Nr. 19/2011 vom 12.05.2011

Wie die USA einen Staatsfeind produzieren

Fast ein Jahr sass der US-Obergefreite Bradley Manning in Isolationshaft. Er wird beschuldigt, geheime Dokumente über die US-Kriege in Afghanistan und im Irak an Wikileaks weitergegeben zu haben. David House hat Manning als einer der wenigen im Gefängnis besuchen dürfen. Porträt eines Skandals.

Von Carlos Hanimann

«Wir erkunden ... und ihr nennt uns Verbrecher. Wir sind auf der Suche nach Wissen ... und ihr nennt uns Verbrecher. Wir existieren ohne Hautfarbe, ohne Nationalität und ohne religiöse Vorurteile ... und ihr nennt uns Verbrecher.

Ihr baut Atombomben, zettelt Kriege an, ihr tötet, betrügt und lügt uns an ... und dann versucht ihr uns einzureden, es sei nur um unseretwillen, und trotzdem sind wir die Verbrecher.

Ja, ich bin ein Verbrecher. Mein Verbrechen ist Neugier.»

The Mentor: «The Conscience Of A Hacker» (1986)

An einem Tag im Juni 2010 klopften die USA bei David House an die Tür und wollten ihn bestechen. Die Agenten des FBI traten in die Wohnung des damals 23-jährigen Computerwissenschaftlers und sagten, sie wüssten, dass er E-Mail-Kontakt zum Obergefreiten Bradley Manning habe. Manning wurde verdächtigt, Hunderttausende geheimer Dokumente an die Online-Enthüllungsplattform Wikileaks übermittelt zu haben. Im Mai war er auf einem Stützpunkt im Irak festgenommen und in ein Militärgefängnis in Kuweit gebracht worden.

Die Agenten fragten David House, was er vom Krieg in Afghanistan und im Irak halte, wie er zu Manning stehe und was er zu Wikileaks meine. David House antwortete, ohne genau zu wissen, was die Agenten von ihm wollten: Er unterstütze grundsätzlich die Anliegen von Wikileaks als einer Organisation, die mehr Transparenz in der Politik fordere. Die Idee, dass BürgerInnen Zugang zu politischer Information haben sollten, sei fundamental für jede Demokratie.

Als sich das FBI verabschiedete, machte ihm einer der Agenten ein Angebot: «Für dich liegt eine grosse Summe Geld drin», sagte er. «Du brauchst in der Hackerszene bloss Augen und Ohren in Sachen Wikileaks offen zu halten.»

Das war die erste Begegnung mit den US-Behörden, die David House beunruhigte.

Als ich David House Anfang April dieses Jahres in Berlin traf, befand sich Bradley Manning bereits seit neun Monaten als Gefangener der höchsten Sicherheitsstufe in Einzelhaft im Militärgefängnis von Quantico in Virginia – ohne dass er je vor einem Richter gestanden hätte. Zuvor war er zwei Monate lang in einem Militärgefängnis in Kuweit inhaftiert gewesen. Unter welchen Umständen, ist bis heute ungeklärt. House sagte mir: «Die Bedingungen in Quantico grenzen an Folter. Aber niemand hat recherchiert, was in Kuweit los war. Ich weiss nicht, was da genau geschehen ist. Aber selbst die Bedingungen in Quantico sind mit Bestimmtheit bedeutend besser als in Kuweit.»

Seit der Verhaftung im Mai 2010 im Irak konnte keine Journalistin und kein Politiker direkt mit dem mutmasslichen Wikileaks-Informanten sprechen. Nur ein enger Kreis von Vertrauten durfte Manning in der Haft besuchen: seine Familie, sein Anwalt – und David House. Seit letztem Herbst traf er Manning regelmässig, meist zweimal im Monat. Und er beobachtete, wie die rigiden Haftbestimmungen den 23-jährigen Nachrichtenanalysten der US-Armee langsam zermürbten.

