Nr. 12/2012 vom 22.03.2012

Noch reiben die Brüder sich die Augen

Die Geschichte hat Ägyptens Muslimbrüder in die politische Verantwortung katapultiert. Nun müssen sie eine Revolution zu Ende bringen, die sie nicht begonnen haben. Doch wohin werden sie Ägypten führen?

Von Amir Ali, Kairo

Wie ein Sieger sieht er nicht aus. Muhammad al-Beltagy sitzt im fahlen Neonlicht des engen Parteibüros, klickt auf seinem Handy schon wieder einen Anruf weg und wartet dann auf die erste Frage. Der 49-jährige Arzt mit dem hängenden Schnauz und den glänzenden Augen, den alle nur den «Doktor» nennen, wirkt müde und abgekämpft. «Es war ein langes, ein anstrengendes Jahr», sagt er. «Ein Jahr voller Ängste und Freuden.»

Für Beltagy, ranghohes Mitglied der Muslimbruderschaft und Abgeordneter ihrer Partei für Freiheit und Gerechtigkeit (FJP) in Ägyptens Volksversammlung, war es ein Kampf an zwei Fronten. Nichts erinnert heute daran, dass der hochgewachsene Mann im dunklen Anzug zwei Wochen lang in der Zeltstadt auf dem Tahrirplatz wohnte, demonstrierte und inmitten von Tränengas Polizisten und Armeepanzern gegenüberstand – bis zum Ende des Autokraten Hosni Mubarak.

Beltagy bekannte sich vom ersten Tag an zum Aufstand, und die Präsenz des Doktors auf dem Platz forderte die oberste Führung der Bruderschaft heraus. Hier lag Beltagys zweite Front. Die alte Garde hatte ihre Fusssoldaten dazu aufgerufen, den Protesten fernzubleiben. Erst als nach einigen Tagen halb Ägypten auf der Strasse war, erst als klar wurde, dass die Schwelle zur Revolution überschritten war, gaben sie grünes Licht. Ohne Leute wie Beltagy hätte die Bruderschaft ihre Glaubwürdigkeit bereits zu Beginn verspielt.

«Ich bin sicher, die junge Generation macht weiter. Sie hat dieses Regime gestürzt, und sie wird den Weg des Wandels weitergehen. Das ist das Wichtigste», sagt Beltagy. Er wird nicht müde, bei Auftritten und in Talkshows den Rücktritt der Militärregierung zu fordern, die nach Mubaraks Sturz offiziell die Macht übernahm. Einen «Staat im Staat» nennt er die Generäle, die sich zu retten versuchten, indem sie Mubarak opferten.

Die Autorität der alten Männer

Beltagy steht für jenen Teil der Bruderschaft, der sich mit der Protestbewegung identifiziert und damit unweigerlich die Autorität der bärtigen alten Männer infrage stellt. Die haben sich für eine behutsamere Gangart im Kampf um die Macht entschlossen. Sie verurteilen die anhaltenden Streiks der ArbeiterInnen und die Proteste gegen den Militärrat als «unislamisch» und schädlich für das Land.

Auf die Frage, ob die Bruderschaft nach ihrem Wahlsieg den Anschluss an ihre eigene Zukunft verliere, zögert Beltagy. «Diese junge Generation ist auch bei uns in der Bruderschaft vertreten», sagt er schliesslich. «Sie stellen sicher, dass der Dialog mit dem Platz nicht abbricht.»

Die Geschichte hat die Bruderschaft gelehrt, sich in ihrem Verhältnis zur Macht von Vorsicht leiten zu lassen. König Faruk und Präsident Gamal Abd en-Nasser in den fünfziger und sechziger Jahren, sein Nachfolger Anwar al-Sadat in den Siebzigern und schliesslich Mubarak ballten die ausgestreckte Hand jeweils zur eisernen Faust, sobald die Bewegung zu sehr zu erstarken drohte. Als der Aufstand vor einem Jahr ausbrach, sassen viele der führenden Muslimbrüder noch im Gefängnis.

Die Macht der Generäle

Jetzt sind die Karten neu verteilt. Die seit sechzig Jahren herrschende militärische Elite, aus der die drei Präsidenten kamen, kann nicht mehr einfach während des Spiels die Regeln ändern. Zu wachsam sind die Augen der ÄgypterInnen auf sie gerichtet, zu gross ist das Selbstvertrauen der Tahrir-Bewegung, die sich als einzige wirksame Waffe gegen eine ausser Kontrolle geratene Macht entdeckt hat.

