Nr. 35/2011 vom 01.09.2011

Durch die Augen des Sohnes gesehen

Gleich mehrere ältere Schweizer Filmschaffende erzählen anhand ihrer Biografien Geschichten, die über das Private hinauswachsen – auch der Berner Christian Iseli.

Von Silvia Süess

Die alte Frau sitzt auf dem Bett. Von ihrer Nase führen zwei kleine Schläuche hinter ihre Ohren. Ein Mann kniet vor ihr auf dem Boden. Er bürstet ihre weissen Haare, streicht mit den Händen liebevoll ein paar Strähnen glatt. Es ist ein sehr intimer Moment im Film «Das Album meiner Mutter». Der Mann, der die Frau frisiert, ist nicht nur der Sohn der alten Frau, er ist auch Filmemacher, der einen Film über seine Mutter dreht. Die Mutter ist alt, sie wird bald sterben. Der Sohn begleitet sie mit der Kamera, schaut mit ihr alte Fotos an, stellt Fragen und lässt ihre und seine Erinnerungen aufleben.

Ein Stück Zeitgeschichte

«Als mein Vater ziemlich überraschend starb, realisierte ich, dass er ganz viele Geschichten und Erinnerungen mit ins Grab genommen hatte. Ich konnte nicht mehr nachfragen. Das wollte ich mit meiner Mutter anders machen», sagt der Filmemacher Christian Iseli. So begann er kurz nach dem Tod seines Vaters, Gespräche mit seiner Mutter zu führen, die er filmte. Die Mutter fand Gefallen daran, vor der Kamera zu erzählen, und so führten sie das Filmprojekt fort, als sie ins Altersheim kam: «Es war schön, ein gemeinsames Projekt zu haben. Besuche im Altersheim sind häufig steif, und man ist etwas hilflos. Doch durchdas Filmprojekt hatten wir immer etwas zu tun.» Iseli installierte die Kamera fix an einem Ort und liess sie laufen. Manchmal kommt er selber ins Bild, manchmal ist er nur zu hören. Zusätzlich inszeniert er alte Fotos neu. Zum Beispiel die erste Aufnahme seiner Mutter: Gemeinsam suchen sie die Stelle, wo vor über achtzig Jahren die herausgeputzte Kindergruppe fotografiert wurde, und die Mutter lässt sich nochmals ablichten.

Dass er selbst Regisseur, Kameramann, Darsteller, Cutter und Sohn in einem war, habe ihn teilweise total überfordert. Und doch wollte er alles selbst machen. So sehen wir die Mutter durch die Augen ihres Sohnes. Mit ihrer Geschichte wird auch sein Leben aufgerollt: seine Geburt, seine Krankheit als Kleinkind, eines seiner ersten Fotos, das er selbst entwickelt hat – und das er ironischerweise genau dort aufgenommen hat, wo heute das Altersheim steht, in dem seine Mutter zuletzt lebte. Iseli nennt seinen Film ein autobiografisches Porträt: «Der Film hat autobiografische Anteile, und diese dienen als Grundlage für das Porträt meiner Mutter.» Auf einer dritten Ebene ist der Film ein Stück Zeitgeschichte, der Einblick gibt in das Leben der Generation, die den Zweiten Weltkrieg bewusst miterlebt hat. Und schliesslich ist «Das Album meiner Mutter» ein poetisch-trauriges Werk über die Vergänglichkeit, die Einsamkeit und das Erinnern.

Festhalten, was verloren geht

Die Auseinandersetzung mit der persönlichen Biografie ist ein relativ neues Phänomen im Schweizer Dokumentarfilmschaffen, das lange politisch geprägt war. In den neunziger Jahren beginnen Schweizer Regisseure Geschichten zu erzählen, die mit ihrer eigenen Biografie zu tun haben, wie Samir mit «Babylon 2» (1993), Alain Tanner mit «Les Hommes du Port» (1992) oder Fernand Melgar mit «Album de famille» (1993). Gegenwärtig setzen sich gleich mehrere ältere Schweizer Filmschaffende in neuen Werken explizit mit ihren Familien und ihrem Leben auseinander und erzählen anhand ihrer Biografien Geschichten, die über das Persönliche hinauswachsen (vgl. «Filmische Autobiografien» im Anschluss an diesen Text).

Für Iseli ist es kein Zufall, dass sich vor allem ältere Filmschaffende mit ihrer Biografie beschäftigen: «Wie ich gelesen habe, gibt es offenbar zwei Phasen im Leben, in denen man sich vermehrt mit der eigenen Biografie auseinandersetzt. Die eine ist die ab fünfzig, wenn die eigenen Eltern alt werden und sterben und man sich plötzlich bewusst wird, was damit verloren geht. Die andere Phase ist jene als junger Erwachsener, wenn man auf der Suche nach sich selbst ist.»

Der Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste im Fachbereich Film stellt fest, dass viele Studierende bei ihren dokumentarischen Arbeiten ein autobiografisches Thema wählen – was er selbst sehr unterstützt: «Mit einem autobiografischen Bezug kann man schneller an menschliche Wahrheiten herankommen – vorausgesetzt, die Auseinandersetzung mit dem Thema ist ehrlich und nicht oberflächlich. Aber das kann manchmal anstrengend und schmerzhaft sein.»

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