Die Verhaftung

Der Saal war voll. Bis auf den letzten Platz. Und die Türsteherin erklärte, jetzt könne wirklich niemand mehr rein – Feuerschutzbestimmungen. David House stand vorne an einem kleinen Tisch, neben ihm John Goetz, ein Journalist des «Spiegels», Andy Müller-Maguhn vom Chaos Computer Club und Monica Lüke von Amnesty International. House war stellvertretend für das Bradley Manning Support Network von den deutschen Zeitungen «taz» und «Der Freitag» nach Berlin eingeladen worden, um an einem Medienkongress über Mannings Situation zu sprechen. Nach dem Panel wurde House von Journalistinnen, Hackern und Zuschauern überrannt. Der 24-Jährige, der ein schwarzes kleines Buch bei sich trug, nahm sich Zeit, sprach geduldig in die Mikrofone, schrieb dann seine Telefonnummer und seine E-Mail-Adresse in das Notizbuch, riss die Seite heraus und gab sie dem Gegenüber: «Falls du noch mehr Fragen hast, schreib mir eine Mail.»

Dann sagte House, er brauche jetzt eine Zigarette, und bat mich, mit ihm hinauszugehen. David House ist ein schmächtiger junger Mann aus Mobile im US-Bundesstaat Alabama, ein Computerfreak, der aber, wie er sagt, überhaupt nicht ins Klischee passt. Er studierte erst Englisch und Politikwissenschaften an der Universität von Boston, wechselte dann auf Computerwissenschaften und schloss vergangenes Frühjahr sein Studium ab. Seit einem Jahr arbeitet er am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) und forscht im Bereich der Informationsökonomik. Im Sommer will House nach Ägypten reisen, um sich mit BloggerInnen aus der arabischen Welt zu treffen und mit ihnen an einem Projekt für dezentrale Netzwerke zu arbeiten, die verhindern, dass die Telekommunikation von einem autokratischen Regime ausgeschaltet werden kann.

Wir setzten uns auf eine Treppe vor der Tür, und House begann zu erzählen.

«Eigentlich waren wir noch gar keine Freunde, als Bradley verhaftet wurde», sagte House. «Wir haben uns nur einmal kurz getroffen, ein wenig gequatscht. Und dann war er schon wieder weg.» Das war im Januar 2010. David House stand kurz davor, sein Studium abzuschliessen. Mit ein paar Freunden eröffnete er das «Builds» als einen Hackerspace – einen kleinen Raum auf dem Universitätsgelände, wo es Farbe gab, Werkzeug und Computer, vor allem aber viel Wissen.

«Das Wort ‹Hacker› hat manchmal einen negativen Beigeschmack. Ich benutze das Wort aber in einem reineren, einem ursprünglicheren Sinn. Es geht für mich um Selbstermächtigung. Es geht darum, die Fähigkeiten, die man hat, richtig einzusetzen. Der Begriff enthält für mich auch einen Do-it-yourself-Gedanken und ein Misstrauen gegenüber Autoritäten. Die Leute kamen also vorbei und fragten: ‹Wie sprayt man ein Graffiti?› Und wir halfen dabei. Oder: ‹Wie baue ich einen Roboter?› Wir halfen dabei.»

Zur Eröffnung von Builds kam auch Bradley Manning vorbei. Kurz darauf flog er in den Irak, von wo er House noch einmal schrieb. «Aber ich schaffte es leider nicht mehr, die Mail zu beantworten. Darin bin ich furchtbar schlecht.» House zog sein Blackberry aus der Tasche, lachte und sagte: «Hier, 150 E-Mails, alle noch zu beantworten.»

Im April 2010 sah House – wie Millionen anderer Menschen auch – einen von Wikileaks unter dem Titel «Collateral Murder» veröffentlichten Film. Das achtzehnminütige Video zeigt, wie Angehörige der US-Armee 2007 in Bagdad aus einem Helikopter auf unschuldige Zivilisten und Journalisten schiessen und einen nach dem anderen umbringen. Für Wikileaks war es ein Coup, der die Weltöffentlichkeit aufrüttelte und die Abscheulichkeiten des Kriegs zeigte. Für Bradley Manning war es der Anfang eines Albtraums.

