Nr. 35/2011 vom 01.09.2011

Die Angriffe vom 11. September 2001 machten die USA auf einen Schlag menschlich und verletzbar. Doch dann vergab das Land eine seltene und grosse Chance.

Zehn Jahre nachdem Terroristen Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers in New York und das Pentagon steuerten, sind die USA ein bis in seinen strukturellen Kern durchmilitarisiertes Land. Ihre neuen Feindbilder – Islam und Terrorismus – drohen die Vereinigten Staaten regelrecht zu verschlingen.

Von Lotta Suter

Der Badezimmerboden in meinem Haus an der US-Ostküste, den ich genau in dem Moment sommerhimmelblau bemalte, als der Einsturz des ersten Turmes des World Trade Center in New York im Radio gemeldet wurde, braucht längst einen neuen Anstrich. Meine Kinder, die ich in den ersten Stunden nach den Terroranschlägen vor der endlosen Wiederholung der traumatischen Szenen im Fernsehen zu schützen versuchte, sind keine Kinder mehr und entscheiden nun selbst, welche News sie sich reinziehen wollen. Aber vielleicht ist es kein Zufall, dass die zwei jüngsten, damals acht und vierzehn Jahre alt, heute Internationale Beziehungen studieren und Konfliktforschung betreiben wollen.

Vergilbt ist auch die Friedensfahne, die ich im Herbst 2001 als etwas hilflose Geste gegen den blutrünstigen Patriotismus der US-AmerikanerInnen aus einem alten Kopfkissenbezug gebastelt und in meinem New-England-Dorf vors Fenster gehängt hatte. Die blau-weiss-rote Weltkugel und der pazifistische John-Lennon-Titel «Imagine» haben ihre Farbe verloren. Der Stofffetzen wirkt hoffnungslos veraltet. Was aber nicht heisst, dass in den USA inzwischen der Frieden eingekehrt ist: Aus dem akuten fiebrigen Kriegszustand ist lediglich ein niederschwelliges, chronisches Leiden geworden.

Armee statt College

In den ersten Jahren nach den Anschlägen vom 11. September 2001 – mein mittlerer Nachwuchs beendete damals gerade die High School – wurden an der Abschlussfeier jeweils die Zukunftspläne aller AbsolventInnen höflich beklatscht. Die SchulabgängerInnen jedoch, die sich für eine militärische Laufbahn entschieden hatten, feierte man mit frenetischem Applaus. Den meisten Anwesenden standen angesichts der künftigen RetterInnen des Vaterlands gar Tränen der Rührung und des Stolzes in den Augen. Zehn Jahre später, in diesem Sommer (als mein Jüngster seine obligatorische Schulzeit abschloss), stellte der Festredner die Militärlaufbahn bloss noch auf dieselbe Stufe wie die akademische oder die berufsorientierte höhere Ausbildung. Diese Zurückhaltung fiel uns allen, der ganzen Familie, positiv auf. Endlich eine linksliberale Ansprache, frohlockten wir – und das nur, weil da einer das Kriegshandwerk von der patriotischen Heldentat zum Courant normal degradierte ...

Gewiss, das SoldatInnenleben hat in den USA seit 2001 und insbesondere durch die real existierenden und langen Kriege im Irak und in Afghanistan einiges von seinem Bubenglanz verloren. Aber dafür konnten – vor allem seit Beginn der grossen Wirtschaftskrise – die US-Streitkräfte die Jugendlichen mit einem anderen Argument umwerben: dem einer vergleichsweise sicheren Karriere. Viele MitschülerInnen meines Sohnes sehen das ganz nüchtern: Sie rechnen die hohen Studienkosten fürs College aus und vergleichen sie mit den Gratisangeboten von Army, Marine Corps, Air Force und Coast Guard, der militärisch organisierten Küstenwache. Wer Sprachen lernen will oder computerbegabt ist, kann sich seine oder ihre Ausbildung ohne weiteres vom Militär bezahlen lassen. Allerdings müssen die Rekrutierten dann auch einige Jahre in den US-Streitkräften Dienst leisten – und wer weiss, in welche Kriege sie in Zukunft für die USA ziehen müssen. Andererseits ist es auch kein Schleck, nach Studienabschluss mit mehreren Zehntausend US-Dollar Bildungsschulden ein derzeit sehr unsicheres Berufsleben zu beginnen. Viele Achtzehnjährige setzen lieber auf die robuste Aussen- und Sicherheitspolitik ihres Landes als auf dessen serbelnde Wirtschafts- und Sozialpolitik. Und rechnen damit, dass ihr Arbeitsplatz bei der Truppe zu den letzten Staatsstellen gehört, die die Regierung aufheben oder vollständig an Private auslagern wird.

