Nr. 35/2011 vom 01.09.2011

Die verborgene Energie

Basel reisst seine Silos ab, Baar nutzt sie um: Mit der Sanierung von Bauten kann eine Menge Energie gespart werden. Die Sensibilität bei Fachleuten steigt.

Von Philippe Bovet

Die Stadt Basel schmückt sich mit zwei Ökolabels. Sie ist «Energiestadt» und «Pilotstadt der 2000-Watt-Gesellschaft». Wie weit das ökologische Umdenken geht, ist angesichts des Totalabbruchs des Rheinhafens St. Johann allerdings fraglich. Vor einem Jahr begann man hier alle Silos und Gebäude abzureissen. Novartis erhält Platz für Forschungslabors, die Stadt eine öffentlich zugängliche Flusspromenade. Für den Güterumschlag mussten Ersatzkapazitäten geschaffen werden: Im Rheinhafen Kleinhüningen wurde ein markanter neuer Speicher errichtet.

Mit dem Abriss ist ein Stück lokaler Stadtgeschichte für immer verschwunden, und in einer Stadt mit grossem Wohnungsmangel ging potenziell noch brauchbare Bausubstanz verloren – vor allem aber wurde viel Energie verpufft.

Neubau oder Sanierung?

Unter der «grauen Energie» eines Gebäudes versteht man die Summe der Energie, die man von der Baustudie bis zum Abriss verwendet. Sie reicht von der Herstellung aller Materialien über den Kranaufbau und die Lkw-Bewegungen auf der Baustelle bis zum späteren Gebäudeunterhalt. Schliesslich braucht auch der Abriss Energie.

Wird ein Gebäude abgebrochen, geht die graue Energie für immer verloren – vergleichbar mit dem Brand eines Waldes, bei dem das gespeicherte CO2 verloren geht.

Der Rheinhafen St. Johann ist in Basel kein Einzelfall. Das Universitätskinderspital beider Basel wird 2011 ganz abgerissen, an seiner Stelle werden siebzig bis achtzig Wohnungen «im gehobenen Wohnungssegment», so der Projektbeschrieb, realisiert. Bezugstermin: 2014. An der Ecke St.-Alban-Vorstadt und Dufourstrasse wird ein dreistöckiges Gebäude verschwinden und für die hochwertige Kunstmuseumserweiterung Platz machen, die 2015 eröffnet werden soll. Ob kunstorientierte ArchitektInnen allenfalls etwas aus der alten Bausubstanz machen könnten oder nicht, das war kein Thema.

Hätte die öffentliche Hand die drei Projekte nicht anders planen können? Dominik Keller, Leiter des Basler Amtes für Umwelt und Energie, räumt ein: «Bis jetzt hat das Thema der grauen Energie bei konkreten Bauprojekten noch keine grosse Rolle gespielt. Das Stehenlassen von bestehender Bausubstanz erfolgt heute in erster Linie aus Gründen des Denkmalschutzes oder des Stadtbildes.»

Wäre eine Sanierung energetisch nicht sinnvoller als ein Abriss und ein Neubau? Das ist die Schlüsselfrage, die sich bei der Diskussion über graue Energie stellt.

Weder Ruhm noch Zeit

Der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein hat ein Merkblatt zum Thema veröffentlicht, das eine überraschende Einsicht liefert. Die Energie, die für den Neubau eines Minergiehauses verwendet wird, ist doppelt so hoch wie der spätere Verbrauch. Umso interessanter ist es, bestehende Bausubstanz weiterzuverwenden. «Deshalb gewinnt die graue Energie eines Gebäudes als Aspekt zur Beurteilung der ökologischen Nachhaltigkeit zunehmend an Bedeutung.»

Der Franzose Olivier Sidler zählt zu den renommiertesten Energieexperten im Baubereich in Europa. Er schlägt den Bogen zur CO2-Reduktion: «Es ist tausendmal besser, ein Gebäude zu sanieren, statt es abzureissen. Die Treibhausgasrechnung kommt klar besser raus. Falls nichts auf der sozialen oder der menschlichen Ebene zu einem Abriss zwingt, muss man die Struktur behalten und sanieren, egal, wie schwierig oder kostenaufwendig das ist. Es ist eine Frage der Logik beim Energieverbrauch.»

An der ETH Zürich ist Holger Wallbaum für nachhaltiges Bauen zuständig. Er weist auf strukturelle Gründe hin, die zu Neubauten führen: «Man kann ein Gebäude schon nach zehn Jahren abbrechen und wird durch Abschreibungen und steuerliche Absetzungen dafür finanziell noch von Staat und Markt belohnt.» So vergesse man den massiven energetischen Aufwand einer Baustellenorganisation.

Auch die Ausbildung der ArchitektInnen ist nicht auf Sanierungen ausgerichtet: Sie werden im Gegenteil darin geschult, neu zu bauen und sich nur so frei äussern zu können. An einem Werk weiterzuarbeiten, das man nicht selbst geschaffen hat, tut manchem Ego weh: Wer saniert, poliert das Gebäude eines anderen und wird nicht bekannt. Es werden denn auch keine internationalen Architekturpreise vergeben, die sich mit Sanierungsbeispielen befassen.

