Nr. 31/2012 vom 02.08.2012

«Und nun schau, wie es hier aussieht»

Immer wieder füllt das Thema «Roma» Zeitungsseiten und Fernsehminuten. Doch wie leben sie eigentlich in der Schweiz? Die WOZ hat in Lausanne einige Wochen lang fünf RumänInnen begleitet.

Von Mirjam Grob (Text) und Yves Leresche (Foto)

«Schnell, gleich kommt die Polizei!», ruft Rita L. und hievt einen grossen Koffer sowie einen prall gefüllten Abfallsack über das Metallgitter. Dann klettern Minerva C., Pepe C., Rita und Florin L. hinüber. Vor ihnen liegt ein etwa hundert Meter langer, zehn Meter breiter, hell beleuchteter Platz. Nur einige Betonpfeiler durchbrechen ihn. Die vier huschen über den kahlen Erdboden. Plötzlich hält Florin L., ein Mann mit eindrücklichem Schnauz und mächtigem Bauch, inne, setzt zu einer ausladenden Armbewegung an und sagt: «Willkommen bei uns zu Hause!»

Die Szene spielt sich in Lausanne ab. Hier gehören sechs von sieben Stadtregierungsmitgliedern der SP, den Grünen oder der Partei der Arbeit (POP) an. Und die Stadt hat ein «Romaproblem» – glaubt man gewissen Medien und PolitikerInnen. Aufgebrachte Leute hielten ihn auf der Strasse an und forderten ihn auf, etwas gegen die Bettelei zu unternehmen, klagt der Sozialvorsteher der Stadt, SP-Mitglied Oscar Tosato. Sein Kollege Marc Vuilleumier, Mitglied der POP und Polizeidirektor, sagt: «Die Bevölkerung hat genug davon, dass Spielplätze und andere öffentliche Räume besetzt und voller Abfall hinterlassen werden.»

ForscherInnen zweier Lausanner Hochschulen haben sich im Auftrag des Waadtländer Jugendschutzamts über ein Jahr mit den in Lausanne bettelnden «Roma» befasst. In ihrem Schlussbericht halten sie fest, es handle sich um 60 Personen, hauptsächlich aus Rumänien (vgl. «Lausanne hat kein ‹Romaproblem›» im Anschluss an diesen Text). Polizeivorsteher Vuilleumier schätzt, dass bis zu 120 Personen «dieser Gemeinschaft» ihre Nächte in Lausanne verbringen.

Minerva, Pepe, Rita und Florin gehören zu ihnen. Sie sagen, sie könnten die fünf Franken für eine Übernachtung in der Notschlafstelle nicht bezahlen. Geld ist nicht das einzige Problem: Das Sleep-in ist mit nur 22 Betten ausgerüstet. Und niemand darf hier mehr als 18 Nächte pro Monat verbringen.

Katz-und-Maus-Spiel

Am Boden unter der Brücke liegen vier Schaumstoffmatratzen, alle säuberlich bedeckt mit Tüchern. Minerva C., Pepe C., Rita und Florin L. stellen ihre Plastiktaschen auf den Boden und richten sogleich ihren Schlafplatz her: Aus dem Müllsack und dem Koffer holen sie Decken und Kissen hervor und drapieren sie auf den Betten. Florin L. zieht seinen Pullover und seine Socken aus, faltet sie zusammen und schlüpft unter eine der Decken. «Nimm Platz», sagt Minerva C., und ich setze mich auf eine der Matratzen. Eine angeregte Unterhaltung entspinnt sich. Minerva C. erzählt von ihren Kindern, die sie in Rumänien zurückgelassen hat. Rita L. zieht ein Foto hervor: ihre Tochter vor dem Haus in Cetatea de Balta. Beide Frauen hofften, in der Schweiz Arbeit zu finden. Die Enttäuschung steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Nur Florin L. scherzt. Der 34-Jährige verdient seit Jahren sein Auskommen im Ausland. In Lausanne bettelt er.

Die vier RumänInnen verbringen beinahe jede Nacht unter dieser Brücke. Regnet es, schlafen sie unter dem Vordach einer Kirche, aber der Pastor sieht das nicht gerne. Fast jede Nacht kommt die Polizei und jagt die «illegalen Campierer» fort. Dann rollen sie ihre Matratzen zusammen, warten, bis die Polizei verschwunden ist, und entrollen sie ein paar Meter weiter. «Wir haben schon einen Stapel unbezahlter Bussen», sagt Rita. Neben den Polizeipatrouillen raubt ihr auch die Angst vor dem Gefängnis den Schlaf. Jeden Morgen verstauen die beiden Ehepaare ihre Schlafsachen in einem Hohlraum in der Nähe. Dann durchwühlen sie die Müllcontainer vor den Supermärkten nach Essen für den Tag.