Krieg leichtgemacht

Es ist schon so, wie es der republikanische Präsident Dwight Eisenhower vor einem halben Jahrhundert prophezeite: Der umfassende Einfluss des militärisch-industriellen Komplexes ist in den USA heute in jeder Stadt, in jedem Bundesstaat und in jedem Winkel der Zentralregierung spürbar – wirtschaftlich, politisch und sogar kulturell. Die Arbeitswelt, die Ressourcen und der Lebensunterhalt der gesamten Bevölkerung sind davon betroffen. Die US-Gesellschaft ist durch und durch, bis in ihren strukturellen Kern hinein, militarisiert. «Das Potenzial für eine verheerende Zunahme von Machtmissbrauch ist gegeben und wird auch in Zukunft bestehen», sagte Eisenhower 1961 am Ende seiner achtjährigen Amtszeit.

Bevor man jedoch zu sehr den moderaten Rechtspolitiker Eisenhower für seine Weisheit und Weitsicht lobt, muss man wissen, dass die USA erst unter seiner Führung im Zweiten Weltkrieg – er war damals Generalstabschef gewesen – eine nennenswerte Waffenindustrie und ein militärisches Establishment aufgebaut hatten. Eisenhower erachtete diesen neuen militärisch-industriellen Komplex bei allen Bedenken als absolut lebenswichtig und unerlässlich für das Fortbestehen der USA als dominierende Weltmacht.

Die rasant expandierende Rüstungsindustrie sowie das militärische Establishment wussten die Gunst der Stunde maximal zu nutzen. Anders als die US-amerikanischen Frauen, die in den fünfziger Jahren scharenweise und oft ganz gerne von ihren relativ gut bezahlten Arbeitsplätzen in der (Kriegs-)Industrie an den heimischen Herd und in die ökonomische Abhängigkeit zurückkehrten, gaben die siegreichen US-Warlords ihre neuerworbene Macht nicht mehr so ohne weiteres auf.

Gründe, um einen Krieg zu führen, finden sich immer, wie der Journalist Norman Solomon in seinem Buch «War Made Easy» (Krieg leicht gemacht) aufzeigt. Ob im Kalten Krieg gegen die Sowjetunion, im heissen Krieg in Korea und Vietnam oder bei den vielen kurzfristigen Spezialeinsätzen in Lateinamerika, Afrika und Asien – seit Jahrzehnten greift die US-Regierung zu den immer gleichen Lügen und Propagandatricks, um die Bevölkerung von der Notwendigkeit militärischer Interventionen zu überzeugen. Zwar bewirkte die unerwartete Implosion des kommunistischen Erzfeindes Ende der achtziger Jahre eine kurze Kriegs- oder jedenfalls Propagandaflaute. Aber die Regierung entdeckte umgehend eine neue, gut verkäufliche Bedrohung für die US-Hegemonie: Der Kommunismus wurde einfach durch den Islam ersetzt. Aus Ronald Reagans «Reich des Bösen» machte George Bush junior eine «Achse des Bösen».

In internen Pentagonpapieren sprach man nach der Jahrtausendwende zwar viel nüchterner von bevorstehenden globalen Machtkämpfen um natürliche Rohstoffe, um Wasser und Nahrungssicherheit. Doch dem gemeinen Stimmvolk präsentierte man in bewährter Manier einen falschen moralischen Dualismus: den Kampf des Guten (wir) gegen das Böse (nicht so wie wir). Rechtsintellektuelle mit Sinn für das Melodramatische sprachen gar vom «Zusammenstoss der Zivilisationen». Die schrecklichen Terrorattacken vom 11. September 2001 verankerten den Islam als neues Feindbild im nationalen Bewusstsein der USA und rechtfertigten die militärischen Grosseinsätze in Afghanistan und im Irak als «gerechte Kriege».

