Nr. 28/2011 vom 14.07.2011

Die Rütlischweiz

Krawallort der Rechtsextremen, Kraftort der EsoterikerInnen oder gar Gründungsort einer neuen SVP-Eidgenossenschaft: Anhand einer kleinen Wiese oberhalb des Urnersees verhandelt die Schweiz ihre Identität. Und das nicht nur am 1. August.

Von Andreas Fagetti

Es ist schön in Brunnen. Über dem Urner Dorf wölbt sich der Himmel, als habe René Magritte den Pinsel geführt. Scharf konturierte weisse Wolken vor knalligem Hellblau. Und unter diesem Himmel eine Berglandschaft in satten Farben. Segelboote gleiten über den Urnersee, Kursschiffe pflügen durchs Wasser, an der Seepromenade flanieren TouristInnen, Knirpse parlieren englisch, der skeptische Blick einer Nonne folgt einem eng umschlungenen, leicht bekleideten Paar, Wanderer verpflegen sich aus dem Rucksack, eine alte Dame liest auf einer Parkbank in einem Buch. So friedlich ist es nicht immer an den Gestaden des Vierwaldstättersees. Seit Mitte der neunziger Jahre marschieren in den Tagen um den 1. August Rechtsextreme auf. 1996 pöbelten drei Skinheads aus dem Kanton Zürich an der Bundesfeier auf dem Rütli, im Jahr 2000, als Bundesrat Kaspar Villiger die Rede hielt, waren es gegen hundert. Im Jahr 2005 brüllten etwa 800 Naziskins Bundesrat Samuel Schmid nieder und beschimpften ihn als Landesverräter. 2007 explodierte auf der Wiese eine kleine Bombe. Niemand wurde verletzt. (2008 verhaftete die Polizei einen Elektromonteur. Die Identität eines Informanten, der sich der Aargauer Polizei anvertraute und dessen Angaben zur Verhaftung führten, hält der Geheimdienst, gedeckt durch den Bundesrat, bis heute unter Verschluss. Und bis heute hat die Bundesanwaltschaft keine Anklage gegen den Elektromonteur erhoben.)

Das Rütli, wo sich der Legende nach in einer Nacht des Jahres 1291 drei Urschweizer gegen die Habsburger verschworen, war bis Mitte des 19. Jahrhunderts in Privatbesitz. Der Historiker Roger Sablonier schreibt zur Entstehung der Rütlilegende: «Erstmals will der Eintrag im Weissen Buch – ein Obwaldner Kanzleihandbuch mit einem chronikalischen Teil von ca. 1474 – wissen, dass sich die Verschwörer, welche die Befreiung von der Tyrannei der bösen Vögte vorbereiteten, auf dem ‹Rudli› versammelt hätten. Vom Weissen Buch kam die Vorstellung via Aegidius Tschudi (1505–1572) zum Geschichtsschreiber Johannes von Müller (1752–1809) und von dort zu Friedrich Schiller und in die populäre Geschichtskultur.»

1859 kaufte die bürgerliche Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) das Rütli für 55 000 Franken. Zum Kauf kam es, nachdem SGG-Mitglieder nach der Jahresversammlung von 1858 mit dem Schiff von Brunnen nach Flüelen unterwegs zu einer Besichtigung des neuen Reusskanals gewesen waren. Vom Schiff aus bemerkte die «vergnügte Runde», dass auf dem Rütli Vorbereitungen für den Bau eines modernen Gasthauses im Gang waren. Laut Verhandlungsprotokoll seien die SGG-Leute entsetzt über diese drohende «Profanierung» gewesen. Bei einer Spendensammlung in der ganzen Schweiz kamen beinahe 100 000 Franken zusammen. Die SGG schenkte das Rütli 1860 der Eidgenossenschaft – zwölf Jahre nach dem Ende des Sonderbundkrieges und der Gründung des modernen Bundesstaates. Alle OberstufenschülerInnen der Schweiz erhielten einen Stich des Rütlis.

Der Mythos ist bis heute im kollektiven Gedächtnis präsent – und nicht die bürgerliche Revolution von 1848: Die Gründerfiguren der modernen Schweiz kennt kaum jemand. Selbst im Bundeshaus erinnert nichts an sie. Auch dort: Rütligemälde und die Statuen von Werner Stauffacher, Walter Fürst und Arnold von Melchtal, den mythologischen Gründern der Alten Eidgenossenschaft.

