Nr. 24/2012 vom 14.06.2012

Ganz ganzheitlich gedacht

Was nachhaltig ist, schmälert die Ressourcen nicht. Mainstreamökonomen verstehen darunter allerdings etwas anderes als Umweltschützerinnen – sehr zum Nachteil des ökologischen Gleichgewichts.

Von Marcel Hänggi

Illustration: Philip Bürli

Der Begriff ist so abgelutscht, dass manche ihn nicht mehr verwenden. Das ist schade. Denn die «Nachhaltigkeit» drückt ein so einleuchtendes wie wichtiges Prinzip aus. Erstmals im heutigen Sinn verwendet hat ihn ein forstwirtschaftliches Lehrbuch im 18. Jahrhundert: Einen Wald nachhaltig bewirtschaften heisst, das Holz nicht schneller zu schlagen, als es nachwächst. Anders gesagt: Die Substanz darf nicht geschmälert werden. Die heute meistzitierte Definition stammt aus dem Bericht «Unsere gemeinsame Zukunft» von 1987, den eine Uno-Kommission um Gro Harlem Brundtland verfasst hat: Entwicklung ist nachhaltig, wenn sie «die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre Bedürfnisse nicht befriedigen können». Mit dem Brundtland-Bericht und dem Uno-Umweltgipfel von 1992 in Rio de Janeiro fand die «Nachhaltigkeit» Eingang in den allgemeinen Wortschatz (vgl. www.tinyurl.com/nachhaltgraph).

So einfach das Konzept ist, so sehr ist der Wurm drin, wenn es konkret wird. Die nachhaltige Waldnutzung wurde im 18. Jahrhundert dadurch erleichtert, dass man Holz- durch Steinkohle zu ersetzen begann – keine nachhaltige Sache, wie wir heute wissen. Die Brundtland-Definition scheint zu suggerieren, dass es möglich sei, die Bedürfnisse der gegenwärtigen Generation nachhaltig zu befriedigen. Aber es kann ein Bedürfnis sein, regelmässig mit dem Flugzeug in die Ferien zu fliegen – nachhaltig ist das nie. Wichtig ist deshalb, wie der Brundtland-Bericht in seiner Definition weiterfährt, was aber fast niemand je zitiert: «Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung impliziert Grenzen (…) abhängig von der Fähigkeit der Biosphäre, die Effekte der menschlichen Tätigkeit zu absorbieren.»

Stark oder schwach

Grob lassen sich zwei Auslegungen von Nachhaltigkeit unterscheiden. «Stark nachhaltig» wirtschaften heisst, die natürlichen Ressourcen den Folgegenerationen ungeschmälert zu hinterlassen. Der ökologische Ökonom Herman Daly hat es so konkretisiert: Erneuerbare Ressourcen dürfen nicht schneller aufgebraucht werden, als sie sich erneuern, Schadstoffe nicht schneller freigesetzt, als die Natur sie abzubauen vermag. Und ein Teil des Gewinns aus der Nutzung der nicht erneuerbaren Ressourcen soll dafür eingesetzt werden, Realersatz für diese Ressourcen zu entwickeln.

In der dominierenden neoklassischen Schule der Ökonomie indes kann alles in Geldwerte umgerechnet werden und kann folglich alles alles ersetzen. Für deren Konzept der «schwachen Nachhaltigkeit» sind natürliche Ressourcen nur eine Form von Kapital. Jede Generation soll ihren Kindern das Gesamtkapital ungeschmälert hinterlassen – es ist aber zulässig, ja wünschbar, Umweltressourcen zu verbrauchen, wenn damit anderes Kapital von höherem Wert geschaffen wird.

Das Konzept der schwachen Nachhaltigkeit besticht, wie so vieles in der Mainstreamökonomie, durch intellektuelle Eleganz, wird aber der Realität nicht gerecht: In der Natur lässt sich eben nicht alles durch alles ersetzen. Wie Herman Daly einmal gespottet hat: Schwache Nachhaltigkeit ist der Glaube, dasselbe Holzhaus lasse sich auch mit halb so viel Holz bauen, wenn man nur doppelt so viele Werkzeuge einsetze.

Drei Säulen der Nachhaltigkeit?

Seit dem Rio-Gipfel von 1992 hat sich eingebürgert, von «drei Dimensionen» der Nachhaltigkeit zu sprechen: der ökologischen, der ökonomischen, der sozialen. Im Allgemeinen setzt man sie als gleichwertig: drei «Säulen», die das Dach der Nachhaltigkeit gemeinsam tragen. So ganzheitlich das tönt, so unsinnig ist es.

Die Erweiterung der ökologischen Nachhaltigkeit um eine soziale Dimension ist wichtig, gab es doch in der Umweltbewegung immer auch einen menschenfeindlichen Flügel mit Vertretern wie Bernhard Grzimek, der die ostafrikanischen Steppen am liebsten von Menschen freigeräumt hätte. Es fragt sich freilich, ob das Konzept der Nachhaltigkeit hier passt. Was bedeutet schon, die gesellschaftliche «Substanz» nicht zu schmälern? Hat eine Entwicklung wie «1968» die Gesellschaft ärmer gemacht, weil sie Traditionen und Werte zerstörte, oder reicher, weil sie die Menschen von überkommenen Konventionen befreite?

Solche Fragen lassen sich nie objektiv und schon gar nicht im Voraus beantworten. Sinnvoller wäre es, statt eine wolkige «soziale Nachhaltigkeit» verbindliche Rechte zu fordern und auf deren Einhaltung zu pochen.

Anders liegt der Fall der «ökonomischen Nachhaltigkeit». Hier passt der Begriff sehr gut – er stammt ja aus der Forstökonomie. Wenn ein Unternehmen um des kurzfristigen Gewinns willen MitarbeiterInnen entlässt und so Know-how abbaut, das ihm später fehlt, so ist das im ursprünglichen Wortsinn nicht nachhaltig.

Doch die ökonomische Nachhaltigkeit ist der ökologischen nicht gleichwertig. Das ist keine Frage von Präferenzen, sondern eine der Logik: Die Natur mit ihren Ressourcen ist – neben Arbeit und Kapital – ein Produktionsfaktor der Wirtschaft, die Wirtschaft aber kein Produktionsfaktor der Natur. Was ökologisch nicht nachhaltig ist, kann es langfristig – und Nachhaltigkeit ist immer etwas Langfristiges – auch ökonomisch nicht sein.

Was aber ist mit den Zielkonflikten zwischen Wirtschaft und Umwelt, die es natürlich gibt? Das sind keine Zielkonflikte zwischen ökonomischer Nachhaltigkeit und Umwelterhalt, sondern zwischen ökonomischen Interessen und Umwelterhalt. Interessen sind immer partikulär – es sind die Interessen einer Personengruppe, eines Wirtschaftszweigs oder einer Nation –, und sie sind immer zeitlich befristet. Die Aussage, Nachhaltigkeit sei wichtig, aber man müsse um der «ökonomischen Nachhaltigkeit» willen Abstriche beim Umwelterhalt machen, ist eine Schlaumeierei.

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