Nr. 37/2010 vom 16.09.2010

Schwangere, hütet euch vor AKWs!

Schweizer Atomanlagen geben beträchtliche Mengen Tritium ab, das Wasser radioaktiv macht. Dieses Tritium könnte der Grund sein, weshalb Kinder, die in der Nähe von Atomanlagen leben, häufiger an Leukämie erkranken als andere Kinder. Auch die Strahlenschutzkommission fordert Abklärungen.

Von Susan Boos

Ian Fairlies Warnung ist deutlich: Frauen, die ein Kind bekommen möchten, sollten sich von Atomanlagen fernhalten – sonst riskieren sie, dass ihr Kind an Leukämie erkrankt.

Fairlie lebt in London, ist Chemiker, bezeichnet sich als unabhängiger Berater und gilt als ausgewiesener Nuklearexperte. Ende August weilte er in Basel am Weltkongress der ÄrztInnen gegen Atomkrieg (IPPNW).

Fairlie liefert eine plausible Erklärung, weshalb Kinder, die in der Nähe von Atomkraftwerken aufwachsen, ein doppelt so hohes Risiko haben, an Leukämie zu erkranken, wie Kinder, die weiter weg leben. Die deutsche Kinderkrebsstudie Kikk hat dies vor zwei Jahren eindeutig belegt. Eine ähnliche Untersuchung, die sogenannte Canupis-Studie, läuft zurzeit in der Schweiz. Sie ist allerdings höchst umstritten, da die Schweiz zu klein ist, um wissenschaftlich relevante Daten zu liefern – die AKW-Seite dürfte die Studie allerdings dazu benützen, zu behaupten, die Meiler seien ungefährlich (siehe WOZ Nr. 49/09).

Hauptgefahr während der Revision

Bei der Kikk-Studie konnten die AKW-Betreiber dies nie behaupten, weil die Resultate zu eindeutig waren. Aber trotzdem heisst es, die Leukämiefälle hätten mit den Atomanlagen nichts zu tun, weil diese im Normalbetrieb wenig Radioaktivität abgeben würden.

«Falsch!», sagt Fairlie im Gespräch mit der WOZ. Der Hauptübeltäter ist seiner Meinung nach das Tritium. Das ist radioaktiver Wasserstoff, dessen Atome so winzig sind, dass sie durch Beton und Stahl gehen. Tritium entsteht in allen fünf Schweizer Reaktoren, aber auch in den Forschungsanlagen des Paul-Scherrer-Instituts (PSI) nördlich von Baden oder im Verbrennungsofen des Zwischenlagers, das in unmittelbarer Nähe des PSI am Ufer der Aare liegt. Das Unangenehme an Tritium: Es setzt sich in normalen Wassermolekülen gerne an die Stelle von nichtradioaktiven Wasserstoffatomen – wodurch das Wasser selbst radioaktiv wird. Nehmen Menschen Tritium durch Essen, Trinken oder Atmen auf, dann baut es der Körper in die Zellen ein.

«Gefährlich ist es vor allem während der Revision», sagt Fairlie, «einmal im Jahr müssen sie in den Atomkraftwerken den Reaktordeckel öffnen, um die Brennstäbe zu wechseln. In diesem Moment entweicht viel Tritium, denn es gibt keine Möglichkeit, den Stoff zurückzuhalten.» Die normale Hintergrundstrahlung in der Umgebungsluft liegt bei einem AKW bei etwa fünf Becquerel pro Liter, sagt Fairlie: «Während der kurzen Spitzenbelastung, wenn der Reaktordeckel geöffnet wird, kann sie fünf Millionen Becquerel betragen, ist also um den Faktor von einer Million erhöht.» Hält sich nun eine Frau, die erst kurze Zeit schwanger ist, in diesem Moment in der Nähe des Atomkraftwerks auf und der Wind weht vom AKW in ihre Richtung, kann es für den Embryo riskant werden. «Kurz nach der Befruchtung sind die Zellen am strahlenempfindlichsten, weil sie sich sehr schnell teilen», sagt Fairlie. Diese frühen Schädigungen lösen vermutlich später die Leukämie aus.

