Nr. 39/2011 vom 29.09.2011

Mit Gebeten gegen die Katastrophe

Die ersten Folgen der Erderwärmung sind bereits spürbar, etwa in aktuellen Unwetterkatastrophen. Doch die Politik ignoriert die Zusammenhänge weiterhin – auch wegen frisierter Zahlen aus der Industrie.

Von Wolfgang Pomrehn

Nur noch neunzig Zentimeter dick ist das Eis. Das ist so ein Wert, der es verdient hätte, zur Zahl des Jahres gekürt zu werden. Im August ist das deutsche Forschungsschiff «Polarstern» zum Nordpol vorgestossen und hat dabei unter anderem die Eisdicke vermessen. Zehn Jahre zuvor hatte man auf einer ähnlichen Fahrt noch durchschnittlich zwei Meter dickes Eis vorgefunden.

Der Befund ist eindeutig: Hoch im Norden ist der Klimawandel praktisch mit den Händen zu greifen. Das arktische Meereis ist inzwischen in einem kritischen Zustand und wird von Jahr zu Jahr weniger. Schon im nächsten Jahrzehnt könnte der polare Ozean im Sommer eisfrei sein, was weitreichende Folgen für das globale Klima hätte.

Doch die Arktis ist nur einer von vielen Schauplätzen des Wandels. Überall in den gemässigten Breiten der Nordhalbkugel berichten ÖkologInnen von einwandernden Tierarten und Veränderungen, welche die Ökosysteme ziemlich durcheinanderwirbeln. Zum Beispiel, wenn sich Wachstumsphasen verschieben und die Beutetiere schon wieder am Absterben sind, bevor die Räuber gross genug sind, sie zu jagen.

Oder wenn dann doch noch mal strenger Frost einzieht, wie im Winter 2009/10: Damals türmten sich tonnenweise Schalen verendeter Schwertmuscheln an der niedersächsischen Nordseeküste. Die Art war in den siebziger Jahren aus Nordamerika eingewandert und hatte sich aufgrund der inzwischen vergleichsweise milden Winter im Wattenmeer ausbreiten können.

Cholera an der Ostsee

Zustand und künftige Entwicklung der europäischen Meere stehen auch im Fokus eines Übersichtsberichts, der am 15. September im Auftrag der Europäischen Kommission in Brüssel vorgestellt worden ist. Die Quintessenz von über hundert EU-finanzierten Forschungsprojekten ist nicht gerade beruhigend. In den vergangenen 25 Jahren hat sich das Tempo der Erwärmung der Meere verzehnfacht. Und es geht weiter: Die Nordsee werde sich bis zum Ende des Jahrhunderts um 1,7 Grad Celsius erwärmen, die Weltmeere im Schnitt um zwei und die Ostsee gar um zwei bis vier Grad.

Wärmeres Wasser dehnt sich nicht nur aus und lässt dadurch den Meeresspiegel steigen, es bildet auch einen idealen Lebensraum für gefährliche Bakterien. So ist zum Beispiel für die nordeuropäischen Küsten künftig mit der Ausbreitung von Choleraerregern zu rechnen. Solange die Gesundheitssysteme inklusive einer vernünftigen Vorsorge funktionieren und nicht kaputtgespart werden, muss das noch keine Katastrophe sein; aber der zu betreibende Aufwand wird auf jeden Fall grösser werden.

Andernorts sind die Folgen des Klimawandels schon heute für die Menschen direkt spürbar. Die katastrophalen russischen Waldbrände und die schweren Überschwemmungen in Pakistan vom letzten Jahr wurden von WissenschaftlerInnen genauso mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht wie die gegenwärtige Dürre am Horn von Afrika, die sich dort zu einer dramatischen Hungerkrise ausgeweitet hat (vgl. Seite 9 der Printausgabe). Alles Ereignisse, wie sie in den entsprechenden Regionen seit vielen Jahrzehnten oder gar seit Menschengedenken nicht vorgekommen sind. Zuletzt wies Anfang September der pakistanische Wetterdienst darauf hin, dass die Häufung von Extremereignissen wie die aktuellen katastrophalen Regenfälle in der Provinz Sind, die eine einjährige Dürre beenden, bestens in das erwartete Muster des Klimawandels passen.

