Nr. 01/2012 vom 05.01.2012

Die Armen stehen nun zuvorderst

Im Dezember wurde die Theaterautorin Darja Stocker ans Theaterfestival Reveil nach Alexandria eingeladen. Aus ihrem geplanten Bericht über zeitgenössisches arabisches Theater ist ein Augenzeugenbericht aus Kairo geworden.

Von Darja Stocker, Kairo

«Das ist ein Aktivist, den habe ich gewählt.» Shaima bleibt vor einem der vielen Wahlplakate entlang der Küstenstrasse Alexandrias stehen. Inmitten der bunten Porträts der Anzugs- und Bartträger wirkt der Schablonendruck ihres Favoriten geradezu exotisch.

Eigentlich hatte Shaima die Parlamentswahlen boykottieren wollen: Die Militärregierung habe ihre Deals eh längst schon gemacht – und um sich politisch organisieren zu können, sei die Zeit zu knapp gewesen. Wie drei weitere DramatikerInnen, die wie ich am Theaterfestival Reveil in Alexandria teilnehmen, kommt Shaima aus Alexandria selbst – die anderen sind aus Kairo, Ramallah, Amman, Beirut und Damaskus angereist.

In einem Workshop im Rahmen des Festivals diskutieren sie die gesellschaftlichen Zustände im arabischen Raum. «Wann wird die patriarchale Gesellschaft die Frauen als Partnerinnen behandeln?», fragt Mina, ein Autor aus Alexandria. Shaima erklärt, dass in Ägypten selbst Karrierefrauen über ihre Ehemänner definiert würden. Alles, fügt Amina hinzu, habe mit der Klassengesellschaft zu tun: Die Oberschicht gebe sich freiheitlich und sorge dafür, dass ihr Nachwuchs kein Arabisch lerne – Dialog «nach unten» unerwünscht. Die Armen kämpften mit religiöser Selbstkontrolle oder demonstrativen Regelbrüchen gegen das Ausgeliefertsein – und die Mittelschicht wisse nicht, ob sie sich bequem einrichten oder endlich zu den Problemen Stellung beziehen solle.

Dalia aus Palästina erzählt von Freunden, die die ägyptische Befreiung bejubelten, aber nicht bereit seien, die Machtverhältnisse im Privaten infrage zu stellen. Rasha aus Kairo fragt, was das Theater zu einer «Revolte als Bewusstwerdung von eigenen Rechten und Zielen» beitragen könne.

Abends nach der Aufführung von «Tahrir-Monologe», einem Stück einer Gruppe aus Kairo, das auf den Ereignissen um den 25. Januar 2011 basiert, wird darüber diskutiert, ob man über eine Revolution, die noch in vollem Gang ist, ein Stück inszenieren könne. Oder macht man sie damit unfreiwillig zur Geschichte?

17. Dezember

Laila Soliman, die am Festival mein Stück «Nachtblind» inszenieren sollte, ist nicht nach Alexandria gekommen. Zu sehr ist sie in Beschlag genommen von den Geschehnissen in Kairo – direkt vor ihrer Haustür. Das Quartier hinter dem Tahrir-Platz gilt als Treffpunkt der AktivistInnen.

Laila hat kaum geschlafen, als ich nach drei Stunden Fahrt bei ihr eintreffe. Bis vier Uhr morgens war sie auf dem Tahrir. Die Zelte des Protestcamps seien niedergebrannt worden, das Gebäude neben dem Parlament fing Feuer, ein paar Freunde hätten versucht, die historischen Bücher aus dem Institut d’Égypte zu retten. Dann habe das Militär zu schiessen begonnen. Um acht hat sie erfahren, dass zehn Leute getötet wurden – darunter ein bekannter muslimischer Geistlicher, der intervenieren wollte. Bevor wir an den Trauermarsch gehen, verschleiert Laila meine hellen Haare. Der Militärrat verbreitet Verschwörungstheorien über westliche Spione.

Laila ist mit zwei Freunden unterwegs – seit Soldaten vermehrt Frauen angreifen, geht sie nicht mehr allein auf die Strasse. Frauen mit und ohne Schleier, Familien mit Kindern und vor allem junge Erwachsene bevölkern den Platz. Weiter vorn, wo die Menschen dichter stehen, erleuchten Feuerwerke das brandgeschwärzte Gebäude mit dem Institut d’Égypte. Das sind die Zeichen der Ultras, der jungen Fussballfans aus ärmeren Vierteln. Dadurch sehe man, wo Heckenschützen positioniert seien.

