Nr. 16/2012 vom 19.04.2012

Als das schwarze Amerika aufstand

Von Franziska Meister

«Black Power»-Initiator Stokely Carmichael bemächtigt sich während einer schwedischen TV-Reportage des Mikrofons und interviewt seine Mutter Mabel selbst. Still aus dem besprochenen Film

«Die Weissen haben Amerika mit Waffe und Bibel erobert und regieren noch immer damit.» Der alte Mann mit den dicken Brillengläsern blinzelt listig hinter gigantischen Bücherstapeln hervor in die Kamera des schwedischen Journalistenteams, das mitten in seinem Buchladen in Harlem steht. Draussen, auf den Strassen von New Yorks Schwarzenviertel, filmen die Journalisten spielende Kinder zwischen torkelnden Drogensüchtigen, begleiten Jugendliche, die mit einer Überdosis ins Spital eingeliefert werden.

Die Drogen würden von aussen, von Weissen, ins Ghetto gepumpt, sagt ein Arzt. «Die Regierung flutet unsere Communities mit Drogen, um uns ruhigzustellen», und: «So sieht der ‹war on drugs› von der andern Seite aus.» Die Stimmen der New Yorker Rapper Talib Kweli und John Forté aus dem Off klingen wie ein Echo. «Wir machen nicht einmal dreizehn Prozent der Bevölkerung aus», so Forté, «aber fünfzig Prozent in den Gefängnissen sind schwarz.»

Auch von blutig niedergeschlagenen Gefängnisrevolten berichten die schwedischen Reporter, von schwarzen Insassen, die für eine menschenwürdigere Behandlung gekämpft haben. Die Journalisten sind live auf Sendung, hinter dem Blondschopf mit Mikrofon steigen Rauchwolken aus dem Gefängnis auf. Wird hier von den neusten Entwicklungen in einer langen Serie an Protesten gegen die Erschiessung des schwarzen Jugendlichen Trayvon Martin Ende Februar 2012 berichtet (siehe WOZ Nr. 14/12)?

Aus schwarzem Blickwinkel erzählt

Nein. Als die schwedischen Journalisten in New York drehten, waren John Forté und Talib Kweli noch nicht einmal geboren. Die Reportagen, die von heutigen Stimmen schwarzer AktivistInnen begleitet werden, sind um die vierzig Jahre alt. Der Filmemacher Göran Hugo Olsson hat das im schwedischen TV-Archiv schlummernde Material dem Vergessen entrissen und zu einer 93-minütigen Dokumentation mit einer Vielzahl an aktuellen Stimmen und Musik verwoben: «The Black Power Mixtape, 1967–1975». Selten kam ein historischer Dokumentarfilm passender, um die Hintergründe eines aktuellen Konflikts auszuleuchten – den strukturell verankerten, bis vor wenigen Wochen sorgsam verdrängten Rassismus in der US-amerikanischen Gesellschaft.

«Black Power Mixtape» zeigt, in chronologisch aufsteigenden Kapiteln, wie sich die schwarze Protestbewegung von Martin Luther Kings Strategie der Gewaltlosigkeit verabschiedet und den Themen «Community Control», «Selbstermächtigung und bewaffnete Selbstverteidigung» zugewandt hat, um dem Rassismus die Stirn zu bieten, und welch massive Unterdrückung ihr dadurch seitens der US-amerikanischen Exekutive und Judikative zuteil wurde. Zu Wort kommen Protagonisten wie Stokely Carmichael, einstiger Weggefährte von King und Initiator des Slogans «Black Power», Huey Newton, Bobby Seale und Eldridge Cleaver von den Black Panthers, der radikalsten und einflussreichsten Organisation innerhalb der Bewegung, sowie Angela Davis, die in einem politischen Prozess beinahe zur Märtyrerin der Bewegung gemacht worden wäre.

Der Film erzählt diese Geschichte nicht neu, aber anders. Einerseits gibt er einer Vielzahl weiterer schwarzer ZeitgenossInnen Raum – von Ikonen wie Malcolm X über lokale Black-Panther-Frauen bis hin zu Jugendlichen, Dealern und Prostituierten in den Strassen der Ghettos. Die Sequenz aus dem Bücherladen ist nur eine der vielen Juwelen: Lewis Michaux, Besitzer des Ladens, ist eine Institution – hat er doch seit den dreissiger Jahren zahlreiche BürgerrechtlerInnen und Intellektuelle geistig grossgezogen. Zusammen mit den Stimmen aktueller AktivistInnen auf der Tonspur, die die damalige Zeit aus der Gegenwart reflektieren und mit ihr verbinden, entsteht ein facettenreiches Kaleidoskop mit dezidiert schwarzer Perspektive.