Zehn Jahre danach zögern in den USA viele Flugpassagiere immer noch, sich neben einen Menschen mit Turban zu setzen. Nicht selten gehen republikanische US-PolitikerInnen mit theatralischer Spiegelfechterei gegen die Einführung der Scharia in Amerika auf Stimmenfang. Die Tea-Party-AnhängerInnen lassen sich nicht von der Wahnvorstellung abbringen, dass die ganze US-Regierung bereits islamistisch unterwandert sei und Präsident Barack Obama ein verkappter Muslim. Im Bundesstaat Michigan wurden letztes Jahr Mitglieder einer apokalyptischen christlichen Miliz verhaftet, die den Antichristen in Form einer angeblich allzu muslimfreundlichen Bundespolizei mit Waffengewalt bekämpfen wollten. Gemäss Berichten des Southern Poverty Law Centers, einer gemeinnützigen Organisation, welche die rechtsextreme Szene in den USA beobachtet, hat sich die Zahl solch rassistischer und insbesondere antiislamistisch motivierter Gruppen in den letzten Jahren vervielfacht.

Das meine ich, wenn ich behaupte, dass selbst zehn Jahre nach 9/11 der Friede in den USA nicht wieder eingekehrt ist. Ich befürchte, dass dieses grosse Land von seinen neuen Feindbildern – Islam und Terrorismus – regelrecht verschlungen wird und dass es sich, wie der Linksintellektuelle Gore Vidal sagt, im «ewigen Krieg für den ewigen Frieden» verliert.

Der permanente Ausnahmezustand

Kurz vor den letzten Präsidentschaftswahlen habe ich das Manuskript eines Buches mit dem Titel «Kein Frieden mehr» (Rotpunktverlag 2008) fertiggestellt. Mit Beispielen aus dem persönlichen Alltag und aus populären TV-Serien, mit Reflexionen zur Frühgeschichte der USA und zur jüngsten Gegenwart habe ich einem europäischen Publikum zu vermitteln versucht, was der permanente Ausnahmezustand den Menschen in den USA antut. Ich beschreibe da unter anderem:

• wie die permanente Kriegsbereitschaft der USA die lebendige Demokratie zerstört und kritische BürgerInnen zu Aussenseitern und Landesverräterinnen macht;

• warum der Krieg ein so grosses Geschäft ist, und wie der militärisch-industrielle Komplex sich seit den neunziger Jahren um den riesigen militärischen Dienstleistungskomplex der Mercenaries, der privaten Söldnerarmeen, erweitert hat;

• wie das Chaos und das Vorgehen der US-Kriegswirtschaft im Irak und in Afghanistan grosse Teile der Wirtschaft in den USA korrumpiert und zu «Kriegsgewinnlern» gemacht hat;

• wie die Kriegskultur den Machohelden wiederaufleben lässt, der alles feministische Gedankengut mit dem Argument zurückweist: «Nicht jetzt, Schätzchen, wir sind im Krieg»;

• wie eine Demokratie, die faktisch die Folter legalisiert, ihre eigenen Existenzgrundlagen gefährdet und das Vertrauen der eigenen Bevölkerung untergräbt.

Nach der Wahl von Barack Obama kam diese kritische Analyse in Europa selbst unter den Linken nicht mehr gut an. Hoffnung war angesagt, alles würde anders werden in Amerika. Yes, we can.

Vieles ist tatsächlich anders geworden in den letzten Jahren, aber wohl nicht ganz so, wie manche sich das im Siegestaumel nach der Wahl des ersten afroamerikanischen US-Präsidenten ausgemalt hatten.