ChristInnen, PatriotInnen, EsoterikerInnen

SGG-Geschäftsführer Herbert Ammann sieht den Kauf und die Schenkung an die Eidgenossenschaft als weitsichtige «Nation-Building»-Massnahme, die die Verlierer des Sonderbundkrieges mit dem neuen, vom Freisinn beherrschten Bundesstaat versöhnen sollte. 1861 rief die SGG die Rütlikommission ins Leben, die das Rütli seither verwaltet und auf der Wiese seit 1949 die alljährliche 1.-August-Feier des Bundes organisiert. Die Kommission bestimmt, welche Organisationen sich dort inszenieren dürfen. Parteipolitische und kommerzielle Versammlungen und Anlässe lässt sie seit Jahrzehnten nicht zu.

Die Rütliwiese zieht die unterschiedlichsten Gruppen magisch an: fundamentalistische ChristInnen, die dort gerne ein grosses Kreuz errichtet hätten, SuperpatriotInnen, die von bombastischen 1.-August-Feuerwerken träumten, aber auch Organisationen mit VPM-Hintergrund und EsoterikerInnen, die im Rütli einen Kraftort sehen. Sie alle stellten vergeblich Gesuche, auf dem Rütli eine Veranstaltung durchzuführen.

Doch verhindern liessen sich Skandale dennoch nicht: Wegen der Aufmärsche der Rechtsextremen und der explosiven Stimmung avancierte die von der Rütlikommission jeweils bewusst «schlicht gehaltene Bundesfeier» zum landesweiten Medienspektakel. Die Polizeikosten explodierten. 2006 handelte die Rütlikommission und führte ein Ticketing-System ein. Die ExtremistInnen hielt man fern. Sie versuchten deshalb auch mal vergebens, mit Paddelbooten ans Ufer zu gelangen. Allerdings marschieren sie in den Tagen nach der Bundesfeier regelmässig unbehelligt auf dem Rütli auf. 2007 wäre die offizielle 1.-August-Feier wegen eines Streits um die Sicherheitskosten beinahe ins Wasser gefallen. Die Unternehmer Nicolas Hayek und Johann Schneider-Ammann griffen in den eigenen Sack und retteten den Anlass.

Trotz Ticketing ist keine Ruhe eingekehrt. Denn auch ausserhalb des rechtsextremen Lagers, in konservativen Kreisen, verlieren die Leute auf dem Rütli rasch die Nerven. Darf eine Sozialistin wie Bundesrätin Micheline Calmy-Rey auf «geheiligtem Boden» eine 1.-August-Ansprache halten? Darf der Obwaldner Regierungsrat Tony Röthlin für ein vernünftiges Verhältnis zur EU eintreten (1999) und dieses Wort auf dem Rütli überhaupt in den Mund nehmen? Darf ein freisinniger Wirtschaftsmann wie der Ostschweizer Manager Markus Rauh für einen menschlichen Umgang mit AsylbewerberInnen eintreten und gegen eine Verschärfung der Asylpolitik (2006)? In Teilen des konservativen Publikums sind das rhetorische Fragen. 1991 war das noch anders. Da sagte der freisinnige Nationalratspräsident Ulrich Bremi in seiner Festrede: «Sie, liebe Schweizerinnen und Schweizer, blicken heute auf das Rütli, weil Sie wissen wollen, wohin wir aufbrechen. Wohin brechen wir auf? Die Antwort kann nur lauten: Europa.»

Das «Killermärchen»

Das Kursschiff zum Rütli legt um 15.10 Uhr am Quai von Brunnen ab. Die Fahrt hinüber zur 62 000 Quadratmeter grossen Wiese, die Bergler einst dem steilen Wald abgerungen hatten, dauert kaum zehn Minuten. Das Wasser schäumt, schroffe Felswände ziehen vorüber, die Sonnenstrahlen spielen auf den goldenen Lettern des Schillersteins. Der deutsche Dichter trug die Geschichte Wilhelm Tells – die andere prägende, ebenfalls mythologische Figur der Alten Eidgenossenschaft – in die Welt hinaus, das «Killermärchen», wie der Germanist Peter von Matt 2009 in seiner Bundesfeierrede den Unabhängigkeitsmythos bezeichnete. Hitler liess das Stück verbieten, nachdem er dem Attentatsversuch des Schweizers Maurice Bavaud entgangen war.

