Nr. 27/2012 vom 05.07.2012

Das «normalisierte» Quartier

Vom schmuddeligen Warenumschlagplatz zum modischen Einkaufs-, Vergnügungs- und Verwaltungsviertel mit alternativem Touch: Kaum ein Stadtquartier in der Schweiz hat sich in den letzten dreissig Jahren so tiefgreifend verändert wie das Lausanner Le Flon.

Von Helen Brügger

Sommer 1984. Urs Zuppinger, der in einem privaten Planungsbüro arbeitet, bekommt durch Zufall ein Raumplanungsprojekt für das Lausanner Quartier Le Flon zu Gesicht. Er leiht sich den Plan diskret aus und zeigt ihn seiner Frau – die beiden wohnen ganz in der Nähe. Einst eine ländlich geprägte Senke am Rand der Stadt, war das Quartier zu Beginn des 20. Jahrhunderts der wichtigste Warenumschlagsplatz der Stadt. Doch damals, in den achtziger Jahren, war es geprägt von zerfallenden Häusern, Schuppen und Lagerhallen. Am Tag dominierte der Privatverkehr, in der Nacht die Prostitution.

Urs Zuppinger und seine Frau Agneta waren empört. Autobahntangente, Verkehrsachsen, ein Busbahnhof, ein Grossparking und ein gigantisches Einkaufszentrum – das war alles, was den StadtplanerInnen zur Zukunft des Flon einfiel. Das ganze Projekt war einem Prinzip untergeordnet – der Profitmaximierung.

Ein langer Kampf

Und dies ohne Rücksicht auf das industrielle Erbe und das Entwicklungspotenzial dieser städtischen Ebene, in der sich Raumplaner Zuppinger auch eine Ausdehnung des urbanen Zentrums der Stadt vorstellen konnte: ein gemischtes Quartier, das sich in die Stadt einfügen würde, Platz für Mieterinnen, Handwerker, kleine Unternehmen und FussgängerInnen bieten und gleichzeitig das städtebaulich hochinteressante industrielle Erbe retten könnte.

Noch ahnten das Ehepaar Zuppinger und ein paar Gleichgesinnte nicht, dass der Kampf für diesen Flon noch Jahrzehnte dauern würde – ein Kampf mit Siegen und Niederlagen, jedoch mit einem Erfolg gleich am Anfang: Der von ihnen gegründete Verein, den die städtischen Behörden zunächst nicht einmal als Gesprächspartner ernst genommen hatten, gewann 1986 die Abstimmung gegen den Quartierplan. Ohne diesen Sieg, so bilanziert Zuppinger, hätte «die Dominanz der freisinnigen Partei und der Wirtschaftslobby über die Stadt und ihr Zentrum länger gedauert, und die Stadtplanung wäre stärker von den Interessen des Automobilverkehrs und der Gewerbelobby geprägt worden».

Doch damit war der Kampf noch lange nicht gewonnen. Nach der Ablehnung des ersten Quartierplans entwickelte sich das Flon-Quartier für über ein Jahrzehnt zum Alternativquartier, in dem Künstlerinnen, Kleingewerbler und Randständige das Zusammenleben am Rand kapitalistischer Strukturen erprobten. Doch die Jahrhundertwende wurde auch für den Flon zur Wende: Im Sommer 2000 fiel der Verein, der bis dahin den Widerstand angeführt hatte, wegen Meinungsverschiedenheiten auseinander. Le Flon wurde mit einem neuen Quartierplan «normalisiert», das heisst zum schicken In-Quartier umgebaut, in dem sich, wie Zuppinger in seinem Buch ironisch schreibt, «unter den wohlgesinnten Augen der Überwachungskameras kommerzielle Attraktivität mit dem regen Leben und Treiben auf den Strassen paart».

Zuppingers Vision wäre eine andere gewesen: ein Quartier, das sich ausserhalb des Zugriffs der Immobilienspekulation entwickelt. Allerdings, und darüber freut sich Zuppinger, sei die Normalisierung nicht vollständig geglückt, die rebellische Seele des alternativen Flon habe teilweise erhalten werden können.

Widerstand von unten

Um den dreissigjährigen Kampf in allen Facetten zu dokumentieren, hat Zuppinger mit Hilfe seiner Frau und nahestehender AktivistInnen ein Buch geschrieben: «Luttes-ô-Flon» liest sich nicht nur wie ein lehrreicher, kritischer und selbstkritischer Rückblick, sondern auch als Anleitung zum Handeln. Tatsächlich gibt es wohl nur wenige Quartiere in der Schweiz, die in so kurzer Zeit so tiefgreifend umstrukturiert worden sind wie Le Flon – und wo der Widerstand so lange andauern konnte.

Der «Fall Flon» zeigt auf, wie eine Handvoll Menschen, die sich die Unterstützung von Fachleuten sichern, mit einer Initiative «von unten» Einfluss auf die Weichenstellungen der Stadtentwicklung nehmen können. Das reich illustrierte Buch beleuchtet die politischen Aspekte der Raumplanung, zeigt auf, wie eine linke Stadtplanung aussehen könnte – und stellt die Frage, ob es im öffentlichen Interesse nicht möglich sein sollte, das Eigentum an Grund und Boden einzuschränken.

Der heute 73-jährige Zuppinger war sein Leben lang engagiert – als Raumplaner, als Gewerkschaftssekretär, als Gründer der Solidaritätsorganisation SOS-Asile, im Widerstand gegen die Kapitallogik bei der Lausanner Stadtentwicklung. «Luttes-ô-Flon» hat er nicht nur für die BewohnerInnen von Lausanne geschrieben, sondern für alle, «die an anderen Orten gegen widersinnige Bau- und Raumplanungsvorhaben kämpfen oder kämpfen möchten». Und er ist überzeugt, dass der Widerstand von unten, von den direkt Betroffenen kommen muss.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Das «normalisierte» Quartier aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr