. Zwar hat die Uno-Generalversammlung 2008 einen Fonds beschlossen, der in solchen Fällen rasche Hilfe ermöglichen sollte – aber die dafür nötige Milliarde Dollar ist nicht einbezahlt worden; ähnlich steht es um die Gelder, die reiche Länder jeweils den armen Ländern an den Klimaverhandlungen versprechen. Und je häufiger die Katastrophen, desto schwieriger wird es, Geld zu finden. So sagte ein Sprecher des TV-Senders RTL auf eine Frage des «Spiegels», weshalb RTL keine Spendengala für Pakistan organisiere: «Das Pakistan-Unglück hat es medial schwer, weil es die Aufmerksamkeit mit den Bränden in Russland und den Überschwemmungen an Spree und Neisse teilen muss.»

Künftige Katastrophen werden noch mehr Aufmerksamkeitskonkurrenz haben. Alle paar Jahre ein Jahrhundert- oder Jahrtausendwetter: Das ermüdet. Und so bringt uns die Klimaerwärmung emotional frostige Zeiten.

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