Der Niedergang einer Weltmacht

Vor wenigen Jahren noch spielte ein Grossteil der Intellektuellen in den USA selbstverliebt mit der Idee eines «Empire lite». Nicht bloss neokonservative Denkfabriken wie das Project for the New American Century, auch linksliberale Kräfte sahen die Vereinigten Staaten als wohlwollende Hypermacht, deren nationale Politik stets nobel ist und auf wunderbare Weise deckungsgleich mit den Interessen der übrigen Welt. Noch 2009, in seiner Rede anlässlich der Entgegennahme des Friedensnobelpreises, hat Präsident Obama die Führungsrolle der USA so gerechtfertigt: «Die Vereinigten Staaten von Amerika haben seit mehr als sechs Jahrzehnten mit dem Blut ihrer Bürger und der Stärke ihrer Waffen geholfen, weltweite Sicherheit zu garantieren. Der Dienst und die Opfer unserer Männer und Frauen in Uniform haben von Deutschland bis Korea Frieden und Wohlstand gefördert und die Demokratie in Regionen wie dem Balkan verankert. Wir haben diese Bürde nicht auf uns genommen, weil wir unseren Willen durchsetzen wollen. Wir haben aus aufgeklärtem Eigeninteresse so gehandelt – weil wir eine bessere Zukunft für unsere Kinder und Enkelkinder wollen und weil wir glauben, dass ihr Leben ein besseres sein wird, wenn auch die Kinder und Enkel anderer Menschen in Freiheit und Wohlstand leben können.»

Inzwischen hat sich der Wohlstand in den USA zu den 400 Superreichen hin verlagert, die heute mehr besitzen als 150 Millionen ihrer ärmeren Landsleute. Das heisst: Im Durchschnitt hat jeder dieser Dagobert Ducks so viel Geld wie 375 000 normal sterbliche EntenhauserInnen. Und während sich der Reichtum an der Spitze konzentriert und viele US-Konzerne auf ihren Geldreserven sitzen, haben neunzig Prozent der US-AmerikanerInnen in den letzten Jahren erhebliche Einkommensverluste hinnehmen müssen. Auch die parlamentarische Demokratie hat diesen Sommer bei der Verschuldungsdebatte ein jämmerliches Schauspiel geboten; sie ist praktisch dysfunktional. Und mit der Freiheit ist es ebenfalls nicht mehr weit her: In den USA leben heute genau so viele Menschen in Gefängnissen wie in Sozialwohnungen: 2,3 Millionen. In vielen US-Städten wird der Zunahme von Obdachlosen nicht mehr mit Unterkünften und Schlafplätzen, sondern mit zunehmender Kriminalisierung der Obdachlosen begegnet. Ein Drittel aller US-AmerikanerInnen können sich inzwischen ihre rezeptpflichtigen Medikamente nicht mehr leisten. Etwa vierzehn Millionen erwerbsfähige Menschen sind heute arbeitslos. Bei Amtsantritt von Präsident George Bush junior waren es noch nicht mal vier Millionen.

Das alles tönt so lange abstrakt und statistisch, bis die eigenen Kinder trotz erfolgreichen Studienabschlusses keine Stelle finden. Bis die Nachbarin erzählt, dass in ihrer engen Wohnung nun auch noch die Tochter mit Mann und Kind leben, da deren Haus zwangsenteignet worden sei. Oder bis einem selbst die Ideen für Spezialaufträge ausgehen, mit denen man in finanzielle Not geratene FreundInnen unterstützen kann, ohne sie zu beschämen und ihre Würde zu verletzen.

Ein gutes Beispiel für diesen oft lautlosen und unspektakulären Zerfall einer ehemals vergleichsweise egalitären Gesellschaft ist das Gemeindeorchester in Neuengland, in dem ich ab 2001 mitspielte. Der Gruppe gehörten wie ähnlichen Ensembles in der Schweiz vor allem AmateurmusikerInnen aus dem gutsituierten Bildungsbürgertum an. In den letzten Jahren aber gab es im Orchester immer mehr Arbeitslose, auch Langzeitarbeitslose. Der Mann an der Pauke, ein entlassener Computerfachmann, versuchte es zuerst mit dem Import und dem Vertrieb von billigen Schülerviolinen aus China, bevor er sich mit fünfundsechzig Jahren noch zum Röntgenassistenten umschulte. Die Flötistin wurde vor lauter Stress krank und verlor am Ende auch noch ihren Posten im Orchester. Der talentierte jugendliche Cellospieler, der professioneller Musiker werden wollte, musste den Musikunterricht aufgeben, weil seine Eltern nicht mehr für die Kosten aufkommen konnten und er keine Aushilfsjobs mehr fand, um sich die Cellostunden selbst zu finanzieren. Schliesslich geriet auch das Orchester selbst in Finanznöte: Konzertbesuche waren für viele StammhörerInnen unerschwinglich geworden. Der Vorstand drückte die Löhne des Dirigenten und der Konzertmeisterin und liess bloss noch Musik spielen, deren Noten man sich irgendwo gratis ausleihen konnte.