Die Brüder reiben sich noch immer die Augen: Von der Geschichte ins Rampenlicht katapultiert, sollen sie nun eine Revolution zu Ende bringen, die sie nicht begonnen haben.

Sie haben allen Grund, dabei nicht allzu forsch vorzugehen. Zu starker Druck könnte die Generäle dazu verleiten, ihre Macht rücksichtslos auszuspielen: Die Streitkräfte, die Geheimdienste und die Polizeikräfte sind nach wie vor in ihren Händen, genauso wie die Exekutive auf allen Ebenen des Staats.

Die Brüder dagegen dominieren das Parlament. Im Justizapparat sowie in wichtigen Berufsverbänden wie jenen der Anwälte, der Ingenieurinnen oder der Ärzte sind sie seit langem gut vertreten. Das Feld, auf dem sie die Generäle schlagen müssen, ist die Aushandlung der neuen Verfassung. Vorerst aber scheint man sich auf eine Teilung der Macht eingestellt zu haben. Im Übergangskabinett haben die Brüder sämtliche Schlüsseldossiers in den Händen von Militärloyalisten belassen.

«Wir haben erst gerade mit dem Umbau des Staats begonnen. Aber wir sind auf gutem Weg», sagt Ahmed Sobea, der Medienchef der FJP. «Das ägyptische Volk hat uns eine grosse Verantwortung übertragen. Deshalb beobachten uns die Leute auch sehr genau.» Die Revolution hat die Brüder zwar näher zur Macht gebracht als je zuvor. Gleichzeitig wächst die Skepsis.

Sobea, ein kleiner Mann mit strengem Gesicht, lässt den Blick aus seinem Büro über den Nil und das dahinter liegende Stadtzentrum schweifen. Am anderen Ende des Flurs richten ein paar junge Männer ein kleines Fernsehstudio her. Seit das Regime gefallen ist und sich die Brüder frei organisieren dürfen, haben sie Zeitungen und einen Fernsehsender lanciert. Auf diesen Kanälen zeichnen sie das Bild einer religiös inspirierten, aber moderaten Partei.

«Äusserlichkeiten interessieren nicht»

Was die Bruderschaft will, ist alles andere als klar. Ihr Wahlprogramm enthält eine Fülle von Ideen und Forderungen, auch solche, die aufhorchen lassen: Die FJP will nicht nur «die Regierung und die staatlichen Institutionen reformieren». Sie äussert auch den Anspruch, auf «das Individuum, die Familie, die Gesellschaft» zuzugreifen.

Hier vermischen sich die Anliegen der Bruderschaft als Hüterin von Anstand und Rechtschaffenheit mit der Aufgabe ihres neuen politischen Arms. Die FJP dominiert zwar das Parlament, hat aber keine absolute Mehrheit. Dass sie mit den fundamentalistischen Salafisten eine konservative Allianz bildet, wird immer weniger wahrscheinlich. Im Gegenteil zeichnet sich zwischen ihnen ein Gerangel um die Deutungshoheit über islamische Werte ab.

Um jedoch ein handlungsfähiger und verlässlicher politischer Partner für säkulare und liberale Kräfte im Parlament zu sein, muss sich die Partei von den strengen moralischen Vorstellungen ihrer Mutterbewegung emanzipieren.

Der Islam der Bruderschaft begnügt sich nicht mit Vorstellungen zur spirituellen Sphäre. «Es geht nicht nur darum, wie man Gott verehrt. Sondern darum, wie man mit Problemen und Fragen des Lebens umgeht», sagt Dina Zakaria. Die junge Frau mit dem lila Kopftuch ist eine Aushängeschild im Kampf der FJP um ein gemässigtes Image. Die ehemalige TV-Moderatorin sitzt im aussenpolitischen Komitee der Partei, eben erst schickte man sie nach Brüssel, wo sie auf Einladung des Europäischen Parlaments die Ideen der Muslimbrüder vorstellte.

Zakaria hat Verständnis für die SkeptikerInnen – und versucht, ihre Zweifel zu zerstreuen. Der Islam habe den Frauen zu ihren Rechten verholfen, damals, vor Hunderten von Jahren. Die Gewalt gegen Frauen, die Unterdrückung, von der heute fast jede Ägypterin betroffen ist – das sei ein gesellschaftliches Problem, kein religiöses. Die Frustration unter dem System Mubarak, gerade in den unteren Schichten, habe Millionen von Männern zu Gewalttätern gemacht. «Wenn wir eine gerechte Gesellschaft aufbauen, wird sich dieses Problem von selbst lösen», ist Zakaria überzeugt. «Und dieses System wird vom Islam inspiriert sein.»

