Nr. 28/2011 vom 14.07.2011

Die Schlaflosen vom Tahrirplatz geben noch lange nicht auf

Wie ist es, eine Revolution gemacht zu haben und dann in den Alltag zurückzukehren? Gibt es den noch? Zwei Geschichten von der Revolution in Ägypten und dem Leben danach.

Von Juliane Schumacher, Kairo

Er hat unglaubliche Momente erlebt, unglaublich schöne, unglaublich grausame. Dabei war er früher eigentlich gar nicht politisch interessiert. Aber die Revolution hat ihn mitgerissen und ihn ohne Schlaf gelassen, tagelang.

Misho, das Studium vorübergehend eingestellt

Manchmal, in den Monaten vor der Revolution, ging er zu Demonstrationen. Aber wenn er ankam, zögerte er, blieb am Rand stehen, sah nur zu, wie sie vorübergingen. Misho, 23, ist ein stiller Mensch, einer, der viel denkt und wenig spricht. Er interessierte sich für Politik. Den Schritt zum Handeln, den Schritt auf die Strasse wagte er nicht. Bis die Revolution kam. Auf Facebook hatte er von den Protesten gelesen, am 28. Januar rief er seinen Freund Ramy an, der auf dem Tahrirplatz war. Menschenmassen. Die Entschlossenheit, die Euphorie, die ihn durchs Telefon packte, das Entsetzen über die rohe Gewalt der Polizei. Misho stieg in die nächste Metro und fuhr hin. Es war die Fahrt in ein anderes Leben, das Eintauchen in einen Strudel, der seinen Alltag, seine Überzeugungen wegwischen würde wie losen Sand.

Zehn Tage Ausnahmezustand folgten, ein Delirium. Misho verbrachte die Nächte auf dem Platz, fuhr zurück in den Kairoer Vorort, wo er mit seinen Eltern und seiner Schwester wohnte, um mit den Nachbarn in selbst organisierten Schichten die Häuser zu bewachen, fuhr zurück auf den Platz. Manchmal nahm er nicht die Metro, sondern lief, eine, eineinhalb Stunden. «Ich wollte das alles sehen, in mich aufnehmen, diese Stadt in einem Zustand, in dem sie nie wieder sein wird», sagt er. Das Schlafen, das hat er irgendwann verlernt in jenen Tagen. Noch jetzt, drei Monate später, hat er Schatten unter den Augen, die geröteten Augen derer, die so lange wach waren, dass der Körper schon vergessen hat, wie er zur Ruhe findet. Manchmal beginnt sein Bein zu zittern oder seine Hand, so sehr, dass er es nicht kontrollieren kann.

Hand in Hand für dieselbe Sache

«Immer sind diese Bilder da», sagt er, «immer, jeden Tag.» Er hat unglaubliche Momente erlebt, unglaublich schöne, unglaublich grausame. Die schönen, das waren die Momente, in denen alle zusammenhielten, Hand in Hand für dieselbe Sache eintraten. Das war das berauschende Gefühl, stark zu sein, etwas erreichen, verändern zu können, wenn man nur zusammenhält. Die grausamen, die kamen später, als der erste Teil der Revolution schon vorüber, Mubarak schon gegangen war. «Dass das Militär tatsächlich gegen uns vorgegangen ist, das Militär, dem wir vertraut haben, das war ein solcher Schock, eine solche Enttäuschung», er stockt, findet keine Worte, schüttelt den Kopf. Er war auf dem Platz, als das Militär diesen am 9. März stürmte, er sah, wie die Soldaten die Zelte zerrissen, auf die Protestierenden einschlugen. Er kam davon, aber sein Freund Ramy wurde verhaftet, und als er zurückkam, da konnte er tagelang nicht aufstehen, so sehr hatten ihn die Soldaten mit Schlägen und Elektroschocks gequält.