Knapp zwanzig RumänInnen schlafen regelmässig unter Lausanner Brücken. Weitere 24 Personen werden von einer Kirchgemeinde beherbergt. Wieder andere sind mit ihren Autos in die Schweiz gereist und verbringen ihre Nächte auf Parkplätzen – auch sie werden systematisch von der Polizei gebüsst und fortgeschickt. Einer von ihnen ist Daniel*. Gerade erst aus Rumänien angekommen, steht der schwarzhaarige junge Mann mit den auffällig grünen Augen auf den Prés-de-Vidy. Hier hauste bis vor kurzer Zeit eine aussergewöhnliche Wohngemeinschaft: ein BesetzerInnenkollektiv aus Lausanne, lateinamerikanische Sans-Papiers und mehrere rumänische Familien. Das Kollektiv Bourdache besetzte im Frühjahr 2011 das rund drei Hektaren grosse Gebiet, um einen selbstverwalteten Gemüsekorbversand zu organisieren. Und bald schon belebten knapp hundert weitere Personen die ehemaligen Schrebergärten.

«Das Zusammenleben war natürlich nicht immer einfach», erinnern sich Jérémy* und Gabriel*, Mitglieder des Bourdache-Kollektivs. Doch bis im Dezember 2011 lief alles gut, allfällige Probleme wurden in Vollversammlungen diskutiert und meistens gelöst. Die Polizei tauchte nur gerade zwei Stunden nach der Ankunft der ersten RumänInnen auf, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei. Danach gab es fast keine Polizeikontrollen mehr.

Auch Daniel erinnert sich, wie er im Sommer 2011 von der Bourdache hörte und sich hier ein Häuschen nahm. Stolz erzählt er, wie er oft beim Gärtnern half «Und nun schau, wie es hier aussieht!» Die Gärten sind immer noch schön, wenn auch etwas wilder als früher. Daniel sieht das anders: «Vorher war alles viel ordentlicher, sauberer.» Wir gehen über die mit Steinplatten ausgelegten Wege, immer wieder schüttelt Daniel den Kopf. «Wir hatten es gut hier! Die Stadt sagte, hier könne man nicht leben. Und trotzdem haben wir hier gelebt – und wie!» Bis vor ein paar Monaten wohnte er hier, dann brach er auf nach Frankreich, wo er immer wieder Arbeit findet. Zwischendurch fährt er auch nach Hause, zu seiner Frau, seinen zwei Kindern, den Eltern. Sein Vater habe von einem europäischen Fonds Geld erhalten und damit eine kleine Firma gegründet. «Doch anders als hier in der Bourdache helfe ich zu Hause nie. Da bin ich immer mit Freunden unterwegs», sagt Daniel.

Ab Dezember 2011 änderte sich die Atmosphäre in den Schrebergärten schliesslich. Sie wurde angespannter, gewalttätiger. Die andauernden Minustemperaturen zerrten an den Nerven, aber auch die Tatsache, dass ein Gerichtsentscheid gefallen war: Die Stadt Lausanne wollte das Terrain Ende März räumen lassen. Anfang April walzten Bagger die Gartenhäuschen der Bourdache nieder, die letzte rumänische Familie verliess das Gebiet nach einer zweiten Räumungsaktion Ende Juni.

Verschiedentlich ist zu hören, die Stadtregierung habe bis dahin mehrfach versucht, ihre Verantwortung abzuschieben und andere für die «Roma» verantwortlich zu machen. Das Kollektiv Bourdache sollte etwa einen Nutzungsvertrag mit einer dahingehenden Klausel unterschreiben. Zwei andere Lausanner Organisationen berichten Ähnliches. Der Eindruck, es habe sich dabei um eine Strategie der Stadtregierung gehandelt, wird hinter vorgehaltener Hand aus höchsten Politkreisen bestätigt.

Kein Geld für Heimreise

Einige Tage nach der Räumung verbringen Minerva C., Pepe C. und Florin L. ihre Mittagspause in einem Park im Stadtzentrum von Lausanne. «Wir kehren nicht nach Rumänien zurück. Dort verdienen wir nicht genug zum Leben», sagt Minerva. Hier verdiene sie zehn bis fünfzehn Franken am Tag mit Betteln. Die Dreissigjährige ist erschöpft und hat starke Schmerzen. Ein Arm und ein Bein sind stark angeschwollen. Einige Tage später will sie plötzlich nach Rumänien zurückfahren – doch sie kann sich das Busticket nicht leisten. Auch Daniel ist wieder nach Lausanne gekommen, um Geld zu verdienen und damit in Rumänien eine Weile zu leben. Er sagt: «Rumänien ist das schönste Land der Welt. Wenn du genügend Geld hast.»