Vom Dach des Gebäudes werfen Polizisten Betonbrocken auf die Demonstrierenden. Viele der DemonstrantInnen tragen Helme. Einige schaffen es, auf die Bäume zu klettern. Eine Gruppe Jugendlicher überrennt uns fast, sie tragen eine Kiste voll Molotowcocktails. Die Armen, die sich zuvor kaum an Protesten beteiligten, stehen nun zuvorderst.

Unser Ziel ist das Lazarett vor der koptischen Kirche, bei dem alle paar Minuten ein Motorrad einen verletzten Demonstranten absetzt. Wer nur leichte Wunden hat, kehrt sofort zurück ins Kampfgeschehen. Die von uns mitgebrachten Getränke, Schmerzmittel und Desinfektionssprays reichen nicht aus. Wir gehen an Ambulanzen vorbei, die nutzlos dastehen – nur im Notfall rücken sie aus. M. will jetzt dorthin zurück, wo gekämpft wird, er kauft einem verletzten Jungen den Helm ab. Zehn Minuten später kommt er mit zerschlagenem Bein zurück: «Alles in Ordnung.» So geht es ein paarmal, bis er nicht mehr kann. Einem Mann strömt Blut aus dem Auge, er will in die Kirche, wo die schlimmsten Fälle direkt behandelt werden – alle Plätze sind belegt.

Eine Menschentraube kommt uns mit einem gefangen genommenen Soldaten entgegen. Manche prügeln auf ihn ein, andere versuchen, ihn vor den Schlägen zu schützen. Wir steigen auf den Bordstein des Kirchenareals. Endlich öffnet sich das Gittertor, der Soldat wird hineingeschubst. Wenig später rennen alle Demonstrierenden in unsere Richtung, das Militär greift an. Wir springen in Nadines Auto.

Es ist drei Uhr morgens. Zuerst habe sie die Kamera dabei gehabt, sagt Nadine, die Dokumentarfilmerin. Aber es habe sich falsch angefühlt. Sie gehöre zur Revolution, beobachte sie nicht. Nachdem sie uns zu Hause abgesetzt hat, wird sie zurückfahren. Nach diesem ersten Angriff, erzählt sie später, sei das Lazarett geräumt worden. Sie seien hinter dem Zaun der Kirche eingeschlossen gewesen, während auf der Strasse davor das Militär wütete.

18. Dezember

Die Menge auf dem Tahrir-Platz ist geschrumpft, eine dritte Mauer ist errichtet worden. Zeitungsverkäufer halten den AutofahrerInnen das Titelbild mit der Frau entgegen, die von Soldaten verprügelt und bis auf einen blauen BH ausgezogen wurde. AktivistInnen erzählen, dass Verletzte aus einem Spital zum Gerichtshof verschleppt wurden.

Um 24 Uhr, als wir vor dem Gericht ankommen, stehen etwa 150 Leute frierend vor Polizisten und Ambulanzen, derweil Ärztinnen und Anwälte in einem Sit-in im Flur des Gebäudes fordern: «Die Schwerverletzten müssen raus.»

Die Ambulanzen, die wenig später wegfahren, sind leer. Die Mütter der festgehaltenen Kinder reden verzweifelt auf Polizisten ein. Stunden später kommen die Anwälte und Ärzte aus dem Gebäude. 23 Schwerverletzte, darunter zwei Mädchen, erzählt ein Arzt und zeigt Aufnahmen auf seinem Handy, die er im Gericht gemacht hat: von Schlägen gezeichnete Rücken, aufgeschwollene Gesichter, zerschmetterte Gelenke. Die Verletzungen können nicht nur von Kämpfen auf der Strasse stammen. Einem seien zwei Finger abgetrennt worden. Wenn man sie nicht behandle, verlören sie ihre Gliedmassen. Einer sei gerade gestorben. Zwei schwebten in Lebensgefahr. Ein Staatsanwalt verfügt, dass die Schwerverletzten sofort ins Spital zurückgebracht werden. Per Handy stellen die Ärzte Fotos der Gefolterten ins Netz.

Ein adretter Mann aus der Nachbarschaft spricht Laila an: Sie gehöre doch zur schönen Tahrir-Jugend, warum sie für diesen Abschaum hier stehe? Am nächsten Tag wird das Fernsehen Kinder interviewen, die aussagen, für Geld Steine geworfen zu haben, derweil das Radio von «konterrevolutionären Kriminellen» spricht.