Die US-amerikanische Brille

Ähnlich verhält es sich mit der anhaltenden schweren Dürre im US-Bundesstaat Texas, die bereits Milliardenschäden in der Landwirtschaft verursacht hat. Dort haben Buschbrände inzwischen rund 14 000 Quadratkilometer Land verheert, eine Fläche, die einem Drittel der Schweiz entspricht. Tom Boggus, Chef der texanischen Forstverwaltung, spricht von historischen Ereignissen: «Wir haben noch nie eine Brandsaison wie diese erlebt und noch nie eine solche Dürre.»

Doch dem republikanischen Gouverneur Rick Perry, der zuvor die Ausgaben für den Brandschutz gekürzt hatte, fiel nicht mehr ein, als seine BürgerInnen zum Beten um Regen aufzurufen. Der Wettergott liess sich davon bisher nicht beeindrucken. Derweil prügelt Perry auf die KlimawissenschaftlerInnen ein: Sie würden betrügen und Daten manipulieren. Dass es einen Klimawandel gebe, sei noch gar nicht erwiesen.

Das ist natürlich Unsinn – aber er passt haargenau in Perrys politische Agenda: Wer von den RepublikanerInnen für das kommende Wahljahr als Präsidentschaftskandidat nominiert werden will, hat bedingungslose Wissenschaftsfeindlichkeit zu demonstrieren. Die Mehrheit der republikanischen WählerInnen, insbesondere jene, die der Tea-Party-Bewegung nahestehen, sind überzeugt: Klimawandel gibt es nicht – und wenn doch, dann hat er auf keinen Fall etwas mit menschlichen Aktivitäten zu tun. Die Lobbyarbeit der Öl-, Auto- und Energiekonzerne war jenseits des Atlantiks auf der ganzen Linie erfolgreich. Auch US-Präsident Barack Obama, der im Wahlkampf noch viel von Klimaschutz geredet hat, lässt es an Taten fehlen. Ausser etwas schärferen Richtlinien für die Kohlendioxidemissionen von Autos hat er nicht viel zuwege gebracht. Selbst die Beschränkungen für die Ölsuche vor den US-Küsten sind gefallen, und in den internationalen Klimaschutzverhandlungen tritt er ganz wie sein Vorgänger George Bush als grosser Bremser auf.

Europas Schönfärbereien

Auch in Europa ist man von wirksamem Klimaschutz weit entfernt. Die Schweiz hat selbst ihr bescheidenes Ziel verfehlt, die Treibhausgasemissionen bis 2010 um zehn Prozent gegenüber dem Niveau von 1990 zu reduzieren. Die Nachbarn sind da nur wenig weiter. Deutschland etwa verfeuert immer mehr der besonders klimaschädlichen Braunkohle.

In Italien, Grossbritannien und den Niederlanden mogelt man gar bei den Angaben über die Emissionen von Trifluormethan, einem starken Treibhausgas, das bei der Produktion von Kühlmitteln entsteht. Ein Forschungsteam der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa hat die gemessenen Spurengaskonzentrationen auf dem Jungfraujoch sowie einer Messstation in Irland untersucht – und ist zum Ergebnis gekommen, dass die Treibhausgasemissionen der sechs bekannten grossen Fabriken in den drei Ländern erheblich höher gewesen sein müssen, als deren Regierungen beim Sekretariat der Klimarahmenkonvention gemeldet hatten.

