Nr. 06/2012 vom 09.02.2012

Warten auf den letzten Akt der Revolution

Was bleibt ein Jahr nach den Aufständen in Ägypten und Tunesien vom demokratischen Aufbruch übrig? Die WOZ hat die ägyptische Schriftstellerin Salwa Bakr und den tunesischen Filmemacher Lassaad Dkhili in Zürich zum Gespräch getroffen.

Von Yves Wegelin

Eine Militärjunta, die das Land regiert, Islamisten auf dem Vormarsch, immer wieder Ausschreitungen: Was ist von den ägyptischen RevolutionärInnen geblieben, die vor einem Jahr ihren Despoten zum Teufel jagten? Salwa Bakr schaut sich im Zürcher Café kurz um und sagt: «Ihr im Westen tut, als sei die arabische Revolution ein Kinofilm: Alle warten auf den letzten Akt.» So aber funktioniere das nicht. Die Revolution werde Jahre dauern.

Seit dem Tag der ersten grossen Kundgebung auf dem Tahrirplatz in Kairo, sagt die 62-jährige ägyptische Schriftstellerin, sei sie wie reingewaschen. Von innen her. So wie Millionen andere ÄgypterInnen auch. Die über Jahre erlittene Repression und die entsprechende innere Anspannung seien damals wie verflogen. Lassaad Dkhili, 53, tunesischer Filmemacher, nickt: «Am 14. Januar wurden wir Tunesier von Fremden im eigenen Land zu Staatsbürgern mit politischen Rechten, von Unterdrückten zu freien Menschen. Wir haben die Nationalflagge zurückerobert – und unser Land.»

Der 14. Januar 2011. Das war der Tag, an dem Tunesiens Diktator Zine al-Abidine Ben Ali nach 24 Jahren an der Macht im Privatjet nach Saudi-Arabien floh, nachdem einen Monat lang Hunderttausende TunesierInnen gegen ihn auf die Strasse gegangen waren; die Demonstrationen ausgelöst hatte der Gemüsehändler Muhammad Buazizi aus der Provinzstadt Sidi Buzid, der sich aus Protest gegen die Beschlagnahmung seines Verkaufsstands angezündet hatte. Dann sprang der Funke auf Ägypten über. Nach zwei Wochen landesweiter Massenproteste trat am 11. Februar 2011 auch der ägyptische Präsident Hosni Mubarak nach dreissig Jahren von der Bühne ab.

Die Demokratie

Und es gehe vorwärts in seinem Land, sagt Dkhili: «Wenn ich sehe, was innerhalb eines Jahres alles geschehen ist, kann ich nur optimistisch sein. Wir sind daran, die Demokratie zu erlernen: unabhängige Verbände zu schaffen, Parteien zu gründen – von linksextremen bis ganz rechten. Auf der Strasse oder auch in Filmen das zu sagen, was man denkt: Das ist doch bereits Demokratie!» Natürlich, sagt Dkhili, bestehe das Risiko weiter, dass die Revolution verraten werde. Gewisse Leute versuchten, ihre verlorenen Privilegien wiederzugewinnen. «Doch die andere Seite ist stark: Und diese hat den grossen Wunsch und Willen, eine neue, gerechtere Gesellschaft zu schaffen.»

Allerdings, bemerkt Dkhili, habe Tunesien im Vergleich zu anderen arabischen Ländern speziell gute Karten: «Tunesiens erster Präsident, Habib Burguiba, war ein aufgeklärter Diktator. Ein Diktator, der alles in die Bildung investierte; sein Nachfolger Ben Ali schuf dann zwar eine Generation ohne Bücher – dafür erhielt sie das Internet.» Es seien diese aufgeklärten Menschen gewesen, die die Diktatur stürzten und das Land nun in ihren Händen hielten. «Hinzu kommt: Das tunesische Regime war nie primär ein militärisches. Ben Ali war mehr Bulle als Militär.» Deshalb habe man es nun auch nicht mit einer übermächtigen Militärjunta zu tun, die sich an die Macht klammern würde.

Anders in Ägypten. Mit Mubaraks Abgang fiel lediglich die zivile Fassade, die das Militär dahinter zum Vorschein brachte. Und dieses hält nun an der Macht fest.