Gegen vier Uhr morgens fährt ein blauer Kastenwagen vor. Die Mütter drängen sich nach vorn. Manchmal kämen die Eltern auf den Tahrir-Platz, um ihre Kinder zu holen, sagt Laila. Die Väter gehen wieder nach Hause, die Mütter bleiben. Als der Kastenwagen mit den 23 Schwerverletzten wieder auf die Strasse rast, schreien alle im Chor Parolen. Wir rennen zu unserem Auto.

Vor dem Krankenhaus finden wir den Kastenwagen wieder. Ein Gesicht ist am Gitterfenster zu erkennen. Die Gefangenen rufen ihre Namen, als sie herausgeholt werden. Dann sind sie weg. Weder ÄrztInnen noch Angehörige dürfen ins Spital, Soldaten stellen sich vor die Eingänge. Über Twitter erfahren wir, dass am Tahrir geschossen wird. Ein Teil von Lailas Freunden entschliesst sich, auf den Platz zurückzukehren, nach Verletzten zu suchen. Zu gefährlich, meint Laila. Wir fahren zu ihrer Tante in ein anderes Viertel, um dort zu übernachten. «Wir fahren weg, obwohl noch 174 im Gerichtshof eingesperrt und 23 schutzlos im Spital geblieben sind», sagt sie im Auto. Drei Tage später wird sie mir in einer E-Mail weiter berichten: «Von den 23, die wir dort gelassen haben, wurden 11 von den Militärs aus dem Spital gekidnappt und versteckt, einer ist gestorben. Die Anwälte erhielten eine Gerichtsvorladung.»

19. Dezember

Wir folgen einer Demo durch die Einkaufsmeile. Auf den Plakaten die Frau mit dem blauen BH. Die Laternen auf dem Tahrir-Platz sind ausgeschaltet, die TV-Kameras weg. Die Lazarette sind geräumt, viele ÄrztInnen sind gestern Nacht attackiert worden. Auch die Frau mit dem blauen BH ist eine Ärztin, sie liegt mit einer Schädelfraktur und mehreren anderen Brüchen im Spital.

Diese Nacht bleiben Laila und ich zu Hause und verfolgen das Geschehen auf Twitter. Die Lazarette sind an versteckten Orten neu errichtet worden – für Verletzte nur schwer oder gar nicht zu finden. Gegen halb vier Uhr morgens hören wir Schüsse. Sechs DemonstrantInnen, erfahren wir später, sind in dieser Nacht gestorben.

20. Dezember

Ein paar Stunden vor meinem Abflug kommt E. vorbei, die Übersetzerin meines Stücks. «Normalerweise schaue ich nach den Verletzten, aber gestern hatte ich zu viel Angst», entschuldigt sich Laila. E. ist aufgebracht: Wie schnell es die Militärs verstanden hätten, Mubarak opfern zu müssen, um die Macht zu behalten. «Das Schlimmste ist, dass die Bevölkerung nicht mehr hinter uns steht. Entweder wir ziehen es durch und sterben alle – oder wir geben auf.»

Lailas Handy klingelt. Freundinnen wollen wissen, wann der Marsch der Frauen beginne. Am Abend lese ich auf Facebook ihre Meldung: «Grosser Tag heute. Tausende ägyptische Frauen versetzten den Männern einen Schlag ins Gesicht, indem sie, die Strasse runterlaufend, Parolen skandierten – nicht nur für ihre eigenen Rechte und ihre Würde, sondern für ganz Ägypten.»

Nachtrag:

An Silvester haben sich erneut Tausende auf dem Tahrir versammelt. Der Journalist Wael Kandil berichtet, wie die Leute gemeinsam Lieder gesungen und ChristInnen und Moslems nebeneinander gebetet haben. Es habe sich gezeigt, dass die Menge auf dem Tahrir weit mehr als den Willen einer Minderheit ausdrücke, wie die Militärregierung behaupte: «Tahrir ist Ägypten.»

Offen ist, ob es am 25. Januar beim von der Militärregierung bereits in den Kalender 2012 eingeschriebenen «Tag der Polizei» bleiben wird – oder ob es die Menschen schaffen, ihn endgültig zum «Tag der Revolution» zu machen.

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