Folter im Knast von Quantico

Einen Monat später wurde Manning verhaftet. Man warf ihm vor, das Video «Collateral Murder» an Wikileaks übermittelt zu haben. Darüber hinaus: rund 90 000 geheime US-Dokumente zum Afghanistankrieg, rund 400 000 geheime Dokumente zum Irakkrieg, rund 250 000 geheime Diplomatendepeschen, über 700 geheime Dokumente zu den Guantánamo-Insassen und das sogenannte Garani-Video, das angeblich einen weiteren Luftangriff zeigen soll. Alle Dokumente (bis auf das Garani-Video) wurden seit der Verhaftung Mannings von Wikileaks publiziert.

Am Aprilwochenende in Berlin wirkte House selbstbewusst, überzeugend, abgeklärt. Wann immer über Bradley Manning Fragen gestellt wurden, die niemand zu beantworten wusste, ergriff House das Wort, erklärte sachlich, aufs Wesentliche konzentriert, belegte seine Aussagen mit Beispielen. Das vergangene Jahr und seine Rolle als Freund des mutmasslichen «Verräters» Manning haben ihn argumentieren gelehrt. Nachdem ihn das FBI vergangenen Sommer das erste Mal besucht hatte, fand er sich plötzlich inmitten einer Untersuchung wieder, deren Ausmass er sich nicht einmal hätte träumen lassen. «Meine Bekannten in Boston holten sich alle Anwälte», erzählte er mir. «Das FBI verhörte zahlreiche Freunde, verfolgte und überwachte sie. Studenten wurden vor der Uni abgefangen und zu Bradley Manning befragt. Es war verrückt: Wie die Behörden die Untersuchungen führten, gegen Freunde ermittelten, sie als Informanten gewinnen wollten – das war so widerwärtig.» Während sich also fast alle Freunde juristische Hilfe holten und möglichst wenig mit dem Fall Manning zu tun haben wollten, entschied House, sich erst recht für den verdächtigten Soldaten einzusetzen. «Viele am MIT oder an der Boston University sind vom Staat abhängig. Sie erhalten Stipendien oder hoffen auf staatliche Forschungsaufträge. Da macht es sich nicht gut, mit jemandem wie Manning in Verbindung gebracht zu werden.»

Im September besuchte House Bradley Manning zum ersten Mal, auf Wunsch eines gemeinsamen Freunds. «Mein Freund sagte mir, seine Anwälte hätten ihm geraten, Manning nicht mehr zu besuchen. Deshalb sollte ich mitkommen, mit Manning reden – und das später vielleicht wieder tun.» House fuhr mit ihm ins 700 Kilometer entfernte Quantico, führte im Gefängnis ein «gutes Gespräch» mit Manning und wurde am Schluss von diesem gebeten, in der folgenden Woche wiederzukommen. «Das tat ich. Ich stopfte am nächsten Freitagabend ein paar Kleider in einen Armyrucksack, stieg in den Zug nach Washington und übernachtete dort im Hostel. Am nächsten Morgen mietete ich einen Wagen und fuhr nach Quantico.»

Zu diesem Zeitpunkt war House – neben einem Anwalt – der Einzige, der Manning besuchte. Mannings Familie, zu der dieser ein schwieriges Verhältnis hat, kam erst diesen Februar zu Besuch. House fühlte sich geradezu verpflichtet, Manning zu treffen: «Wenn international Druck auf dich gemacht wird, wenn US-Senatoren im Fernsehen fordern, dass du sofort exekutiert werden sollst – wer kommt dich da noch besuchen?»

Manning war in Quantico von Beginn an in Einzelhaft, lebte über neun Monate unter Bedingungen, die üblicherweise höchstens kurzfristig vorgesehen sind. Besuche waren nur am Wochenende erlaubt, für eine Dauer von drei Stunden. «Aber das war reine Theorie. Ich konnte erst nach Mittag rein. Dann durchsuchten die Marines mich und mein Auto, ich wurde in einem Konvoi zum Gefängnis gefahren. Dort musste ich warten, bis mich die Marines von meinem Wagen ins Gefängnis eskortierten. Und dort wartete ich wieder, bis sie Bradley brachten.» Am Ende blieb meist eine Besuchszeit von rund eineinhalb Stunden.