Mit schwedischen Augen gesehen

Zum andern öffnet «Black Power Mixtape» 
mit der schwedischen Brille des Archivmaterials ein ganz neues Wahrnehmungsfenster – auf die ProtagonistInnen, aber auch auf die US-Gesellschaft. Die Journalisten damals zogen ebenso naiv wie für die Anliegen 
der Schwarzen eingenommen los. Was zu Szenen wie jener bei Stokely Carmichaels Mutter zu Hause führte, als dieser sich mitten im Gespräch dazwischenschaltete und den
schwedischen Journalisten anbot, das Interview für sie weiterzuführen. Um daraufhin mit einer gezielten Serie an Fragen zu den Lebensumständen der Familie seine Mutter bis zu dem Punkt zu bringen, an dem sie die geschilderten Benachteiligungen mit der Antwort quittierte: «… weil wir Neger waren.»

Die schwedische Perspektive macht darüber hinaus sichtbar, was weisse US-BürgerInnen stets sorgfältig zu verdrängen wussten, etwa indem sie politisch radikale Schwarze und insbesondere die Black Panthers als kriminelle GewalttäterInnen abtaten. Ein Reportageteam begleitet eine alleinerziehende Mutter durch den Morgen, zeigt, dass sie oft nicht einmal für alle Kinder etwas zu Essen im Haus hat. Darauf folgen Szenen aus den verschiedenen Sozialprogrammen, welche die Panthers in allen grösseren US-Ghettos aufgebaut hatten: Gratisfrühstück und Liberation Schools für Kinder, Political-Education-Klassen für Black Panthers, in denen man vor allem revolutionäre Texte und die eigene Zeitung las und diskutierte. Szenen, wie sie kaum je über US-Fernsehbildschirme flimmerten.

Reportagen, die US-Politikerinnen und Fernsehmachern sauer aufstiessen: Im landesweit grössten TV-Magazin warf man den Schweden Antiamerikanismus vor. Und als der schwedische Premierminister Olof Palme 1972 die US-Bombardierung von Hanoi in Vietnam mit Nazimassakern verglich, brachen die USA kurzerhand alle diplomatischen Beziehungen zu Schweden ab.

Die US-Regierung agierte Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre nicht nur im Vietnamkrieg, sondern auch im Landesinnern mit exzessiver Gewalt jenseits von Rechtsstaatlichkeit und internationalem Völkerrecht. In «Black Power Mixtape» ist immer wieder von «politischen Gefangenen» oder «politischen Gerichtsverhandlungen» die Rede, im Fall von Angela Davis sogar vom Versuch, an ihr ein Exempel zu statuieren, indem man sie zum Tod verurteilt. Leider bleibt es aber bis auf Davis’ Fall, der eingehend beleuchtet wird, bei solchen Schlagworten.

Mehr Zusammenhänge, bitte

Wer nicht intim mit der US-Geschichte jener Zeit vertraut ist, hat es schwer, Zusammenhänge herzustellen, weil illustrierende Beispiele fehlen. Wie etwa die polizeiliche Hinrichtung von Black-Panther-Führer Fred Hampton in Chicago oder die richterlich verfügte Fesselung und Knebelung von Bobby
 Seale im Gerichtssaal. Und wer ahnt, was es bedeutet, wenn im Film eine Textstelle kurz eingeblendet wird, die von «Cointelpro-
Operationen zur Neutralisierung der Black-Power-Bewegung» berichtet?

Cointelpro steht für Counter-Intelligence-Program und war ein von FBI-Chef J. Edgar Hoover konzertiertes Programm, dessen Palette an Operationen von fabrizierten Beweisen bis zum Auftragsmord reichte. Die Panthers waren zu Beginn der siebziger Jahre landesweit zu rund zehn Prozent von Spitzeln unterwandert, deren Aufgabe darin bestand, andere Mitglieder zu kriminellen Handlungen und Gewalttaten anzustiften.

Die Idee des «Mixtape», die Göran Hugo Olsson als formale Struktur des Films wählte, mag originell sein: Ein reichhaltiges, persönlich gestaltetes Potpourri an Bildern, aktueller Musik und Stimmen aus dem Off, deren Identität sich nur durch kurz eingeblendete Namen erschliesst. Damit wolle er jüngere Generationen ansprechen, sagt der Regisseur. Er versteht den Film als «Ermächtigung» zum Handeln heute.

Dazu allerdings müssten die Zusammenhänge auch deutlich gemacht werden. Wer nicht weiss, zu welch extremen Mitteln die Regierung greifen kann und wird, wenn sie die herrschenden Verhältnisse bedroht sieht, wird kaum handlungsfähig bleiben. Oder wie einer der führenden Black Panthers Jahrzehnte später gegenüber der Autorin formulierte: «Wir hätten einfach weitermachen sollen mit unseren Programmen, unserer Hilfe zur Selbsthilfe, statt uns im Kampf gegen Cointelpro aufzureiben.»

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