Nr. 23/2011 vom 09.06.2011

Mit der Kamera Krieg führen

Bilder prägen unsere Wahrnehmung, Bilder von Kriegen entscheiden, wie wir sie sehen – auch im Nachhinein. Beispiele aus dem Ersten Weltkrieg.

Von Pit Wuhrer

Wien, Ende Juli 1924. Von der Ringstrasse ziehen Tausende zum Rathausplatz, darunter viele Kriegsversehrte und Kriegsblinde. Die österreichische Sozialdemokratie hatte zu der Demonstration aufgerufen. Wie in anderen europäischen Grossstädten erinnern die KundgebungsteilnehmerInnen an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor zehn Jahren: «Nie wieder Habsburg!», «Nie wieder Krieg!» steht auf den Transparenten.

Der Antikriegstag 1924 bildete den Höhepunkt einer breiten Friedenskampagne, danach ebbte der Protest gegen den Krieg ab; ein aggressiver Revanchismus verklärte und heroisierte die Gemetzel des Weltkriegs. Ein wesentliches Instrument bei der Umdeutung der Geschichte waren die vielen Bildbände, die ab Mitte der zwanziger Jahre erschienen und die ausschliesslich die Kriegshandlungen an der Westfront zeigten, während die Schauplätze an der Ostfront in den Hintergrund traten. Dabei war dort ebenfalls erbarmungslos Krieg geführt worden – vor allem gegen die Zivilbevölkerung und Angehörige von ethnischen und religiösen Minderheiten.

Allein in den ersten Monaten des Kriegs waren in den östlichen Gebieten der österreichisch-ungarischen k. u. k. Monarchie, in der heutigen Ukraine und den besetzten Gebieten auf dem Balkan, in Polen und Italien bis zu 36 000 Zivilisten – Männer wie Frauen – am Galgen hingerichtet worden. Und oft hatten die Täter (zumeist deutsche und österreichische Soldaten) einen Fotoapparat dabei.

Mit dem Erstarken der reaktionären Kräfte verschwanden ihre Fotos in Archiven und privaten Alben, und damit entzogen sich auch die systematisch ausgeführten Taten dem Blick der Öffentlichkeit. Nun aber sind sie wieder da. Jahrelang durchstöberte der Fotohistoriker Anton Holzer Bibliotheken und Fotosammlungen, trat in Kontakt mit ArchivarInnen, trieb Fotoschachteln mit aufschlussreichen Abbildungen auf (darunter eine aus der Schweiz) – und hat dazu zwei exzellente Fotobände veröffentlicht.

In seinem Buch «Die andere Front» schildert Holzer anhand vieler, bisher unveröffentlicher Bilder mit einordnenden Texten nicht nur das Elend und das Grauen an der Front – er erläutert auch die Rolle der Fotografie im ersten grossen Medienkrieg. Manche dieser Aufnahmen hatten anfangs den Zweck, die Bevölkerung einzuschüchtern; etliche wurden auch als Feldpostkarten in Umlauf gebracht. Doch nicht immer ging das Kalkül auf, wie das Beispiel Cesare Battisti belegt. Battisti, der vor 1914 als italienischsprachiger sozialdemokratischer Abgeordneter im Wiener Reichsrat sass, hatte nach Kriegsbeginn auf der Seite Italiens gekämpft, wurde gefangen genommen und als «Verräter» gehängt. Ein in propagandistischer Absicht aufgenommenes Foto seiner Hinrichtung gelangte auf die andere Seite der Front und bewirkte dort die gegenteilige Resonanz: Es wurde zu einem Dokument der Anklage.

In «Das Lächeln der Henker» erweitert Holzer ein Kapitel aus «Die andere Front» – den Krieg gegen die Zivilbevölkerung – zu einem eigenständigen Buch mit vielen neuen Bilddokumenten. Beim Anblick der baumelnden Toten und des fröhlichen Publikums könnte einem schlecht werden, wären da nicht Holzers kluge, erklärende Texte und seine plausiblen Antworten auf Fragen wie: Warum wurde ausgerechnet bei Hinrichtungen wie manisch geknipst? Weshalb übt die fotografische Inszenierung von Gewalt (man denke an Abu Ghraib) eine solche Faszination aus? Wieso wollten viele Täter die Leiche – vor der Kamera – berühren?

Nein, zum Voyerismus verleiten Holzers Bücher nicht. Sie bieten beste Aufklärung und eine Fülle an wichtigen Informationen über einen in Vergessenheit geratenen Weltkrieg.

 

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