Nr. 14/2012 vom 05.04.2012

Bonne Nuit, Bienne

Biel war einst eine Hochburg von Hip-Hop, Punk, alternativer Subkultur. Doch jetzt regiert die Bauspekulation, Wohnbaugenossenschaften geraten unter Druck, alternativ genutzte Fabriken werden abgerissen und Plätze privatisiert. All das unter sozialdemokratischer Regie.

Von Christoph Lenz (Text) und Manu Friederich (Fotos)

Die Anschläge werden in den kommenden Wochen stattfinden. Überall in Biel. Heute haben sich Aline, Barbara und Finn in Nidau getroffen, um die Bomben zu präparieren. Gut zwei Dutzend liegen schon auf dem Tisch. Graubraun, feucht, walnussgross. Jetzt löffelt Aline die Bestandteile der nächsten Bombe aus den Einmachgläsern. Fünf Teile Aussaaterde, fünf Teile Lehm, ein Teil Samen – Schnittblumen und Lavendel. «Genügsam müssen sie sein», sagt Aline. Wem die Anschläge gelten? «Dem Stadtbeton.»

Das Rezept für die «Seedbombs» haben sie aus dem Internet. Auf dem Tisch aber liegt «Guerilla Gardening», Richard Reynolds Anleitung zum Grünpflanzenattentat. Mathias Stalder steht lächelnd daneben. Er, der vor zwei Jahren das alternative Stadtentwicklungsnetzwerk Vision 2035 gründete, versteht die AktivistInnen nur zu gut.

Biel baut, Biel verdrängt – und kaum einer spricht davon. Das ist das Fazit jener Stadtführung, die Stalder Mitte März gab. Sie begann beim Veloparkplatz hinter dem Bahnhof – wo sich die Alkis in einer Baracke zu versammeln pflegten, bevor sie im September 2010 vertrieben wurden und der Treff geschlossen. Sie endete zwei Stunden später bei der Pianofabrik von Burger & Jacobi – die von KünstlerInnen und als Wagenplatz genutzt wurde, bis sie 2010 abgerissen und das Grundstück dem neuen Wohnen preisgegeben wurde. Dazwischen: Das Drahtwerk – abgerissen. Yucca, die Anlaufstelle für Drogensüchtige – muss das Stadtzentrum wohl bald verlassen. Das Atelierhaus Eisengasse  9 – abgerissen. Das Kulturlokal Molkerei – abgerissen. Die Liste liesse sich beliebig verlängern.

Mathias Stalder sagt: «Im Moment ist das wichtigste Instrument der Bieler Stadtentwicklung die Abrissbirne.»

Biel hat eine wirtschaftlich finstere Zeit durchgemacht. Industrielle Krisen bestimmten die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Der Autohersteller General Motors schloss in der Erdölkrise seine Werke, die Uhrenindustrie brach unter dem Druck der neuen fernöstlichen Konkurrenz ein. Man nannte es die Bieler Krankheit: Trotz Erholungen in den Achtzigern betrug die Arbeitslosigkeit 1993 wiederum 9,3 Prozent. Viele, die es sich leisten konnten, zogen weg: 11 000  BewohnerInnen verliessen Biel allein zwischen 1970 und 1980. Zurück blieben die AusländerInnen, die Arbeitslosen, die Alleinerziehenden und die Alten. Gemessen an der Einwohnerzahl leben noch heute in keiner Schweizer Stadt mehr SozialhilfebezügerInnen. Fast jedeR zweite Alleinerziehende ist auf Ausgleichszahlungen angewiesen.

Was nicht von den Statistiken erfasst wurde: In den Trümmern der Industrie nisteten sich zwei weitere Gruppen ein, Alternative und Autonome. Sie nutzten die Freiräume. Sie belebten die Ruinen. Sie machten das serbelnde Biel zu einer Hochburg der Subkulturen. Aber jetzt müssen sie weg. Platz machen für die neue Zeit.

Der Sprayerin gehen die Flächen aus

«Die spinnen!», ruft Rosy One. «Die spinnen total!» Sie spricht von den Bauherren, den Investorinnen, den Leuten vom Stadtplanungsamt, den Politikern, kurz: allen, die ihre Hände beim Bieler Bauboom mit im Spiel haben.

Sie sitzt auf dem Garagendach neben ihrer Wohnung und nippt an einem Energydrink. Sabine Furrer aka Rosy One, 35, zählt zu den wichtigsten Schweizer Graffiti-KünstlerInnen. Sie sprayt, seit sie zwölf Jahre alt war. Heute lebt sie von ihrer Kunst: Mit ihren Werken ist sie regelmässiger Gast an internationalen Ausstellungen, nebenbei verlegt sie Bücher und veranstaltet eine Rap-History-Reihe im Bieler Gaskessel. Am liebsten sprayt sie immer noch in stillgelegten Fabriken. Doch allmählich gehen ihr in Biel die Flächen aus.

Sabine Furrer zählte vor rund sechzehn Jahren zu jenen Kreativen, die ganz bewusst nach Biel zogen. «In Solothurn, wo ich aufwuchs, mussten wir für die Trainings unserer Breakdance-Gruppe ins Gemeinschaftszentrum. Wir hatten ein Zeitfenster von zwei Stunden am Mittwochabend. In Biel mieteten wir uns einfach in eine leerstehende Fabrik ein. Da konnten wir tanzen, wann immer wir wollten, so lange wir wollten.»

Biel habe unheimlich viel Charme gehabt damals. «Es war wie Berlin: arm, schmuddelig, aber sehr lebendig.»

Die Sonne senkt sich über den Jurabogen. Sabine Furrer dreht den Kopf gegen Norden. Sie deutet auf das nackte Fundament einer alten Fabrik auf der gegenüberliegenden Strassenseite. «Da stand früher das Drahtwerk», erzählt sie. Dort hätten sie einst Partys veranstaltet und Wände bemalt, es gab Proberäume, Ateliers, eine Skaterhalle. Aber nun werde auch da bald gebaut. Gehobener Wohnraum. Sie seufzt. «Ich frage mich immer öfter, was mich noch in Biel hält.» Wenig später kommen ihre zwei Kinder aus der Krippe. Heute Abend werden sie von Furrers Partner gehütet. Es steht eine Rap-History-Ausgabe im Gaskessel an. «Heute ist 1993 dran», sagt Furrer. «Gutes Jahr. Die erste Platte des Wu-Tang Clan.»

Ein grosses Rad auf dem Expo-Gelände

Roger de Weck war des Lobes voll. In seinem Vorwort zum Band «Biel/Bienne. Neue Horizonte, bekannte Traditionen» verkündete der heutige SRG-Chef vor fünf Jahren, die Krisenstadt Biel habe die Wende geschafft. Und wie! Deutsch-französischer Bilinguisme statt Basic English, selbstbewusste Weltoffenheit statt Globalisierungsangst, Miteinander statt Ausgrenzung. De Weck mag richtig gelegen haben. Aber das war 2007. Heute käme er vielleicht zu einem anderen Fazit. Denn die Wende, versinnbildlicht in der Expo 02, wendet sich allmählich gegen die BielerInnen selbst.

«Vor allem gegen die Kleinen», präzisiert Fritz Freuler. Er ist Stadtrat der Grünen und Geschäftsführer von Casanostra. Seit über zwanzig Jahren vermittelt und vermietet der Verein Wohnungen an sozial Benachteiligte. Freuler beobachtet zwei parallele Entwicklungen: Einerseits werden unter dem Banner der Quartieraufwertung und Stadtentwicklung seit Jahren alte Häuser zerstört. Andererseits werden innerstädtische Brachen genutzt, um Wohnungen mit hohem Standard zu erstellen. «Man versucht, die Sozialhilfeempfänger loszuwerden und gute Steuerzahler anzuziehen.» Im Standortwettbewerb ist Biel damit natürlich keine Ausnahme. «Die Besonderheit: In Städten wie Zürich oder Zug wird die Mittelschicht verdrängt. In Biel zieht der Mittelstand erst gerade ein. Die Verdrängung trifft damit die Schwächsten.» Und: «Die links-grüne Mehrheit hat bisher das Ruder in der Wohnbaupolitik noch nicht herumgerissen, um den marginalisierten gemeinnützigen Wohnungsbau zu reaktivieren.»

Die Zahlen sind tatsächlich beeindruckend. Zwischen 2001 und 2006 pendelten die privaten Bauinvestitionen in Biel gemäss Baustatistik zwischen 80 und 110 Millionen Franken. Dann explodierte der Markt. 2007 bis 2009 betrugen sie zwischen 190 und 220 Millionen Franken. Im Jahr der Expo steckten Private rund 52 Millionen Franken in Neubauten. 2007 waren es 175 Millionen. 2008 und 2009 überstiegen die Neubauinvestitionen von Privaten gar jene des zweieinhalbmal grösseren Bern.