«Es besteht Abklärungsbedarf»

Einmal im Monat misst das Bundesamt für Gesundheit an verschiedenen Stellen die radioaktive Belastung. Sybille Estier, die für das Messprogramm zuständig ist, meinte gegenüber der WOZ: In der Umgebung der AKW könnten sie jeweils keinen Tritium-Anstieg registrieren – wenn aber im Zwischenlager radioaktives Material verbrannt werde, würden sie dies bei ihren Messungen sehen.

Bei den Atomkraftwerken geht der grösste Teil des Tritiums über die Abwässer in die Aare respektive den Rhein. Besonders viel lassen Gösgen, Beznau und Leibstadt raus – sie erreichen heute zwischen 15 und 21 Prozent der erlaubten Limiten.

Wobei diese Limiten sehr willkürlich erscheinen: Das AKW Gösgen darf zum Beispiel 3,5-mal mehr radioaktives Wasser ablassen als das AKW Leibstadt. Würde für Gösgen dieselbe Limite gelten wie für Leibstadt, wäre es schon bald an der Grenze des Erlaubten. Am meisten darf übrigens der Verbrennungsofen in Würenlingen abgeben – und zwar in die Luft, was die Bevölkerung eigentlich alarmieren müsste.

Die Eidgenössische Kommission für Strahlenschutz und Überwachung (KSR) treibt das radioaktive Wasser ebenfalls um. Im KSR-Jahresbericht heisst es: «Insbesondere wirft das organisch gebundene Tritium einige Fragen bezüglich Toxizität und Mobilität auf.»

André Herrmann, bis vor kurzem Kantonschemiker von Basel-Stadt, ist Präsident der KSR. Er meint, Ian Fairlies These sei nicht abwegig, auch wenn es noch andere mögliche Erklärungen für die erhöhte Leukämierate bei Kindern gebe. «Es besteht in jüngster Zeit tatsächlich ein erhöhtes Interesse an Tritium», auch in der Schweiz gebe es Abklärungsbedarf: «Wir möchten genauer wissen, wo es vorkommt und welche Konsequenzen es haben kann.» Herrmann beeilt sich, anzufügen: Was nicht heissen müsse, dass es gefährlich sei, man wolle es einfach aus wissenschaftlichem Interesse wissen. Es gebe zudem in verschiedenen Flüssen Altlasten aus der Uhrenindustrie (sie verwendete das Material für Leuchtzifferblätter), die man auch untersuchen müsse, um festzustellen, wie viel Tritium in den Flussbetten liege, woher es stamme und ob es in die Nahrungskette gelange.

Im Ausland ist die Diskussion schon weiter. Im Juli publizierte die französische Strahlenschutzbehörde ASN einen Bericht, der vermutet, das Risiko von Tritium sei bis heute unterschätzt worden – weshalb die ASN eindringlich weitere Forschung verlangt. Eine unabhängige Expertengruppe hat schon 2007 im Auftrag der staatlichen britischen Health Protection Agency eine Untersuchung veröffentlicht, die zum Schluss kommt, Tritium sei doppelt so gefährlich wie bislang angenommen, und gefährdet seien vor allem Embryonen.

Zu hohe Grenzwerte

Der Präsident der IPPNW Schweiz, der Basler Onkologe Claudio Knüsli, kritisiert denn auch, dass die Strahlenschutzbehörden von Grenzwerten ausgehen, die sich auf einen sogenannten «Referenz-Mann» beziehen. Aufgrund von dessen Grösse, Gewicht und Konstitution wurde hochgerechnet, wie viel radioaktive Belastung ein Mensch angeblich vertragen kann, und daraus hat man dann die Grenzwerte abgeleitet. Diese theoretische Annahme kann niemals einem Embryo gerecht werden, da dieser um ein Vielfaches empfindlicher auf radioaktive Strahlung reagiert als Erwachsene. Deshalb fordert IPPNW, den «Referenz-Mann» durch einen «Referenz-Embryo» zu ersetzen, womit die Strahlenschutzlimiten deutlich gesenkt werden müssten.

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