«Am schlimmsten», sagt Misho, war der 9. April. Jener Tag, als die Soldaten das Feuer eröffneten auf die Menge der Protestierenden, die sich auf dem Platz versammelt hatten und die in Panik davonstoben. «Ich habe gesehen, wie Menschen neben mir erschossen wurden, überall sanken Menschen zu Boden, neben mir. Und da war einer, der verfing sich, als er davonrannte, in einer Rolle Stacheldraht, ein gepanzertes Militärfahrzeug fuhr darauf zu, der Stacheldraht verfing sich in den Reifen, der versuchte, rauszukommen, aber er hatte keine Chance, die gaben einfach Gas und schleiften ihn mit ... Ich weiss nicht, ob er noch lebt oder tot ist. Ich weiss nichts über ihn. Aber sein Bild geht mir nicht aus dem Kopf.»

«Es ist nicht besser als zuvor»

In sein altes Leben hat Misho nicht zurückgefunden, es scheint ihm wie eine Hülle, sinnlos, leer. Es ist sein letztes Jahr an der Uni, aber dort geht er nicht mehr hin, er kann sich nicht aufs Lernen konzentrieren. Er hat Angst um die Revolution, die noch nicht fertig ist, er hat das Gefühl, keinen Moment weg sein zu dürfen, alle Kraft in die politischen Aktivitäten stecken zu müssen, damit nicht alles Gewonnene wieder verloren geht. «Ich mache mir Sorgen», sagt er. «So wie es jetzt ist, darf es nicht bleiben, es ist nicht besser als zuvor.» Mit seinen Freunden von vor der Revolution hat er keinen Kontakt mehr. Sie lästern, lassen abschätzige Bemerkungen fallen. Seine Eltern wissen von seinen Aktivitäten, seinen Erlebnissen während der Revolution fast nichts. Entspannen kann er nur, wenn er mit seinen Freunden, den Freunden aus der Revolution zusammen ist, und das ist er fast immer, Tag und Nacht. Ihnen braucht er nichts zu erklären, sie verstehen. Sie verbringen die Nachmittage, die Nächte unter den bunten Lampions der Strassencafés in der Innenstadt. Sie schlafen zusammengedrängt in irgendwelchen Wohnzimmern bei Freunden, sie ziehen während der Ausgangssperre durch die verlassenen Strassen der Innenstadt. Manchmal, frühmorgens, ziehen sie nach schlaflosen Nächten zum Platz und setzen sich ins noch kühle Gras.

Offiziell existiert sie nicht, sie hat keine Papiere. Von den Protestierenden wurde sie herzlich aufgenommen. Dann verliebte sie sich. Ihr Verlobter wurde vom Militär verhaftet, gefoltert. Jetzt warten die beiden trotz amtlicher Ankündigungen immer noch auf seine Freilassung.

Selwa, obdachlos, jetzt illegal in Kairo

Selwas Geschichte ist eine Geschichte von Liebe und Gewalt. Von viel Gewalt, und die hat nicht erst mit der Revolution begonnen. Anders als viele, die Ende Januar auf den Platz zogen, hatte Selwa nichts zu verlieren, als sie sich den Protesten anschloss. Sie ist in Oberägypten aufgewachsen, in einer Familie, die so arm war, dass Selwa auf die Strasse betteln ging. Ihr Vater dealte mit Drogen, versuchte sie zu vergewaltigen, schlug sie halbtot. Sie floh, schlug sich allein durch, lebte mal hier, mal dort. Als ihr Vater sie aufspürte, versuchte er, sie zu erstechen. Er lebt noch immer, fand sie heraus, inzwischen ebenfalls in Kairo. Er gehört zu den «baltagiyyas», den berüchtigten Schlägertrupps, die den Ruf haben, für eine Handvoll Geld jeden umzubringen, und die das Regime während der Revolution mehrmals anheuerte, um die Protestierenden anzugreifen.