«Man baut, als gäbe es kein Morgen, und um die Nachhaltigkeitsbedenken zu beruhigen, schraubt man am Ende Solarpanels aufs Dach», sagt Pablo Donzé, Raumplaner und Stadtrat der Grünen, über einen Teller Pasta gebeugt.

Mathias Stalder meint: «Die Bauspekulation ist längst ausser Kontrolle.»

Und es geht im gleich Stil weiter. Der Luxusuhrenhersteller Rolex klotzt seit 2009 im Industriequartier Bözingenfeld eine neue Superfabrik hin. Kenner schätzen die Kosten auf gegen eine halbe Milliarde Franken. Die Swatch Group will nun nachziehen: Ende Februar präsentierte sie ein 150-Millionen-Projekt für einen neuen Hauptsitz sowie ein Omega-Produktionsgebäude. Die Stades de Bienne, die neue Sportanlage mit Mantelnutzung, werden dereinst weitere 77 Millionen Franken kosten. Das Volk hat dem Geschäft bereits zugestimmt. Nachdem die Stadt letzte Woche die Zusammenarbeit mit dem Investor Alstone aufgekündigt hat, wartet Biel auf die definitive Zusage der Baufirma, die Stades errichten zu wollen. Ob die Sportanlage wirklich errichtet wird, darauf möchte Stadtpräsident Fehr allerdings «nicht sein gesamtes Vermögen verwetten», wie er diese Woche gegenüber dem Lokalsender Tele Bilingue sagte.

Das ganz grosse Rad will die Politik aber auf dem ehemaligen Expo-Gelände drehen. In den nächsten Jahren soll aus dem sumpfigen Grund des Bielersees ein neues Quartier namens Agglolac wachsen. Auf einer Fläche von 163 000  Quadratmetern, durchflossen von Kanälen, gesäumt von Boulevards und Uferwegen, ist Wohnraum für bis zu 2000 BewohnerInnen vorgesehen. Die Rede ist vom «Venedig der Schweiz». Auch Amsterdam, Utrecht, London und Paris werden in den Projektunterlagen als Vergleichsgrössen herangezogen.

Bereits sieht sich die Bieler Stadtregierung genötigt, der Kritik entgegenzutreten, es handle sich um den staatlich geförderten Bau einer Millionärssiedlung. Aber was sonst kann es sein?

«Positive Dynamik»

Früher Morgen an der Bieler Mühlebrücke. Der Schwerverkehr schnauft und stottert durch die Stadt. Sattelschlepper, Lkws mit Anhängern, Lieferfahrzeuge, dazwischen Autos, Minibusse, heulende Mofas und einige VelofahrerInnen. Mittendrin Erich Fehr, Sozialdemokrat, seit rund einem Jahr Bieler Stadtpräsident. Er fährt ein knallrotes Mietvelo. Auf dem Lenkerkörbchen prangt der Schriftzug «Manor Food».

Fehr, lachsfarbenes Hemd, lachsfarbene Krawatte, sitzt am Tisch wie einer, der gerade fünf Tassen Kaffee gekippt hat. Die Sätze purzeln aus seinem Mund, die Hände wandern hastig über die Tischplatte – und finden immer wieder wie ferngesteuert den Weg auf das Smartphone-Display. «Tschuldigung», sagt Fehr dann. «Muss kurz schauen wegen des Campus.»

Es ist der Morgen, an dem das Kantonsparlament in Bern über die Fachhochschulstrategie diskutiert. Für Biel steht viel auf dem Spiel. Die Stadt hat sich um den Campus beworben. Nun laufen bei Fehr die Drähte heiss. Alle paar Minuten geht ein SMS ein. Inhalt: Welche Grossräte konnten letzte Nacht noch auf die Bieler Seite gezogen werden? Wie viel Land bietet Biel jetzt genau an für den Campus? Zu welchen Konditionen? Es ist ein grosses Geschacher.