Vorbei waren die Zeiten, in denen wir bei Zeitgenössischen KomponistInnen Stücke in Auftrag geben und spannende Uraufführungen wagen konnten. Einem Stück kreativer Kultur, einem lebendigen kollektiven Projekt drohte das Aus, bloss weil das nötige Kleingeld – und es war wirklich nur Kleingeld – für solchen «Luxus» fehlte. Ein Hundertstel eines durchschnittlichen CEO-Bonus in Höhe von 2,2 Millionen Dollar hätte genügt, um das Orchester aus den roten Zahlen zu bringen, den Dirigenten anständig zu entlöhnen und junge SolistInnen zu fördern. Stattdessen verschwand wohl auch dieses Bonusgeld im unersättlichen Rachen des Kasinokapitalismus.

Postreale Politik

In den US-amerikanischen Feuilletons häufen sich seit kurzem die Essays zur Krise der Supermacht. Im Gegensatz zu den Millionen von zwangsenteigneten, arbeitssuchenden, von Essensmarken oder medizinischer Notversorgung abhängigen US-AmerikanerInnen scheint es für viele der AutorInnen kein Problem zu sein, mal den Aufstieg, mal den Niedergang der Weltmacht zu beschreiben. Gut klingende Formulierungen lassen sich zu beiden Befunden finden. Und so wird denn je nach politischer Couleur ausgiebigst diagnostiziert, woran die Nation allenfalls krankt.

Das Auffälligste an diesen Gesellschaftsanalysen von links bis rechts ist ihre Obsession mit der Metaebene. Wenig diskutiert werden die strukturellen Probleme von Politik und Gesellschaft; im Zentrum des Interesses steht vielmehr, wie die Wirklichkeit von den politischen AkteurInnen präsentiert wird. Es geht um die sinngebende Erzählung, das sogenannte «Narrativ», das ja auch im deutschen Sprachraum sehr in Mode gekommen ist. Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir – Schreibende wie Lesende – mit solchen Narrativen vor der komplexen heutigen Wirklichkeit in eine vormoderne Welt der Mythen und Sagen flüchten, wo alles noch eine feste, wenngleich feudale Ordnung zu haben schien.

Dieser postreale Umgang der Intellektuellen mit den heutigen Verhältnissen nährt sich ganz wesentlich vom Verhalten der beiden grossen Parteien und einem grossen Teil der Medienwelt in den USA. Bekannt ist in Europa vor allem die Wirklichkeitsferne der US-amerikanischen Rechten, die sich eine eigene Realität erfinden, wenn die Fakten und wissenschaftlich erhärteten Theorien nicht in ihr festgefahrenes Weltbild passen. Die USA sind die einzige Industrienation, die an vielen öffentlichen Schulen die biblische Schöpfungsgeschichte und die Evolutionslehre als gleichberechtigte Theorien nebeneinanderstellt. Und nur in den USA wird immer noch ernsthaft darüber diskutiert, ob es die Klimaveränderung überhaupt gibt und ob wir Menschen allenfalls etwas damit zu tun haben. In beiden Fällen, behaupte ich, handelt es sich aber nicht um einen besonders starken Hang der US-AmerikanerInnen zum Irrglauben, sondern um das Resultat des Einflusses gut organisierter Interessengruppen (etwa konservative ChristInnen und Ölkonzerne), die die Wahrheit absichtlich verschleiern. Das Gefährliche an der Sache ist die Eigendynamik von Mythen – etwa die Mär vom bösen Fremden oder Immigranten, vom minderwertigen Schwarzen, vom kranken Schwulen, vom kindlifressenden Kommunisten, von heimtückischen Muslimen. Denn Mythen sind immun gegen rationale Einwände und wachsen sich auf geeignetem politischen Nährboden schnell zu Verschwörungstheorien aus. Die populärsten PräsidentschaftskandidatInnen der RepublikanerInnen vertreten gegenwärtig viele solcher Wahnideen, die keine Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit kennen. Weil diese Personen in offizieller demokratisch legitimierter Funktion sprechen, normalisieren sie so noch den grössten Blödsinn, und die Medien spinnen daraus ein populistisches Narrativ.