Zur Rütliwiese hinauf windet sich ein akkurat gepflegtes Kiessträsschen, vorbei am Dreiländerbrunnen, dem Rütlihaus und einem zum Museum umgestalteten Stall. Und dann steht man oben bei der Fahnenstange, an der die Schweizer Fahne träge winkt. Ja, ein schöner Ort, hier kann man lange Weile haben, wenn an der Bundesfeier nicht gerade Rechtsextreme aufmarschieren. Und wer daran glaubt, spürt womöglich die heilende Wirkung des angeblichen Kraftortes. Kein kommerzieller Rummel wie an anderen Pilgerstätten, kein Souvenirkitsch. Bloss dieses Stück kurzgeschorene Wiese, die rot-weisse Fahne und der Blick über den See und an die Berge.

Für die Linke war und ist der Ort der Alten Eidgenossenschaft, in der längst nicht alle frei waren, kaum von Belang. Als im September 1989 mit viel politischem und militärischem Pomp der fünfzigste Jahrestag der Generalmobilmachung gefeiert wurde, wollte auch die GSoA den symbolträchtigen Ort für ihr Anliegen nutzen: Zwei Monate später, im November 1989 sollte an der Urne nämlich zum ersten Mal über die Abschaffung der Armee abgestimmt werden. Im Gegensatz zu den hohen Militärs, Bundesräten, alt Bundesräten und hundert Mitgliedern der Bundesversammlung durfte die GSoA hingegen nicht aufs Rütli. Anscheinend wurde die gross angelegte Feier zur Erinnerung an die Mobilmachung nicht als politischer Akt verstanden.

Auseinandersetzungen und Aufregungen um die Nutzung des Rütlis, die Bedeutung und Deutung dieses Mythos sind keine neue Erscheinung. 1917 hielt ein internierter deutscher Offizier auf dem Rütli eine Rede auf den «Führer» Feldmarschall Paul von Hindenburg. 1937, in der Nacht vom 31. Juli auf den 1. August, marschierten auf der Wiese Fröntler zu einer Fahnenweihe auf, «800 Kameraden aus allen Gauen». Landesführer Rolf Henne sagte: «Wir Eidgenossen sind aufgestanden, weil wir sehen, dass diese alten Kräfte in unserem Volk nicht mehr genügend lebendig sind. (...) Und wenn wir uns auf den weltanschaulichen Boden des Nationalsozialismus gestellt haben, so wiederum nur deshalb, weil wir der festen Überzeugung sind, dass nur auf diesem Boden eine Rettung unserer Heimat möglich ist.» Drei Jahre später, am 25. Juli 1940, wählte General Henri Guisan den «geheiligten Boden», um die Armeekader auf die Verteidigung des Landes gegen die Wehrmacht einzuschwören und den Widerstandswillen der ganzen Bevölkerung zu stärken. Der Rütlirapport wurde erneut stilisiert zum Sinnbild eines wehrhaften Landes gegen die Anfeindungen von aussen. 1960 und 1980 wurde der Rapport vom Militärdepartement reinszeniert.

Vor wenigen Wochen, am 27. Mai, wieder ein Rütlikracher. Die SVP rief ihre Parteispitzen zum «Kaderrapport» – es war eine parteipolitische Veranstaltung ohne Bewilligung der Rütlikommission, für die sich selbst SVP-Bundesrat Ueli Maurer hergab. Der Regelverstoss zahlte sich aus, die mediale Aufmerksamkeit war garantiert. Zwischen der SVP und der SGG entfachte sich ein Streit. Die SGG verlangte von Parteipräsident Toni Brunner eine Entschuldigung. Die SVP wiederum forderte von der SGG, Parteianlässe auf dem Rütli künftig zuzulassen.