Fehr blickt wieder auf. «Im Moment sind wir in einer positiven Dynamik», sagt er. Die Arbeitslosigkeit sei tiefer als in früheren Wirtschaftskrisen, die regionale Wirtschaft nicht mehr ausschliesslich von der Uhrenindustrie abhängig, und ja, die Bauinvestitionen seien bemerkenswert. «Aber wir haben auch einen enormen Nachholbedarf.» Viele Häuser aus den sechziger und siebziger Jahren seien in einem schlechten Zustand. Weil ihre BewohnerInnen oft Sozialhilfe bezögen und die Miete von der öffentlichen Hand bezahlt werde, könnten sich die EigentümerInnen eine goldene Nase verdienen. «Sie verlangen Fantasiepreise», sagt Fehr. Um dieses Problem zu beheben, brauche es den Wohnungsbau. Dass dafür günstiger, aber schlechter Wohnraum abgerissen werde, sei nur konsequent. «Unser Problem ist nicht ein Mangel an Wohnungen, sondern ein Mangel an Qualität.»

Jedoch: Qualität hat ihren Preis. Und so liegt der Vorwurf in der Luft, die Stadt Biel betreibe Sozialpolitik mit der Abrissbirne. Wer den günstigen Wohnraum verknappt, zwingt sozial Schwächere dazu, sich ausserhalb der Stadt nach einer Bleibe umzusehen. Verblüffend einfach: Die Bevölkerungsstruktur wird korrigiert und die Wirtschaft angekurbelt.

Erich Fehr widerspricht. Es gebe durchaus neuen Wohnraum, der auch für wirtschaftlich Schwächere erschwinglich sei. «Die Überbauung des Sabag-Areals. 340 Wohnungen mitten im Stadtzentrum, vor drei Jahren fertiggestellt.»

Kurz vor elf Uhr wird Fehr nochmals ein SMS erhalten. Biel gewinnt die Campus-Abstimmung im Berner Kantonsparlament. Jackpot! Rund um den Bahnhof werden bis 2020 weitere 200 bis 300 Millionen Franken verbaut.

Er will die Genossenschaften einen

Das Sabag-Areal: 341 Wohnungen, eine riesige Fläche gleich gegenüber vom Gaskessel. Gebaut hat Leopold Bachmann, gemäss Volksmund der schnellste Bauer von Zürich. Auf der Baustelle beklagten Arbeiter massive Verstösse gegen den Gesamtarbeitsvertrag. Ein 24-jähriger Dachdecker stürzte siebzehn Meter tief in einen nicht gesicherten Lichtschacht. Dass er den Unfall überlebte, galt als «Wunder von Biel». Die Bauleute wurden Ende Februar für die mangelhafte Sicherheit verurteilt. Aber der Zeitplan wurde eingehalten. Nach knapp 18 Monaten waren die Wohnungen bezugsbereit.

Bereits drei Jahre nach Eröffnung liegen nun die Mängel offen zutage: Die Schallisolation ist ungenügend, die beige Fassade ist an manchen Stellen fleckig wie ein altes Leintuch. «Das ganze Haus ist ein Pfusch», sagt ein Bieler Baufachmann. Vermutlich werde die Überbauung in nicht allzu ferner Zukunft wieder abgerissen und durch eine hochwertigere ersetzt. «Unmittelbar neben dem Sabag-Gelände entsteht der neue Stadtpark Esplanade. Eine enorme Aufwertung. Bachmann wäre nicht Bachmann, wenn er aus dieser Verbesserung nicht Profit schlagen würde.»

Uwe Zahn ist ein korrekter Mann. Er trägt ein weisses Hemd und eine dunkle Hose, und die Fragen will er vor dem Interview sehen. Dann redet er eine Stunde. Und bevor man sich verabschieden kann, hakt er auch noch jene Fragen ab, die man schickte, aber zu stellen vergass. Zwischendurch aber spricht Zahn wie ein windiger Verschwörer. «Fast ein Sechstel aller Bieler Wohnungen ist in der Hand von Genossenschaften. Die haben einfach noch nicht begriffen, welche Macht sie besitzen», sagt Zahn. Aber das werde sich bald ändern. «Der Frust sitzt tief.»

Zahn, der rund zwanzig Jahre in der Verwaltung der grössten Bieler Wohnbaugenossenschaft sass, hat es sich zum Ziel gesetzt, die Genossenschaften zu einen. Der Grund: Derweil die rot-grüne Stadtregierung dem privaten Bauboom kaum Schranken setzt, zwingt sie die gemeinnützigen Wohnbaugenossenschaften derzeit zu zähen Verhandlungen.