Doch es gibt auch praktische Gründe, die gegen Sanierungen sprechen, etwa die gewünschte Gebäudefunktion: Es ist schwierig, aus einem Wohngebäude mit vielen Trenn- und Tragwänden ein Openspacebüro zu machen. Der Architekt müsste zu stark in die Gebäudestruktur eingreifen.

Eine intelligente Sanierung ist schliesslich eine Zeitfrage. «Man kann eine Struktur nicht bewerten, solange man sie nicht gut kennt», erklärt der Zürcher Architekt Karl Viridén, der sich nur mit umweltorientierten und energiesparsamen Sanierungen befasst. «Viele Parameter sind wichtig und müssen studiert werden.» Ein Architekt muss dann mit anderen Fachleuten wie Energieberatern oder Lüftungstechnikerinnen kooperieren, um den Zustand der Bausubstanz zu klären – ob man sie etwa aufbrechen kann, damit mehr natürliches Licht einfällt. Eine kollegiale und keine hierarchische Zusammenarbeit ist Voraussetzung.

Die Höhe macht kreativ

Wenn die Kreativität dem Erhalt eines Altbaus zugute kommt, so kann dies ökologisch beispielhafte Ergebnisse bringen. Vor wenigen Jahren schloss in Bregenz die Tierfutterfirma Velag ihre Tore. Die Industrieanlage aus der Nachkriegszeit mit ihrem stillgelegten Bahnanschluss erfüllte keine Funktion mehr. Aus den Büros, Lager- und Arbeitsräumen entstanden 57 Wohnungen verschiedener Grösse. Zeitgleich zur Sanierung wurden auf dem Gelände zwei neue kleine Mehrfamilienhäuser errichtet, was die EinwohnerInnendichte erhöhte. Die Silos bestehen weiter als Palettlager für einen neu gegründeten Wärmeverbund im Quartier.

Gelungene Beispiele für den Umgang mit der grauen Energie kann man allerdings nicht nur im grenznahen Ausland finden – es gibt sie auch in der Schweiz, etwa in Baar im Kanton Zug. Die Geschichte der Stadt ist seit Jahrhunderten mit dem Mühlenbetrieb verbunden, Silos gehören zum Stadtbild. Als es 2001 um die Obermühle ruhiger wurde, begann man sich Gedanken um deren Zukunft zu machen. Das Ergebnis: Alle Gebäude, die Speicher inbegriffen, sind innovativ nach dem Minergiestandard saniert worden. Aus dem Siloensemble entstand auf elf Etagen eine Mischung aus rund zwanzig Wohnungen und zehn Ateliers und Büros.

Peter Pfister vom Architektenbüro NRS-Team war für die Baarer Sanierung zuständig. «Wir beraten immer mehr Mühlenbesitzer, die etwas aus ihren alten Anlagen machen wollen. Eine Sanierung ist eher möglich, wenn die Silos noch im Familienbesitz sind und nicht in den Händen von reinen Investoren: Diese fürchten die Komplexität solcher Projekte und haben mit dem Abriss weniger Mühe.» Der Erhalt der Speicher bringt einen grossen Vorteil: Ein Gebäude in solcher Höhe wäre als Neubau schwierig zu bewilligen. Die Höhe der Silos kann spannende Projekte ermöglichen: ein Restaurant mit Aussichtsplattform oben, Wohnungen und Kletterhallen drinnen. Pfister: «Verschiedene Formen von Kunst am Bau sind ebenfalls denkbar.» Letztlich geht es um das Zusammenbringen von Lebensqualität, Kultur und Ökologie.

Eine Modellrechnung

Der Energievergleich

2003 hat das Architektenbüro Karl Viridén ein Gebäude aus dem Jahr 1894 saniert. Die ETH Zürich hat beim Mehrfamilienhaus an der Magnusstrasse 23 die Frage der grauen Energie unter die Lupe genommen. Alle Materialien sind bewertet und in Kilowattstunden und Tonnen gemessen worden. Ein Abriss und ein konventioneller Neubau hätten 200 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr verbraucht, ein Neubau zum Minergie-P-Standard 112, eine Minergiesanierung lediglich 82.

Die Angaben in Tonnen sind noch deutlicher. Das Gebäude wiegt 970 Tonnen. Weil die Sanierung umweltfreundlich war, konnten viele Elemente wie Dachziegel oder Türen wieder benutzt werden. Nur vier Prozent der Gebäudemasse musste abtransportiert, zehn Prozent neue Produkte, darunter viel Dämmaterial, zur Baustelle gebracht werden. Mit der Sanierung wurden 135 Tonnen bewegt. Ein Neubau hätte einen Abtransport von 970 Tonnen bedeutet. Die Lieferung einer neuen Gebäudemasse wäre auf 600 Tonnen gekommen, weil man heute leichter baut. Macht 1570 Tonnen insgesamt. 135 Tonnen bei der Sanierung gegen 1570 beim Neubau – die Zahlen sprechen für sich.

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