Nr. 06/2011 vom 10.02.2011

«Das sind keine Feuerspucker»

Die Muslimbrüder sind ein Grund zur Sorge, aber nicht zur Angst, sagt der US-amerikanische Politikwissenschaftler Nathan Brown.

Interview: Justin Elliot

WOZ: Nathan Brown, können Sie uns einen kurzen Abriss der Geschichte der Muslimbrüder geben?
Nathan Brown: Die Gruppe der Muslimbrüder wurde 1928 gegründet. Es handelte sich um eine Bewegung, deren Ziel es war, in Ägypten Gutes zu tun und die Gesellschaft zu islamisieren. Nach und nach hat sich die Gruppe auch in der Politik engagiert. Ende der vierziger Jahre wurde sie dann unterdrückt, nachdem sich zuvor ein paramilitärischer Flügel formiert hatte, der die damals noch in Ägypten stationierten britischen Truppen bekämpfte und im Krieg gegen die Gründung des Staates Israel 1948 aktiv war.

In den fünfziger und sechziger Jahren – als das Regime von Gamal Abd an-Nasser versuchte, die Gruppe zu zerschlagen – entwickelten Mitglieder der Muslimbrüder Vorstellungen, die den bewaffneten Kampf gegen die Regierung legitimierten. In der Folge wurden einige ihrer Führer exekutiert. Erst in den siebziger Jahren konnte die Gruppe wieder in Erscheinung treten, doch die Regierung verweigert ihr bis heute den vollständigen legalen Status. Inzwischen haben die Muslimbrüder der Gewalt abgeschworen und bezeichnen sich als eine Bewegung der Reform, nicht der Revolution. Immer wieder haben sie Mittel und Wege gefunden, Kandidaten für Parlamentswahlen aufzustellen, und heute spielen sie eine aktive Rolle in der Öffentlichkeit.

Wie sieht diese Rolle aus?
Ihr formeller Titel ist die «Gesellschaft», und nicht die «Partei» der Muslimbrüder. Sie beanspruchen für sich ein weitreichendes Reformprogramm. In den vergangenen zehn Jahren haben sie in der Politik stark an Terrain gewonnen. So erhielten sie in den Wahlen von 2005 ein Fünftel der Parlamentssitze. Als Reaktion darauf ging das Regime wieder hart gegen die Gruppe vor, verhaftete Führungsmitglieder wie auch Fussvolk und schloss Geschäfte ihrer Unterstützer. Die Gruppe gab daraufhin bekannt: «Wir sind auf Dauer hier. Wir denken im Zeitrahmen von Generationen, nicht nur bis zu den nächsten Wahlen.»

Entsprechend haben sie ihre politischen Aktivitäten etwas zurückgeschraubt. Die derzeitige Führung versucht vor allem die Organisation zu schützen. Diese Leute verfügen vermutlich über weniger politisches Geschick, wenn es etwa darum geht, Allianzen zu schmieden. Auch aus diesem Grund haben sich die Muslimbrüder zu Beginn der Proteste eher zögerlich verhalten.

Würden Sie die Muslimbrüder als radikal bezeichnen?
Sie meinen es mit ihrem Verständnis des Islam sicher ernst. Aber in vielen Belangen ist es eine eher konservative Bewegung. Der aktuelle Anführer ist Professor für Veterinärmedizin, ein schüchterner Mann. An der Spitze der Organisation stehen keine feuerspuckenden Radikalen. Ihre Wahrnehmung von Gut und Böse basiert auf ihrer Religion. Die Muslimbrüder wollen zwar nicht unbedingt das traditionelle islamische Rechtssystem in Ägypten einführen, aber wenn im Parlament neue Gesetze verabschiedet werden, so sollen diese mit der islamischen Rechtslehre in Einklang stehen.

Viele Teile des Reformprogramms der Muslimbrüder bestehen aus Standardforderungen: Unabhängigkeit der Justiz, das Ende der Korruption, Umweltschutz. Die Muslimbrüder unterscheiden sich dabei von anderen reformorientierten Kräften im politischen Spektrum nur durch die religiöse Färbung ihrer Rhetorik.

Weiss man, wie gross die Bewegung ist?
Nicht wirklich. Vermutlich ist sie aber wesentlich kleiner, als man denkt. Die Mitglieder geniessen aber ein hohes Prestige. Sie werden als sozial gesinnt, moralisch und aufrecht wahrgenommen. Bei absolut freien Wahlen würden die Muslimbrüder zwischen zwanzig und vierzig Prozent der Stimmen erhalten.

Wenn die Muslimbrüder Teil einer neuen Regierung wären, wie würde sich Ägyptens Aussenpolitik verändern?
Sie misstrauen den USA, und man wird mit Sicherheit antiamerikanische Parolen von ihnen hören – jedoch nicht mehr als von anderen Gruppen oder Parteien. Die Politik gegenüber dem unpopulären Israel ist eine andere Sache. Die Muslimbrüder unterstützen seit den dreissiger Jahren die Anliegen der Palästinenser. Sie kritisieren das Abkommen von Camp David sowie den ägyptisch-israelischen Friedensvertrag. Doch niemand in Ägypten will einen Krieg mit Israel. Wenn die Muslimbrüder Teil einer Koalitionsregierung wären, in der eine Mehrheit den laufenden Friedensprozess beibehalten möchte, würden das auch die Muslimbrüder akzeptieren. Sie würden es nicht gutheissen, aber sie würden es als das Resultat eines legitimen politischen Prozesses hinnehmen.

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