Nr. 28/2012 vom 12.07.2012

«Krrrnkkk» in Zug

Der SVP-Politiker und Rechtsanwalt Manuel Brandenberg steht im Zentrum einer Finanzaffäre.

Von Carlos Hanimann

Manuel Brandenberg schweigt. Daran ändert auch mehrfaches Klingeln an seiner Bürotür nichts. Das einzige Geräusch, das aus dem Advokaturbüro des SVP-Kantonsrats an der Poststrasse in Zug zu vernehmen ist, ist ein kurzes «krrrnkkk» nach dem zweiten Klingeln, als der Reporter sein Gesicht ins Kamerafeld vor der Tür streckt: Im Innern vergewissert man sich, dass die Tür auch wirklich geschlossen ist, der Schlüssel wird noch einmal umgedreht – und dann herrscht Stille.

Letzte Woche berichtete www.finews.ch über brisante Untersuchungen der Staatsanwaltschaft Florenz: Die italienischen Behörden ermitteln wegen Verdacht auf Kreditmissbrauch und Geldwäscherei gegen die Vermögensverwaltungsfirma Rothsinvest Asset Management mit Sitz in Zug und einer Filiale in Grosseto in der Toskana. Rund 500 KundInnen könnten geschädigt worden sein, die vermutete Deliktsumme beläuft sich auf 250 Millionen Euro. Mitten im Strudel der Affäre: das Advokaturbüro Brandenberg, wo Rothsinvest domiziliert war, ehe der Sitz am 4. Juni nach Zürich verlegt wurde – kurz nachdem die italienische Polizei vier Rothsinvest-Angestellte verhaftet hatte. Manuel Brandenberg hatte die Firma gegründet und ist heute Vizepräsident des Verwaltungsrats, sein Vater Ernst ist Mitglied des Verwaltungsrats.

Für Papst und Vaterland

Manuel Brandenberg (39) gilt als Nachwuchshoffnung der SVP: Er war Parteipräsident in der Stadt Zug und vertritt die Nationalkonservativen heute in den Parlamenten der Stadt und des Kantons Zug. Brandenberg, stramm rechts mit einer Vorliebe für Armee und Waffen, wurde schweizweit bekannt, als er in der Arbeitsgruppe Einsitz nahm, die dafür sorgen soll, dass die Ausschaffungsinitiative im Sinne der SVP umgesetzt wird. Er stammt aus katholisch-konservativem Milieu (Vater Ernst war CVP-Verwaltungsrichter), und so erstaunt es kaum, dass Brandenberg junior in einem politischen Vorstoss Kruzifixe in Gerichtssälen forderte, seine Hochzeit am letzten Wochenende mit einer lateinischen Messe feierte oder einst einen Leserbrief an die «Zuger Zeitung» schrieb, weil «Fräulein Wille» vom Schweizer Fernsehen den Papst nach seiner Wahl nicht standesgemäss als «Heiligen Vater» oder «Patriarch des Abendlandes» ankündigte, sondern schlicht als «Herrn Ratzinger». Überdies ist Brandenberg Verwaltungsrat von Ulrich Schlüers «Schweizerzeit».

Sein Vater Ernst tauchte früher unter den Top 100 der Schweizer Verwaltungsratsmandatssammler auf. Anfang der neunziger Jahre wurde ihm seine Umtriebigkeit zum Verhängnis, als die Alternativen in Zug publik machten, dass Ernst Brandenberg mit Stasi-Beschaffer Michael Grossauer in Verbindung stand. Grossauer hatte in Zug Firmen gegründet, um die DDR über die Stasi-Beschaffungslinie 4 mit Technologien zu versorgen. Zu dieser Zeit war Militarist Brandenberg auch in der Militärjustiz tätig und verurteilte Kriegsdienstverweigerer zu hohen Haftstrafen. Altnationalrat Josef Lang kommentierte damals, der «CVP-Anwalt predigte antikommunistisches Wasser und trank stalinistischen Wein».

Steuerbetrug und Geldwäscherei

Jetzt also finden sich die Rechtsanwälte Manuel und Ernst Brandenberg mitten in einer Finanzaffäre wieder, in der eine Viertelmilliarde Euro verschwunden ist. Vieles ist unklar: Die italienischen Behörden ermitteln, die Bundesanwaltschaft hat ebenfalls eine Untersuchung eröffnet. Manuel Brandenberg schob die Schuld letzten Freitag dem Rothsinvest-Direktor zu, der nach den Verhaftungen durch die italienische Polizei Ende Mai untergetaucht ist. Italienische Medien vermuten hinter der Affäre Steuerbetrug und Geldwäscherei der Camorra, der italienischen Mafia. Wie sonst liesse sich erklären, dass von den rund 500 Geschädigten kein einziger Anzeige erstattet hat?

Seltsames ereignet sich derzeit in Zug, Fragezeichen stehen Schlange. Und im Advokaturbüro Brandenberg herrscht Verunsicherung. Als der WOZ-Reporter nach vergeblicher Mühe das Gebäude an der Zuger Poststrasse verlässt, beobachtet ihn eine Frau aus dem Fenster des Brandenberger Büros. In der Hand hält sie ein Smartphone. Sie fotografiert ihn. Als der Reporter näher kommt und hinaufrufen will, was das soll, schliesst sie das Fenster.

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