Nr. 43/2011 vom 27.10.2011

Wie wollen Sie dafür sorgen, dass Ausländer etwas zu sagen haben?

Der Wahlkampf ist Geschichte. Und er endete für den Aargauer SP-Kandidaten Ivica Petrusic mit einem versöhnlichen Ergebnis. Als Vizepräsident von Second@s Plus steht er hingegen erst am Anfang einer schwierigen Aufgabe.

Von Jan Jirát (Text) und Ursula Häne (Foto)

Ivica Petrusic: «Heute werden Ausländer von Politik und Medien vor allem als Bedrohung inszeniert. Schaut man genau hin, ist das Gegenteil der Fall.»

WOZ: Ivica Petrusic, Ihre Aargauer SP-Parteikollegin Pascale Bruderer ist am vergangenen Sonntag sensationell im ersten Wahlgang in den Ständerat gewählt worden. Zugleich konnte die Aargauer SP ihre drei bisherigen Nationalratssitze halten. Hatten Sie am Montag Kopfschmerzen vom Feiern?
Ivica Petrusic: Nein, das nicht, aber ein Bierchen hab ich schon gezischt. Unser Abstimmungsresultat im traditionell bürgerlich dominierten Aargau war tatsächlich sehr erfreulich, zumal die Grünen eine Listenverbindung mit der EVP und den Grünliberalen eingegangen waren. Entscheidend für den Wahlerfolg war wohl das breite und qualitativ überzeugende Spektrum unserer Liste, die von Pascale Bruderer bis zu Cédric Wermuth reichte.

Sie selbst haben auf Platz zwölf der Aargauer SP-Nationalratsliste kandidiert – und einen Platz gutmachen können. Zufrieden?
Ich bin vor allem erleichtert. Nachdem ich in den Medien fälschlicherweise auf einmal als Abschaffer der Schweizer Fahne dastand, musste ich auch aus der eigenen Partei viel Kritik einstecken. Das hat Spuren hinterlassen. Je näher der Wahlsonntag rückte, desto mehr kamen Zweifel auf, ob ich der Partei nicht doch schaden würde. Vor lauter Anspannung habe ich vom Samstagabend bis zum Sonntagnachmittag mein Handy ausgeschaltet.

Sie standen im Verlauf des Wahlkampfs im medialen Kreuzfeuer und sind dort ziemlich im Stich gelassen worden. Gab es auch positive Aspekte?
Ja, klar gab es die. Ich konnte meinen Wahlkampf – mit Ausnahme dieser Fahnengeschichte – so gestalten, wie ich wollte. Ich habe auf die neuen Medien gesetzt und das Musikvideo «Middleland Flow» gedreht, in dem ich mit Aargau- und Ausländerklischees spiele. Bei allem Ernst darf bei mir der Humor nie fehlen. Ausserdem hatte ich viele spannende Begegnungen. In Erinnerung geblieben ist mir zum Beispiel der Besuch einer Berufsschule, wo wir gemeinsam die Wahlunterlagen durchgeschaut haben. Als die Schüler dabei auf die Liste von Second@s Plus Aargau stiessen, stand da «Mohammed A. Abdurahman» an erster Stelle, gefolgt von «Hücran Kisa». «Das sind ja alles Ausländer!» und «Die dürfen doch gar nicht mitmachen!» – das waren ihre Reaktionen. Die Schüler, eine Mehrheit davon mit Migrationshintergrund, haben das völlig verinnerlicht: Ausländer haben in der Politik nichts zu sagen.

Das wollen Sie ändern. Sie waren in diesem Wahlkampf ja nicht nur SP-Vertreter, sondern auch ein Aushängeschild von Second@s Plus. Das Wahlziel war, ein Parteimitglied ins Bundeshaus zu bringen, was nicht gelang. Wie sieht Ihr Fazit aus?
Durch Listenverbindungen haben wir die SP teils entscheidend unterstützt. Und besonders in Basel-Stadt mit Mustafa Atici und Sibel Arslan sowie in Luzern mit Lathan Suntharalingam konnten wir sehr gute Resultate erzielen. Viel wichtiger ist ohnehin, dass wir in den letzten vier Jahren eine funktionierende Dachorganisation auf die Beine gestellt haben und bei ausländerpolitischen Themen als Mitspieler wahrgenommen werden.

Das wird auch in vier Jahren kaum reichen für einen Sitz im Bundeshaus.
Natürlich reichen diese Schritte nicht, aber sie bilden die Grundlage, um unsere Basis zu vergrössern. Als im Frühjahr die Ostschweizer Second@s-Plus-Sektion gegründet wurde, waren fünfzig Leute da. Es ist spürbar, wie der Hunger auf politische Mitsprache wächst. Der Hunger jener, die in der Schweiz ihren Lebensmittelpunkt haben, die hier ihre Steuern bezahlen und ihre Kinder zur Schule schicken, aber von den politischen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen sind. Ich hoffe nur, dass wir mit dem Stimm- und Wahlrecht für Ausländer und Ausländerinnen nicht so lange warten müssen wie einst die Frauen.

Sie haben das allgemeine Verständnis in der Schweiz selbst erfahren: Ausländer haben in der Politik nichts zu sagen. Wie wollen Sie das ändern?
Heute werden Ausländer von Politik und Medien vor allem als Bedrohung inszeniert. Schaut man genau hin, ist das Gegenteil der Fall. Wächst ein Mensch in verschiedenen Kultur- und Sprachwelten auf, ist das gerade in der heutigen Welt doch bereichernd. Noch immer wird Identität mehrheitlich mit Begriffen wie Herkunft, Blut und Tradition definiert. Zentral ist die Vergangenheit. Wäre es nicht sinnvoller, von der Gegenwart und der Zukunft auszugehen? Von Begriffen wie Lebensmittelpunkt und Potenzial? Da müssen wir ansetzen.

Ihr politischer Elan scheint ungebrochen. Werden Sie in vier Jahren erneut für den Nationalrat kandidieren?
Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Ich brauche Zeit, um die letzten intensiven Monate einzuordnen. Auf kantonaler und lokaler Ebene werde ich als Mitglied des Kantonsparlaments aber sicherlich weiterhin politisch aktiv sein. Ausserdem reift in mir die Idee heran, unsere Anliegen europaweit zu vernetzen. Das Problem, dass eine Vielzahl von Menschen von politischen Prozessen ausgeschlossen sind, ist ja nicht ein spezifisch schweizerisches Problem. Insofern ist die allgemeine Loslösung vom nationalstaatlichen Abstraktum das Ziel.

Ivica Petrusic (34) ist Geschäftsführer von 
Okaj, der Kinder- und Jugendförderung des Kantons Zürich. Er war zudem Nationalratskandidat der SP Aargau.

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