Nr. 41/2010 vom 14.10.2010

Die Dollardämmerung hat begonnen

Seit Monaten fordern die USA, China müsse seine Währung aufwerten, während China versucht, die globale Hegemonie des US-Dollar zu durchbrechen. Es drohen ein Handelskonflikt und ein Währungskrieg. Doch wem geht es wirklich an den Kragen?

Von Elmar Altvater

Der Hurrikan der Finanzkrise ist noch nicht vorbei, da naht schon der nächste Wirbelsturm, der einer Währungskrise, ja eines Währungskriegs. Zuerst sprach der brasilianische Finanzminister davon, dann der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) auf der Jahrestagung von IWF und Weltbank am Wochenende in Washington.

Die Lage ist ernst. Die schon seit Jahren auf jeder Tagung der G8-Industrienationen angesprochenen «strukturellen Ungleichgewichte» geraten ausser Kontrolle. Ein weltwirtschaftlicher Umbruch kündigt sich an. Es stellt sich die Frage: Kann der US-Dollar seine Position als Reservewährung halten – und können Welthandel, Finanztransaktionen und nicht zuletzt die Verträge über Öllieferungen wie bisher üblich in US-Dollar abgewickelt werden, wenn gleichzeitig die politischen und wirtschaftlichen Eliten der USA aggressiv eine Aufwertung des chinesischen Renminbi Yuan verlangen? Denn das ist spiegelbildlich die Ankündigung einer Abwertung des US-Dollar. Wenn andere Länder dieser Forderung folgen, haben wir einen Währungskrieg wie schon einmal im Vorfeld der Weltwirtschaftskrise der dreissiger Jahre.

Seit mehr als einem Jahrzehnt steigen die Leistungsbilanzüberschüsse einiger Regionen (Ostasiens, ölexportierender Länder), während vor allem die USA ein steigendes Defizit ihrer Leistungsbilanz aufweisen. Doch sind die Ersparnisse sowie die mangelnde Binnennachfrage in China, Japan, Indien und deren Exportüberschüsse wirklich für die destabilisierenden Defizite der USA verantwortlich, wie von deren Seite behauptet wird?

Logiken der Währungsabwertung

Das Argument, die asiatischen Länder, in erster Linie China, würden eine protektionistische Politik verfolgen und gleichzeitig eine Aufwertung der eigenen Währung verhindern, um so Exportvorteile zu erzielen, ist absurd. Wenn die asiatischen Länder weniger sparen und mehr konsumieren würden, hiesse das längst nicht, dass die USA und ihre BürgerInnen auf Konsum verzichten, mehr sparen und exportieren und so das Leistungsbilanzdefizit    verringern würden. Die Konkurrenzposition eines Landes entscheidet sich auch auf den Devisenmärkten, doch vor allem in der Realwirtschaft.

Eine Dollarabwertung könnte die US-SteuerzahlerInnen allerdings von den Milliardenverlusten ihres Finanzsystems, von den Schulden aus der Zeit des Konsumrausches und des Feldzugs gegen den «Terrorismus» entlasten. Die Möglichkeit zur Externalisierung von Verlusten, also der Verlagerung von Schuldenrückzahlungen auf zukünftige Generationen, haben freilich nur Länder, deren Währung als Reservewährung gehalten wird. Andere Staaten haben sie nicht, denn der Wert der Dollarreserven ausserhalb der USA schwindet mit dem Abwertungssatz. Eine Flucht aus dem US-Dollar würde in diesen Ländern den Kurs weiter absacken lassen und die eigene Währung aufwerten. Dies wiederum verteuerte die Exporte. Ein doppelter Gewinn für das Reservewährungsland USA und ein doppelter Verlust für alle anderen.

Kein Wunder, dass die Begeisterung für eine Dollarabwertung nicht sehr gross ist. China hat aus seinen Währungsreserven hohe Stützungskredite an eine Reihe von Staaten vergeben, um sie in der Finanzkrise der letzten Jahre zu stärken – und vergrössert so gleichzeitig seinen geopolitischen Einfluss. Das Schwellenland China greift auch dem Euro unter die Arme, indem beispielsweise Griechenland geholfen wird. Grund dafür: Wenn schon die Aufwertung des Yuan gegenüber dem US-Dollar nicht auf Dauer zu verhindern ist, soll wenigstens der Euro nicht auch noch an Wert verlieren und die chinesischen Exporte nach Europa verteuern.

Der Kampf um die Wechselkurse ist daher eine Auseinandersetzung um die weltwirtschaftliche Hegemonie.

Welche Währung der Welt ist nun aber zum Fixstern der Weltwährung prädestiniert, um den andere Währungen wie Planeten und Trabanten kreisen? Was dem Fixstern Masse und Energie, sind der Weltwährung Verfügbarkeit und Sicherheit. Besonders sicher ist das Gold, doch ist es nur in endlichen Mengen verfügbar – eine schlechte Eigenschaft angesichts der Masslosigkeit des kapitalistischen Akkumulationsprozesses. Aber wenn der sowieso stockt und obendrein die Abwertung der Weltwährung droht, wird Gold wie gegenwärtig wieder zum Objekt spekulativer Begierde.

Papiergeld oder elektronisches Geld hingegen werden durch Geldschöpfung seitens der Zentralbank zusammen mit den Geschäftsbanken verfügbar gemacht. Daher kann nur eine Währung zum Weltgeld aufsteigen, deren Land über ein differenziertes und globales System der Geschäftsbanken verfügt. Ist das chinesische Bankensystem schon so weit? Zweifel sind angebracht.