Alles in allem schlechte Aussichten für die diesjährige Klimakonferenz im südafrikanischen Durban. Die Entwicklungsländer sind inzwischen reichlich ungehalten über die Untätigkeit des Nordens. Die Schwellenländer wollen zumindest erreichen, dass das Ende 2012 auslaufende Kioto-Protokoll verlängert wird, damit wenigstens ein halbwegs verbindlicher Rahmen erhalten bleibt. Die EU ziert sich in der Frage noch und lässt wissen, dass es in diesem Jahr wohl keine Einigung geben wird. Und die USA könnten ab 2013 von einem Mann regiert werden, der die biblische Schöpfungsgeschichte für bare Münze nimmt und Klimawissenschaften für Teufelszeug hält.

Arktis

Brüchiges Eis

Das nördliche Polarmeer zwischen Grönland, Sibirien und Nordamerika ist seit rund zweieinhalb Millionen Jahren ganzjährig mit Eis bedeckt. Das sorgt für ein global deutlich kühleres Klima, denn die weisse Decke reflektiert während des langen Polartages im Sommer rund sechzig Prozent der Sonneneinstrahlung, die daher nicht zur Erwärmung des Planeten beitragen kann. Die Energiemengen, um die es geht, sind nicht unerheblich. Die Sonne klettert zwar nie besonders weit über den Horizont, aber da sie 24 Stunden am Tag scheint, ist die Gesamtmenge durchaus vergleichbar mit der Einstrahlung in den Tropen.

Schon die ersten, seinerzeit noch sehr einfachen Klimamodelle haben in den achtziger Jahren vorausgesagt, dass die globale Erwärmung in den hohen nördlichen Breiten besonders stark ausfallen wird. Inzwischen ist das keine Prognose mehr, sondern beobachtete Realität. Seit 2003 war die jeweils übers Jahr und die ganze Region gemittelte Lufttemperatur um zwei bis vier Grad Celsius wärmer als der entsprechende Mittelwert der Jahre 1951 bis 1980, der von KlimatologInnen meist als Referenz benutzt wird. Das ist – grob überschlagen – das Vier- bis Fünffache des globalen Temperaturanstiegs. 2010, im bisher wärmsten Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen, lag die über den ganzen Globus und das ganze Jahr gemittelte Temperatur 0,63 Grad Celsius über dem Referenzwert.

Da wundert es nicht, dass das Packeis sich im Sommer immer weiter zurückzieht und dünner wird. Im Schnitt der letzten dreissig Jahre umfasst seine Fläche auf dem Höhepunkt der Schmelzsaison etwas mehr als sechs Millionen Quadratkilometer. Ein Wert, der seit zehn Jahren regelmässig und deutlich unterboten wird. Aktuell beträgt er nur noch 4,24 bis 4,33 Millionen Quadratkilometer. Dabei beschleunigt sich der Rückgang sogar. Inzwischen verlieren im Sommer grössere Flächen des arktischen Ozeans ihren Eispanzer, wodurch sich das Wasser erwärmt und das Abtauen verstärkt. Positive Rückkoppelung nennen WissenschaftlerInnen solche sich selbst verstärkenden Prozesse.

Zum Glück ist diese Wechselwirkung offenbar nicht so stark, wie viele KlimaforscherInnen bisher vermutet hatten. Computersimulationen am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg haben unlängst ergeben, dass die Talfahrt aufgehalten werden kann. Würde die weitere Anreicherung der Treibhausgase in der Atmosphäre gestoppt, so liesse sich auch das arktische Meereis noch stabilisieren.

Doch danach sieht es im Moment nicht aus, und so besteht die Gefahr, dass die weitere Erwärmung den Dauerfrostboden auftauen lässt und in einen riesigen Sumpf verwandelt, in dem bisher tiefgefrorenes organisches Material vermodert. Als Folge werden zusätzliche Treibhausgase freigesetzt. Oder es könnten sich am Meeresboden Gashydrate auflösen und das sehr starke Treibhausgas Methan entlassen. Erste Hinweise auf eine beginnende Destabilisierung der Gashydrate gibt es bereits, aber die Datenlage ist noch nicht aussagekräftig. Derzeit befahren eine deutsche und eine russische Expedition die arktischen Gewässer, um Licht ins Dunkel zu bringen.

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