Nr. 23/2011 vom 09.06.2011

Die Transparente könnten noch immer dieselben sein

Am 14. Juni streiken in der Schweiz die Frauen – wie vor zwanzig Jahren schon einmal. Was sich seither verändert hat, was sich dringend verändern muss. Und warum die Förderung einiger Frauen allein nicht genügt.

Von Noëmi Landolt und Anja Suter

Die Unruhe begann in der Uhrenindustrie. Im Waadtländer Jura lehnten sich im Frühjahr 1991 Fabrikarbeiterinnen auf, weil die Lehrlinge, die sie ausbildeten, mehr verdienten als sie selber. In der Walliser Uhrenfabrik Rhodanus Microtechnic in Naters brachte die unverblümte Willkür des Patrons, der an einem Tag vier Frauen zu vier verschiedenen Löhnen einstellte, das Fass zum Überlaufen. Die Frauen waren wütend, organisierten sich und sprachen von Streik. Christiane Brunner, damals Zentralsekretärin des Schweizerischen Metall- und UhrenarbeiterInnenverbandes (Smuv) und Liliane Valceschini, Smuv-Sektionspräsidentin im Vallée de Joux, liessen sich von der Idee überzeugen – und setzten sich zusammen mit weiteren Gewerkschafterinnen gegenüber den skeptischen Kollegen durch. Was als Arbeitskampf in Westschweizer Betrieben begann, wurde zum landesweiten Protesttag der Frauen, orchestriert vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund.

Mit Pfeifen und Eiern

«Wenn Frau will, steht alles still», lautete das Motto des landesweiten Frauenstreiktags vom 14. Juni 1991. Zehn Jahre nachdem die Gleichstellung von Mann und Frau in der Schweizer Verfassung verankert worden war (14. Juni 1981), wollten die Frauen Taten sehen. Sie forderten ein Gesetz, in welchem die ökonomische und rechtliche Gleichstellung zwischen Frau und Mann festgeschrieben würde.

Die Anleihe an eine Parole der grossen Massenstreiks des 20. Jahrhunderts war nicht vermessen: Über eine halbe Million Frauen in der Schweiz verschränkten am Frauenstreiktag 1991 die Arme. Über Alters-, Partei- und Kantonsgrenzen hinweg hatten sich Arbeiterinnen, Mütter, Haus- und Ehefrauen zusammengeschlossen, um zu streiken und nicht nur die unter-, sondern auch die unbezahlte Arbeit von Frauen anzuprangern. Von Genf bis St. Gallen, vom Tessin bis nach Basel beteiligten sich Frauen an den vielfältigen Streikaktionen – und verliehen ihrer Wut hör- und spürbar Ausdruck. In Bern beispielsweise foutierten sie sich um die ihnen auferlegte Zonensperrung und stürmten mit schrillen Pfiffen und fliegenden Eiern den Bundesplatz, wo in- und ausländische Staatsmänner gerade sich selber und 700 Jahre Eidgenossenschaft feierten.

Die Aktion von 1991 zeigte nicht nur den Patrons und der Landesregierung, dass es den Frauen ernst war. Es war auch ein Zeichen an die Gewerkschafter, dass sie sich um einen Grossteil ihrer Basis bis anhin zu wenig gekümmert hatten. «Der Frauenstreiktag machte deutlich, dass die Frauen die Zukunft der Gewerkschaften sind», sagt Annette Hug (40), Zentralsekretärin des VPOD Zürich. «Im VPOD stellen die Frauen mittlerweile die Mehrheit der Mitglieder.» Doch nicht bloss auf gewerkschaftlicher Ebene hat sich etwas bewegt – drei Beispiele: 1993 wurde Ruth Dreifuss nach Protesten gegen die Nichtwahl Christiane Brunners in den Bundesrat gewählt, 1996 trat das Gleichstellungsgesetz in Kraft, und seit 2004 sollte jeder erwerbstätigen Frau eine Mutterschaftsversicherung zustehen.

Viel erreicht und doch nicht weiter?

