Nr. 22/2011 vom 02.06.2011

Von altem Schrot und Korn

Von Beat Mazenauer

Alljährlich im September steigt im Bündnerland der Adrenalinspiegel. Halali, Schuss frei für die Hochjagd! Was in diesen Tagen vor sich geht, erklärt uns der Bündner Leo Tuor in «Settembrini». Lustvoll flachsend erinnert er sich an seine Zwillingsonkel Gion Battesta und Gion Evangelisti Sylvester, die er unter dem Namen Settembrini miteinander verschmilzt. Sie sind begnadete Jäger von altem Schrot und Korn: Freibeuter der Berge, die nur allzu gern gegen die Verordnungen des Jagdinspektors verstossen – und belesene Erzähler, die allerhand Jagdgeschichten zu erzählen wissen.

Beim Jagen geht es ums Töten. Nichts treibt den doppelten Settembrini mehr auf die Palme, als wenn Jäger dies nicht instinktiv einsehen wollen. Dabei gilt ein strenger Codex. Es wird nie auf ein Tier geschossen, das liegt, und wenn es getötet ist, wird es auf dem Rücken zu Tal getragen, nicht rüpelhaft mit dem Allrad vom Berg gekarrt. So hat alles seine Ordnung, auch die Auflehnung. Das Schlimmste, wettert der Onkel, «das Allerschlimmste ist, dass alle brav und fügsam alles machen, was befohlen wird». Aber vielleicht geht es ihm gar nicht nur ums Jagen, vielleicht liegt Settembrini das Jagdrecht als solches am Herzen, das nicht mehr nur ein Privileg von Adligen ist.

Tuor hört seinen Jagdhelden mit offenen Lauschern zu und erhält von ihnen eine Fülle von Schnurren, Anekdoten und Flunkereien vorgetragen, in denen sich Legende und Wahrheit munter vermischen. Wer nur die Wahrheit erzählt, dem glaubt ohnehin keiner. So legt sich Settembrini das Erinnerte nach eigenem Gusto im Munde zurecht, zum Vergnügen der ZuhörerInnen. Darauf lässt sich Tuor willig ein. Laurence Sternes «Tristram Shandy», den die Onkel mit Inbrunst lesen, steht auch diesem «närrischen Buch» als Pate zur Seite. Um nicht selbst als serviler Erzählaufseher zu gelten, lässt er Settembrinis Geschichten alle Freiheit. Das wirkt zuweilen willkürlich und heterogen in der Form, behält aber jederzeit seinen widerborstigen Reiz.

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