WOZ Nr. 05/2012 vom 02.02.2012

213 Schritte in den Untergang

Nach dem Notverkauf an Raiffeisen beschäftigt Konrad Hummlers Restbank nur noch fünfzehn Personen. Was sie tun, ist unklar: Die Bank verwaltet seit Ende 2011 gar keine US-Gelder mehr. Wie Hummlers Schwarzgeldstrategie die Bank Wegelin zerstörte.

Von Carlos Hanimann

Selten lagen Strafverfolgung und Freiheit so nah beieinander wie im Sommer 2008: Gerade mal 213 Schritte mussten US-amerikanische Bankkunden gehen, um ihre versteckten Gelder von der UBS am Paradeplatz zur Bank Wegelin zu schaffen – oder 183 Schritte, wenn sie den Hintereingang über den Centralhof wählten.

Doch die vermeintliche Hintertür in die Freiheit entpuppte sich als Sackgasse: Anfang Januar klagten die USA drei Kundenberater der Bank Wegelin an, weil sie amerikanischen KundInnen dabei geholfen haben sollen, 1,2 Milliarden US-Dollar vor der Steuerbehörde IRS zu verstecken. Die Vereinigten Staaten wollen Kundendaten der Bank Wegelin und zehn weiterer Banken.

Als die UBS im Juli 2008 ankündigte, das grenzüberschreitende Geschäft mit US-Kunden zu beenden, standen viele reiche AmerikanerInnen vor der Wahl: Sollten sie ihre jahre- und jahrzehntelang vor dem US-Fiskus versteckten Vermögen der IRS melden und nachträglich dafür büssen, oder sollten sie eine andere Bank aufsuchen, wo sie ihr Geld weiter im Verborgenen halten konnten?

Der Entscheid wurde ihnen leichtgemacht: KundenberaterInnen der UBS empfahlen, undeklarierte Gelder unter anderem bei einer kleinen, traditionsreichen und vermeintlich sicheren Bank anzulegen, deren Verschwiegenheit sich schon in der unscheinbaren Präsenz zeigt. Anders als die Grossbanken UBS und Credit Suisse, die mit repräsentativen Bauten das Herz des Paradeplatzes verkörpern, versteckt sich der Eingang zur Zürcher Filiale der Bank Wegelin zwischen einem Juweliergeschäft und einem CD-Laden. Hier halfen Wegelin-Mitarbeiter in den letzten Jahren Dutzenden AmerikanerInnen dabei, Steuern zu hinterziehen. So lautet zumindest der Vorwurf der US-Behörden. Das St. Galler Bankhaus stellt sich auf den Standpunkt, es habe dabei nicht gegen Schweizer Recht verstossen.

Einer der zahlreichen US-Kunden der Bank Wegelin heisst Kenneth Heller. Der 82-jährige New Yorker Anwalt wurde im Frühling 2010 verhaftet, im Juni 2011 gestand er, insgesamt 26 Millionen US-Dollar versteckt zu haben. Das Geld hatte er gemäss Gerichtsunterlagen zuerst zu einem grossen Teil bei der UBS und ab 2008 bei der Bank Wegelin deponiert. Heller zahlte eine Strafe von 9,8 Millionen Dollar. Hellers Anwalt Robert S. Fink sagt zur WOZ: «Die Steuerbehörde IRS hatte für ihre Klage gegen Wegelin die Fakten – aber nicht von uns.» Heller habe sich nie mit dem Staatsanwalt getroffen.

Ein halbes Jahr nach Hellers Verhaftung nahm das FBI im Oktober 2010 einen Wegelin-Banker in Miami fest. Die Bank hatte ihn zwar angewiesen, nicht in die USA zu reisen, aber auf dem Weg zu einem Kongress auf den Bahamas stieg er in Miami um. Laut Medienberichten wurde er dort von zivilen FBI-Agenten wegen eines Geldwäschereifalls festgenommen. Die Vermutung liegt deshalb nahe, dass erst der in Miami verhaftete Wegelin-Banker den US-Behörden die nötigen Informationen lieferte, mit denen sie Anfang Januar schliesslich drei Wegelin-Mitarbeiter zur Anklage brachten.

Codename «Elvis»

«Keine Gefahr für Wegelin», liess die Bank kurz nach der Anklage gegen ihre Mitarbeiter verlauten. Und Konrad Hummler, Teilhaber der Bank und Präsident der NZZ, erklärte ebendieser Zeitung, man hege «grosse Solidarität» mit den Mitarbeitern: «Bis wir jemanden wegen einer solchen Klage entlassen würden, müsste schon ein Verstoss gegen Schweizer Recht vorliegen.»

Heute klingt das wie blanker Hohn. Kurz nach diesen Verlautbarungen beurlaubte Hummler den Zürcher Filialleiter; letzten Freitag verwandelte er die Bank Wegelin in eine «Bad Bank». Die neu gegründete und von der Genossenschaftsbank Raiffeisen gekaufte Notenstein-Privatbank beschäftigt 700 Angestellte und verwaltet 21 Milliarden Franken. Bei Wegelin arbeiten lediglich noch 15 Personen, die sich um die toxischen US-Kunden kümmern. Über die Höhe der verwalteten Gelder macht die Bank keine Angaben. Fest steht nur, dass Wegelin letzten Sommer noch 24 Milliarden Franken verwaltete und die US-Behörden 1,2 Milliarden unversteuertes Geld auf den Wegelin-Konten vermuten. Allerdings scheint die Bank keine US-Gelder mehr zu verwalten: Im August 2011 hat die Bank einen Brief verschickt, wonach sie ab dem 31. Dezember 2011 keine US-Kunden mehr betreue. Die Bank wollte dies nicht kommentieren.

