Nr. 12/2012 vom 22.03.2012

«Wenn ich Theater spiele, bin ich glücklich»

Per Zufall 2007 in der Schweiz gelandet und dann hiergeblieben: Ein Asylbewerber aus dem Iran erzählt über sein Engagement im Theater, das ihn lebendig hält.

Von Silvia Süess (Text) und Andreas Bodmer (Foto)

«Mein Traum wäre, einen Dokumentarfilm über Flüchtlinge zu drehen»: Benjamin Jafari (Mitte) bei den Proben zu «WG Babylon».

Gegen Ende des Gesprächs serviert Benjamin Jafari Vanilleglace. Er liebe Eis, sagt er, «aber im Iran schmeckt es irgendwie einfach besser – vielleicht weil es dort mehr Sonne gibt?»

Jafaris Zimmer ist eng. Er lebt in einer Notunterkunft in Glattbrugg, das Zimmer teilt er mit zwei anderen Männern. Drei Betten, ein Tisch, zwei Stühle und zwei Kühlschränke füllen den kleinen Raum bereits aus. Die Rollläden sind geschlossen, an der nackten Glühbirne baumelt eine rote Dufttanne «Wunderbaum Lavendel». Über Jafaris Bett hängt ein Traumfänger, den ihm eine Freundin geschenkt hat, daneben grosse Kopfhörer, ein Kalenderbild mit einem Igel, ein persisch geschriebener Spruch, die Kopie einer Ernährungspyramide, ein kleines Transparent «Flucht ist kein Verbrechen». Und eine weisse Maske, deren Mund mit schwarzem Klebeband zugeklebt ist. Die trug er am 13. März, als er mit dem Sans-Papiers-Kollektiv das SP-Präsidium in Bern besetzte.

Jafari ist kein Sans-Papiers, sondern ein Asylsuchender aus dem Iran mit Ausweis N – er wartet auf einen Entscheid des Bundesamts für Migration. Schon seit mehreren Jahren ist er aktiv und verleiht den Asylsuchenden und Sans-Papiers eine Stimme und ein Gesicht: in Theatern, Filmen und Performances.

Dem Tag eine Struktur geben

Aktuell steht Jafari im Zürcher Theaterhaus Gessnerallee auf der Bühne, wo er in «WG Babylon. Eine Performance sucht Asyl» mitspielt. Das Stück, das in Zusammenarbeit mit der Autonomen Schule und der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) entstanden ist, greift in kurzen Szenen Themen wie Migration oder die Schwierigkeiten Asylsuchender in der Schweiz auf. Den Text des Stücks haben Studierende der ZHdK geschrieben, und zwar aufgrund der Erzählungen der Mitglieder der Truppe, die aus der ganzen Welt kommen.

Für Jafari ist Theater die Möglichkeit, politisch aktiv zu sein und seine Anliegen und Ansichten vor ein Publikum zu bringen. Diese formuliert er auch im Gespräch klar und deutlich: «Einerseits braucht die Schweiz die Ausländer zum Arbeiten. Andererseits macht sie die Asylsuchenden zu Kriminellen, denn weil diese nicht arbeiten können und so kein Geld haben, beginnen manche zu klauen.» – «Die Schweiz sagt, sie sei gegen Terroristen, warum steckt dann so viel Geld von terroristischen Regimes in den Schweizer Banken?» – «Warum hat bis jetzt niemand von der Schweizer Regierung über die schrecklichen Massaker in Syrien gesprochen?» – «Die Schweiz nimmt die Rohstoffe der anderen Länder, will aber die Menschen von dort nicht!»

Jafari hat im Iran Politikwissenschaften studiert. Politik interessiert ihn noch immer. Manchmal besucht er an der Uni Zürich eine Vorlesung, oft geht er in die Bibliothek. «Im Moment lese ich Bücher über das politische System der Schweiz. Ich will lernen, wie das Land funktioniert und wie die Schweizer leben.» Er würde gerne arbeiten, einen strukturierten Tagesablauf haben und sein eigenes Geld verdienen. Doch mit einem N-Ausweis ist das fast unmöglich, kaum ein Arbeitgeber stellt einen Asylsuchenden an.

So versucht Jafari, seinen Tagen selbst eine Struktur zu geben, lernt fleissig Deutsch und agiert im Moment vor allem auf der Bühne. «Wenn ich Theater spiele, bin ich glücklich und denke nicht zu viel über all die anderen Dinge nach.» Am liebsten würde er als Schauspieler arbeiten. Doch dafür reiche sein Deutsch noch nicht: «Wenn ich gut Deutsch könnte, wäre vieles besser. Ich habe so viel verloren wegen der Sprache, so viele Sachen …»

Ein schönes Hobby

Als er 2007 in der Schweiz ankam, musste er mit vielem von vorne beginnen. Eine Sprache nicht zu können, sei schrecklich: «Ich fühlte mich wie ein kleines Kind und wurde von meinem Umfeld zum Teil auch so behandelt.» Deshalb habe er die Sprache auch so schnell wie möglich gelernt. Jafari spricht fliessend, sein Wortschatz ist gross, und er drückt sich differenziert aus. Ist er bei einem Ausdruck unsicher, fragt er nach, oder dann umschreibt er ihn.