Anfangs, sagte House, habe er sich gut mit Manning unterhalten können – über die Erwartungen ans Leben, über die Zeit im Militär, über Physik, Ethik, Computer. «Bradley erzählte mir, er wolle irgendwann Physik studieren.» Je länger House ihn aber besuchte, desto schwieriger wurde es, ein Gespräch zu führen. Die Antidepressiva, die Manning einnehmen musste, die Sicherheitsbestimmungen und die totale Isolation setzten Manning stark zu. «Gegen Jahresende ging es ihm sehr schlecht, er schien gebrochen», sagte House. Manning mochte kaum mehr reden, vor allem nicht über seine Haftbedingungen. «Als ich ihn im Januar fragte, wie es ihm im Gefängnis gehe, antwortete er nicht. Er machte nur eine ängstliche Bewegung in Richtung der drei Marines, die immer mit uns im Raum standen, und wechselte das Thema.»

Manning werden über zwanzig Vergehen angelastet, für die er 52 Jahre Gefängnis bekommen könnte. Und für das schwerwiegendste, «Kollaboration mit dem Feind», könnte er gar mit dem Tod bestraft werden. Trotzdem gibt es bis heute keine formelle Anklage gegen ihn. Für House ist klar, weshalb: «Das primäre Ziel der US-Regierung sind immer noch Wikileaks und Julian Assange.» Manning sei vor allem deshalb so lange in Untersuchungshaft, als Gefangener höchster Sicherheitsstufe, damit er, zermürbt, der US-Regierung irgendeine Aussage liefere, die Assange belaste.

In Quantico hiess das: 23 Stunden pro Tag in einer kleinen Zelle ohne natürliches Licht. Keine persönlichen Gegenstände. Kein Zugang zu Zeitungen oder Nachrichten. Kein Sport in der Zelle. Der Versuch, Liegestützen zu machen, wurde von Wärtern unterbunden. Tagsüber: kein Schlaf. Alle fünf Minuten Kontrolle durch Wärter. Eine Stunde Erholung pro Tag. Während dieser Stunde: in einem geschlossenen Raum eine Acht gehen, fernsehen oder schreiben. Davor Einnahme von Antidepressiva. Nachts: Beleuchtung der Zelle durch eine Lampe im Zellengang. Ständige Kontrolle durch Wärter – wegen Gefahr der Selbstverletzung. Kein Kissen. Kein Leintuch. Keine Kleider – wegen Selbstmordgefahr.

«Konditionierungstechniken»

Obwohl ein Gefängnispsychiater seit August 2010 mehr als ein Dutzend Mal erklärte, Manning sei nicht suizidgefährdet, und empfahl, ihn auf eine niedrigere Sicherheitsstufe zu setzen, geschah das Gegenteil: Anfang März musste Bradley Manning abends sogar die Boxershorts ausziehen und erhielt sie am nächsten Morgen erst nach dem Appell, bei dem alle Gefangenen im Zellengang strammstehen müssen, zurück. Die Massnahme war ergriffen worden, nachdem Manning in Gegenwart von Wärtern sarkastisch bemerkt hatte, er hätte sich längst mit den Boxershorts aufhängen können, wenn er wirklich suizidal wäre.

Nacktheit und Schlafentzug – Verhörmethoden, die als «Konditionierungstechniken» auch in geheimen CIA-Papieren aufgelistet sind; Massnahmen, die laut einem offenen Brief von dreihundert führenden US-JuristInnen an Präsident Barack Obama «entwürdigend», «unmenschlich», «illegal» und «unmoralisch» sind, allenfalls gar gegen die Antifolterkonvention verstossen.

Nachdem Mannings Haftbedingungen bekannt geworden waren, erklärte Philip J. Crowley, der Sprecher der US-Aussenministerin Hillary Clinton, er halte die Militärhaft von Manning für «lächerlich», «kontraproduktiv» und «dumm». Kurz darauf musste Crowley zurücktreten.