Als die Revolution ihren Lauf nahm, war Selwa in Alexandria. «Ich habe mich nicht getraut, nach Kairo zu fahren», sagt sie. «Das war zu gefährlich ohne Ausweis in jener Zeit.» Selwa hat keine Papiere, offiziell existiert sie nicht, sie ist illegal im eigenen Land. Ihre Eltern haben nie eine Geburtsurkunde für sie ausstellen lassen, jetzt weigert sich ihr Vater, sie als Tochter anzuerkennen. Erst als Mubarak zurückgetreten war, brach Selwa auf, zwei Tage später kam sie im Camp auf dem Tahrirplatz an. Sie fand, nach langer Zeit, einen Platz, wo sie willkommen, sicher war, sie bekam einen Schlafplatz in einem Zelt, wurde herzlich aufgenommen.

Und sie traf Mustafa. Mustafa, der eigentlich mit einer anderen verlobt war. Sie verliebten sich, am zweiten Tag, sie wussten es beide, doch sie sprachen darüber nicht. Sie organisierten weitere Proteste, halfen, das kleine Camp zu verwalten, das von dem grossen übrig geblieben war. In einem ruhigen Moment malten sie ihre beiden Namen auf einen Baum am Rand des Platzes, nahe der Moschee, mit Kajalschminke und Lippenstift. Das Camp, das war ihre kleine Welt in der grossen draussen, eine Welt, wo sie sicher waren, zusammen sein konnten.

Verlobung im Gefängnis

Bis zum 9. März. Am 9. März stürmte die Armee, zusammen mit einem Trupp «baltagiyyas», das Camp. Ein Trupp Soldaten griff Selwa am Rand des Platzes auf, zerrte sie mit sich, ein Offizier schlug ihr ins Gesicht. Mustafa sah das, er kam zurück, er sagte: «Lasst sie los, sie ist meine Verlobte.» «Okay», sagten die Soldaten, «dann behalten wir dich.» Sie hatten ihm während der Räumung des Platzes das Bein verletzt, einen Arm gebrochen, vor Selwas Augen brachen sie ihm den anderen. Selwa wurde ins Ägyptische Museum gebracht. «Die Soldaten schlugen mich», erzählt sie, «sie quälten mich mit Elektroschocks. Vollkommen nackt sassen wir vor den Soldaten, in einem Raum, dessen Fenster und Türen alle offen standen, während sie uns der Prostitution beschuldigten.» Sie sei Jungfrau, sagte sie, und da brachten sie sie in den Nachbarraum, und ein Mann, den sie nicht kannte, überprüfte das.

Sie liessen sie frei. Sie wartete auf Mustafa. Er kam nicht. Nach einigen Tagen begann sie, die Gefängnisse abzuklappern. «Ich fragte überall nach ihm», erzählt sie. «Überall. Nach zwanzig Tagen fand ich ihn endlich.» In Tora, dem grössten Gefängnis Ägyptens, am Rand von Kairo. Als sie ihm das erste Mal wieder gegenüberstand, brach er zusammen. «Ich dachte, ich würde dich nie mehr wiedersehen», sagte er. Sie war die Erste, die ihn besuchte. Seine Familie, seine Verlobte brachen den Kontakt ab, als er verhaftet wurde. Sie waren immer gegen sein politisches Engagement, die Revolution gewesen.

Selwa und Mustafa verlobten sich. Selwa lernte, wie man ein Telefon ins Gefängnis schmuggelt, sie brachte Mustafa Zigaretten und Tomatenpüree. Alle zwei Wochen, für dreissig Minuten, darf er Besuch bekommen. Die Tage, die Wochen dazwischen, streunt Selwa durch die Strassen der Stadt, verbringt die Nächte wach, schläft tagsüber dort, wo sie gerade einen Unterschlupf findet. Wenn Leute dort sind, vor den Protesten und danach, geht sie auf den Platz. Und wartet. Wartet immerzu.