Konkret: Die Stadt will mehr Geld für die Baurechte. Uwe Zahn befürchtet, dass die Mieten in den Genossenschaften um bis zu zwanzig Prozent ansteigen könnten. «Diese Politik ist Unfug», sagt Zahn. «Wenn die Politik erschwinglichen Wohnraum von guter Qualität schaffen will, muss sie entweder selbst bauen oder mit den Genossenschaften kooperieren. Den Privaten geht es um Rendite. Uns nicht.»

Und noch etwas ärgert Zahn: «Die Stadt verärgert jene, die hier sind, und hofiert die Vermögenden von ausserhalb. Das ist nicht logisch. Zehn Leute mit durchschnittlichem Einkommen bringen einer Stadt wesentlich mehr als ein Einzelner, der 500 000  Franken verdient, aber seine Steuern optimiert.» Wann es mit dieser Politik begonnen hat? «Das ist sozusagen das Erbe des früheren SP-Stadtpräsidenten Hans Stöckli.»

Selbst die Trutzburg der Bieler Subkultur war Stöckli nicht heilig. Vor einigen Jahren wollte Stöckli den Gaskessel, das älteste Autonome Jugendzentrum der Schweiz, kurzerhand zügeln. Das ganze Gebäude, raus ins Industriequartier Bözingen. Um Platz zu schaffen für die Esplanade, den neuen Stadtpark mit Tiefgarage, Shoppingzentrum, Verwaltungsgebäude, Wohnungen und Hotels. «Das konnten wir der Regierung zum Glück wieder ausreden. Die Esplanade wird nun rund um das AJZ gebaut», sagt Renato Maurer, der als selbstständiger Projektleiter für Krisensituationen arbeitet und nebenbei inoffizieller AJZ-Haushistoriker ist. Derzeit schreibt er am zweiten Band der Geschichte.

Vielleicht liegt es daran, dass er in grösseren Zeitperioden denkt: Maurer sieht die Bieler Veränderungen gelassener. Klar sei die Vernichtung von Brachland und Fabriken bedenklich. Klar könne es für den Gaskessel sehr heikel werden, wenn in unmittelbarer Nähe Besserverdienende einziehen und Sicherheit und Nachtruhe einfordern. «Aber das AJZ ist nicht nur ein Kulturzentrum. Wir betreiben auch die Gassenküche, die Notschlafstelle, den Infoladen und vieles mehr – wendet sich die Politik gegen uns, haben wir in wenigen Tagen 3000 Leute auf der Strasse. Das weiss die Regierung.» Zudem gebe es in Biel trotz der Vernichtung von stillgelegten Fabriken und innerstädtischen Brachen noch ausreichend Nischen und Freiräume, in denen alternative Kultur gedeihen könne. «Wer will, kann immer etwas Neues anreissen. Das war in den Sechzigern so und ist heute nicht anders. Teilweise wird das heute ja auch umgesetzt.»

Später an diesem Abend wird Maurer die Bestätigung erhalten. An der Benutzerversammlung des AJZ stellt eine junge Dame das Projekt «Biotop» vor. Vergangene Nacht haben rund zehn BielerInnen die ehemalige Technische Fachschule besetzt. Jetzt hoffen sie, dass es ihnen nicht so ergeht wie ihren KollegInnen vor einer Woche.

HausbesetzerInnen DNA-Proben abgenommen

Es ist kühl geworden. Marco, Anfang zwanzig, schaut hinab auf das in der Dämmerung liegende Biel. In seinem Rücken steht eine beige Villa. Die Türen und Fensterläden sind zugesperrt, einige zerknitterte Luftballons hängen an losen Schnüren von den Wänden. Vor vier Wochen haben Marco und das Kollektiv mit dem Namen Familie Baumgartner das Haus besetzt. Seit über sechs Jahren stand es leer. «Erbschaftsstreit», sagt Marco.

Am ersten Abend hängten die BesetzerInnen Transparente aus den Fenstern. Am zweiten luden sie zum Apéro – dreissig NachbarInnen kamen und freuten sich, das Haus wieder bewohnt zu sehen. Es folgten Filmvorführungen, Lesungen und ein Frühlingsfest für das ganze Quartier. Die AnwohnerInnen unterzeichneten auch die Bleiberechtspetition, die der Erbengemeinschaft, der Bieler Sicherheitsdirektorin Barbara Schwickert (Grüne) und dem Stadtpräsidenten Erich Fehr nach zwei Wochen überreicht wurde.