Der Widerstand gegen Mannings Haft wuchs. Amnesty International, das UN-Hochkommissariat gegen Folter, US-PolitikerInnen und Prominente wie der Filmer Michael Moore schalteten sich ein und protestierten gegen Mannings Haft. Wenige Wochen vor unserem Treffen in Berlin nahm David House vor dem Gefängnis in Quantico an einer Demonstration von rund fünfhundert Manning-UnterstützerInnen teil, darunter zahlreiche Kriegsveteranen. Mit dabei war auch der 79-jährige Whistleblower Daniel Ellsberg, früherer Mitarbeiter des US-Verteidigungsministeriums, der in den siebziger Jahren den Medien die sogenannten Pentagonpapiere zugespielt hatte, ein 7000-seitiger geheimer Bericht, der die Verbrechen der USA im Vietnamkrieg offengelegt und dessen Veröffentlichung wesentlich zum Ende des Kriegs beigetragen hatte. Ellsberg wurde an der Demonstration mit rund dreissig weiteren Personen verhaftet, weil sie die Strasse blockiert hatten.

Doch der anhaltende Protest gegen Mannings Verhaftung scheint seine Wirkung zu zeigen. Ende April verlegten die US-Behörden den Gefangenen nach Fort Leavenworth im Bundesstaat Kansas. Das Gefängnis soll besser für die lange Untersuchungshaft geeignet sein. Manning habe dort mehr Platz, liessen die Behörden verlauten, er könne Sport treiben, sich mit anderen Häftlingen austauschen und dreimal täglich in einem Gemeinschaftssaal essen. Das Bradley Manning Support Network rechnet damit, dass Manning Ende Mai oder Anfang Juni erstmals vor einen Richter geführt wird.

Auch Mannings Anwalt schrieb auf seinem Blog, dass sich Mannings Situation in Kansas verbessert habe: In der neuen Zelle gebe es ein Fenster, einen Tisch, ein Bett, ein Kissen, eine Decke, Manning dürfe zudem persönliche Dinge wie Bücher, Briefe und eigene Kleidung darin aufbewahren. Neuerdings erhält er auch private Post.

House aber hat Manning seit März nicht mehr besucht. Er wurde – ohne jegliche Erklärung – von der Besucherliste gestrichen. Von wem und warum, ist unklar.

Der Verräter und die Agenten

In Berlin während des Medienkongresses war es draussen dunkel geworden, und House und ich begaben uns wieder in das Gebäude. Kaum sassen wir, sprach ihn jemand an, ein junger Mann von der deutschen Piratenpartei, der einen Termin mit House vereinbaren wollte. Hacker, Piraten, Computerfreaks – das sind die Leute, die sich (neben den JournalistInnen) am meisten für House interessierten. Wir diskutierten über Wikileaks, die Bedeutung der Enthüllungsplattform und ihre Widersprüche. Irgendwann sagte House, alle Informationen müssten frei zugänglich sein. Ein Satz, den auch Manning geschrieben haben soll, als er vom Irak aus mit dem bekannten US-amerikanischen Hacker Adrian Lamo chattete und ihm schrieb, geheime Daten an Wikileaks übermittelt zu haben. (Laut House ist Lamo ein «Egoman», «Narzisst», «Drogensüchtiger» und «allseits bekannter Informant der US-Regierung».) In den redigierten Chatlogs, die Lamo dem Magazin «Wired» zur Veröffentlichung gab, fragte er Manning, warum er die Daten nicht einfach an einen Staat oder eine Firma verkauft habe. Manning: «Weil sie der Öffentlichkeit gehören. Informationen sollten frei zugänglich sein.»

Im vergangenen Jahr wurde in den Medien oft gemutmasst, was Manning dazu veranlasst hatte, die geheimen Daten an Wikileaks zu leiten: Einsamkeit, Zweifel am Kriegseinsatz, Geltungsdrang; selbst seine Homosexualität wurde in diesem Zusammenhang erwähnt. Selten aber wurde darauf verwiesen, was Manning mit House, Assange und gar Lamo verbindet: Sie sind Hacker und verstehen sich als solche, ganz so, wie es auch in Steven Levys Buch «Hackers» heisst: «Misstraue Autoritäten» und «Alle Informationen müssen frei zugänglich sein».

