Nr. 11/2011 vom 17.03.2011

«Die Befreiung vom Kolonialismus hat begonnen»

Im Schatten der Katastrophe in Japan tobt in Libyen der Bürgerkrieg. Auch im Jemen, in Saudi-Arabien und in Bahrain werden Proteste niedergeschlagen. Islamwissenschaftler Reinhard Schulze über die Chancen der Aufstände und göttliche Souveränität.

Interview: Yves Wegelin

WOZ: Herr Schulze, hat Sie etwas am aktuellen Umbruch in der arabischen Welt überrascht?
Reinhard Schulze: Die Geschwindigkeit dieses Prozesses. Dass seit vier, fünf Jahren der Protest gärte, war bekannt.

Der Umbruch selbst hat Sie nicht überrascht?
Nein. Das alte Ordnungsschema, das über Jahrzehnte das arabische System bestimmte, war zunehmend erodiert. Das war etwa daran zu erkennen, dass sich die Eliten immer mehr abschotteten – wie damals die SED in Berlin-Pankow –, oder an der fehlenden Partizipationsmöglichkeit, die sich immer wieder in Protesten niederschlug. Der Stimmungswandel war seit längerer Zeit zu beobachten.

Nun sagen alle: Die Araber sind also doch zur Demokratie fähig. Warum merken die Leute im Westen das erst heute?
Vor zwanzig, dreissig Jahren entstand zwischen dem Westen und der arabisch-islamischen Welt ein neuer kultureller Eiserner Vorhang. Der Westen sagte, in den arabischen Ländern seien keine demokratischen Prozesse zu erwarten, weil die kulturellen Voraussetzungen dazu fehlten. Das war reine Fiktion: Umfragen zeigten schon vor einigen Jahren, dass sich zwischen 60 und 65 Prozent der arabischen Bevölkerung eine säkulare Ordnung wünschten. Dieser Vorhang bröckelt nun. Der Westen sieht langsam ein, dass sich die Gesellschaften im Nahen Osten genauso emanzipieren wollen wie einst jene im Ostblock.

Was für eine Entwicklung machte die arabische Welt in den letzten zehn Jahren denn durch?
Der Wandel ist aus der Herausbildung neuer Berufs- und Lebenswelten hervorgegangen – auch aus der Nutzung des Internets. Und vor allem: Dreissig bis vierzig Prozent der Frauen in der arabischen Welt sind mittlerweile in die Arbeitswelt eingetreten. Es gab eine Selbstermächtigung der Frauen. Bis vor wenigen Jahren befand sich die arabische Welt in einer Art Adenauer-Zeit, in einer wertkonservativen Welt, in der patriarchale Familienstrukturen dominierten. Die aktuellen Proteste sind auch gegen diese alte Ordnung gerichtet.

Die Botschaft der über eine Million Menschen auf dem Kairoer Tahrir-Platz schien klar: Wir sind der Souverän, wir bestimmen das Geschick unseres Landes. Wäre das vor einigen Jahrzehnten möglich gewesen?
Solche Massenproteste sind ein junges Phänomen – auch im Westen. Da wird ein Partizipationswille zum Ausdruck gebracht. Nicht durch Generalstreiks, sondern durch die Eroberung des öffentlichen Raums. Die antikolonialen Bewegungen nach dem Ersten Weltkrieg folgten einem anderen Muster. Sie waren eher ländlich. Heute ist es eine urbane Revolte.

Dennoch fühlt man sich an alte Bilder erinnert, etwa als Ägyptens Präsident Gamal Abd en-Nasser 1956 vor einem jubelnden Volk die Verstaatlichung des Suezkanals verkündete ...
Doch die Menschen, die heute revoltieren, wollen eben keine politische Ordnung mehr, die durch einen Führer wie Nasser verkörpert wird. Die Menschen wollen keinen Familienvater mehr, wie zur Zeit der antikolonialen Revolutionen, der an allen Wänden hängt.

Was ist der Grund für diesen Wandel?
Sicher der Generationenwechsel. Die alten Garden waren zu lange an der Macht und haben es verpasst, ihre Nachfolge aufzubauen. Dadurch entstand ein Konflikt zwischen den jüngeren Menschen, die die Mehrheit der Bevölkerung stellen, und den alten Eliten aus der Zeit des Ost-West-Konflikts.

Was hat der Ost-West-Konflikt damit zu tun?
Die republikanischen Militärregime – Tunesien, Libyen, Ägypten, Syrien, Irak – sind alle zur Zeit des Kalten Krieges entstanden. Ihre Raison d’être war der Globalkonflikt zwischen West und Ost, in dem sie versuchten, eine neutrale Position zu bewahren. Durch die Errichtung starker Militärregime. Nasser hat zuerst einen proamerikanischen Kurs gefahren und ist dann nach der Suezkrise prorussisch geworden – allerdings immer mit dem Anspruch eines dritten Weges.

Sie schreiben in Ihrem Standardwerk «Die Geschichte der islamischen Welt im 20. Jahrhundert», die arabische Welt habe demokratische Werte lange abgelehnt, weil sie diese als imperiale westliche Konzepte betrachtete ...
Ja. Die westlichen Eliten behaupteten, Demokratie, Pluralismus und Menschenrechte seien zwar universelle Werte, gleichzeitig seien sie aber westlich – eine merkwürdige Argumentation. Die arabischen Eliten sagten den Menschen also: «Seht, das ist westlich, und wir wollen nicht westlich sein; deshalb nehmen wir diese Demokratiedebatte nicht auf.» Da gab es einen Konsens zwischen Fundamentalisten und europäischen Eliten.

