Nr. 36/2011 vom 08.09.2011

Hungern im Yuppie-Mekka

Die Zahl der US-AmerikanerInnen, die sich nicht genügend zu essen leisten können, ist in den letzten Jahren rasant gestiegen. Allein im Grossraum Chicago stehen rund 600 Suppenküchen und Lebensmittelverteilstellen im Kampf gegen den Hunger.

Von Daniel Stern, Chicago (Text und Foto)

Eine freiwillige Mitarbeiterin stellt in der Lakeview Pantry Nahrungsmittel zusammen.

Der vordere Teil des Ladens gleicht einer Notaufnahme im Spital. Dutzende von Menschen warten auf Plastikstühlen mit einer Nummer in der Hand, bis sie an die Theke gerufen werden. Dort sieht es dann aber eher aus wie in einem Lebensmittelgeschäft von einst – als Selbstbedienung noch ein Fremdwort war. An der Wand hinter der Theke sind Gläser, Büchsen, Dosen, Fleischkonserven und Kartonschachteln gestapelt, Türme aus verpackten Teigwaren und Säcke voll Brot. Ein paar Frauen und Männer stehen hinter der Theke und bedienen die KundInnen. Diese können von allem etwas auswählen: frisches Gemüse, Brot, Milch, Eier, Konserven, ein Glas Marmelade, Biskuits. Was es hier nicht gibt, ist die Kasse: Alle Lebensmittel werden umsonst abgegeben.

Die Lakeview Pantry etwas nördlich des Stadtzentrums ist eine von mehreren Hundert Lebensmittelverteilstellen und Suppenküchen allein im Grossraum Chicago. Wer sich hier gratis eindecken will, muss in der näheren Umgebung des Ladens wohnen. Jeder hat das Anrecht, einmal im Monat etwas aus dem ganzen Sortiment auszuwählen. Gemüse und Brot gibt es zweimal im Monat.

Armut wegen Semesterferien

Mike Kovac ist an diesem Nachmittag Anfang August zum ersten Mal Kunde der Lakeview Pantry. Zwanzig Jahre habe er nun schon als Koch gearbeitet, erzählt er. Seit zwei Jahren ist er in der Kantine der Universität von Chicago beschäftigt. «Dort habe ich viel über vegetarische Küche gelernt.» Doch während der dreimonatigen Semesterferien gibt es für den Koch nichts zu tun. Und während dieser Zeit wird ihm auch kein Lohn bezahlt.

Kovac sagt, ihm sei jetzt das Geld ausgegangen, deshalb sei er hier. Bis zum Mai hatte er 14,74 Dollar in der Stunde verdient – was für einen Koch in den USA ein überdurchschnittlich hohes Salär ist. Vom Arbeitsamt bekommt er für die Zeit der Arbeitslosigkeit allerdings nur 580 Dollar im Monat. «Damit kann ich nicht mal die Miete für mein 820 Dollar teures Studio zahlen», sagt er. Nach den Semesterferien werde er künftig in der Morgenschicht arbeiten, von 6 Uhr bis 14 Uhr. «Dann kann ich noch einen zweiten Job annehmen.»

Wer dieser Tage als TouristIn durch die Innenstadt von Chicago flaniert, spürt kaum etwas von der Armut, die sich in der Stadt breitgemacht hat. Die Wolkenkratzer sind herausgeputzt, bevölkert von gut gekleideten Angestellten der Banken, Versicherungen und Anwaltskanzleien, die hier ihren Sitz haben. Auf der Michigan Avenue schlendern zu jeder Tageszeit Tausende an den Warenhäusern, Markenläden und Edelboutiquen vorbei. Nur wenige BettlerInnen fragen nach «change» – nach etwas Wechselgeld. Im nahe gelegenen Millenium Park wirkt ebenfalls alles sauber und aufgeräumt. Obdachlose werden von hier ferngehalten. Doch in Chicago und den dreissig Vorstädten, die den Bezirk Cook ausmachen, fehlt es derzeit fast 850 000 Menschen am nötigen Einkommen, um sich genügend Lebensmittel kaufen zu können; das ist fast jeder und jede Sechste. Die Zahl derjenigen, die Einrichtungen wie die Lakeview Pantry besuchen, ist innerhalb von vier Jahren um mehr als ein Drittel gestiegen. Die Wirtschaftskrise von 2008 hat viele, die sowieso schon in einer prekären Lage steckten, vollends aus der Bahn geworfen. Die Arbeitslosenquote in der Stadt liegt seit Beginn der Wirtschaftskrise von 2008 weit über zehn Prozent.