«Das stimmt», sagt Salwa Bakr, «doch täglich gehen die Proteste weiter. Ich kenne einen Arzt, der zu Beginn der Revolution ein Auge verlor – letzten November das zweite. Und er geht weiterhin auf die Strasse.» Irgendwann werde das Militär die Macht abgeben müssen, sonst werde es zu einer Art Bürgerkrieg kommen. Die ägyptische Armee, so Bakr, sei ein Abbild der ägyptischen Gesellschaft – sie rekrutiere sich aus allen Klassen. Eskaliere die Konfrontation, könnten die Soldaten irgendwann die Befehle ihrer Vorgesetzten verweigern. Und das Militär drohte auseinanderzubrechen.

Auch wenn an der Oberfläche noch keine grossen Änderungen zu beobachten seien, sagt Bakr: «Darunter verbirgt sich die Zukunft. Denn: Was wir erleben, ist nicht nur eine politische Revolution. Sondern eine Kulturrevolution!»

Es gehe um einen Kampf zwischen alten und neuen Werten, zwischen der alten und einer neuen Generation. Eine Generation, so Bakr, die auch sie lange nicht verstanden habe: «Mein neunzehnjähriger Sohn interessiert sich für Computer, Facebook, für Hip-Hop. Ich dachte, seine Generation würde nie die Verantwortung für die politischen Geschäfte übernehmen. Und auf einmal stellte ich fest: Diese Generation ist stark, verantwortungsvoll – und auf eine bestimmte Art sogar weise.»

«Und was sind das für Werte?» – «Werte der Demokratie», antwortet Bakr. «Mein Sohn sagt, wir Alten seien zu wenig demokratisch, würden alles entweder schwarz oder weiss sehen. Seine Generation sind die Anhänger der Facebook-Demokratie: Du sagst deine Meinung, ich sag meine – und das wars. Meinungsunterschiede werden akzeptiert. Es gibt nicht mehr diese unüberbrückbaren Konflikte wie früher etwa zwischen Trotzkisten und Maoisten.»

Dieser Wertewandel zeige sich auch unter den Islamisten, welche in beiden Ländern bei den Wahlen zur stärksten Kraft avancierten. «Gerade vor ein paar Tagen prangerten junge Muslimbrüder öffentlich das autoritäre Gebaren der alten Führung an», sagt Bakr. Dkhili betont: «Tunesiens Bevölkerung ist ländlich, schlecht gebildet – und die Islamisten haben vierzehn Jahrhunderte Geschichte hinter ihnen. Darum sind sie stark. Doch in Tunesien haben sie nicht mehr den Mut, sich selbst als Islamisten zu bezeichnen. Sie beschreiben sich als ‹staatsbürgerliche Partei mit islamischen Referenzen› – das ist ein Punkt für uns.»

Den Grund dafür, sagt Dkhili, zeige folgende Geschichte: Islamisten hätten einen Fernsehsender, der den iranischen Zeichentrickfilm «Persepolis» ausgestrahlt hatte, angeklagt, weil darin Gott dargestellt wurde – was im schiitischen Islam zulässig sei. «Sie sagen, das sei Blasphemie. Kommt es zu einem positiven Urteil, wäre das der erste freie Meinungsprozess im neuen Tunesien – einem Land also, das sich eben gegen die Diktatur und für die freie Meinungsäusserung erhoben hat.» Die islamistische al-Nahda habe deshalb erklärt, sie sei gegen den Prozess. «Sie kann es sich nicht leisten, hinter einem Meinungsprozess zu stehen.»

Also machen die Islamisten eine ähnliche Entwicklung durch wie einst die Katholiken, die zu ChristdemokratInnen wurden? – «Ja, das ist das, was die al-Nahda sein will: eine islamisch-demokratische Partei.»

Der Protest der Frauen

Und die Salafisten, die bei den ägyptischen Wahlen über ein Viertel der Stimmen erreichten? Hat Salwa Bakr keine Angst vor ihnen? Schliesslich predigen die Salafisten weitaus rigidere Normen als die Muslimbrüder. «Angst?», fragt Bakr. Sie verstehe die Frage nicht: «Vor dem, was sie tun könnten?» Nein, sie habe keine Angst, sagt Bakr nach kurzer Pause.