Absurde Einlage der SVP

Im Wahljahr brüstet sich die Dreissigprozentpartei in Anlehnung an den Rütlirapport, sie verkörpere die wahre Schweiz. Doch anders als bis 1989, als die bürgerliche Mehrheit im Land die linke Minderheit wo immer möglich ausgrenzte, grenzt jetzt eine Minderheit die Mehrheit aus. Sie inszeniert sich pathetisch: «Diese kleine Wiese hat eine grosse Botschaft: Wir wollen frei über unsere Geschicke bestimmen. Freiheit heisst Selbstbestimmung. Dafür sind unsere Vorfahren eingestanden: mit ihrem Mut und notfalls auch mit ihrem Leben. Die SVP der Waldstätter-Kantone verpflichten sich in der Rütli-Erklärung 2011, im Falle eines EU-Beitrittes die Eidgenossenschaft neu zu bilden.»

Ein EU-Beitritt, das weiss jedes Schulkind, ist nur an der Urne möglich. Volk und Stände müssten zustimmen. Respektiert die SVP den Volkswillen nicht? Dirigiert sie von oben nach unten? Der Zeitpunkt der «Rütli-Erklärung» offenbart deren Absurdität: Die EU steckt in der tiefsten Krise ihrer kurzen Geschichte, und die Mehrheit der SchweizerInnen will derzeit keinen Beitritt. Es ist offensichtlich: Der Marketing-Gag soll im Innerschweizer Ständeratswahlkampf Stimmen bringen.

Man kann ja den Sezessionsgedanken trotzdem durchspielen: Wann sind die völkerrechtlichen Voraussetzungen für eine «Waldstätter» Abspaltung gegeben? «Wird ein EU-Beitritt demokratisch beschlossen, ist das völkerrechtlich kein Grund für eine Sezession und die Bildung eines neuen Staates», so der Staatsrechtler Rainer J. Schweizer. «Gründe sind ethnische Verfolgungen, massive Unterdrückung von Teilen der Bevölkerung oder eine erhebliche Einschränkung demokratischer Rechte. Das ist in der Schweiz alles nicht der Fall. Eine Bundesratspartei kann ausgefallene Positionen einnehmen, aber die SVP macht mit ihrer Rütli-Erklärung dem Volk etwas vor und streut ihm Sand in die Augen. Ein EU-Beitritt wäre mit umfangreichen Verfassungsanpassungen verbunden – ein sehr grosses Paket.»

Die Blocher-Partei ärgert sich seit langem darüber, dass die Rütlikommission keine parteipolitischen Anlässe erlaubt. Sie hat eine Motion eingereicht und fordert den Bundesrat als Eigentümervertretung dazu auf, die SGG «anzuweisen, dass politische Parteien im Rahmen von kleinen parteiinternen Anlässen keine Bewilligung brauchen, um sich auf dem Rütli zu treffen». Grössere Parteianlässe sollen generell nach einem Gesuch erlaubt werden. Es sei an der Zeit, dass der Bundesrat die SGG an ihre eigenen Wurzeln erinnere und der «Austausch über unser Land und seine Werte» gerade auch von Parteien auf dem Rütli geführt werden dürfe. Ins gleiche Horn stösst ein Postulat einer CVP-Vertreterin.

Kein Symbol für die moderne Schweiz

Die Linke schlägt einen anderen Weg vor: «Statt diesen nationalen Mythos weiter aufzuladen, sollten wir ihn entladen», sagt SP-Nationalrat Hans-Jürg Fehr. Hier beginne die historische Schummelei, denn das Rütli erinnere ja nicht an die Gründung der Schweiz von 1848, sondern bestenfalls an diejenige der Alten Eidgenossenschaft von 1291. «Die Alte Eidgenossenschaft aber war mitnichten das, was die patriotische Geschichtsschreibung später beschrieb. Sie war keine Demokratie, sondern war unterteilt in Herrschafts- und Untertanengebiete.» Die Menschen seien nicht alle frei gewesen, sondern auch halbfrei oder gar unfrei. «Das Rütli ist gar nicht das Symbol für den modernen schweizerischen Bundes- und Rechtsstaat, sondern für den vorrevolutionären Bund der Orte. Eigentlich ist das Rütli der vollkommen falsche Ort, um die Schweiz zu symbolisieren.» Fehr will daran zusammen mit seiner SP-Nationalratskollegin Margret Kiener Nellen wenigstens im Bundeshaus, in dem nichts an die Gründung der modernen Schweiz erinnert, etwas ändern und ein Symbol des modernen Bundesstaates platzieren. Welches Symbol das sein wird, daran arbeiten Kiener Nellen und Fehr. Mit dem Ergebnis werden sie sich an die Eidgenössische Kunstkommission wenden.