Die Reste der Supermärkte

Die Lakeview Pantry liegt in einem Quartier, das keineswegs zu den ärmsten der Stadt zählt. In den letzten Jahren sind hier die Mieten rasant gestiegen und haben sich viele neue Restaurants und Bars angesiedelt. Das Quartier sei zum «Mekka für Yuppies und Guppies, Swingers und Singles, Movers und Shakers» geworden, heisst es in einem Reiseführer.

«Zwar gilt unser Stadtteil inzwischen als aufgewertet, doch die Armut ist geblieben», sagt Erin Stephens. Sie ist in der Lakeview Pantry angestellt und koordiniert den Einsatz von rund 500 Freiwilligen, die regelmässig beim Sammeln, Bereitstellen und bei der Ausgabe des Essens helfen. Die Lakeview Pantry spürt die Wirtschaftskrise, in der sich die USA seit drei Jahren befinden, ganz direkt: «Wir haben 24 Prozent mehr Besucher», sagt Stephens. «Viele unserer Kunden haben eine Arbeitsstelle. Doch sie verdienen zu wenig oder haben nur einen Teilzeitjob.»

Die Lakeview Pantry wird von einem unabhängigen Verein betrieben. Viele der Nahrungsmittel stammen von den Supermärkten im Quartier. Es sind Waren nahe am Verfalldatum oder nicht mehr ganz frisches Gemüse und Früchte. Ausserdem wird die Lakeview Pantry durch Spenden der Quartierbevölkerung am Leben erhalten. Fünfzig Prozent der verteilten Lebensmittel stammen vom Greater Chicago Food Depository (GCFD), einer zentralen Sammelstelle im Grossraum Chicago. Das GCFD erhält grosse Mengen von Lebensmitteln von Supermarktketten und Nahrungsmittelkonzernen sowie Spenden aus der Geschäftswelt von Chicago. Auch öffentliche Gelder aus Washington fliessen in die Sammelstelle. Davon seien jedoch kürzlich zwanzig Prozent gestrichen worden, sagt GCFD-Mediensprecher Bob Dolgan. Angesichts von angekündigten Sparmassnahmen rechnet Dolgan mit noch weiter gehenden Kürzungen.

Im Verwaltungsrat des GCFD sitzen Vertreter multinationaler Konzerne: der Credit Suisse, von Kraft Food und General Electric. Soziales Engagement Einzelner wie auch grosser Unternehmen hat in den USA Tradition. Es gilt das auszugleichen, was an sozialer Gesetzgebung fehlt. Doch letztlich heisst das: Statt ein durchsetzbares Recht auf anständige Löhne und soziale Sicherheit zu haben, hängen die Betroffenen vom Wohlwollen anderer ab.

15 Prozent der Bevölkerung

Jane Taylor kommt regelmässig in die Lakeview Pantry, um sich mit Lebensmitteln zu versorgen. Die 55-Jährige kann wegen eines psychischen Leidens nicht mehr arbeiten. Sie wird vom Sozialamt unterstützt, das Geld reicht jedoch nicht: «Die Beiträge sind in den letzten zwei Jahren nicht mal mehr der Teuerung angepasst worden», sagt sie. «Meine Miete ist jedoch in dieser Zeit um 65 Dollar pro Monat gestiegen.» Die Lebensmittelmarken, die sie von der Regierung erhält und mit denen sie in normalen Geschäften einkaufen kann, seien ihr von 70 auf 50 Dollar pro Monat gekürzt worden. In den USA erhalten derzeit 46 Millionen Menschen oder mehr als 15 Prozent der Bevölkerung solche Lebensmittelmarken.