Er lebte erst kurze Zeit in der Schweiz, als ihn die Deutschlehrerin im Durchgangszentrum fragte: «Benjamin, was ist dein Hobby?» Seine Antwort, nach kurzem Nachdenken: «Erotik.» Sie, leicht irritiert: «Was, Erotik?» Er: «Ja, ich mache das jeden Tag.» Sie lachte: «Wie?!» Da stand Benjamin auf und machte rhythmisch einen Schritt nach vorne, einen zurück. Jetzt lachte die Lehrerin herzhaft: «Ah, du meinst Aerobic!» Auch Benjamin lacht, als er die Geschichte erzählt. Doch er ist froh, dass ihm heute kaum noch solche Missverständnisse passieren.

Ein Mensch zweiter Klasse

Durch das offene Fenster hört man das eintönige Summen von Autos – gleich hinter dem Haus führt eine Autobahn durch. Das Asylzentrum steht inmitten eines Industrieviertels, Nachbarn gibt es keine, was Jafari bedauert. Das Leben im Asylzentrum sei schwierig, das Zimmer klein, die Leute zu unterschiedlich für ein so enges Zusammenleben. Er hat nicht viel Kontakt mit seinen Mitbewohnern. Lieber trifft er sich mit Freunden, die er über die Theaterprojekte oder über die Autonome Schule Zürich kennengelernt hat, lädt sie ein und kocht etwas Feines für sie.

Seit 2009 spielt er in Theaterprojekten über, von und mit Asylsuchenden. Jafari ist Protagonist im Film «Kein Mensch ist illegal» von Simon Labhart und Tina Bopp. Während Sans-Papiers 2010 die kleine Schanze in Bern besetzt hielten, trat er mit einem Theaterstück über die Absurditäten des Asylverfahrens in der Schweiz auf. Er hat den «Bleibeführer Zürich» mitinitiiert und gestaltet: ein Heft für Asylsuchende, das sie informiert, wo sie günstig einkaufen können, wo sie Hilfe erhalten oder wo Gefahr in Form von Polizisten lauert.

«Ich weiss nicht, warum die Schweizer so grosse Angst vor den Ausländern haben. Ich glaube, das liegt auch an diesen schrecklichen Plakaten, mit denen gegen alle Ausländer gehetzt wird.» Doch er frage sich sowieso immer, wozu es diese Unterteilung gebe in «Schweizer», «Iraner», «Europäer». «Wer hat gesagt, wer was ist?», fragt Jafari. «Warum ist jemand mehr wert als jemand anders? Selbst wenn ich einen Schweizer Pass hätte, wäre ich hier in der Schweiz ein Mensch zweiter Klasse!»

Die Sieben als Glückszahl

Warum Jafari aus dem Iran geflohen ist, möchte er nicht in der Zeitung lesen. Nur so viel: Dass er in der Schweiz gelandet ist – ein Zufall. Und dass er überhaupt irgendwo angekommen ist – Glück. Er sei am 7.7.2007 in die Schweiz eingereist und habe im Durchgangszentrum im Zimmer sieben gewohnt. Jemand sagte ihm dann, dass in der Schweiz die Zahl Sieben eine Glückszahl sei. Und, ja, er habe viel Glück gehabt in seinem Leben, bei allem Unglück: «Ich habe hier in der Schweiz ganz tolle Menschen getroffen, die mir unglaublich geholfen haben.» Vermissen aus dem Iran tue er nichts, ausser seine verstorbene Mutter. «Wenn ich in der Schweiz bleiben kann, möchte ich einen Dokumentarfilm über Flüchtlinge drehen. Das wäre mein Traum.» Dann räumt Jafari die leeren Glacebecher weg, zieht sich ein Hemd über und macht sich auf den Weg in die Stadt.

Nachtrag: Für die Mitbenutzung des kleinen Zimmers, eines Aufenthaltsraums und einer düsteren Küche im Keller werden Jafari pro Monat 700 Franken verrechnet. Auf seinem Stock leben zehn Männer, das Haus ist zweistöckig. Macht 7000 Franken pro Stock. Die Notunterkunft wird von der privaten Dienstleistungsfirma ORS (siehe WOZ Nr. 49/11 und 50/11) betrieben.

«WG Babylon. Eine Performance sucht Asyl» in: Zürich, Theaterhaus Gessnerallee, Do/Fr, 
22./23. März 2012, 19.30 Uhr. www.gessnerallee.ch

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