Zur Kooperation gezwungen

Ohnehin kümmern Buchverbote oder Rocklängen die meisten ÄgypterInnen derzeit wenig. Vorerst geht es um Brot und Jobs. In ihrer ersten Legislatur als neue starke Kraft wird man die Muslimbrüder daran messen, ob sie die Wirtschaft so in Gang bringen können, dass alle davon profitieren.

Auch was das angeht, sind die Muslimbrüder zur Kooperation gezwungen. Ägypten, gebeutelt von jahrzehntelanger Misswirtschaft und einem Revolutionsjahr, liegt ökonomisch am Boden. Seit der TouristInnenstrom versiegt ist und keine Devisen mehr ins Land fliessen, haben die Generäle einen Grossteil der Währungsreserven zur Stützung des Pfunds ausgegeben. Die dreizehn Milliarden US-Dollar an Krediten und Darlehen, die sie in Europa und im Nahen Osten aufgenommen haben, verschärfen die Verschuldung. Das Wachstum ist von fünf Prozent in Mubaraks letztem Amtsjahr auf ein Prozent geschrumpft, die Arbeitslosenquote schnellte in die Höhe. Der Finanzminister gab kürzlich bekannt, der Staat benötige für die nächsten achtzehn Monate elf Milliarden Dollar Hilfe – nur, um nicht bankrottzugehen.

Die Partner aus der islamischen Welt haben sich bisher als unzuverlässig erwiesen. Die reichen sunnitischen Ölstaaten am Golf liessen ihren Versprechen kein Kapital folgen. Dafür schnürt der Internationale Währungsfonds (IWF) derzeit ein Hilfspaket von über drei Milliarden Dollar. Die gibt es natürlich nicht umsonst. Neben den Zinsen verlangt der IWF wie immer Reformen. Subventionen für Alltagsgüter, die ein Fünftel des Staatsbudgets ausmachen, sollen gekürzt werden – obwohl die Leute jetzt schon für subventioniertes Brot Schlange stehen.

Den ÄgypterInnen, von denen fast ein Viertel unter der Armutsgrenze lebt, werden solche Einschnitte nicht einfach beizubringen sein. «Wir sind für jede Art von Hilfe offen, aber wir dulden keine Einmischung in unsere inneren Angelegenheiten», meinte Aussenpolitikerin Dina Zakaria auf die Frage, wie man sich gegenüber westlichen Geldgebern zu verhalten gedenke. Zwei Wochen später stellten sich Bruderschaft und FJP explizit hinter das Abkommen mit dem IWF, der wohlweislich die Zustimmung der potenziellen Regierungspartei zur Bedingung für die Milliarden gemacht hatte.

Die EU als Vorbild

Was die langfristige Vision angeht, werden die Brüder klarer: Sie wollen Ägypten zu altem Glanz verhelfen und die einstige Führungsrolle in der Region wiedererlangen. Ahmed Sobea träumt von einer Islamischen Union, einem wirtschaftlichen Zusammenschluss mit der Türkei, dem Maghreb, den Golfstaaten und Pakistan. Sogar die SchiitInnen im Iran, mit denen die Beziehungen seit Ägyptens Friedensvertrag von 1977 mit Israel frostig waren, sieht er in dieser Union. Gerade eben hat Teheran Direktinvestitionen von fünf Milliarden Dollar zugesagt.

«Wir sollten unsere wirtschaftliche Position gegenüber dem Westen stärken. Wir haben ein Recht darauf, in der Welt gut dazustehen», sagt Sobea, der auch Kairo-Chef von al-Aqsa TV ist, einem Agitpropsender der Hamas. Sein Vorbild ist die Europäische Union.

Weshalb eine Islamische Union und nicht eine geografische mit dem nördlichen Mittelmeer? «Die USA unterstützen Israel bedingungslos gegen die Palästinenser, sie führen Krieg im Irak und in Afghanistan, die EU bezieht keine Position. Das geht nicht. Wir müssen uns in eine Stellung bringen, aus der wir die Verhältnisse nach unseren Interessen und Werten beeinflussen können.»

Parlamentarier Muhammad al-Beltagy drückt sich etwas diplomatischer aus: «Wir wollen mit dem Westen Beziehungen auf Augenhöhe. Eine Partnerschaft, keine Abhängigkeit.» Sein Kampf wird weitergehen. «Wir haben einen langen Weg vor uns», sagt er zum Abschluss, schon in der Tür und auf dem Weg zur nächsten Sitzung. Meint er die Bruderschaft oder das Land? Der Doktor dreht sich noch einmal um und schmunzelt: «Das besprechen wir das nächste Mal.»

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