Trotz dieser Errungenschaften unterscheiden sich die heutigen Forderungen der Gewerkschaften kaum von jenen des Jahres 1991: Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit, Umsetzung des Gleichstellungsgesetzes, familienverträgliche und kürzere Arbeitszeiten für Frauen und Männer sowie Ausbau von Kinderbetreuung und ambulanten Einrichtungen für Pflegebedürftige, lauten die Forderungen am 14. Juni 2011. «Eigentlich könnten die Frauen heute noch immer mit den gleichen Transparenten wie damals an den Streiktag», sagt Leena Schmitter, 31, Historikerin. «Das ist einerseits frustrierend, zeigt andererseits aber genau auf, wie wichtig es ist, diese Forderungen immer wieder zu stellen.»

Doch warum hat sich so wenig verändert? Warum verdienen Frauen gemäss Gewerkschaften auch heute noch trotz identischer Tätigkeit durchschnittlich fast zwanzig Prozent weniger als Männer?

«Eine grosse Gefahr für die Lohngleichheit ist die Auslagerung öffentlicher Dienstleistungen», sagt Annette Hug. «Wenn Spitäler in öffentlich- oder privatrechtliche Trägerschaften ausgelagert werden, haben Pflegefachfrauen nicht mehr denselben Arbeitgeber wie PolizistInnen und können somit legal schlechter entlöhnt werden.»

Neben dem Privatisierungstrend steht der Abbau des Sozialstaates der Gleichstellung im Weg, denn die Steuererleichterung der einen ist die Arbeitslast der anderen: In den Sparrunden wird gerne zuerst bei der staatlich organisierten Pflege und Betreuung angesetzt. Da sich die Arbeit in diesen Bereichen nun mal nicht rationalisieren lässt – ein kranker Mensch wird nicht schneller gesund, ein Kind nicht schneller satt –, werden einerseits den Angestellten längere Schichten zu weniger Lohn aufgedrückt, zum andern wird die weggesparte Arbeit in die Haushalte abgeschoben: In beiden Fällen sind es primär Frauen, die von dem anfallenden Mehraufwand betroffen sind.

Bis zu einer tatsächlichen Gleichstellung ist es noch ein langer Weg, doch auch die kleinen Schritte, die in diese Richtung führen, sind wichtig. Ein Beispiel wäre die Mindestlohninitiative, wie Annette Hug meint. Sie sei einer der besten Ansätze für die Lohngleichheit. «Es ist einfacher zu fordern, dass es gewisse Scheisslöhne nicht mehr geben darf, als die Gesellschaft so weit zu verändern, dass Frauen nicht mehr in solchen Jobs arbeiten müssen.»

Weniger Arbeit, mehr Zeit!

Aber auch grundsätzlich muss die Verschränkung von kapitalistischem Wirtschaften und patriarchalen Strukturen aus feministischer Sicht weiter hinterfragt werden. Es gilt, neue Modelle zu denken – oder sich auf alte zurückzubesinnen. Simona Isler (29) beschäftigt sich innerhalb der feministischen Gruppe Femök mit Fragen, die Feministinnen bereits in den siebziger Jahren aufwarfen: «Wir müssen den Blick wieder auf die nicht entlöhnte Arbeit richten. Dann wird klar: Frauen arbeiten bereits mehr als genug. Es kann also nicht darum gehen, Strukturen zu schaffen, um Frauen eine Arbeit abzunehmen, nur damit sie eine andere aufnehmen können. Die Forderung nach weniger Arbeit und mehr Zeit muss wieder gestellt werden.»

Auch gilt es zu bedenken, dass das Ziel nicht schon erreicht ist, wenn einigen Frauen der Weg in die Teppichetagen der Konzerne freisteht. Denn wer kümmert sich um Kind, Hund und Dreckwäsche, während Mami im ledernen Chefsessel die Börsenkurse verfolgt? Wohl nur in den seltensten Fällen der Ehemann. Viel wahrscheinlicher ist, dass Consuela aus Kolumbien oder Ljuba aus Slowenien den Haushalt schmeisst. Die feministische Kritik muss daher auf die Grundfesten unserer Gesellschaft zielen: Sie muss fragen, wie Arbeit aufgeteilt ist und wer wie von dieser Aufteilung profitiert. Gerade deshalb darf auch am 14. Juni die Solidarität mit jenen Frauen nicht vergessen gehen, die keine Lobby haben und sich das Streiken schlicht nicht leisten können.

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