Nr. 08/2011 vom 24.02.2011

Weidegras statt Kraftfutter auf den Speiseplan

Die Kuh ein Klimakiller? Nein, sagt die deutsche Tierärztin Anita Idel, bei wirklich nachhaltiger Landwirtschaft erfüllt das Rind eine Funktion als Klimaschützer.

Interview: Bettina Dyttrich

WOZ: Frau Idel, das Rind hat keinen guten Ruf. Es gilt als schädlichstes Nutztier, weil es grosse Mengen Methan rülpst. Die Tierhaltung soll für achtzehn Prozent der globalen Treibhausgase verantwortlich sein – schlimmer als der gesamte Verkehr.
Anita Idel: Diese Berechnung ist problematisch. Sie funktioniert nach dem Prinzip des ökologischen Fussabdrucks. Dieser ist aber für industrielle Produktionsverfahren entwickelt worden: um zu messen, wie viele Klimagase sie freisetzen. Die Land- und Forstwirtschaft kann man allein mit Emissionsmessungen nicht vollständig erfassen. Darum werden wir der Landwirtschaft nicht gerecht – weder im Guten noch im Schlechten –, wenn wir nur auf die Emissionen schauen.

Worauf sollen wir denn schauen?
Wir müssen zwischen nachhaltigen und intensiven landwirtschaftlichen Systemen differenzieren. Denn insbesondere die intensiven Systeme tragen zum Klimawandel bei, während nachhaltige sogar das Potenzial haben, den Klimawandel zu begrenzen.

Die FAO, die Ernährungsorganisation der Uno, fordert aber intensive Tierhaltung mit Hochleistungstieren und Kraftfutter. Mit der Idee: Je mehr Milch oder Fleisch eine Kuh in kurzer Zeit produziert, desto geringer ist der Methanausstoss.
Ja. Es ist aber unwissenschaftlich, für eine Bewertung nur ein Klimagas – Methan – zu berücksichtigen. Vor allem die Fütterung muss bilanziert werden. Denn erst die Verfütterung von Lebensmitteln macht die riesige Zahl von Tieren möglich. Und je intensiver Rinder gefüttert werden, desto weniger Gras und desto mehr Kraftfutter – Körnermais, Soja und Getreide – erhalten sie.

Warum spielt der Kraftfutteranbau für das Klima eine Rolle?
Bei der Anwendung von synthetischem Stickstoffdünger wird Lachgas (N2O) freigesetzt. Es bleibt über hundert Jahre in der Atmosphäre und gilt als 296-mal so klimaschädlich wie CO2. Insbesondere die intensive Düngung von grossen Monokulturen – Getreide, Mais, Soja –, macht den entscheidenden Beitrag der Landwirtschaft zum Klimawandel aus.

Ist klar, wie viel Lachgas aus dem Stickstoffdünger frei wird?
Der Weltklimarat (IPCC) geht bisher davon aus, dass 1,2 Prozent des Stickstoffs aus den Düngern in Lachgas umgewandelt werden. Nach neuerer Forschung müssten aber eher 2,5 oder sogar 3,5 Prozent kalkuliert werden – pro hundert Tonnen Dünger bis zu dreieinhalb Tonnen Lachgas. Hinzu kommt, dass ein grosser Teil des Kraftfutters aus Südamerika importiert wird; Soja fast zu hundert Prozent. Dafür werden Regenwälder abgeholzt, Unmengen von Pestiziden eingesetzt und Kleinbauern vertrieben. Und eigentlich gehören ja dann die Fäkalien der gefütterten Tiere wieder in den Boden zurück, in dem diese Pflanzen angebaut worden sind. Aber während sie dort fehlen, überdüngen wir hier Böden und Gewässer.

Ausserdem verwerten Rinder das Kraftfutter schlechter als Hühner und Schweine ...
Ja, es heisst immer, Rinder würden acht oder noch mehr Kilogramm Getreide verbrauchen, um ein Kilogramm Fleisch zu bilden, während Hühner und Schweine das viel effizienter könnten. Dabei sind Rinder geniale Futterverwerter, wenn sie artgerecht gefüttert werden: Als Wiederkäuer können sie aus Gras und Heu Milch und Fleisch machen. Wenn sie nachhaltig gehalten werden, sind sie also keine Nahrungskonkurrenten der Menschen. Schon vor der Methandiskussion hiess es oft, eine Zehntausend-Liter-Kuh sei besser als zwei Fünftausend-Liter-Kühe, weil sie im Vergleich weniger fresse und daher auch weniger Land verbrauche. Auch das ist viel zu vereinfacht!