Dollarbestände im Ausland kann es zudem nur geben, weil die USA mehr ausgeben, als sie einnehmen. Der Dollar ist als Reservewährung stark, weil die USA Schulden auftürmen – und dadurch den Dollar letztlich schwächen. Das ist ein Dilemma, das 1959 nach dem Ökonomen Robert Triffin benannt wurde. Denn eine Währung wird nur akzeptiert, wenn ihr Wert vor Inflation und Abwertung gegenüber anderen Währungen geschützt wird.

Der Staat der Weltwährung muss obendrein Eigentumsrechte und die Sicherheit des Welthandels, der Energieflüsse, der Direktinvestitionen und der Finanzanlagen garantieren. Im Falle der USA sorgt dafür der Machtkomplex bestehend aus Wall Street, dem Weissen Haus, dem Pentagon sowie dem Zentralbankensystem plus dem IWF.

Lukratives Rezyklieren

Der Präsident der chinesischen Zentralbank, Zhou Xiaochuan, hat 2009 in der Diskussion um die Zukunft des US-Dollar explizit auf das Triffin-Dilemma hingewiesen: «Länder, die die Reservewährung bereitstellen, können nicht gleichzeitig deren Wert aufrechterhalten und die Welt mit Liquidität versorgen», sagte Zhou.

Verfügbarkeit sowie ökonomische und politische Sicherheit der Währung waren die Voraussetzung dafür, dass nach dem Zusammenbruch des festen Wechselkurssystems von Bretton Woods Anfang der siebziger Jahre der US-Dollar als Ölwährung mit einem Coup etabliert werden konnte, den der damalige US-Aussenminister Henry Kissinger landete. Die Ölkrise von 1973 hatte der Welt die Bedeutung der Sicherheit der Energieversorgung vor Augen geführt. Dafür erklärten sich die USA zuständig. Das US-Finanzsystem war genügend diversifiziert und überall in der Welt vertreten, um die sprunghaft steigenden Dollareinnahmen der erdölexportierenden Länder aus dem Nahen und Mittleren Osten als Kredite an Länder der «dritten Welt» weiterzugeben.

Das war erstens günstig für die US-Währung, denn der US-Dollar konnte als Öl- und Weltwährung für Finanzkontrakte gestärkt werden. Das war zweitens von Vorteil für das internationale Bankensystem, denn an den Krediten konnten die Finanzinstitute prächtig verdienen. Auf diese Weise wurde drittens die US-Hegemonie in der Welt gestützt, die infolge der Kriegsniederlage in Vietnam und der Abwertung des US-Dollar in den späteren siebziger Jahren Risse bekommen hatte. Das sind Vorteile des Landes der Reservewährung, und die festigen die Vorherrschaft.

Wenn diese infrage gestellt wird, reagiert das US-Imperium mit militärischer Härte. Nachdem Saddam Hussein das Öl-für-Lebensmittel-Programm der Uno von Dollar auf Euro umstellte, marschierten die USA, begleitet von ihrer «Allianz der Willigen», im März 2003 in den Irak ein – und schon im Mai verkündete die Organisation erdölexportierender Länder OPEC, dass Öl in Zukunft wieder ohne Ausnahme in Dollar fakturiert würde.

Alle Ansätze, den Ölpreis in anderer Währung zu handeln oder gar eine nicht von den USA dominierte Ölbörse einzurichten, sind seitdem stecken geblieben. Auch die iranische Ölbörse, seit Jahren im Gespräch, hat sich gegen die traditionellen Ölhandelsplätze in London und New York nicht durchsetzen können. Der Dollar sitzt auf seinem Ölwährungsthron, mit modernster Militärtechnologie gewappnet. Stellt sich nur die Frage: Wie lange noch?

China ist heute noch nicht in der Lage, alle Bedingungen einer neuen Reservewährung zu erfüllen. Der Yuan ist nicht global verfügbar, weil das chinesische Bankensystem nicht so weit ist. Er ist auch nicht sicher, weil China bislang die Karte der politischen und militärischen Macht nicht gespielt hat.

Doch hat der chinesische Zentralbankchef Zhou Xiaochuan vergangenes Jahr trickreich vorgeschlagen, den US-Dollar um Sonderziehungsrechte (SZR) zu ergänzen (vgl. «Sonderziehungsrechte» am Schluss dieses Textes). Zudem ist China bilaterale Swap-Geschäfte eingegangen, beispielsweise mit Argentinien, in denen die beiden Währungen Peso und Yuan getauscht werden, ohne auf den US-Dollar oder andere Währungen zurückzugreifen. Diese Massnahmen könnten als Beginn eines währungspolitischen Bilateralismus von US-Dollar und Yuan interpretiert werden.

Die Pax Americana, die globale Dominanz des Westens und die Freiheit wirtschaftlichen Handels unter der Vorherrschaft der USA, wird demnach von einer «postamerikanischen» Ordnung abgelöst. Aber wäre die mit dem Yuan chinesisch? Oder mit dem Euro europäisch? Kann der häufig beschworene Niedergang der US-Hegemonie gestoppt werden?

Es ist heute nicht absehbar, welche einigermassen stabile Konstellation aus dem chaotischen Nebel der aktuellen Währungskonflikte emporsteigen wird – um eine Dollardämmerung handelt es sich allemal. Auf der Währungskonferenz in Washington konnten die versammelten Staats- und RegierungschefInnen beobachten, wie die Dollarsonne untergeht.

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