Nr. 06/2011 vom 10.02.2011

Campieren gehört hier zum Leben

Facebook und Twitter sind gut und schön. Aber in Ägypten lassen sich die Armen besser von Mund zu Mund mobilisieren.

Von Werner Scheurer, Kairo

«Fesbuk?» Ayman weiss nicht genau, wovon die Rede ist. Er ist mit seinen Freunden auf dem Tahrir-Platz, seine Stimme ist ein bisschen heiser nach zwei Wochen rumschreien. «Ah, al-interneet!» Doch, Internet kennt er. Auch in seinem Quartier gibt es ein Café mit Computern. Dort halten sich die Buben allerdings vor allem zum Spielen auf. Eine E-Mail-Adresse haben sie nicht und schon gar keine Idee von den neuen «sozialen Medien» – sie sind immer noch eher mündlich unterwegs.

Dass damals am 25. Januar 2011 vor allem Mittelklassejugendliche auf dem Tahrir-Platz demonstrierten und dass sie dazu vor allem über Facebook und Twitter mobilisiert haben, steht ausser Zweifel. Doch ebenso klar ist, dass schon am Freitag danach eine viel grössere, gemischtere Menge auf den Platz strömte – darunter viele Menschen aus den Armenquartieren Kairos. Wie haben sie davon erfahren?

Ayman wohnt am nördlichen Ende der Stadt Kairo, etwa zwölf Kilometer vom Tahrir-Platz, wo sogar noch ein bisschen Grün des beginnenden Nildeltas zu sehen ist. Er habe von der ersten Demonstration von Freunden und durchs Fernsehen erfahren. Es waren vor allem Sender wie al-Arabyia, ein mit saudischem Geld finanzierter Kanal aus Dubai, und al-Dschasira aus Katar, die darüber berichteten. In den ägyptischen Staatssendern kamen die Ereignisse nur indirekt vor: Eine Verlautbarung des Innenministeriums wurde zitiert, in der die Muslimbrüder als Drahtzieher bezeichnet wurden.

Alle reden mit allen

Dennoch verbreitete sich die Nachricht rasch und auf herkömmliche Art: In Ägypten reden alle mit allen. Jeder Anlass ist willkommen für das Anknüpfen eines Gesprächs, auch mit Wildfremden. Das Abschalten der Mobilnetze, die Blockierung des Internets sowie die staatlichen Behinderungen gegen al-Dschasira nützten der Regierung daher nicht viel.

Kaum etwas vermag dabei die Wut so anzustacheln wie Berichte über Polizei­übergriffe. Die Facebook-Generation hat ihren Blogger-Märtyrer Chaled Said, der vergangenen Juni auf einem Polizeiposten in Alexandria umkam. Die männlichen Jugendlichen der unterprivilegierten Quartiere habe dagegen vielfach eigene Erfahrungen mit der allgegenwärtigen Repression durch die Polizei gemacht: Sie werden jederzeit und oft völlig grundlos angehalten, dann hilft nur Geld aus der Patsche. Wer auf den Posten muss, kommt kaum ohne blaue Flecken davon. Kein Wunder, dass an jenem Freitagabend, als es bei Grossdemonstrationen im ganzen Land Tote und Verletzte gab und sich die Polizei ­danach plötzlich zurückzog, Polizeiposten nicht nur rund um die Demonstrationsorte, sondern an vielen Orten in Brand gesteckt wurden – «überall» sagt Ayman, denn auch in seinem Quartier ging der Posten in Flammen auf.

Wie schlecht das Ansehen der Polizei ist, zeigt die Äusserung des Keyboard-Helden der Bewegung. Google-Marketingchef Wael Ghoneim wurde nach zwölf Tagen «Kidnapping» letzten Montag freigelassen. Er erzählte, dass ihm zwar die ganze Zeit die Augen verbunden worden seien, geschlagen worden sei er jedoch nicht. Aber er meinte: «Ich könnte mich jetzt ausziehen und behaupten, ich sei geschlagen worden. Auch wenn keine Spuren davon zu sehen sind: Jedermann würde mir glauben und nicht der Polizei.»

«Die hinterste Ecke der Welt»

Die Wut auf dieses Regime und wirtschaftliche Nöte treiben die Armen auf den Tahrir-Platz und mobilisieren auch anderswo. Auf dem Land ist die Situation nicht besser, wie Mahmud aus Assuan erzählt: «Auch die Bau­ern­­ leiden unter der korrupten Regierung – etwa beim Kauf von Dünger: Der wird künstlich knapp gehalten und ist dann nur gegen Bestechungsgelden zu haben.» So kam es auch im Nildelta im Norden und in den Städten des Niltals im Süden zu grossen Demonstrationen.

Auf dem Tahrir-Platz sind alle versammelt: auch BäuerInnen von weit her. Einer meint, er komme aus «der hintersten Ecke der Welt», wo man sich normalerweise um nichts in der Restwelt kümmere. Viele mittellose Städter­Innen hingegen hatten nicht weit: Armenquartiere gibt es auch mitten im Zentrum Kairos. Gleich hinter dem Aussenministerium und dem Gebäude des Staatsfernsehens, nur einige hundert Meter vom Tahrir-Platz, hat es ein völlig verfallenes Viertel – und auch in der Altstadt, im Darb-al-Ahmar-Bezirk hinter der berühmten Ashar-Moschee, keine zwei Kilometer vom Befreiungsplatz entfernt, verfallen die Häuser. Das Leben dort ist nicht viel anders als Campieren auf dem Tahrir-Platz. So war es wohl eher ein Vertreter der Facebook-Generation, der Mubarak auf seinem Kleintransparent aufforderte: «Tritt zurück, ich will wieder mal duschen.»

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