Der Philosoph Slavoj Zizek schrieb kürzlich in einem Essay: «Wikileaks bedroht die formale Verfahrensweise des Funktionierens der Macht. Das wahre Ziel waren nicht die schmutzigen Details und die Individuen, die dafür verantwortlich waren, sondern Ziel war die Macht selbst, ihre Struktur.» Die Aufdeckungen richteten sich nicht an uns Bürger, «die wir bloss unbefriedigte Individuen sind und darüber Bescheid wissen wollen, was sich hinter den verschlossenen Türen in den Korridoren der Macht abspielt». Die Enthüllungen seien eine Aufforderung, «uns zu einem langen Kampf aufzuraffen mit der Absicht, ein anderes Funktionieren der Macht hervorzubringen».

Ein Kampf, der zurzeit vor allem die US-Regierung herausfordert. Als David House von seiner ersten Begegnung mit den FBI-Agenten in Boston berichtete, sagte er: «Die US-Regierung sieht Hacker, Anwälte, Aktivisten – im Prinzip jeden, der Bradley Manning unterstützt – als potenzielle Gefahr, genauso wie sie Wikileaks als Gefahr wahrnimmt.» Dann erzählte er von einem seiner Freunde, der wegen dieser Freundschaft vom FBI verhört wurde und dem nun die Entlassung drohe, weil er sich weigere, mit dem FBI zusammenzuarbeiten. «Ich hatte das nicht erwartet. Aber je länger ich mit diesen Leuten zu tun habe, desto mehr Sinn ergibt es. Es ist wie mit den radikalen Bewegungen in den sechziger Jahren – nur die Ziele sind anders: Heute sind es Computerfreaks, Hacker. Diese Leute werden als riesige Bedrohung gesehen.»

House zückte sein Blackberry und zeigte mir kurze Videos, die er kürzlich in London gedreht hatte: Darin waren drei Männer zu sehen, einer mit Glatze, die hinter ihm in einer Schlange standen. «Agenten», sagte House. «Sie begleiteten mich von Boston nach London.» Der eine habe im Flugzeug hinter ihm gesessen, die anderen zwei neben ihm. Sie seien ihm, immer wieder in anderer Zusammensetzung, gefolgt. Er sei mit der U-Bahn absichtlich mehrmals auf ungewöhnlichen Routen durch die Stadt gefahren, um zu prüfen, ob sie ihm folgten, bevor er schliesslich im Hotel eincheckte. Er war sich nicht sicher, ob er sich das einbildete oder ob er wirklich beobachtet wurde. Aber dann, einige Tage später, sah er zwei von ihnen wieder – im Café vor seinem Hotel.

House lachte. «Sie sehen ja auch wirklich aus wie Agenten, nicht?»

David House ist einer der wenigen, die mit dem mutmasslichen Wikileaks-Informanten Bradley Manning befreundet sind und diesen vergangenes Jahr in Isolationshaft besuchen konnten. Diese Freundschaft mit dem «Staatsfeind» hatte für House eine Reihe von unangenehmen Begegnungen mit den US-Behörden zur Folge.

Jetzt wehrt sich House: Vergangene Woche reichte er mit der US-amerikanischen Bürgerrechtsunion ACLU Klage gegen das Ministerium für Innere Sicherheit (Homeland Security) ein. House war letzten November am Chicagoer Flughafen von zwei Agenten des Ministeriums angehalten und verhört worden. Dabei beschlagnahmten sie Laptop, Handy, Videokamera und USB-Stick des 24-jährigen Computerwissenschaftlers. Erst nach sieben Wochen und nachdem House die ACLU eingeschaltet hatte, erhielt er die elektronischen Geräte zurück. In dieser Zeit, so heisst es in der Anklage, habe das Ministerium persönliche Daten kopiert und an andere Behörden weitergegeben.

 

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