Weil die Zehntausend-Liter-Kuh mehr Kraftfutter frisst?
Das ist ein wichtiger Aspekt. Aber nicht der einzige: Die Zehntausend-Liter-Kuh lebt im Schnitt deutlich weniger lang. Denn oft wird sie schon nach wenigen Jahren geschlachtet, weil sie durch die hohen Leistungen überfordert ist und Probleme mit der Fruchtbarkeit oder dem Euter hat. Je früher diese Kuh dann ersetzt werden muss, desto länger hat sie gleichzeitig mit ihrer «Ersatzkuh» gelebt. Nur wenn Futter, Methanausstoss etc. der «Ersatzkühe» mit bilanziert werden, wird der grosse Vorteil langlebiger Kühe deutlich.
Dazu kommt noch, dass die männlichen Kälber der Hochleistungsmilchkühe extrem ineffizient Fleisch ansetzen. Sie brauchen also viel mehr Futter, bis sie schlachtreif sind. Deshalb ist es so wichtig, Systeme als Ganze zu erfassen statt einen kleinen Ausschnitt, der zwangsläufig zu falschen Ergebnissen und damit auch zu falschen Schlussfolgerungen führt.

Das wird dann aber so komplex, dass man es fast nicht mehr berechnen kann.
Komplexität ist Herausforderung und Chance zugleich. Entscheidend ist: Wir müssen am Anfang komplex denken. Dann sind die Lösungen viel eindeutiger. Wenn wir es umgekehrt machen, erreichen wir womöglich das Gegenteil von dem, was wir wollten.

Sie sagen, Rinder könnten sogar Klimaschützer sein. Wie?
Vierzig Prozent der weltweiten Landfläche sind mit Grasland bedeckt. Diese Böden speichern enorme Mengen Kohlenstoff. Eine geschlossene Pflanzendecke über der Erde ist die entscheidende Voraussetzung dafür, dass es nicht zu einem Abbau dieses Kohlenstoffs kommt.

Was hat das mit den Rindern zu tun?
Ob Steppe, Prärie oder Pampa – das Grasland ist in Koevolution mit Tieren, vor allem Wiederkäuern, entstanden: Beim Weiden lösen sie beim Gras einen Wachstumsimpuls aus. Nachhaltige Beweidungssysteme können dazu beitragen, dass unter der Grasnarbe mehr Humus gebildet wird. Pro zusätzlich gespeicherter Tonne Humus werden zirka 1,8 Tonnen CO2 der Atmosphäre entzogen. Aber wenn wir Grünland pflügen, bewirken wir genau das Gegenteil: Dann wird Humus abgebaut, jede Tonne abgebauten Humus belastet die Luft mit etwa 1,8 Tonnen CO2. Besonders beim Maisanbau – Mais ist die humuszehrendste Pflanze in unseren Breiten. Aus humanitären und ökologischen Gründen – natürlich auch aus Tierschutzgründen – ist die industrielle Futter- und Tierproduktion nicht vertretbar. Die natürliche Futtergrundlage muss die Zahl der Tiere bestimmen: Milch und Fleisch aus Gras und Heu. Für Hühner und Schweine bleiben dann zusätzlich noch Nebenprodukte aus der Lebensmittelherstellung.

Mit Ackerbau lassen sich aber mehr Kalorien produzieren als mit Weidevieh.
Ein grosser Teil des Graslandes wächst auf Böden, die man nicht beackern sollte, weil sie zu trocken, zu nass oder zu steil sind. Das Umbrechen der Krume erhöht die Gefahr der Erosion durch Wind und Wasser dramatisch. Gerade in der Schweiz wird das an Hanglagen besonders deutlich. Nachhaltige Beweidung wird immer wichtiger, um den Starkregenereignissen, die mit der Klimaerwärmung zunehmen, trotzen zu können.

Siehe auch das WOZ-Dossier zur Agrarpolitik.

 

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