Taylor ist von der Lakeview Pantry begeistert. Hier bekomme man viel Essen, mehr als bei kirchlichen Organisationen, sagt sie verschmitzt. Die MitarbeiterInnen liefern Alten und Behinderten Nahrungsmittel auch frei Haus. Ausserdem beraten sie ihre KlientInnen bei Wohnproblemen, helfen bei der Jobsuche und unterstützen sie bei Anträgen an das Sozialamt. Man bekommt hier jedoch auch zu essen, ohne gross Auskunft über sein Leben geben zu müssen. Anders als bei einigen kirchlichen Institutionen wird hier auch niemand missioniert oder muss vor der Essensausgabe einen Gottesdienst besuchen. Die Lakeview Pantry verfügt über zwei Ausgabestellen, die zusammen sechsmal in der Woche geöffnet sind und rund 2600 Menschen im Monat bedienen.

Um 16 Uhr wird die Eingangstüre des Ladens abgeschlossen. Die Beschäftigten und Freiwilligen räumen die verbliebenen Lebensmittel in den Lagerraum, wo sich auch ein grosser Kühlraum befindet. Auffallend viel frisches Gemüse ist übrig geblieben. Mehrere Kisten voll mit grünen und gelben Zucchetti, Patissonkürbisse und Stangensellerie stapeln sich in einer Ecke. «Wir haben dieses Gemüse von einem Bioladen in der Nähe erhalten», sagt Mitarbeiter Greg Nergaard. Viele ihrer Kunden würden wohl nicht wissen, was damit anzufangen sei, vermutet er. «Wir lagern die Sachen noch zwei Tage, und wenn sie dann nicht wegkommen, landen sie im Abfall.»

Ernährungssicherheit

Texas kann kein Vorbild sein

Annähernd fünfzig Millionen Menschen in den USA müssen mit fehlender Ernährungssicherheit leben, wie das US-Landwirtschaftsministerium in einer Studie von 2010 festhält. Siebzehn Millionen davon sind Kinder. Ungenügende Ernährung beeinträchtigt deren geistige und körperliche Entwicklung, wie die nichtstaatliche Organisation Feeding America in einer kürzlich veröffentlichten Studie schreibt.

Arbeitslosigkeit ist gemäss Feeding America ein zentraler Grund für die fehlende Ernährungssicherheit. Die offizielle Arbeitslosenrate hat im vergangenen Monat bei unverändert hohen 9,1 Prozent stagniert, trotz eines leichten Wirtschaftswachstums. Die Zahl der tatsächlich Arbeitslosen ist jedoch weit höher, da in der Statistik lediglich diejenigen erfasst werden, die Arbeitslosenunterstützung beziehen. Nur 58,2 Prozent aller US-EinwohnerInnen im arbeitsfähigen Alter gehen derzeit einer Lohnarbeit nach. Das ist der tiefste Stand seit 1983.

US-Präsident Barack Obama will am Donnerstag in einer Rede darlegen, wie mit einem neuen Regierungsprogramm Hunderttausende neuer Arbeitsplätze geschaffen werden können. Eine Sonderkommission des Parlaments berät derzeit jedoch über massive Budgetkürzungen, welche Obamas Spielraum weiter einschränken werden. Die RepublikanerInnen fordern tiefe Einschnitte im Staatshaushalt und verweigern sich gleichzeitig allen Steuererhöhungen.

Der texanische Gouverneur Rick Perry will Obama nächstes Jahr bei der Präsidentschaftswahl herausfordern. Perry hat zurzeit die besten Chancen, offizieller Kandidat der Republikanischen Partei zu werden. Er brüstet sich damit, in seinem Heimatstaat eine Million neue Jobs geschaffen zu haben, indem er die Steuern senkte. Tatsächlich sind in Texas viele neue Arbeitsplätze entstanden. Das hat aber vorab mit einer starken Bevölkerungszunahme zu tun. Zudem steht Texas an erster Stelle, was die Zahl der besonders schlecht bezahlten Jobs betrifft: 9,5 Prozent der Beschäftigten Texas’ verdienen bloss den staatlich festgeschriebenen Mindestlohn von 7,25 Dollar die Stunde – oder noch weniger. Laut Feeding America leben 28,2 Prozent der texanischen Kinder mit fehlender Ernährungssicherheit, weit mehr als in den meisten anderen Bundesstaaten.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

Unterstützen Sie den ProWOZ
 

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Hungern im Yuppie-Mekka aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr