Nr. 04/2012 vom 26.01.2012

Die zwanzig Höllenpforten der Nagra

Von Susan Boos

Seien wir ehrlich, die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) hat eine schwierige Mission zu erfüllen. Seit vierzig Jahren versucht sie, ein sicheres Plätzchen für eine höllische Fracht zu finden, doch niemand will den vermaledeiten Atommüll. Man bekäme fast Mitleid, würde die Nagra nicht immer wieder dieselben Fehler begehen.

Es gibt hübsche Geschichten über Bauern, die mit Mistgabeln auf Nagra-Leute losgegangen sind. Das ist lange her, dürfte aber nach den ruhigen Jahren wieder passieren. Am vergangenen Freitag präsentierte die Nagra ihre Vorschläge für die sogenannten «Oberflächenanlagen». Zwanzig verschiedene Flecken Erde wurden als potenzielle Pforten zum Untergrund ausgewählt. Auf diesen Grundstücken könnten dereinst die Hallen gebaut werden, von denen aus die Nagra den radioaktiven Abfall in die Tiefe bringen möchte. Ein lange Rampe würde die Hallen mit dem Lager verbinden, das unter einer anderen Gemeinde liegen könnte. Das ist politisch schlau, technisch aber unklug.

Die Pforte mit ihren Hallen wird dereinst ein Mahnmal des Atommülls sein. Wer sie sieht, denkt: Unter meinen Füssen liegt radioaktiver Abfall. Genau dies versucht die Nagra mit ihrem Plan zu vermeiden: Das Lager ist an einem Ort, der Zugang an einem ganz andern. Damit wird die Nagra flexibel und kann im weiteren Umkreis des Endlagers eine arme Gemeinde suchen, die für Geld und Arbeitsplätze bereit ist, die Pforte zu beherbergen. Es könnte also sein, dass das Atommülllager irgendwo zwischen der Stadt Zürich und dem Kanton Schaffhausen gebaut würde – der Zugang aber im Kanton Thurgau oder im Kanton Aargau wäre.

Ein unlogisches Vorgehen

So schlau das sein mag, so absurd ist es: Man erhitzt sich über den Zugang zur Hölle, bevor man weiss, wo die Hölle selbst zu stehen kommt. Die Schweizerische Energie-Stiftung (SES) kritisiert denn auch, das Vorgehen sei unlogisch: «Es ist weder bekannt, an welchem der sechs ausgewählten Standorte noch wo genau innerhalb dieser Standorte das Tiefenlager gebaut werden könnte. Dazu sind schlicht und einfach zu viele Fragen offen, insbesondere ist das geologische Wissen über die meisten Regionen mangelhaft.» Die SES verlangt, es müsse zuerst der definitive Lagerstandort festgelegt werden, bevor man über die Pforte rede. Das leuchtet ein, allerdings wurde das Nagra-Vorgehen im sogenannten «Sachplan geologische Tiefenlager» bereits festgelegt. Behörden wie Politik haben offenbar geschlafen und realisieren erst jetzt, wie seltsam es ist, zuerst über die Tür zu reden und sich erst danach zu entscheiden, wohin man das Haus stellt.

Unabhängig davon: Die Idee, den strahlenden Müll im Mittelland in den sogenannten Opalinuston zu betten, dürfte richtig sein. Ein besseres Gestein, um die radioaktive Fracht für Jahrmillionen sicher zu versorgen, gibt es in der Schweiz vermutlich nicht. Allerdings sollte man dieses Gestein möglichst nicht verletzten, damit später kein Wasser ins Endlager eindringt.

Der Zürcher Geologe Marcos Buser kritisiert, es sei deshalb falsch, eine lange Rampe in den Berg zu ziehen. Buser beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Endlagerfrage und sitzt in der Kommission für nukleare Sicherheit, die den Bundesrat in Atomfragen berät.

Nagra kann zu wenig forschen

Die Nagra wolle diese lange Rampe, damit sie mit grossen Fahrzeugen ins Endlager fahren könne, sagt Buser. Ein solcher Tunnel würde aber diverse wasserführende Gesteinsschichten durchqueren, womit ein Wasserpfad direkt ins Endlager erstellt werde. Das Letzte, was man brauchen kann.

Der Geologe Buser sagt, es wäre klüger, man würde das Endlager mit einem senkrechten Schacht erschliessen, um den Untergrund möglichst nicht zu stören. Die Nagra beabsichtige, fünf Meter lange und bis zu dreissig Tonnen schwere abgebrannte Brennelemente in den Stollen einzulagern. «Das wird nie funktionieren!», prognostiziert Buser, «so grosse, schwere Kanister bekommt man ohne Sicherheitsprobleme nie in das Endlager rein. Da muss man über die Bücher.»

Marcos Buser wiederholt, was er schon vor zwei Jahren gegenüber der WOZ sagte: Das Hauptproblem sei, dass die Nagra von den AKW-Betreibern abhängig sei und finanziell knapp gehalten werde. «Forschung, die heute vielleicht sinnvoll, aber teuer ist, wird verpasst, weil die Betreiber kein Interesse daran haben, mehr Geld als unbedingt nötig auszugeben. Das Verursacherprinzip ist bei radioaktiven Abfällen ein fundamentaler Konstruktionsfehler: Es geht um Gefahrenzeiträume von Zehntausenden von Jahren – da müsste eine unabhängige Instanz für die Entwicklung des Endlagerkonzepts zuständig sein. Und nicht Werke, die in erster Linie Strom für die Gegenwart produzieren müssen, aber eben auch langlebigen Abfall hinterlassen. In hundert Jahren sind die Verursacher nicht mehr da.»

Verlockend, aber verantwortungslos

Den Betreibern kommt es entgegen, wenn die Bevölkerung opponiert und die Nagra-Pläne blockiert. Sie hätten ohnehin lieber eine billige ausländische Lösung. Und dabei können sie auf alt Bundesrat Christoph Blocher zählen, der vor den Wahlen verlauten liess: «Da es im Ausland genügend Interesse für gute Atomendlagerstätten gibt, die dankbar für solche Abfälle wären, würde ich mich dafür einsetzen, dass die gesetzliche Bestimmung, wonach die Lagerung in der Schweiz erfolgen muss, geändert wird.» Klingt verlockend, ist aber falsch, egoistisch, verantwortungslos. Dann doch lieber mit der Nagra streiten.

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