Seit der Ausweitung der Personenfreizügigkeit können RumänInnen in der Schweiz Arbeit suchen. Und es sei wichtig, keinen Unterschied zu machen zwischen europäischen BürgerInnen, RumänInnen und Roma, sagt der Lausanner Sozialvorsteher Oscar Tosato. Die Stadt stelle den «Roma» dieselben Strukturen zur Verfügung wie allen anderen Bevölkerungsgruppen auch. Tosato wie auch sein Stadtratskollege Marc Vuilleumier finden, Lausanne übernehme seinen Teil der Verantwortung, stelle genügend Notschlafstellen zur Verfügung, die Gemeinden rund um Lausanne sollten aber ebenfalls Verantwortung übernehmen und Notschlafstellen anbieten. Beide machen geltend, die Bevölkerung würde es nicht verstehen, wenn die Stadt eine «Romasiedlung» tolerieren würde. Polizeichef Marc Vuilleumier sagt: «Wir sind sehr tolerant, wenn eine oder zwei Personen in einem Park schlafen. Aber grössere Gruppen können wir nicht zulassen.»

Daniel schläft inzwischen oft alleine, in seinem Auto, um ein paar Stunden ungestört zu sein. Er hat in Lausanne eine Arbeit als Maurer gefunden – schwarz. Er hofft, dass sein Patron bald ein Zimmer für ihn sucht. Dass er selber eines findet, ist fast unmöglich – der immens gestiegenen Mietpreise, aber auch der Wohnungsknappheit wegen. Die ETH Lausanne quartiert ausländische StudentInnen inzwischen schon in Bungalows auf dem Campingplatz ein.

*Namen geändert

Ein Konstrukt der Medien und der Politik

Lausanne hat kein «Romaproblem»

Ende Mai 2012 veröffentlichten ForscherInnen der Haute école de travail social et de la santé (EESP) und der Uni Lausanne (Unil) eine Studie zur Bettelei im Kanton Waadt. Sie halten fest, dass sich von Mai 2011 bis April 2012 in Lausanne fünfzig bis sechzig BettlerInnen aufhielten, die meisten davon aus den rumänischen Regionen Alba, Sibiu und Bukarest, die dort Häuser und einen Teil ihrer Familie zurückgelassen hätten. Sie reisten meist in Kleingruppen an, in regelmässig fahrenden Bussen oder seltener mit einem Privatauto. Das Betteln sähen sie in der Regel als einzige Möglichkeit, zu überleben; ihr Hauptziel bleibe aber, eine andere Arbeit zu finden. Ihr Einkommen wird von allen befragten BettlerInnen sowie diversen Institutionen auf zehn bis zwanzig Franken pro Tag angegeben. Zu keinem Zeitpunkt sei erkennbar gewesen, dass die Bettelei organisiert betrieben werde.

Die VerfasserInnen betonen, das Bild der bettelnden «Roma» sei ein Konstrukt von Medien und Politik. Die Betroffenen selbst bezeichneten sich nicht als Roma, sondern als rumänische, ungarische oder slowakische StaatsbürgerInnen. Die «Roma» würden erst als solche wahrgenommen, wenn eine Gesellschaft ihnen Verhaltensweisen zuschreibe, die als charakteristisch präsentiert würden. Ethnisierung werde meist von den Medien und den politischen Behörden ins Rollen gebracht.

Im Kanton Waadt hätten sowohl die Presse als auch PolitikerInnen ausnahmslos von «Roma» als homogener Gruppe gesprochen, was sie als spezifische Bevölkerungsgruppe erscheinen liess. Diese werde zudem am häufigsten im Zusammenhang mit Problemen erwähnt, die sie verursache oder in ihrem Heimatland habe, was sie als «problematisch erscheinen» lasse. Die ersten Medienberichte über Roma seien zeitgleich mit der Ausweitung der Personenfreizügigkeit erschienen. Seither habe die Waadtländer Presse hauptsächlich die Problematiken des öffentlichen Raums, der Verschlechterung des Stadtbilds, der Unsicherheit und der möglichen Anziehung weiterer «Roma» diskutiert.

Eine Untersuchung der Lokalpolitik ergab, dass hauptsächlich Fragen des Images und des Unbehagens in der Bevölkerung diskutiert wurden. Die VerfasserInnen: «Es ist wohl die Präsenz von Armut im öffentlichen Raum, die problematisch ist.» Es sollte nicht von «Romaproblemen» gesprochen werden. So werde die Armut ethnisiert und damit die Frage nach den strukturellen Gründen der Armut vermieden. Es ergebe keinen Sinn, von «Romamigration» zu sprechen anstelle von Wirtschaftsmigration aus Rumänien. Der Eindruck, diese sei besonders problematisch, werde einerseits von Medien und Politik geschaffen, andererseits auch dadurch, dass diese BettlerInnen sehr sichtbar seien: weil sie häufig als Gruppe wahrgenommen würden, aber auch weil erfolgreiches Betteln nur durch hohe Sichtbarkeit möglich sei.
Mirjam Grob

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