Sie sprechen von Fundamentalisten?
Die arabischen säkularen nationalistischen Eliten haben genauso fundamentalistisch argumentiert wie die islamischen Fundamentalisten; die arabische Welt verfüge über eine eigene politische Ordnung mit einer ihr eigenen Führerkultur, getragen von einem Einparteienregime, das die Nation vertrete. Heute hingegen wird die Frage, ob Demokratie westlich sei, in der arabischen Welt nicht mehr diskutiert. Die Menschen praktizieren nun eine Art positiver Genealogie: Sie schreiben die Demokratie in ihre eigene Tradition ein.

Sie vertreten die Ansicht, dass es in der arabischen Welt des 18. Jahrhunderts eine Art Aufklärung gegeben habe. Heute ist die Forderung nach Demokratie offensichtlich. War das 20. Jahrhundert ein Intermezzo?
Ja. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts herrschte unter den arabischen Eliten die Meinung vor, bei der modernen politischen Ordnung handle es sich um universale Konzepte, an denen man gleichberechtigt beteiligt sei. Sie sagten sich: Wir sind moderne Eliten, die Moderne ist universell – also erheben wir einen Geltungsanspruch in der Moderne. Unter arabisch-islamischen Intellektuellen war zu dieser Zeit klar, dass Religion und Gesellschaft zwei verschiedene normative Ordnungen darstellen. Diese Trennung war in der arabischen Welt Alltagspraxis, wurde aber kaum im Rahmen einer politischen Philosophie diskutiert.

Und die aktuelle demokratische Bewegung knüpft nun daran an?
Indirekt. Jetzt hat die Befreiung vom Kolonialismus begonnen: Man definiert sich nicht mehr als Opposition zum Westen, sondern als Teil einer globalen Wertegemeinschaft.

Die Forderungen der Menschen auf dem Tahrir-Platz waren nicht religiös. Dabei haben religiöse Symbole wie das Kopftuch in den letzten Jahrzehnten einen eindrücklichen Aufschwung erlebt. Wie passt das zusammen?
Die Religion hat unterschiedliche Funktionen. Zusammengebrochen ist die Vorstellung, der Islam könne die politische Ordnung stiften. Die Leute haben gemerkt: Der Islam ändert nichts an der Arbeitslosigkeit oder der Armut. Hingegen ist die Religion in der Lage, Emanzipationsprozesse zu begründen – wie auch aus einer wertkonservativen Haltung die Emanzipation zu verhindern. Das Kopftuch kann bedeuten: Die Frau macht sich gegenüber männlicher Gewalt unantastbar, um sich so auch im Berufsleben durchzusetzen. Oder: Die Frau trägt das Kopftuch, weil die alte konservative Ordnung das so erwartet. Heute werden aber religiöse Symbole eher benutzt, um Emanzipationswillen zum Ausdruck zu bringen.

Während der Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz kam es zu Massengebeten. Zeigt das nicht, dass für diese Menschen Gott noch immer der Begründer der politischen Ordnung ist – auch wenn er seine Souveränität den Menschen übertragen hat?
Dahinter steckt kein ausgearbeiteter philosophischer Gedanke, im Stil: Gott ist der Souverän, der die Souveränität an uns delegiert hat, und nun üben wir in Gottes Namen Herrschaft aus. Die Gebete sind Ausdruck einer moralischen Gerechtigkeitserwartung, die erfleht wird: Schaff Gerechtigkeit! Zugleich ist eine Aussage damit verbunden: Was ich hier tue, ist gerecht.

Trotzdem sehen sich die Menschen als Souverän – nicht Gott?
Ja, die Hakimiya, die arabische Bezeichnung der Souveränität, wurde in der Revolte immer auf das Volk bezogen, nicht auf Gott.

Was erwarten Sie in den kommenden Jahren?
Ich sehe die grosse Gefahr, dass es die schwach organisierte Zivilgesellschaft nicht schafft, sich am politischen Prozess zu beteiligen. Und dass es zu sezessionistischen Konflikten kommt. In Libyen etwa ist die Gefahr gross. Und dann stellt sich die grosse Frage: Was ist mit Saudi-Arabien, dem ökonomischen, politischen und religiös-moralischen Bollwerk? Die saudische Monarchie wird versuchen, die zivilgesellschaftlichen Ordnungen zu torpedieren.

Auch in den Golfmonarchien gibt es derzeit Proteste – in Saudi-Arabien, in Bahrain. Bisher ohne Erfolg. Sind die Monarchien stabiler?
Ja. In den Republiken bedeuten konstitutionelle Reformen schnell einmal, dass die alte Garde abgewählt ist. Die Monarchien haben den Vorteil, dass sie konstitutionellen Ordnungen zustimmen können, ohne wirklichen Machtverlust befürchten zu müssen. Nehmen Sie Marokko: Zuerst kommt ein neues Familiengesetz, dann Partizipationsrechte, Parteien werden geduldet. Auch die Golfstaaten werden diese Strategie wählen.

Sie glauben nicht, dass die Königshäuser von Saudi-Arabien und Bahrain bald stürzen?
Nein. Und je länger die Proteste andauern, desto stabiler werden die Regime. Sie können nun genügend Ventile schaffen, um den Druck abzuschwächen; und sie kennen nun die beiden Szenarien, die es zu verhindern gilt: entweder ein Aufstand wie in Ägypten oder ein militärischer Konflikt wie in Libyen.

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