Auch alt CVP-Nationalrätin Judith Stamm, ehemalige Präsidentin der SGG und der Rütlikommission, findet, es sei an der Zeit, die Nutzung des Rütlis einmal grundsätzlich zu überprüfen. «Das Rütli sollte ein Spiegelbild der gesamten Bevölkerung sein. Und die setzt sich heute ganz anders zusammen als noch vor Jahrzehnten. Schauen Sie doch unsere Schulklassen auf Schulreisen an. Sie finden alle Hautfarben und Gesichter, wie wir sie in unseren Ferien in Südamerika, Asien und Afrika antreffen. Und alle sprechen Dialekt und gehören zur Schweiz.» Wie die Anpassung an die neue Zeit aussehen soll, das weiss Judith Stamm allerdings auch nicht. Richtig findet sie nach wie vor, dass parteipolitische Veranstaltungen nicht aufs Rütli gehören.

Lange Zeit war das Rütli bloss eine Wiese unter Wiesen, ehe sie zum Inbegriff der Schweiz wurde. Gut möglich, dass sie eines Tages ihren mythologischen Ballast loswird und bloss wieder eine Wiese unter Wiesen ist.

Feiern als Kampfform

12. April, 1. Mai, 1. August?

Der älteste Schweizerische Nationalfeiertag ist der 12. April. An jenem Datum wurde 1798 die «Eine und Unteilbare» Helvetische Republik proklamiert, und ein Jahr später beschlossen die helvetischen Räte, den Tag künftig mit der Errichtung von Freiheitsbäumen, vaterländischen Altären und Fahnenwäldern zu begehen. Von dem Anlass fernhalten wollten sie per Gesetz allerdings «Männer ohne Bürgersinn», «Weiber ohne Sittsamkeit, feige Jünglinge und ungerathene Kinder». Es sollte «mit Geschmack, aber einfach, ohne grosse Unkosten, würdig und fröhlich» gefeiert werden.

Dieses Fest hat nie wirklich stattgefunden. Möglicherweise waren die Vorgaben zu streng. Einige Orte feierten stattdessen den 14. Juli – den Sturm auf die Bastille 1789 –, andere, wie Stäfa und Küsnacht am Zürichsee, sogar den 21. Januar – die Hinrichtung des französischen Königs Ludwig XVI. Schnell ging die Zeit der Helvetischen Republik mit ihren Vorstellungen von Freiheit und Gleichheit vorbei. Die Schweiz blieb ohne Nationalfeiertag.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam der 1. August ins Gespräch. Zuvor hatte man, wenn überhaupt, den 8. November 1307 als Gründungsdatum der Alten Eidgenossenschaft angenommen, nach der Überlieferung des Historikers Aegidius Tschudi. Der sogenannte Bundesbrief von 1291 wurde erst 1760 veröffentlicht, und seine Bedeutung war umstritten. Dass der 1. August dann erstmals 1891 begangen wird, ist auch kein Zufall: Einerseits herrscht im späten 19. Jahrhundert ein grosser Bedarf nach nationalem Pathos und romantischer Inszenierung, zu dem eine eidgenössische 600-Jahr-Feier hervorragend passt, gerade weil die Nation mit der Industrialisierung zusehends in feindliche Klassen zerfällt. Andererseits hat die Arbeiterbewegung ein Jahr zuvor, am 1. Mai 1890, einen internationalistischen Coup gelandet. Erstmals demonstrieren international Arbeiterinnen und Arbeiter gleichzeitig für gleiche Forderungen (den Achtstundentag, die Menschenrechte), von Sankt Petersburg über Zürich bis Chicago, solidarisch, ohne auf Herkunft oder Vaterland zu achten. Stefan Keller

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