Auch sie habe eine Geschichte zu erzählen: Salafisten hätten kürzlich irgendwo im Nildelta einen Coiffeursalon gestürmt und den Frauen befohlen, die Arbeit niederzulegen, weil der Islam diese für Frauen angeblich verbiete. «Die Frauen sind auf die Männer los und haben sie in die Flucht geschlagen. Wissen Sie: Die meisten Ägypter sind Bauern, und die Familien sind auf die Arbeit der Frauen angewiesen. Deshalb ist es für Salafisten schwierig, ein Arbeitsverbot zu fordern.» 

Die Revolution, sagt Bakr, bedeute für die Frauen auch die Gelegenheit, sich gegen alte Werte aufzulehnen, die ihre gesellschaftliche Rolle bestimmen. «Ich war verblüfft, als ich zu Beginn der Proteste sah, wie viele Frauen auf der Strasse waren. Nicht nur junge gebildete, sondern auch wenig gebildete aus armen Klassen, die sich für Politik interessieren.»

Und der Westen?

Und was halten die beiden vom Westen? Jahrzehntelang haben die westlichen Länder die arabischen Despoten gestützt. Mit Geld und Waffen – die Schweiz mit schwarzen Konten. Erst als sie merkten, dass die Revolution gelingen würde, wechselten sie über Nacht die Seite. Sind sie wütend? «Nein», sagt Bakr, «der Westen ist keine Einheit. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und Sie sind beide aus dem Westen. Doch sie denken und handeln verschieden.» Sie telefoniere regelmässig mit FreundInnen aus Europa, die sehr kritisch seien. «Doch tatsächlich betrachtet ein grosser Teil des Westens den Nahen Osten allein aus dem Blickwinkel des eigenen Nutzens.» Tunesien, Ägypten, der ganze Nahe Osten: Für den Westen sei das eine Ölquelle, ein Markt für Mercedes oder Volkswagen und eine Tourismusdestination.

Dkhili sieht das ähnlich: «Der Westen soll endlich aufhören, uns nur aus der Perspektive der eigenen Wirtschaftsinteressen zu sehen. Und zu diesem Zweck mit Diktaturen zu paktieren, Menschenrechtsverletzungen zu tolerieren und internationales Recht zu verletzen.» Allem voran müsse das palästinensische Volk endlich seinen Staat erhalten. Ansonsten werde der Konflikt weiterhin von Diktatoren instrumentalisiert und den Islamisten zudienen.

«All dies muss aufhören», wiederholt Dkhili. «Der Westen muss anfangen, uns endlich als Menschen wahrzunehmen.»

«Arabesken der Revolution»

Frühlingsgedanken

«Arabesken der Revolution. Zornige Tage in Tunis, Kairo …» So lautet der Titel eines Buchs, das der 45-jährige Schweizer Schriftsteller Roland Merk Ende 2011 in der Edition 8 herausgegeben hat. Merk, der den Beginn der Revolution in Tunesien selbst miterlebte und sich seit Jahren mit der arabischen Welt auseinandersetzt, hat einen packenden Sammelband vorgelegt, in dem ägyptische, tunesische, palästinensische und algerische Schriftstellerinnen, Filmemacher, Journalistinnen, Dichter und Wissenschaftlerinnen ihre Erlebnisse und Gedanken über den Arabischen Frühling in Reportagen, Tagebuchaufzeichnungen, Essays, Erzählungen und Gedichten darlegen. Das Buch schliesst mit einem Beitrag Kathrin Lötschers zur Mediatisierung der arabischen Revolutionen und einem Essay von Roland Merk über die Doppelmoral des Westens und den Einfluss der arabischen Revolutionen auf Europa.

Die ägyptische Schriftstellerin Salwa Bakr und der tunesische Filmemacher Lassaad Dkhili, mit denen die WOZ gesprochen hat, waren Anfang 2012 Gast bei den «Fabrikgesprächen» in der Roten Fabrik.

Roland Merk (Hrsg.): «Arabesken der Revolution. Zornige Tage in Tunis, Kairo …». Edition 8. 
Zürich 2011. 256 Seiten. 28 Franken.

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