Am Anfang des Steuerstreits mit den USA steht der UBS-Kundenberater Bradley Birkenfeld. Er meldete sich im Frühling 2008 bei der US-Steuerbehörde IRS. In der Folge wurden ein riesiges Steuerhinterziehungssystem der UBS bekannt und hohe Bankmanager angeklagt. Die Grossbank entging einer Klage, indem sie im Februar 2009 ihre Schuld eingestand und 780 Millionen US-Dollar Busse zahlte. Die Grossbank gab das US-Geschäft auf, doch die USA liessen nicht locker, forderten 52 000  Kundendaten von Schweizer Banken. Im Sommer 2009 schloss die Schweiz ein Abkommen mit den USA und lieferte 4450 Kundendaten. Derzeit bemüht man sich in Bundesbern um eine Globallösung für alle Schweizer Banken.

Ausgerechnet während der grossen Jagd der US-Behörden auf reiche Steuerkriminelle ging die Bank Wegelin auf Kundenfang. Die Anklageschrift gegen drei Wegelin-Banker liest sich wie ein Krimi: Über die Website swissprivatebank.com konnten US-AmerikanerInnen Kontakt mit der Bank aufnehmen, wenn sie ein Konto eröffnen wollten. Anwälte richteten Scheinfirmen in Liechtenstein, Hongkong oder Panama ein, um die wahren Besitzverhältnisse der Konten zu verschleiern. Die Wegelin-Berater wiesen ihre KundInnen an, nicht aus den USA anzurufen und keine Mails zu schicken. Lieber, so heisst es in einem Fall, sollte der Kunde über SMS kommunizieren, weil die Strafverfolgungsbehörden die riesigen Datenmengen, die weltweit verschickt werden, nicht verfolgen könnten. Ein Kunde wollte bei Anrufen seinen Namen nicht nennen, weshalb er den Codenamen «Elvis» benutzte. Die Bank nahm auch Dokumente von KundInnen an, die bescheinigten, dass ihr Konto nicht vor dem Steueramt versteckt worden sei, wobei es doch gerade zu diesem Zweck bei Wegelin eröffnet worden war. Die Vermögen auf undeklarierten Konten der Bank stiegen von 240 Millionen im Jahr 2005 auf 1,2 Milliarden US-Dollar im Jahr 2010.

Den Schmerz spüren

Die Bank Wegelin wähnte sich in Sicherheit, hatte sie sich doch personell gut gerüstet, um als Krisengewinnerin vom UBS-Debakel zu profitieren: Christian Hafner, der Leiter der Zürcher Filiale, arbeitete zuvor in der Vermögensverwaltung der UBS. Nach seiner Beurlaubung bei Wegelin hat er vorübergehend auch sein Engagement bei der Kinderhilfe Terre des hommes niedergelegt. David Zollinger, Mitglied der Wegelin-Geschäftsleitung, arbeitete zuvor als Geldwäschereiexperte für die Zürcher Staatsanwaltschaft. Er soll gemäss Anklageschrift, in der er als «Executive A» betitelt wird, Kundengesprächen beigewohnt und gesagt haben, dass man von diesen Kunden «hohe Gebühren» verlangen könne, «weil sie Angst vor einer Verfolgung in den USA» hätten. Die Bank Wegelin «verwahrt» sich dagegen, «die in der Anklageschrift als ‹Executive A› bezeichnete Person aufgrund einer Ähnlichkeit in einem Punkt mit Herrn David Zollinger gleichzusetzen».

Die Bank Wegelin ist Geschichte. Das ist ein harter Schlag für Konrad Hummler, den lauten Teilhaber der Bank. Als Hummler 1991 bei Wegelin einstieg, beschäftigte die kleine St. Galler Bank 27 Angestellte. Er baute sie zu einer führenden Privatbank mit zahlreichen Filialen auf. Dabei machte er nie einen Hehl daraus, dass er auch an Schwarzgeld verdiente. Jetzt stellt er sich als «Opfer einer grösseren Sache» dar, wie er der Zeitung «Sonntag» verriet.

Seine Freunde feiern Hummler als Winkelried, der Verantwortung übernommen habe. Doch es bleibt die Frage, ob die Restbank Wegelin überhaupt noch von einer Klage bedroht ist und ob Hummler und seine Kollegen tatsächlich von den USA gebüsst werden. Angst, von den USA bis aufs letzte Hemd ausgezogen zu werden, hat Hummler anscheinend nicht: Seine Villa in Teufen bei St. Gallen läuft nach wie vor auf seinen Namen.

Hummlers Schwarzgeldstrategie ist in der Schweiz nicht strafbar, aber die Richtlinien der Bankiervereinigung untersagen die aktive Beihilfe zur Steuerhinterziehung. Die UBS wurde 2008 von der Finanzmarktaufsicht Finma dafür gerügt. Zum Fall Wegelin will sich die Finma allerdings nicht äussern. Man erteile keine Auskunft zu einzelnen Verfahren.

Der 82-jährige ehemalige UBS- und Wegelin-Kunde Kenneth Heller, der wegen seiner Ausbrüche auch als «Heller the Yeller» bekannt ist, wurde Ende Januar zu einer 45-tägigen Haftstrafe verurteilt. Obwohl sein Anwalt klagte, Heller sei körperlich in schlechter Verfassung, hielt der Richter an einer Gefängnisstrafe fest. Heller müsse den «Stich und den Schmerz» spüren, einige Zeit in der Zelle zu verbringen. Das sei nötig, um andere von der Steuerhinterziehung abzuhalten.

Mitarbeit: Roman Elsener, New York