Die Landung des Adlers

Aber auch die DemokratInnen, allen voran Präsident Obama, stellen sich nicht der Realität. Bei seinem Amtsantritt Anfang 2009 erwartete die krisengeschüttelte und kriegsgeschädigte US-Bevölkerung tatsächlich eine alternative Interpretation der Welt. Sie wünschten sich zum Beispiel ein Narrativ samt zugehöriger Politik, das erstens die Schuldigen der Finanzkrise klar benennt, zweitens die Opfer tatkräftig unterstützt (zum Beispiel mit staatlichen Arbeitsprogrammen wie in den dreissiger Jahren) und drittens durch geeignete Reformen eine Wiederholung verhindert. Das ist nicht passiert. Obama suchte damals und sucht heute noch nach der einen umfassenden amerikanischen Erzählung, die alle und alles in Minne wieder zur grossen einzigartigen Nation eint.

Als Zugewanderte hat mich die fixe Idee der US-AmerikanerInnen, einem auserwählten Volk anzugehören, am meisten gestört. Ich sah wohl ein, dass dieser Mythos das aus vielen Kulturen zusammengesetzte Immigrationsland zusammenhielt. Aber diese tiefe Überzeugung, etwas Aussergewöhnliches zu sein, sonderte selbst die weitestgereisten meiner US-FreundInnen letztlich vom Rest der Welt ab. Sie waren anders, besonders, besser. Die Terrorangriffe vom 11. September 2001 machten die USA auf einen Schlag menschlich und verletzbar. Das Land litt und hatte Angst – so wie schon viele andere Länder gelitten und gezittert hatten. Und die Welt zeigte spontan Empathie und Solidarität. Aber die USA demonstrierten gleich wieder ihre unilaterale Stärke. Der fanatische US-Patriotismus vom Herbst 2001 löste bei mir grosse Ängste aus. Da wurde eine seltene und grosse Chance zur Internationalisierung, zu einer echten Globalisierung des Landes vertan. Die folgenden Kriege überraschten nicht. Auch nicht, dass der junge idealistische «Friedenspräsident» Obama sich in den Fängen des erstarkten Militarismus verstricken musste.

Noch vor dem Einmarsch in den Irak schrieb der Soziologe Immanuel Wallerstein als einer von wenigen über das nahende Ende der Hypermacht USA. Die Frage sei bloss, ob der stolze amerikanische Adler sanft zu Boden gleite oder aber eine Bruchlandung hinlege. Knapp zehn Jahre später schreibt Wallerstein: «Die USA sind heute eines der unstabilsten politischen Gebilde im Weltsystem.»

Es stimmt, die US-Bevölkerung ist vom Niedergang der Nation schockiert. Nicht bloss die finanzielle Existenz, auch der Nationalstolz und das Selbstbild sind bedroht: Man gehört doch zu den Auserwählten! Wenn dem nicht mehr so ist, dann sind bestimmt die Regierenden daran schuld, der Präsident, der Kongress, die beiden grossen Parteien. In andern Ländern gehen die Menschen bei vergleichbaren Autoritätskrisen auf die Strasse, um ihre Anliegen kundzutun. In den USA steigt mit der Angst und Wut die Zahl der privaten Schusswaffen. Im letzten Jahr allein prüfte das FBI 14,4 Millionen Gewehrkäufe, doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Politisch gewonnen wird so nichts, jedenfalls nicht für die Demokratie. Die Gewalt jedoch wird zunehmen: in den Familien, in den Schulen, am Arbeitsplatz, in der Öffentlichkeit.

Inzwischen fürchtet sich Obama zu Recht vor der Reaktion einer tief enttäuschten und verunsicherten Bevölkerung. Auch wenn sich die USA von der Sonderrolle lösen müssten, der sie längst nicht mehr gewachsen sind, kann oder wagt der Präsident nichts anderes zu sagen, als dass die USA nach wie vor eine AAA-Nation seien, eine Superdemokratie, ein Leuchtturm für die Menschheit. Der Adler ist bereits auf dem Boden angekommen – aber noch kneift er seine Augen zu.

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