Drei Jahre hat Mustafa bekommen, in einem Schnellverfahren vor einem Militärgericht. Anfang Mai, nachdem eine Kampagne gegen Militärgerichte öffentlich viel Druck gemacht hatte, liess das Militär verkünden, es werde die Verfahren aller Protestierenden überprüfen. Alle, die nichts Spezifisches verbrochen hätten, würden freikommen, und dies in wenigen Tagen schon. Mustafa jubelte am Telefon, Selwa jubelte mit ihm. Doch die ersten Tage sind verstrichen, und Selwa wartet wieder, auf den Anruf, dass Mustafa frei ist – den Anruf, der all dem Warten ein Ende machen soll.

Proteste gehen weiter

«Wir bleiben, bis die Forderungen erfüllt sind»

Ägypten steht wieder in Flammen: Zehntausende halten den Tahrirplatz in Kairo besetzt, es herrschen über vierzig Grad. Von den Bühnen verlesen Redner Nachrichten aus den anderen Städten: Proteste und Besetzungen in Suez, Alexandria, Mansoura, Luxor, Ismailia, Port Said, Assuan, Scharm el-Scheich und vielen anderen. Suez hat sich von der Militärregierung unabhängig erklärt, die Protestierenden blockieren die Strassen nach Kairo und zum Hafen, die streikenden Hafen- und Fabrikarbeiter haben sich den Protesten angeschlossen. Die Regierung, vom erneuten Aufstand überfordert, reagiert ähnlich planlos wie Mubarak fünf Monate zuvor.

Frust und Wut haben sich seit Wochen angestaut: Das Militär, das seit Mubaraks Rücktritt regiert, schiesst auf Protestierende und streikende Arbeiter, foltert. Militärgerichte haben Tausende verurteilt – in minutenkurzen Prozessen. Und die vom Militärrat eingesetzte Regierung arbeitet die Verbrechen des alten Regimes nicht oder nur zögernd auf: Der Prozess gegen Exinnenminister Habib al-Adly ist erneut vertagt, drei Exminister sind freigesprochen worden.

«Wir haben versucht zu reden. Aber es ist nichts passiert», sagt der Aktivist Ramy Ghannem. «Wir bleiben, bis unsere Forderungen erfüllt sind.» Pressefreiheit. Mindestlohn. Umstrukturierung der Polizei. Rückzug des Militärs aus der Politik. «Hau ab, General» steht auf einem Schild gegen General Tantawi, den Vorsitzenden des Militärrats. «Du kannst Mubarak folgen! Merkt ihr es endlich, wir lassen uns nicht mehr verarschen!»

Die Regierung indessen hat keine Ahnung, wie sie mit einer selbstbewussten und hochpolitisierten Öffentlichkeit umgehen soll. Das zeigte sich schon bei den Protesten Ende Juni: Repression, dann Rückzug der Polizei. Ankündigung des Premierministers Essam Scharaf, sieben Minister zu entlassen, Meldung, dass der Militärrat das nicht akzeptiere. Rücktritt des Innenministers, Dementi. Am Montag die Ankündigung, zwölf Minister würden ausgetauscht. «Sinnlos, sinnlos, genau wie Mubarak!», rufen die Protestierenden auf dem Platz.

Am Sonntag gab es vom Militärrat eine erste Reaktion, jedoch nicht in Worten: Das Militär griff in Suez gewaltsam ein, als Protestierende drohten, den Kanal zu sperren. Bis zum Sonntagabend wurde dort in den Strassen gekämpft, mit ungewissem Ausgang. Am Dienstag äusserte sich der Militärrat dann in einer Videoansprache. Der Zeitplan bleibt bestehen: Wahlen, Präsidentschaftswahlen, Verfassung. Die Zehntausenden, die sich in Kairo weiter versammeln, wollen immer noch, dass die Verfassung vorgezogen wird.

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