Zwei Tage später hämmerte es an der Tür. Draussen: gegen vierzig Männer und Frauen der Berner Kantonspolizei mit einem Räumungsbefehl und einer Anzeige wegen Hausfriedensbruchs und Sachbeschädigung. Die zwei anwesenden HausbesetzerInnen verliessen die Villa, ohne Widerstand zu leisten. Dann wurden sie festgenommen und auf den Polizeiposten gebracht, zur Einvernahme und zur DNA-Entnahme.

Die Berner Kantonspolizei bestätigt, bei zwei Personen Wangenschleimhautabstriche vorgenommen zu haben.

Warum?

«Die Polizei hat dies aufgrund der situativen Beurteilung bei der Räumung angeordnet.»

Haben die BesetzerInnen Widerstand geleistet?

«Nein, die Stimmung war nicht aggressiv.»

Wozu dann die DNA-Entnahme?

«DNA-Analysen tragen dazu bei, Delikte zu klären und eventuell neue Hinweise zu erhalten.»

Werden die DNA-Daten in eine Datenbank aufgenommen?

«Das wird die Staatsanwaltschaft Biel entscheiden.»

Die Bieler Sicherheitsdirektorin Barbara Schwickert ist erstaunt über die Entnahme von DNA. Unverhältnismässig sei das, sagt sie. Doch seien den Bieler Stadtbehörden die Hände gebunden. «Einerseits liegt das Anordnen von DNA-Proben in der Kompetenz der Kantonspolizei, andererseits haben wir kein Mitspracherecht, was die Abwicklung von Polizeieinsätzen betrifft», so Schwickert. Den Eindruck, dass die Polizei in Biel besonders hart durchgreift, teilt Schwickert nicht. Es handle sich um einen Einzelfall.

Die Einzelfälle häufen sich. Bereits vor drei Jahren nahm die Polizei bei einer Hausräumung in Biel den BesetzerInnen DNA-Proben ab. Vor einem halben Jahr knöpfte sich die Polizei die Bieler HanfselbstversorgerInnen vor. Überall in der Stadt stürmten Ordnungshüter in Kampfmontur Wohnungen und beschlagnahmten auf Balkonen eingetopfte Hanfstauden. Bei manchen Einsätzen erbeuteten die Polizisten nur zwei Pflanzen. BeobachterInnen deuteten die orchestrierte Grossrazzia als beispiellos in Umfang und Härte.

Dies auch weil sich das Gerücht beharrlich hält, die Kantonspolizei habe einen Helikopter zu Aufklärungsflügen eingesetzt, um die Hanfpflanzen auf Bieler Balkonen aufzuspüren.

Der Berner Regierungsrat und Polizeidirektor Hans-Jürg Käser (FDP) hat dies im Januar dementiert. Auf die Frage der grünliberalen Bieler Parlamentarierin Sabine Kronenberg, in welchem Verhältnis Kosten und Nutzen bei diesem Einsatz gestanden haben, reagierte Käser aber doch recht säuerlich: Kosten seien keine entstanden, «diese Frage erübrigt sich». Auch die Bieler SP-Kantonsrätin Emilie Moeschler schaltete sich ein: «Sind solche Einsätze nicht übertrieben?», fragte sie. Der Berner Regierungsrat antwortete: Nein.

Kurz vor Mitternacht im besetzten Haus La Biu. Donnerstagabend gibt es «Volxküche». Die fünf Schüsseln mit Taboulé sind beinahe leer, die meisten Gäste haben das Wohnzimmer bereits verlassen. Nur am Nachbarstisch sitzen noch einige BewohnerInnen und singen Lieder. In der Toilette neben dem Hauseingang hat jemand schwarz an die Wand geschrieben: «Ganz Biel Bienne hasst die Polizei.» Ergänzt um zwei Ausrufezeichen.

Waffenhändler Iseli von der Murtenstrasse macht jetzt Totalausverkauf. Er hat Zettel in die Schaufenster geklebt: «Ab sofort 15% auf alle nicht reduzierten Artikel (ausgenommen Munition 10%)». Zwei Strassen weiter fährt ein Leichenwagen im Schritttempo um die Ecke. Irgendwann werden die Bomben von Aline, Barbara und Finn einschlagen. Dann wächst in Biel wieder anderes als Beton und Unmut. Lavendel und Schnittblumen.

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